78 Erster Lag. Zehnte Geschichte.
dieser Liebe erwählt habe, kann keinen Verständigen inVerwunderung setzen, denn Ihr verdient es. Und ob-gleich den bejahrten Leuten nach dem Gesetze der Naturdie Kräfte entgehen, die zu, den Uebungen der Liebe er-forderlich sind, so fehlt es ihnen darum weder an demguten Willen, noch an der Fähigkeit zu unterscheiden, wasder Liebe würdig sei, vielmehr weiß das reife Alter dies
um so viel besser zu erkennen, wie die Jugend, als es
an Einsicht diese übertrifft. Die Hoffnung, um derent-willen ich in meinem Alter Euch zu lieben wage, die Ihrvon vielen Jünglingen geliebt werdet, ist diese: schon öfterbin ich gegenwärtig gewesen, wenn Frauenzimmer zum Ves-perbrot Wolfs-Bohnen und Lauch aßen. Ob nun gleich amganzen Lauch nichts Gutes ist, so ist doch der Knopfdaran noch das am Wenigsten Widerwärtige und demMunde Wohlgefälligste. Dennoch pflegt Ihr Alle, vonverkehrter Lust geleitet, den Knopf in der Hand zu behal-ten und nur die Blätter zu essen, die nicht allein gar
nichts werth sind, sondern abscheulich schmecken. Wäre esnun nicht möglich, Madonna, daß Ihr in der WahlEurer Liebhaber ebenso verführt? Und wenn Ihr es thätet,so würdet Ihr mich erwählen und alle klebrigen von Euchweisen." Die Edeldame und ihre Gefährtinnen schämtensich ein wenig, dann aber sagte sie: „Meister, Ihr habtunser übermüthiges Beginnen treffend, aber freundlich, ge-züchtigt. Glaubt aber, die Liebe eines so verständigen undehrenwerthen Mannes, als Ihr seid, ist mir theuer. Des-halb gebietet, so weit sich das mit meinem guten Rufeverträgt, über mich, wie über Euer Eigenthum." DerMeister und seine Begleiter erhoben sich, er dankte derDame und ging, nachdem er sich ihr unter Lachen undFreude empfohlen hatte. So wurde die Dame, weil sienicht im Auge gehabt hatte, wen sie necke, besiegt, wosie zu siegen glaubte; wollt Ihr nun vernünftig sein, sowerdet Ihr Euch vor gleichem Misgriff hüten.