92 Zweiter Lag. Zweite Geschichte.
den, er sei ein Kaufmann, in der Voraussetzung, daß erGeld bei sich haben werde, ihn bei der ersten Gelegenheit,die sie ersehen würden, auszuplündern. Zu dem Ende,und damit er keinerlei Verdacht schöpfen sollte, redeten siemit ihm, wie gesittete Leute von guter Herkunft, nur vonanständigen und ehrbaren Dingen und stellten sich, soviel sie nur wußten und konnten, gegen ihn freundlichund bescheiden. Rinaldo dagegen, der mit einem beritte-nen Diener allein reiste, schätzte es sich zum großen Glücke,sie gefunden zu haben.
Wie es nun in den Gesprächen zu geschehen pflegt,so traf es sich, daß sie in der Unterhaltung, die sie wäh-rend des Reitens führten, von einem Gegenstand auf denanderen verfielen und unter andern auch auf die Gebetezu reden kamen, mit denen sich die Menschen an Gottwenden. Da sagte einer der Wegelagerer, deren dreiewaren, zu Rinaldo gewandt: „Und Ihr, werther Herr,was für ein Gebet pflegt denn Ihr unterwegs zu sagen?"„In der That," erwiderte Rinaldo, „ich bin in solchenDingen einfältig und unerfahren, und weil ich nach alterWeise sachte fortlebe, habe ich nicht viel Gebete zur Handund lasse den Groschen zwölf Pfennig gelten. Doch habeich auf der Reise immer die Gewohnheit gehabt, des Mor-gens, wenn ich das Wirthshaus verlasse, ein Vaterunserund ein Avemaria für die Seele des Vaters und derMutter des heiligen Julianus zu beten. Und dann bitteich Gott und diesen Heiligen, mir für die nächste Nachteine gute Herberge zu geben. Nun bin ich in meinemLeben schon oft genug unterwegs in großer Gefahr gewe-sen, bin aber immer noch glücklich davon gekommen undam Abend bei ordentlichen Leuten gut beherbergt worden;darum habe ich auch den festen Glauben, daß der heiligeJulianus, dem zu Ehren ich jene Gebete spreche, mir dieseGnade von Gott ausgewirkt hat, und ich würde glauben,den Tag über eine schlechte Reise zu haben, und denAbend kein gutes Unterkommen zu finden, hätte ich sie