AM Religion innerh. d. Grenzen d. bloscn Vernunft. IV. Stück.
Unterthans hinwirken, sondern sich in der Denkungsart des mensch-lichen Oberherrn bei Fassung seiner Rathschlüsse vermischen, manalso nur der einen dieser Eigenschaften, der gebrechlichen Weisheitdes menschlichen Willens, beizukommcn suchen darf, um die beidenanderen zur Nachgiebigkeit' zu bestimmen; so hofft er dieses auchdadurch bei Gott auszurichten, indem er sich blos an seine Gnadewendet. (Daher war es auch eine für die Religion wichtige Ab-sonderung der gedachten Eigenschaften, oder vielmehr VerhältnisseGottes zum Menschen, durch die Idee einer dreifachen Persönlichkeit,welcher analogisch jene gedacht werden soll, jede besonders kenntlichzu machen.) Zu diesem Ende befleißigt er sich aller erdenklichenFörmlichkeiten, wodurch angezeigt werden soll, wie sehr er die göttlichenGebote verehre, um nicht nöchig zu haben, sie zu beobachten;und damit seine thatlosen Wünsche auch zur Vergütung der Uebcrtre-tung derselben dienen mögen, ruft er: „Herr! Herr!" um nur nichtnöthig zu haben, „den Willen des himmlischen Vaters zu thun",und so macht er sich von den Feierlichkeiten, im Gebrauch gewisserMittel zur Belebung wahrhaft praktischer Gesinnungen, den Begriff,als von Gnadenmitteln an sich selbst; gibt sogar den Glauben, daßsie es sind, selbst für ein wesentliches Stück der Religion, (der ge-meine Mann gar für das Ganze derselben) aus, und überläßt es derallgütigen Vorsorge, aus ihm einen besseren Menschen zu ma-chen, indem er sich der Frömmigkeit (einer passiven Verehrungdes göttlichen Gesetzes) statt der Tugend (der Anwendung eigenerKräfte der von ihm verehrten Pflicht) befleißigt, welche letztere dochmit der elfteren verbunden, allein die Idee ausmachen kann,die man unter dem Worte Gottseligkeit (wahre Religions-gesinnung) versteht. — Wenn der Wahn dieses vermeinten Him-melsgünstlings bis zur schwärmerischen Einbildung gefühlter beson-derer Gnadenwirkungen in ihm steigt (bis sogar zur Anmaßung derVertraulichkeit eines vermeinten verborgenen Umgangs mit Gott),so ekelt ihm gar endlich die Tugend an und wird ihm ein Gegen-stand der Verachtung; daher es denn kein Wunder ist, wenn öffent-lich geklagt wird: daß Religion noch immer so wenig zur Besserung