212 Zweiter Tag. Neunte Geschichte.
der Betrüger bestraft, dem Betrogenen aber verziehenwerde, so will ich die arme Frau selber vor Eure und vorJener Augen führen."
Der Sultan, der in dieser Angelegenheit allein demSicurano gefällig zu sein wünschte, erklärte sich damitzufrieden und sagte, Jener möge die Frau nur kommenlassen. Bernabö wunderte sich über diese Reden nichtwenig, da er seine Frau mit Gewißheit todt glaubte. Am-brogiuolo ahnte zwar schon sein Unglück und fürchteteSchlimmeres, als die Erstattung des Geldes; auch wußteer nicht, was er von dem Erscheinen der Frau hoffenoder fürchten sollte; doch waltete auch bei ihm Neugierdeund Verwunderung in Betreff ihrer Ankunft vor.'
Wie nun der Sultan dem Sicurano seine Bitten ge-währt, warf dieser sich weinend vor ihm auf die Kniee undveränderte in dem Augenblick, wo sie für keinen Mannmehr gelten wollte, die bisher männliche Stimme undsagte: „Mein Gebieter, ich bin die elende, unglücklicheGinevra und bin nun schon sechs Jahre lang in männ-licher Kleidung durch die Welt umhergeirrt, seit dieser Ver-räther Ambrogiuolo mich fälschlich, aber nur allzufühlbarbeschimpft, und seit mein grausamer und ungerechter Mannhier mich von einem seiner Diener hat umbringen undden Wölfen vorwerfen lassen wollen." Bei diesen Wor-ten zerriß sie ihre Kleider, zeigte ihren Busen und bewiesdadurch dem Sultan und allen Andern, die gegenwärtigwaren, daß sie ein Weib sei. Dann aber wandte sie sichgegen Ambrogiuolo und fragte ihn im höchsten Zorne,wann er jemals, wie er sich gerühmt, bei ihr geschlafenhabe. Ambrogiuolo erkannte sie wohl und fühlte sich sobeschämt, daß er schwieg, nicht anders, als wäre er stummgeworden. Der Sultan, der sie immer für einen Manngehalten, gerieth bei diesen Worten und diesem Anblick insolches Erstaunen, daß er mehrmals, was er sah und waser hörte, nicht für wahr, sondern für einen Traum hal-ten wollte-. Endlich aber legte sich sein Staunen; er er-