Das Gebet des heil. Julian. 95
dorthin gekommen und hatte sich auf den Abend ein Badund eine treffliche Mahlzeit bestellt. Als indeß Alles schonbereitet war, und die Witwe nur noch auf die Ankunftdes Markgrafen wartete, kam ein Diener an das Thorund brachte dem Markgrafen Nachrichten, um derentwil-len er sogleich fortreiten mußte. So ließ er denn seinerGeliebten sagen, sie möge nicht auf ihn warten, und rittweiter. Diese jedoch war damit ziemlich unzufrieden undentschloß sich endlich, da sie nichts Besseres zu thun wußte,selber in das für den Markgrafen bereitete Bad zu steirgen, dann zu Abend zu essen und schlafen zu gehn.
Wirklich hatte sie das Erste bereits gethan. Dies Badaber war ganz nahe an der Thür, an die sich Rinaldoaußerhalb der Ringmauern anlehnte, und so konnte dennunsre Witwe von dort aus das Weinen und Beben desRinaldo, der mit den Zähnen klapperte, wie ein Storch,genau vernehmen. Sie rief deshalb ihre Dienerin undsagte ihr: „Geh hinauf und sieh einmal nach, wer außer-halb der Mauer an unsrer Thürschwelle ist, und was erda macht." Die Magd ging hin und sah bei der -Helle,die der Schnee verbreitete, den Rinaldo barfuß und imHemde, und, wie schon erwähnt, am ganzen Leibe zit-ternd, unten sitzen. Auf die Frage, wer er sei, antwor-tete dieser unter solchem Beben, daß er kaum die WorteVorbringen konnte, und fügte, so kurz als er konnte,hinzu, wie und weshalb er hierher gekommen sei; dannaber bat er sie flehentlich, wenn es möglich wäre, möchtesie ihn nicht vor Frost die Nacht über dort umkommenlassen. Seine Erzählung erbarmte das Mädchen, und sieberichtete Alles ihrer Frau, zu der sie zurückkehrte. Auchdiese fühlte Mitleiden, und, da sie sich entsann, daß sieden Schlüssel der Thür habe, die zu Zeiten gedient hatte,den Markgrafen heimlich einzulassen, sagte sie: „Geh undmach ihm sachte auf. Das Abendessen steht ohnehin da,daß wir nicht damit fertig werden können, auch haben wirja Platz genug, um ihn zu beherbergen." Die Dienerin