186 Zweiter Tag. Achte Geschichte.
hatte von ihrem Manne einen einzigen Sohn, den sowolsie als der Water, nicht allein weil er ihr Sohn war,sondern auch wegen seiner Tugenden und Verdienste, aufdas innigste liebten; denn er war wohlgesittet, tapfer undschön von Gestalt und von adelicher Gesinnung, wie keinAnderer. Dieser nun mochte etwa sechs Jahre alter sein,als Jeannette, und ihre Schönheit und Anmuth machtensolchen Eindruck auf ihn, daß er sich auf das heftigste insie verliebte und nur sie vor Augen hatte. Weil er sieaber von geringer Abkunft glaubte, wagte er nicht alleinnicht, sie von seinen Eltern zur Frau zu begehren, sonderner verbarg, aus Furcht, man werde ihn tadeln, daß erseiner Liebe einen so niedrigen Gegenstand erwählt, dieseso viel er konnte. Dies Bestreben indeß regte seine Flam-men um Vieles mehr an, als wenn er sie offenbart hatte,und so geschah es, daß ec von übermäßiger Leidenschaftverzehrt, in eine schwere Krankheit verfiel. Viele Aerztewurden berufen, um ihn zu heilen; so viel sie aber auchdis Zeichen der Krankheit beobachteten, so vermochten siedoch ihren wahren Grund nicht zu erkennen und mußtenihn endlich insgesammt aufgeben. Die Betrübniß der El-tern des jungen Mannes über diesen Ausspruch konntenicht größer gedacht werden und oftmals baten sie ihn aufdas zärtlichste, ihnen die Ursache seines Uebels zu entdecken,er aber antwortete ihnen nur mit Seufzern, oder sagte,er fühle sich innerlich verzehrt.
Da traf es sich, daß eines Tages, als ein junger,aber in seine Wissenschaft tiefeingedrungener Arzt nebendem Kranken saß und dessen Arm an der Stelle hielt,wo die Kunstverständigen nach dem Pulse zu fühlen pfle-gen, Jeannette, die ihn der Mutter zu Gefallen sorgfältigpflegte, in das Zimmer kam, wo der Kranke lag, um et-was für ihn zu besorgen. Sobald der Jüngling sie ge-wahr ward, fühlte er, obwol er kein Wort redete unddie Miene nicht veränderte, in seinem Herzen die liebe-volle Gluth heftiger aufflammen, sodaß der Puls stärker