120 Zweiter Tag. Fünfte Geschichte.
willkommen." Dieser war über so feurige Liebkosungenziemlich verwundert und sagte ganz erstaunt: „Madonna,ich freue mich Eurer Bekanntschaft." Sie aber nahmihn bei der Hand und führte ihn in ihren Saal hinaus,von wo sie, ohne ein Wort zu sprechen, mit ihm in ihreStube ging, die von Rosen, Orangenblüten und andernWohlgerüchen auf das köstlichste duftete. Hier sah An-dreuccio ein Bette mit herrlichen Vorhängen, viele Kleider,die nach dem Landesgebrauch auf Rechen umhergingen,und andere schöne und kostbare Geralhe in Menge, umwelcher Dinge willen er, als ein Neuling, nicht zweifelnzu dürfen glaubte, daß sie eine gar vornehme Dame seinmüsse.
Als sie sich nun miteinander auf einen Kasten amFuße ihres Bettes niedergesetzt hatten, sing sie also zuihm zu sprechen an: „Andreuccio, ich weiß gewiß, daß,weil Du mich nicht kennst und vielleicht niemals von mirreden gehört hast, Du Dich über die Liebkosungen, mitdenen ich Dich empfange, und über meine Thranen gleichsehr verwunderst; noch mehr aber möchtest Du vielleichtüber Das erstaunen, was Du jetzt hören wirst, daß ichnämlich Deine Schwester bin. Ich sage Dir aber, seitmir Gott die Gnade erzeigt hat, daß ich vor meinemTode einen meiner Brüder zu sehen bekommen habe (undwas gäb' ich nicht drum, euch Alle zu sehen), werde ichberuhigt aus der Welt gehen, mag ich sterben, wann ichwill. Doch von dem Allen hast Du vielleicht in DeinemLeben nichts vernommen, und so will ich Dich denn dar-über belehren. Pietro, Dein und mein Vater, lebte, wieDu wol erfahren haben solltest, lange Zeit in Palermound wurde und wird dort von Allen, die ihn kannten,wegen seiner Herzensgüte und Liebenswürdigkeit sehr ge-liebt. Doch unter allen Andern, die ihm noch so geneigtwaren, liebte ihn meine Mutter, die von adlichem Ge-schlechts ist und damals verwitwet war, am meisten undwurde, ohne den Zorn ihres Vaters und ihrer Brüder