68 Erster Tag. Siebente Geschichte.
gewahr ward, und die gewaltigen Zurüstungen in derKüche, und was sonst Alles zu dem Mittagsmahle be-reitet wurde, da sagte er bei sich selbst, wahrlich, dieserAbt ist vollkommen so freigebig, als man mir erzählt hat.Eine Weile hatteer sich mit diesen Gegenständen beschäftigt,als des Abtes Seneschall, weil die Essensstunde gekommenwar, das Wasser zum Händewaschen herumreichen ließ.Nachdem dieses geschehen war, setzten sich Alle zu Tische,und dabei traf es sich von ohngefähr, daß Primasseau denPlatz genau der Thür gegenüber bekam, wo der Abt her-auskvmmen mußte, um ins Speisezimmer einzutreten. Andem Hofe des Abtes war es Sitte, weder Brot nochWein, noch sonst etwas Eßbares eher auf den Tisch zustellen, als bis der Abt sich an der Tafel niedergelassenhatte. Darum ließ der Seneschall, wie die Tische gedecktwaren, dem Abte sagen, die Speisen waren bereit, sobalder befehlen würde. Der Abt ließ sich den Speisesaalöffnen, und, indem er grade vor sich sah, war von ohn-gefähr der erste Mensch, der ihm in die Augen fiel, Pri-masseau, den er nicht von Angesicht kannte und dessenAnzug schlecht genug aussah. Kaum hatte er ihn erblickt,so kam ihm plötzlich ein unwürdiger und ihm sonst völligfremder Gedanke in den Sinn, daß er bei sich sagte. „Sol-chem Volke soll ich zu essen geben?" Und damit kehrteer um, ließ den Saal hinter sich zuschließen und fragteseine Leute, die ihn begleiteten, ob Keiner von ihnen denUnverschämten .kenne, der der Thür seines Zimmers ge-genüber sitze. Sie antworteten aber Alle, nein. Primas-seau, der schon eine gute Strecke Weges zurückgelegt hatteund überhaupt nicht zu fasten gewohnt war, bekam solcheLust zu essen, daß er, als der Abt noch immer nichtwiederkommen wollte, eins der drei mitgebrachten Brotehervorholte und es zu verzehren anfing. Der Abt inzwi-schen befahl nach einer Weile einem seiner Leute, nachzu-sehen, ob unser Primasseau fortgegangen sei. „Nein Herr,"antwortete der wiederkehrende Diener, „vielmehr verzehrt er