72 Erster Tag. Achte Geschichte.
mit scharfem Tadel zu verfolgen, und dies Alles um ge-ringen Lohn; sind sie heutzutage nur bedacht, ihre Zeitdamit zu verbringen, daß sie von Einem zum AndernGehässigkeiten herumtragen, Zwieträchten aussäen, Unan-ständiges und Schlechtes reden und, was schlimmer ist,vor den Leuten thun, Uebles, Beschämendes und Ab-scheuliches, mag es wahr sein oder nicht, hinter dem Rük-ken einander nachsagen und mit falschen Schmeicheleiendie Gutgesinnten zu Gemeinheiten und Schlechtigkeiten zuverführen suchen. Von unseren ausgearteten und sitten-losen Fürsten aber wird Der unter ihnen am höchsten ge-halten und durch die größten Geschenke ermuntert, der diemeisten Abscheulichkeiten sagt oder thut. Wahrlich gereichtdas unserer Zeit zu großer und beständiger Schande unddient zu deutlichem Beweise, daß die Tugenden von derErde gewichen sind und die beklagenswerthen Sterblichenauf den Hefen der Sünden gelassen haben.
Um aber auf Das zurückzukommen, wovon ich aus-gegangen bin und von wo gerechter Unwille mich weiter,als ich dachte, abgezogen hat, so sage ich, daß der ge-nannte Guiglielmo von allen Edelleuten in Genua gerngesehen und mit Ehren überhäuft ward. Als er sich nunschon einige Zeit in der Stadt aufgehalten und Mancherleivon dem Geize und den armseligen Gesinnungen des HerrnErmino vernommen hatte, kam es ihm in den Sinn,diesen zu besuchen. Herrn Ermino waren die Talente desGuiglielmo Borsiere dem Rufe nach bekannt geworden,und da er trotz allem seinem Geize noch ein Fünkchenguter Sitte in sich trug, so empfing er ihn mit freund-lichem Gesichte und höflichen Worten. Unter allerlei ver-schiedenen Gesprächen, die er mit ihm begann, führte erden Borsiere und einige Genueser, die eben bei ihm waren,in ein ihm zugehöriges neues Haus, das er ganz hübschbatte einrichten lassen, und, nachdem er ihm Alles gezeigthatte, sagte er: „Ach, Herr Guiglielmo, Ihr habt soManches gehört und gesehen; könntet Ihr mir nicht Et-