206 Zweiter Tag. Neunte Geschichte.
solle. Dem Diener aber ertheilte er heimlichen Befehl,sobald er mit der Frau an einem Orte wäre, der ihm ge-legen dünkte, ohne Erbarmen sie zu ermorden und dannzu ihm zurückzukehren.
Als der Diener in Genua angelangt war, den Briefabgegeben und seine Aufträge ausgerichtet hatte, empfingihn die Frau mit herzlicher Freude. Am andern Morgenstieg sie mit ihm zu Pferde und verfolgte den Weg nachjener Besitzung, bis sie unter mancherlei Gesprächen, diesie im Reiten miteinander führten, in ein tiefes, einsamesThal gelangten, das Bäume und hohe Felfenwände ringsumschlossen. Das schien dem Diener der gelegene Ort,um die Befehle seines Herrn mit Sicherheit vollführen zukönnen, und er zog sein Messer heraus und faßte dieFrau beim Arme und sagte: „Madonna, empfehlt unsermHerrgott Eure Seele; denn hier müßt Ihr sterben unddürft nicht mehr von der Stelle." Wie die Frau dasMesser sah und des Dieners Worte hörte, rief sie vollEntsetzen: „Um Gottes Willen, Gnade! Eh' Du michumbringst, sage mir, was ich Dir gethan habe, daß Dumich morden willst?" „Madonna," sagte der Diener,„mir habt Ihr nichts zu Leide gethan; worin Ihr aberEuern Gemahl beleidigt habt, das weiß ich weiter nicht,als daß er mir befohlen, Euch auf diesem Wege ohneeiniges Erbarmen zu tödten, und, wenn ich es nicht thäte,hat er mir gedroht, mich aufhangen zu lassen. Ihr wißtwohl, wie viel ich ihm verdanke und wie ich mich nichtweigern darf, zu thun, was er bestehlt. Weiß es Gott,mir ist es Leid um Euch; was will ich aber machen?"Darauf antwortete die Frau unter Thränen: „Ach, umGottes Willen, Gnade! Wolle doch nicht um eines An-dern willen an mir zum Mörder werden, die ich Dir nie-mals etwas zu Leide gethan. Gott, der Alles kennt, istmein Zeuge, daß ich Nichts verübt habe, was mir solcheStrafe von meinem Manne verdienen könnte. Doch,das beiseite. Du aber kannst Dich, wenn Du willst, um