288 Dritter Tag. Siebente Geschichte.
bin eben aus Constantinopel angelangt, von Gott hierhergesandt, Eure Thränen in Lachen zu verkehren und EurenMann vom Tode zu befreien." „Wie?" sagte die Dame,„bist Du aus Constantinopel und trafest erst eben hierein, wie kannst Du wissen, wer ich bin und wer meinMann ist?" Der Pilger begann nun die ganze Geschichtevon Aldobrandino's Unfällen von Anfang an zu erzählenund sagte ihr auch ihren eignen Namen, wie lange sieverheirathet sei und eine Menge anderer ihm gar wohlbe-kannter Umstände, die sie betrafen.
Die Dame verwunderte sich sehr darüber, hielt ihnfür einen Propheten, warf sich vor ihm auf die Knie undbat ihn um Gottes willen, wenn er zu Aldobrandino'sRettung gekommen sei, möge er sie beschleunigen; denndie Zeit sei kurz. Der Pilger, der sich als ein besondersfrommer Mann geberdete, sagte: „Madonna, stehet aufund weinet nicht. Merkt vielmehr auf Das, was ichEuch sagen werde. Hütet Euch aber wohl, Jemandemetwas davon wiederzusagen. So viel Gott mir offenbarthat, ist das Trübsal, das Ihr erduldet, Euch um einerSünde willen auferlegt worden, für die Gott Euch zumTheil durch diese Eure Unfälle hat bestrafen wollen, unddie Ihr im Uebrigen vollständig abbüßen müßt, wollt Ihrnicht in noch größeres Unglück verfallen."
Darauf sagte die Dame: „Lieber Herr, ich habe derSünden viele begangen und weiß nicht, welche es ist, vonder Gott vorzugsweise verlangt, daß ich sie abbüßen soll.Darum sagt mir's, wenn Ihr es wißt, und ich will thun,was ich vermag, um die Buße zu vollenden." „Ma-donna," erwiderte der Pilger, „ich weiß gar wohl, wasfür eine Sünde es ist, und frage Euch nicht, um es vonEuch besser zu erfahren, sondern nur um Eure Gewissens-bisse durch Euer Bckenntniß zu vermehren. Doch ich willzur Sache kommen. Sagt mir, erinnert Ihr Euch, je-mals einen Liebhaber gehabt zu haben?"
Als die Dame dies hörte, seufzte sie tief auf und ver-