Druckschrift 
1 (1843)
Entstehung
Seite
LXX
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machen, daß Boccaccio ihn gekannt und im Gedanken ge-habt habe.

Aehnlicher Streit ist über die Originalität der einzel-nen Novellen geführt worden. Seltsam genug sehen wiraus der Einleitung zur vierten Giornata und aus Boc-cacio's Schlußschrist, daß man beim ersten Erscheinen desBuches dem Verfasser zum Vorwurf machte, jene Geschich-ten seien nicht wahrhafte, sondern von ihm erfundene oderdoch umgestaltete; wahrend man neuerdings ihn deshalbgetadelt hat, daß er den Inhalt seiner Erzählungen nichtselbst erfunden, sondern früheren Quellen entlehnt habe.So interessant es nun sein kann, eine vielverbreitete Ge-schichte durch alle die Umbildungen zu verfolgen, die sievon Land zu Land und von einem zum andern Jahr-hundert im Munde der sie Wiederholenden erfahrt, so hatteauf eine solche Uebertragung doch niemals ein Tadel ge-gründet werden sollen. Unter den unzählbaren Samm-lern von Erzählungen, die seit dem ersten Beginn der Li-teratur und in allen Welttheilen ihre Leser ergötzt haben,macht schwerlich Einer darauf Anspruch, den ganzen Vor-rath seiner Geschichten selbst erfunden zu haben. Geradedie Erzählung geht ihrem Wesen nach von Mund zuMunde und wächst und vervollständigt sich bei fortschrei-tender Ueberlieferung. Wer alsdann die Begebenheitenzuerst zu einem wohlzusammenhängenden und abgeschlosse-nen Ganzen gerundet hat, wer der ursprünglich dürftigenAnekdote lebensfcische Gestalten als Träger untergelegt undsie mit wohlthuender, angemessener Rede bekleidet hat, dergilt mit vollem Rechte als Eigenthümer.

Es ist aber nicht einmal wahr, daß Boccaccio einenbeträchtlichen Theil seines Materials aus früheren Erzäh-lungen entlehnt habe. Soll von einer Novelle nicht schonum deswillen fremder Ursprung behauptet werden, weil die-ser oder jener in sie verwobene einzelne Zug auch ander-wärts vorkommt (z. B. die Kriegslist mit der engen Kerbeder Pfeile, in der zweiten Geschichte des fünften Tages, bei