122 Zweiter Tag. Fünfte Geschichte.
Menge geschenkt hat, wie er denn auch noch fortwährendmeinem Manne, Deinem Schwager, so große Einkünftegewährt, als Du zu sehen Gelegenheit haben wirst. Aufsolche Weise bin ich denn hieher gekommen, wo ich esGott und nicht Dir verdanke, Dich, geliebtester Bruder,gefunden zu haben." Und mit diesen Worten sing sieaufs neue an, ihn zu umarmen und küßte ihm unterThränen auf das zärtlichste seine Stirn.
Wie Andreuccio diese Fabel so zusammenhängend undunbefangen von dem Mädchen vortragen hörte, der frei-lich niemals ein Wort auf den Lippen erstarb, noch dieZunge versagte, wie er sich ferner erinnerte, sein Vater seiwirklich in Palermo gewesen, und wie er dabei nach eignerErfahrung die Sitten der Jugend erwog, die gerne zulieben geneigt ist, wie er endlich die Thränen der Rüh-rung, die Umarmungen und die keuschen Küsse des Mäd-chens fühlte, maß er ihren Worten den vollkommenstenGlauben bei und sagte, sobald sie schwieg: „Madonna,mein Erstaunen kann Euch nicht anders als natürlich er-scheinen, wenn Ihr bedenken wollt, daß mein Vater, wasimmer der Grund davon gewesen sein mag, entweder vonEurer Mutter und von Euch überall nicht geredet hat,oder, wenn er es gethan haben sollte, mir wenigstensnichts davon zu Ohren gekommen ist, sodaß ich von Euchnicht mehr wußte, als wenn Ihr gar nicht auf der Weltgewesen wäret. Je mehr ich aber allein stand, und jeweniger ich mich dessen versehen konnte, um desto lieberist mir nun, in Euch eine Schwester gefunden zu haben.Und wahrlich, ich wüßte nicht, wie Ihr dem Vornehmstenanders als lieb und werth sein könntet; wie viel mehrseid Ihr es also mir, der ich ein geringer Handelsmannbin. Doch über Eins bitte ich Euch, mir noch Auf-schluß zu geben, wie habt Ihr erfahren, daß ich hier sei?"Darauf erwiderte sie: „Heute morgen erzählte mir es einearme Frau, die bei mir ein- und auszugehen pflegt, weilsie, nach ihrer Versicherung, bei unsrem gemeinschaftlichen