290 Dritter Tag. Siebente Geschichte.
wie ich glauben muß, verzweifelt davon zu gehen, undwenn ich ihn dann wie den Schnee an der Sonne sichhätte verzehren sehen, ich meinen harten Entschluß auf-gegeben haben würde, weil ich doch zu nichts in der Weltso großes Verlangen trug, als zu ihm.,,
Der Pilger sagte darauf: „Madonna, dies ist die ein-zige Sünde, um derentwillen Ihr Trübsal erleidet. Ichweiß gewiß, daß Euch Tedaldo auf keine Weise zur Liebegezwungen hat. Als Ihr ihn lieb gewännet, thatet Ihres von freien Stücken, weil er Euch wohl gefiel. Dannkam er, Eurem eignen Willen gemäß, zu Euch und wurdemit Euch vertraut, und Ihr erzeigtet ihm in Eurem fer-nem Umgänge in Worten und Thaten so viel Freund-lichkeit, daß, wenn er Euch schon früher lieb hatte, seineLiebe sich nun wol tausendfach vermehrte. Verhielt essich nun so, und ich weiß, daß es sich so verhalten hat,was für ein Grund durfte im Stande sein, Euch dahinzu bewegen, daß Ihr Euch so feindlich ihm entzöget?Ueber diese Dinge hättet Ihr im Voraus Nachdenken und,glaubtet Ihr, sie als ein Verbrechen bereuen zu müssen,sie ganz unterlassen sollen. Ihr wurdet die Seinige, wieer der Eurige wurde. Ihr konntet, wie mit allem An-dern, das Euch gehört, es allerdings nach Eurem Belie-ben dahin bringen, daß er nicht mehr der Eurige war,aber Euch ihm, dem Ihr gehörtet, entreißen zu wollen,das war ein Raub und ein unziemliches Benehmen, wenner nicht seinen Willen dazu gegeben hatte."
„Nun müßt Ihr wissen, ich bin selbst ein Geistlicherund kann daher, Euch zum Frommen, etwas ausführ-licher über die Sitten der Geistlichen mich auslassen; fürmich ist es nicht, wie es für einen Andern sein würde,unschicklich, und ich sage gern etwas darüber, damit Ihrfür die Zukunft eine richtigere Meinung von ihnen habenmöget, als Ihr sie bisher gehabt habt."
„Einst waren allerdings Mönche und Geistliche garheilige und wackere Leute; aber, die man heute so nennt,