52 Erster Tag. Dritte Geschichte.
zärtlich von ihm geliebt waren. Die Jünglinge kanntendas Herkommen in Betreff des Ringes, und da ein Jederder Geehrteste unter den Seinigen zu werden wünschte,baten alle drei den Vater, der schon alt war, einzeln aufdas inständigste um das Geschenk des Ringes. Der guteMann liebte sie Alle gleichmäßig und wußte selber keineWahl unter ihnen zu treffen; so versprach er denn denRing einem Jeden und dachte auf ein Mittel, Alle zubefriedigen. Zu dem Ende ließ er heimlich von einem ge-schickten Meister zwei andere Ringe verfertigen, die demersten so ähnlich waren, daß er selbst, der doch den Auf-trag gegeben, den rechten kaum zu erkennen wußte. Alser auf dem Todbette lag, gab er heimlich jedem derSöhne einen von den Ringen. Nach des Vaters Tode,nahm ein Jeder Erbschaft und Vorrang für sich inAnspruch, und da Einer dem Andern das Recht dazu be-stritt, zeigte der Eine, wie die Andern, um die Forderungzu begründen, den Ring, den er erhalten hatte, vor.Da sich nun ergab, daß die Ringe einander so ähnlichwaren, daß Niemand, welcher der ächte fei, erkennenkonnte, blieb die Frage, welcher von ihnen des Vaterswahrer Erbe sei, unentschieden, und bleibt es heute noch.
So sage ich Euch denn, mein Gebieter, auch vonden drei Gesetzen, die Gott der Vater den drei Völkerngegeben, und über die Ihr mich befragtet. Jedes der Völ-ker glaubt seine Erbschaft, sein wahres Gesetz und seineGebote zu haben, damit es sie befolge. Wer es aberwirklich hat, darüber ist, wie über die Ringe, die. Fragenoch unentschieden."
Als Saladin erkannte, wie geschickt der Jude denSchlingen entgangen sei, die er ihm in den Weg gelegthatte, entschloß er sich, ihm geradezu sein Bedürfniß zugestehen. Dabei verschwieg er ihm nicht, was er zu thungedacht habe, wenn jener ihm nicht mit so viel Geistes-gegenwart geantwortet hätte. Der Jude diente Saladin mitAllem, was dieser von ihm verlangte, und Saladin er-