154 Zweiter Tag. Siebente Geschichte.
von ihrer Dienerschaft. Doch sie rief vergebens, denn dieGerufenen waren allzuenkfernt, um ihre Stimme zu hö-ren. Wie sie auf ihr Rufen keine Antwort erhielt undkeinen der Ihrigen erblickte, erschrak sie gewaltig undwurde von großer Furcht überfallen; doch richtete sie sichso weit auf, als ihre Kräfte es zuließen, und fah die Frauenvon ihrer Begleitung und die übrigen Weiber alle am Bo-den liegen. Nach langem vergeblichen Anfprechen rütteltesie die eine nach der andern, fand aber nur wenige unterihnen noch am Leben, denn die meisten waren vor Ma-genbeschwerden und vor Angst bereits gestorben. DieserAnblick erschreckte die Dame nur noch mehr; da sie sichjedoch so ganz allein sah und weder wußte noch errathen konnte,wo sie sei, ermunterte sie, guten Rathes bedürftig, wie siewar, die am Leben Gebliebenen so lange, bis sie sich auf-richteten. Wie aber auch diese ihr nicht zu sagen wußten,wo die Männer hingegangen feien, und sie entdeckte, daßdas Schiff auf den Strand gelaufen und voller Wassersei, sing sie gemeinschaftlich mit ihnen bitterlich zu wei-nen an. Und schon war Mittag seit drei Stunden vor-über, ohne daß sie am Ufer oder sonst in der Nähe Je-mand gewahr geworden wären, dessen Mitleid und Bei-stand sie hätten ansprechen können.
Um jene Stunde aber kam ein Edelmann, mit Na-men Pericone von Visalgo, auf dem Rückwege von einerseiner Besitzungen mit mehreren seiner Leute zu Pferdedort von ungefähr vorüber. Sobald dieser das Schifferblickte, errieth er sogleich, was geschehen sei, und befahleinem der Diener, daß er so schnell als möglich suchenmöchte, das Wrack zu ersteigen, um ihm dann zu berich-ten, wie es sich damit verhalte. Es gelang dem Diener,aller Schwierigkeit ungeachtet, dem Befehle feines Herrnnachzukommen, und er fand die junge Dame mit derwenigen Begleitung, die ihr geblieben war, unter demvorgebauten Vordertheil des Schiffes ganz furchtsam ver-borgen. Sobald diese ihn erblickten, flehten sie ihn weinend