140 Zweiter Tag. Sechste Geschichte.
warb. Ob er nun gleich seine Mutter, die mit der Ge-mahlin des Currado zusammenwohnte, einige wenige Malezu sehen bekam, so erkannte sie doch weder ihn, noch erjemals sie, so sehr hatte den Einen und die Andere dasAlter, im Vergleich mit ihrem Aussehen zu der Zeit, wosie sich zuletzt gesehen, verändert. —
Während Giannotto in Currado's Diensten stand, kehrteeine Tochter des Letzteren, mit Namen Spina, die durchden Tod ihres Mannes, eines Niccolo von Grignano, zurWitwe geworden war, in das Haus ihres Vaters zurück.Sie war schön und liebenswürdig und so jung, daß siewenig über sechszehn Jahre zählte, und da geschah es,daß sie sowol auf den Giannotto, als er auf sie ein Augewarf, und Beide sich auf das glühendste ineinander ver-liebten. Es blieb diese Liebe nicht lange unbefriedigt, undder vertraute Umgang Beider hatte bereits mehrere Monategedauert, ehe Jemand etwas davon geahnet hatte. Dochwurden die Liebenden dadurch allzu sicher und benahmensich unvorsichtiger, als es sich für solche Angelegenheitenziemt. So entfernte sich denn eines Tages die junge< Witwe mit Giannotto, während man in einem schönen
und dicht verwachsenen Gebüsche lustwandeln ging, weitvon der übrigen Gesellschaft, und wie Beide den Uebrigenzur Genüge vorangeeilt zu sein glaubten, setzten sie sichan einer rings von Bäumen umschlossenen Stelle aufKräuter und Blumen und gewährten einander die höchstenFreuden der Liebe. Ob sie nun gleich bereits eine langeWeile also geruht hatten, so ließ die Lust, die sie empfanden,sie dennoch diese Zeit für äußerst kurz halten, und so ge-schah es, daß sie zuerst von Spina's Mutter und dannvon Currado überrascht wurden.
Tiefgekränkt durch Das, was er gesehen, ließ Cur-rado, ohne ein Wort zu sagen, dis beiden Schuldigenvon dreien seiner Diener ergreifen und gebunden auf eineseiner Burgen führen, und hatte, von Zorn und Unmuthganz übermannt, im Sinne, sie eines schmählichen Todes