Pest in Florenz.
der Fremde bediente sich ihrer, wenn er sie zufällig betrat,ganz wie es der Herr selbst gethan haben würde. Wiesehr aber auch Die, welche also dachten, ihrem viehischenVorhaben nachgingen, so vermieden sie doch aus allenKräften, den Kranken zu begegnen. In solchem Jammerund solcher Betrübniß der Stadt war auch das ehrwür-dige Ansehen der menschlichen wie der göttlichen Gesetzefast ganz gesunken und zerstört; denn ihre Diener undVollstrecker waren gleich den übrigen Einwohnern alle krankoder todt, oder hatten mindestens so wenig Leute behalten,daß sie keiner ihrer Amtsverrichtungen mehr verstehen konn-ten. Darum konnte sich denn ein Jeder erlauben, waser immer wollte. Viele Andere indeß schlugen einen Mit-telweg zwischen den beiden Obengenannten ein und be-schränkten sich weder im Gebrauch der Nahrungsmittelso sehr, wie die Ersten, noch hielten sie im Trinken undanderen Ausschweifungen so wenig Maß, als die Zwei-ten. Vielmehr bedienten sie sich der Speise und des Tran-kes zur Genüge und schlossen sich auch nicht eich sonderngingen umher und hielten Blumen, oder duftende Kräu-ter, oder sonstige Wohlgerüche verschiedener Art in denHänden und rochen häufig daran, überzeugt, es sei be-sonders heilsam, durch solchen Duft das Gehirn zu er-quicken; denn die ganze Luft schien von den Ausdünstun-gen der todten Körper, von den Krankheiten und Arzeneienstinkend und befangen. Einige aber waren grausamer ge-sinnt, obgleich sie vermuthlich sicherer gingen, und sagten,kein Mittel sei gegen die Seuchen so wirksam und zuver-lässig, als die Flucht vor ihnen. In dieser Ueberzeugungverließen Viele, Männer wie Weiber, ohne durch irgendeine Rücksicht sich halten zu lassen, allein auf die eigeneRettung bedacht, ihre Vaterstadt, ihre Wohnungen, ihreVerwandten und ihr Vermögen, und flüchteten sich aufihren eignen oder gar auf einen fremden Landsitz; als obder Zorn Gottes, der durch diese Seuche die Ruchlosigkeitder Menschen bestrafen wollte, sie nicht überall gleichmäßig