Druckschrift 
1 (1843)
Entstehung
Seite
136
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136 Zweiter Lag. Sechste Geschichte.

vom Mangel genöthigt, nun mit Krautern ihren Hungerzu mildern. Am Ende dieser kümmerlichen Mahlzeit hingsie weinend mancherlei Gedanken über ihr künftiges Lebennach, und, während sie noch so fort sann, sah sie, ganz inihrer Nähe, ein Reh in eine Höhle gehen und nach einigerZeit wieder herauskommen und in den Wald laufen. Dasmachte Frau Beritola neugierig, und sie stand aus undging dort hinein, wo das Reh herausgekommen war, undfand zwei kleine Rehzicklein, die vielleicht erst an demselbenTage geworfen sein mochten. Sie fand die kleinen Thiereso überaus niedlich und allerliebst, daß sie, weil ihr von derneulichen Niederkunft die Milch noch nicht ausgegangenwar, sie zärtlich emporhob und an ihre Brust legte. DieThierchen verschmähten diese Wohlthat nicht, sondern so-gen, wie sie es ihrer Mutter gethan haben würden, undmachten auch in Zukunft zwischen dieser und der Damekeinen Unterschied. Der Edeldame dagegen war es nunzu Sinne, als hätte sie an diesem wüsten Orte einigeGesellschaft gefunden; sie Kräuter und trank Wasser,weinte, so oft sie sich an Mann und Kinder und an ihrfrüheres Leben erinnerte, wurde allmälig mit dem Mutter-khiere so vertraut wie mit den Kleinen und beschloß, aufjener Insel zu leben und zu sterben.

So lebte die edle Frau, einem wilden Thiere gleich,mehrere Monate lang, bis es endlich geschah, daß einpisanisches Schifflein ebenfalls wegen Unwetters an der-selben Stelle landete, wo einst die Dame gelandet war,und mehrere Tage lang dort verweilte. Auf diesem Fahr-zeuge befand sich ein adlicher Herr, Namens MarkgrafCurrado Malespini, mit seiner tugendhaften und frommenGemahlin. Sie kamen von einer Wallfahrt, auf der siealle heiligen Oerter des Landes Puglien besucht hatten,und kehrten nun in ihre Heimat zurück. Eines Tagesmachte sich der Markgraf, um die üble Laune zu vertrei-ben, mit seiner Gemahlin und einigen Dienern und Hundennach dem Innern der Insel auf den Weg, wobei denn