Druckschrift 
1 (1843)
Entstehung
Seite
97
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Das Gebet des heil. Julian. 97

vollkommenen Glauben bei, und sagte ihm, was sie inBetreff seines Dieners wußte, und wie er diesen am an-dern Morgen leicht werde wiedersinden können. Währendder Zeit war angerichtet worden, und, nachdem sich Beidedie Hände gewaschen hatten, setzte sich Rinaldo, auf derDame Geheiß, mit ihr zu Tische. Er war groß undwohlgewachsen, von schönen und wohlgefälligen Gesichts-zügen, von artigen und einnehmenden Sitten und in sei-nen besten Jahren. In unserer Witwe aber war, in derMeinung, daß der Markgraf die Nacht bei ihr zubringensollte, das Begehrungsvermögen bereits erwacht, und soheftete sie denn oft die Augen auf Rinaldo, fand besonde-res Behagen, ihn anzuschauen, und sah es endlich förm-lich auf ihn ab. Demzufolge beriech sie sich nach demAbendessen mit ihrer Dienerin, ob sie nicht, da der Mark-graf sie angeführt habe, sich die Gelegenheit zu Nutze ma-chen solle, die das Glück ihr zugesandt habe. Die Die-nerin, welche wohl merkte, wie große Lust ihre Gebieterinhabe, ermunterte sie nach Kräften, dieser nachzugeben. Sokehrte dis Dame denn zurück zum Feuer, wo sie den Rinaldogelassen, sah ihn mit verliebten Augen an und sagte:Nun, Rinaldo, warum so nachdenklich? Sind denndas Pferd und die paar Kleidungsstücke, die Ihr einge-büßt habt, so unersetzlich? Gebt Euch zufrieden, seid mun-ter und denket, Ihr seid zu Hause. Ja, ich könnte Euchnoch mehr sagen: in den Kleidern, die Ihr da anhabt,und die meinem verstorbenen Manne angehörten, kommtIhr mir vor, wie er selber, und mich hat heute Abendwol hundert Mal die Lust angewandelt, Euch um denHals zu fallen und Euch zu küssen; und, wahrhaftig,hätte ich nicht gefürchtet, Euch lästig zu fallen, so hatteich's auch gethan." Als Rinaldo, der nicht auf den Kopfgefallen war, diese Worte hörte und sah, wie die Augender jungen Witwe blitzten, ging er mit offenen Armenauf sie zu und sagte:Madonna, wenn ich, in Erinne-rung an den Zustand, aus dem Ihr mich befreien ließet,Dekameron. l. 5