Druckschrift 
1 (1843)
Entstehung
Seite
LXXXII
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I.XXXII

Giovanni Boccaccio.

Fabliaux und Contes '). Es ist dies Element für dieseGattung von Literatur ein wesentliches, und man kannes kaum völlig verbannen wollen, ohne dieser Gattungzugleich die reichlichste Lebensader abzuschneiden. In einerzwiefachen Weise kann nun aber dies Element von demErzähler verarbeitet werden: entweder so, daß es nur umseines lächerlichen Effectes willen auf die Scene gebrachtwird, gerade wie jede sonstige Verwickelung, Schlauheitund dergleichen; oder so, daß der Schriftsteller bei diesemElemente um seiner selbst willen, weil es ein unzüchtigesist, wollüstig ausmalend verweilt. Offenbar ist nur dieletzte Behandlung die frivole zu nennen. Wir begegnendemselben Gegensatz auch in der bildenden Kunst, nur daßwir in dieser nachsichtiger zu sein gewöhnt sind. Wir wer-den, wo der an sich nicht frivole Gegenstand das Nacktefordert, dem Maler das Recht zugestehen, es mit allerMeisterschaft uns darzustellen, sollte seine Darstellung auchgeeignet sein, sinnlich zu erregen; die Sinnenlust als solche,wie in der Jo und Leda Correggio's, oder in der DanaöTitian's, werden wir aber nie als einen würdigen Gegen-stand der Kunst anerkennen, und nur um der Trefflichkeitder Technik willen solche Abirrung entschuldigen können. Es darf nun behauptet werden, daß Boccaccio, fastohne Ausnahme, das Unzüchtige nur als nothwendigenBaustein benutzt, um die komische Situation, auf die esihm eben ankommt, aufzubauen, und daß er eben deshalboft gar unfein mit derben unverhüllten Worten gleich dasDing beim rechten Namen nennt; während seine frivolerenNachahmer der Sünde einen lüstern coquettirenden Schleierumwerfen und mit Vorliebe dabei verweilen, ihn immernach einer andern Seite zu lüften. In weit höheremGrade unsittlich, als jene einzelnen verfänglichen Situa-tionen, finde ich die mehrfachen Versuche, die Unkeuschheit,ja den Ehebruch durch Sophismen zu rechtfertigen, wie

i) Rosenkranz, Geschichte d. Poesie. II !>2. »3.