Druckschrift 
1 (1843)
Entstehung
Seite
LXXV
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Giovanni Boccaccio.

LXXV

ron enthaltenen historischen Anspielungen und die Angabeder Schriftsteller, welche jene Geschichten später benutzt undumgearbeitet haben. Die erste dieser Aufgaben ist indeßnur als eine von den mehren zu betrachten, welche ein (lei-der noch nicht geschriebener) Commentar unsrer Novellen-sammlung zu verfolgen hätte, und die zweite ist nur durchein gewisses Interesse der Curiosität mit dem Dekameronverknüpft.

Sinnreiche Einfälle und anziehende Geschichten sich er-zählen zu lassen, war von jeher eine Lieblingsunterhaltungder Müßigen. Die Schachs im Osten, die Signori imWesten hielten sich dazu eigene Erzähler, die im romani-schen Mittelalter Jongleurs, giuilsri, uoniini 6i corte hei-ßen. Das niedere Volk kauert noch heute, dort um dasnächtliche Feuer der Wüste, hier auf den Lavafliesen desMolo von Neapel, um den Geschichten seiner Rhapsodenzu lauschen. Ursprünglich genügte eine trocken erzählteAnekdote, am liebsten auf bekannte, im Munde des Vol-kes lebende Personen bezogen. Bald knüpft sich an dasbemerkenswerthe Ereigniß eine moralische Betrachtung, eineLebensregel; die Geschichten werden zu belehrenden Beispie-len. So schon im Orient und in den sieben weisen Mei-stern, noch mehr aber in den, allegorisch ausgedemeten,kosta Rninanorum und in der Oiscipüiia ciericaüs desPetrus Alphonsi. Noch später wird die bloße Begebenheitzur Novelle, d. h. zum Kunstwerk, in dem wir nichtnur ein Bruchstück des Lebens in scharf gezeichneten Zügenwiedergegeben, sondern zugleich eine Ansicht, eine kecke Be-hauptung, vielleicht eine Grille des Verfassers durch Hand-lungen oder durch Worte verfochten sehen. Dieser letzteSchritt ist es nun, den in dem weiten Gebiete der Lite-ratur zuerst Boccaccio gethan hat, und von ihm aus hatdie moderne Novelle, bis auf die äußerste Höhe, die sie inTieck erreicht hat, ihren weiteren Weg genommen. Umzu ermessen, ein wie gewaltiger dieser Schritt war, genügtes, eine der Erzählungen, deren Quellen vor Boccaccio wir