144 Zweiter Tag. Sechste Geschichte.
er, „ich habe weder Deinem Leben, noch Dem, was Dirzugehört, aus Ehrgeiz, Geldgier oder aus irgend einemandern Grunde verratherischer Weise nachgestellt. DeineTochter liebte ich, liebe sie und werde sie immerdar lieben,weil ich sie meiner Liebe werth halte. Und, wenn ich nachder Meinung des großen Haufens die Ehrbarkeit gegensie verletzt habe, so habe ich die Sünde begangen, die mitder Jugend untrennbar verbunden ist, und die nur danngetilgt werden könnte, wenn man zugleich die Jugendvertilgte. Wollten aber die Alten sich daran erinnern, daßauch sie einmal jung waren, und wollten sie an die frem-den Fehler den Maßstab der eignen legen, und umgekehrt,so würde diese Sünde nicht für eine so schwere gelten,als Du und manche Andere daraus machen. Was ichübrigens gethan habe, das habe ich als Freund und nichtals Feind gethan. Was Du Dich jetzt zu thun erbietest,das habe ich immer gewünscht, und hätte ich glaubenkönnen, daß es mir gewährt werden würde, so hätte ickschon vor langer Zeit darum angehalten; nun aber soll esmir um so weither sein, als weniger Hoffnung dazu vor-handen gewesen ist. Solltest Du aber nicht so gesinntsein, wie Deine Worte mich glauben machen, so nähremich nicht mit eitler Hoffnung, sondern laß mich in dasGefängniß zurücksühren und dort so vieles Ungemach er-leiden, als Dir gefällig sein wird; denn so lange ichSpina lieben werde, eben so lange werde ich um ihrent-willen auch Dich lieben, und was Du mir auch immeranthun magst, Dich in Ehren halten."
Eurrado verwunderte sich, als er diese Worte vernahm,und meinte, sie bekundeten eine große Seele und eine glü-hende Liebe, um derentwillen er ihn nur um so lieber ge-wann und ihn umarmte und küßte. Darauf ließ er, umweiteren Aufschub zu vermeiden, Spina in der Stille her-beiführen, die im Gefängnisse inzwischen mager, bleichund schwach geworden war, und ebenso, wie auch Gianotto,sich völlig verändert hatte und nicht mehr dieselbe zu sein schien.