Druckschrift 
1 (1843)
Entstehung
Seite
63
Einzelbild herunterladen
 

Der beschämte Inquisitor. 63

Barmherzigkeit von ihm zu erlangen, durch Vermittlungdienstfertiger Leute ihm die Hände ansehnlich mit demFette des heiligen Ludovicus Goldmund salben ließ, welchesin pestilenzialischen Geizesübeln, besonders bei Bettelmön-chen, die kein Geld anrühren dürfen, Wunder thut. Ob-gleich Galenus in seiner ganzen Medicin nirgend von dieserSalbe redet, so ist sie doch von ungemeiner Wirkung, diesie auch hier in solchem Maße bekundete, daß sie den an-gedrohten Scheiterhaufen mit einem Bußkreuz vertauschenhalf, das der fromme Inquisitor, als gelte es eine Kreuz-fahrt über Meer, zu größerer Schönheit der Flagge, ihmgelb im schwarzen Felde gab. Ueberdies behielt er ihn,nach richtigem Empfange des Geldes, noch einige Tagebei sich und legte ihm wahrend dev Zeit als Buße auf,alle Morgen die Kreuzesmesse zu hören und sich umMittag ihm vorzustellen, worauf er denn den Rest desTages über frei sein sollte, zu thun, was ihm beliebte.

Unser Büßender that gewissenhaft, wie ihm geheißenwar, und so geschah es denn, daß er eines Morgens unterandern in der Messe ein Evangelium hörte, in welchemfolgende Worte gesungen wurden:Ihr werdet es hundert-fältig nehmen und das ewige Leben ererben." Der ehr-liche Mann merkte sich diese Worte auf das genaueste,und als er, dem Befehle gemäß, am Mittage vor denInquisitor kam, fand er diesen grade bei Tische sitzen.Der Inquisitor fragte ihn, ob er am Morgen die Messegehört habe.Ja, Herr," erwiderte Jener sogleich.HastDu dort," erwiderte der Inquisitor,nichts gehört, dasDir Zweifel erregt, oder worüber Du Auskunft wünschtest?"Wahrlich," entgegnete der gute Mann,ich bezweifle nichtsvon Dem, was ich gehört habe, sondern glaube an Alles,als an vollkommene Wahrheit. Wol aber habe ich Et-was gehört, um deffentwillen ich Euch und andre Mönchevon Herzen bedauert habe und noch bedaure, wenn ichmir bedenke, in was für einen traurigen Zustand Ihr injener Welt kommen werdet." Darauf sagte der Inquisitor: