156 Zweiter Tag. Siebente Geschichte.
der Zeit durch Güte oder durch Gewalt den verliebten An-forderungen des Pericone werde nachgeben müssen, unddaß ihr unter diesen Umstanden, selbst wenn sie sich hatteverständlich machen können, nichts daran liegen konnte,gekannt zu werden. Demzufolge beschloß sie, mit festemMuthe ihrem widerwärtigen Schicksale entgegen zu treten,und befahl ihren Begleiterinnen, deren ihr nur drei geblie-ben waren, Niemandem jemals zu offenbaren, wer sie seien;es wäre denn, daß sich ihnen dadurch sichere Rettung dar-böte. Außerdem ermunterte sie sie auf das nachdrücklichste,ihre Keuschheit zu bewahren, und versicherte, daß sie selberfest entschlossen sei, sich Niemandem, als ihrem Gemahlehinzugeben. Die Mädchen priesen ihren Entschluß undversprachen den Befehlen nach Kräften zu gehorchen.
Pericone aber entbrannte täglich um so mehr, je näherer sich dem geliebten Gegenstände sah und je mehr ihmalle Gunst verweigert ward, sodaß er endlich, als alleseine Aufmerksamkeiten vergeblich blieben, sich entschloß,Schlauheit und Künste anzuwenden, um erst im äußerstenFall zu der Gewalt seine Zuflucht zu nehmen. Nunhatte er ein paar Mal bemerkt, daß die junge Dame, diedem Verbote ihrer Religion zufolge des Weines ungewohntwar, an diesem besonder» Gefallen fand, und hoffte des-halb sie durch den Wein, als einen Diener der Venus,zu fangen. Zu diesem Ende stellte er sich, als nähme erauf ihre Ungefügigkeit keine Rücksicht, und ordnete einesTages ein kostbares und festliches Abendessen an, zu demdie Dame auch wirklich erschien. Die Tafel war in allerWeise glänzend bestellt, Pericone aber hatte Demjenigen,der der Dame aufwartete, den Befehl gegeben, ihr mehrer-lei Weine zusammenzumischen, und dieser vollzog denerhaltenen Auftrag auf das beste. Die Dame, die dessenkein Arges hatte und von dem Wohlgeschmäcke des Ge-tränkes verleitet ward, genoß davon mehr, als ihrer Ehr-barkeit gut that. Der Wein machte sie mit der Zeit solustig, daß sie alle ihr vergangenes Ungemach vergaß und,