Alatiel.
157
wie sie einige Mädchen nach der Weise von Majorca tan-zen sah, selber nach alexandrinischem Brauche zu tanzenanfing. Als Pericone das bemerkte, glaubte er sich demZiele seiner Wünsche nahe und verlängerte unter fortwäh-rendem Ueberflusse von Speisen und Getränken die Tafelbis tief in die Nacht hinein. Endlich entfernten sich dieGäste, und Pericone ging allein mit der Dame in derenZimmer, wo sie vom Weine mehr aufgeregt, als von derSittsamkeit im Zaume gehalten, sich in Pericone's Gegen-wart, völlig ohne Scham und Scheu, als ob er eineihrer Frauen wäre, entkleidete und zu Bette legte. Dieserzögerte nicht, ihr zu folgen, sondern löschte alle Lichteraus, legte sich dann eilig auf der andern Seite neben ihrnieder, umfing sie mit seinen Armen und begann, ohneWiderstand von ihrer Seite, die Früchte der Liebe zupflücken. Als Alatiel, die zuvor nicht gewußt hatte,
was für Hörner die Männer zum Stoßen haben, das ein-mal empfunden, that es ihr fast leid, sich gegen Peri-cone's Bitten so lange gesträubt zu- haben, und in Zu-kunft lud sie sich, ohne weitere Aufforderungen abzuwar-ten, oftmals selber, zwar nicht mit Worten, denn mitdenen konnte sie sich nicht verständigen, wol aber durchdie That zu so süßen Nächten ein.
Doch es genügte dem Schicksale noch nicht, sie vonder Braut eines Königs zur Bettgenossin eines Burgherrngemacht zu haben, und ihre und Pericone's Freuden wur-den durch eine grausamere Leidenschaft unterbrochen. Peri-cone hatte nämlich einen Bruder, Namens Marato, derfünf und zwanzig Jahre alt und schmuck und frisch wieeine Rose war. Dieser nun hatte, sobald er Alatiel ge-sehen, das größte Gefallen an ihr gefunden und an ihrenGeberden zu bemerken geglaubt, daß er wohl bei ihr ange-schrieben sei. So meinte er denn, daß allein die strengeAufsicht, unter der Pericone sie hielt, ihn daran hinderte,von ihr die Erfüllung seiner Wünsche zu erlangen, undverfiel dadurch auf einen ruchlosen Vorsatz, dem die schänd-