Der Beichtvater als Kuppler. 257
Streiche nicht mehr besinnen. Ist es Dir von heutemorgen bis jetzt schon entfallen, wen Du beleidigt hast? Nun,wo warst Du heute kurz vor Tage?" „Was weiß ich,wo ich gewesen bin," erwiderte der Edelmann; „Ihrmüßt aber schnelle Boten haben." Freilich" sagte derMönch, „ist die Botschaft mir schon zugekommen; aberich merke schon, Du dachtest, weil der Mann nicht zuHause ist, würde die gute Frau Dich nur so mit offenenArmen empfangen. Hoh», der ehr- und tugendsame Herrist ein Nachtwandler, ein Gartenschleicher, ein Baumklett-rer geworden. Denkst Du denn durch Deine Unverschämt-heit die Heiligkeit dieser Dame zu besiegen, daß Du ihrin der Nacht auf den Baumen ins Fenster kletterst?Nichts auf der Welt ist ihr so durchaus zuwider, als Dues bist, und doch probirst Du's immer aufs Neue. Ichwill gar nicht davon reden, daß sie Dir's vielfach an denTag gelegt hat; aber wahrhaftig, meine Ermahnungenhast Du Dir besonders zu Gemüthe gezogen. Das willich Dir indeß hiermit gesagt haben, bis jetzt hat sie, nichtetwa aus Liebe zu Dir, sondern meinem Fürwort zu Ge-fallen, von Deinem Benehmen geschwiegen; nun wird sieaber nicht mehr schweigen. Ich habe es ihr ganz freigestellt, wenn Du noch irgend etwas thust, das ihr mis-fallig ist, ganz nach ihrem Belieben zu verfahren; und,was willst Du machen, wenn sie's ihren Brüdern sagt?"
Der Edelmann hatte nun Alles, was er brauchte, zurGenüge erfahren; er besänftigte daher den Pater nach be-stem Wissen und Vermögen mit reichlichen Versprechun-gen und sagte ihm dann Lebewohl. Als aber in nächsterNacht die Zeit der Frühmesse herangekommen war, schlicher sich in den Garten, erkletterte den Baum und eiltedurch das offene Fenster in die Arme seiner schönen Dame,die ihn nach sehnsüchtigem Erwarten sreudigst mit denWorten empfing: „Großen Dank dem Herrn Pater, derDir den Weg zu mir so schön gezeigt hat." Nun ge-nossen sie einander und konnten unter Späßen und vielem