Druckschrift 
1 (1843)
Entstehung
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LXXVI
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LXXVI

Giovanni Boccaccio.

nachgewiesen, in dieser älteren Gestalt mit derjenigen zu !vergleichen, die sie im Dekameron gewonnen. Dort haben ^wir eine mehr oder minder gut erzählte Anekdote, hier einabgerundetes Kunstwerk, in dem alle Theile wohl berechnetzu dem Gedanken hinleiten, für den das Ganze ein Aus-druck sein sollte. Die weise Oekonomie der erzählten That-sachen und ihre treffliche Gruppirung erweckt unsre um sogrößere Bewunderung, je vertrauter wir mit dem Autor ,

werden, und je mehr wir ihn mit der breiten Redseligkeit i

und den zerstreuenden Dekailschilderungen der Modernen ^vergleichen. Meisterhaft ist die dramatische Wahrheit derReden fast aller im Dekameron auftretenden Personen, wiesie in diesem Grade schwerlich einem der spateren italieni-schen Novellisten gelungen ist. Die köstliche Dummheiteines Calandrino, oder Ferondo, das frömmelnde Gewäschdes Bruder Puccio, die eitele Einfalt der Madonna Lisetta,die klösterliche Bornirtheit der Nonnen des Masetto, diePrahlereien der Madonna Fiordaliso und die edelmüthigenPhrasen der Jancvsiore, die verschiedenen Abstufungen heuch-lerischer Salbung in Chapelet, Rusiicus, Bruder Albertound Bruder Eipolla, die pedantische Jämmerlichkeit desRicciardo da Chinzica und Messer Simone sind alle mitwahrhaft wunderbarer Menschenkenntniß und mit einerHerrschaft über die Sprache gezeichnet, wie sie seit Boccacciokeinem Zweiten in Italien zu Gebote gestanden. An an-deren Stellen, wie im Tedaldo, im Gentil de^ Carisendi,oder in Titus und Gisippus, erhebt sich dagegen die Sprachezu wahrhaft rednerischem Schwünge; obwol auch nichtgerade selten das Bestreben nach Wohlredenheit, wie indes Verfassers früheren Schriften, in falsche Rhetorik aus-artet, und einige Male sogar die kunstreich verschlungenenPerioden, in ihre eigenen Verwickelungen gefangen, denWeg nicht mehr zum Ziele zu finden wissen. Häufiger !noch zeigt es sich, daß die flüchtig weiter eilende Feder einWort, auf dem die früheren Theile des Satzes zu ruhenbestimmt waren, einzufügen vergessen, oder daß sie ein an-