Martellino und der heil. Heinrich. 87
überdieß noch den Mund, die Augen und das ganze Ge-sicht solchergestalt verrenkte, daß es greulich anzusehn war,und daß ihn Niemand erblicken konnte, ohne zu behaup-ten, er sei wirklich am ganzen Leibe verkrüppelt und ge-lahmt.
Mit dem so Entstellten gingen Marchese und Stecchi,die ihn unterstützten, in großer anscheinender Frömmigkeitnach der Kirche zu und baten ganz demüthig einen Jeden,der ihren Weg hinderte, um Gottes Willen ihnen Platzzu machen. Gern willfahrte man ihnen, und da sie Al-ler Augen auf sich zogen, und fast überall „macht Platz,macht Platz" gerufen wurde, gelangten sie in kurzem da-hin, wo der Körper des heil. Heinrich lag. Sogleich nah-men einige Edelleute, die hier Wache standen, den Mar-tellino und legten ihn auf die heilige Leiche, damit erdurch sie die Gnade der Gesundheit erlangen sollte. AllesVolk war aufmerksam, was mit ihm geschehen würde,und Martellino, der sich auf dergleichen trefflich verstand,stellte sich nach einer kleinen Weile erst, als ob ein Fin-ger ihm wieder gerade würde, dann streckte er die Hand,dann den Arm aus, und zuletzt wurde der ganze Körperwieder gerade. Wie das Volk dies geschehen sah, braches zum Lobe des heiligen Heinrich in solchen Lärm aus,daß man keinen Donner gehört haben würde.
Nun traf es sich aber, daß ein Florentiner ganz inder Nahe stand, der den Martellino recht gut kannte, dochseine Züge in der Entstellung, wie er hergeführt war, nichtherausgefunden hatte. Wie dieser ihn wieder gerade sah,erkannte er ihn sogleich, sing bei sich zu lachen an undsagte: „Nun den soll doch der Kukuk! hatte nicht Jeder,der ihn kommen sah, schwören müssen, er sei wirklichganz verkrüppelt?" Diese Worte hörten einige Trevisanerund fragten sogleich: „Wie, der wäre kein Krüppel gewe-sen?" „Gott behüte," sagte der Florentiner, der war immerso gerade, wie einer von uns; wie Ihr aber Gelegenheitgehabt habt, zu sehen, versteht er sich auf solche Narrheiten,