Vom Dienst u. Asterdienst unter d. Herrschaft ic. Allgem. Anm. 385
angestellten Gebetsübung sorgfältig einzuschärfen, daß die Rede (selbstinnerlich ausgesprochen, ja sogar die Versuche, das Gemüth zur Fas-sung der Idee von Gott, die sich einer Anschauung nähern soll, zustimmen,) hier nicht an sich etwas gelte, sondern es nur um dieBelebung der Gesinnung zu einem Gott wohlgefälligen Lebenswan-del zu thun sei, wozu jene Rede nur ein Mittel für die Einbildungs-kraft ist; weil sonst alle jene devoten Ehrfurchtsbezeugungen Gefahrbringen, nichts, als erheuchelte Goltesverehrung statt eines praktischenDienstes desselben, der nicht in blosen Gefühlen besteht, zu bewirken.
2. Das Kirchengehen, als feierlicher äußerer Gottes-dienst überhaupt in einer Kirche gedacht, ist in Betracht, daßes eine sinnliche Darstellung der Gemeinschaft der Gläubigen istnicht allein ein für jeden Einzelnen zu seiner Erbauung*) an-zupreisendcs Mittel, sondern auch ihnen, als Bürgern eines hierauf Erden vorzustellenden göttlichen Staats, für das Ganze un-mittelbar obliegende Pflicht; vorausgesetzt, daß diese Kirche nichtFörmlichkeiten enthalte, die auf Jdololatrie führen, und so das Ge-wissen belästigen können, z. B. gewisse Anbetungen Gottes in derPersönlichkeit seiner unendlichen Güte unter dem Namen eines Men-
*) Wenn man eine diesem Ausdrucke angemessene Bedeutung sucht, so istsie wohl nicht anders anzugcbcn, als daß darunter die moralische Folgeaus der Andacht auf das Subject verstanden werde. Diese bestehtnun nicht in der Rührung, (als welche schon im Begriffe der Andacht liegt,)obzwar die meisten vermeintlich Andächtigen, (die darum auch Andächtlerheißen,) sie gänzlich darin setze»; mithin muß das Wort Erbauung dieFolge aus der Andacht auf die wirkliche Besserung des Menschen bedeuten.Diese aber gelingt nicht anders, als daß man systematisch zu Werke geht, festeGrundsätze nach wohlverstandene» Begriffen tief ins Herz legt, darauf Gesin-nungen, der verschiedenen Wichtigkeit der sie angehenden Pflichten angemessen,errichtet, sie gegen Anfechtung der Neigungen verwahrt und sichert, und sogleichsam einen neuen Menschen, als einen TcmpelGottcs erbaut- Mansieht leicht, daß dieser Bau nur langsam fortrücken könne; aber es muß we-nigstens doch zu sehen sein, daß etwas verrichtet worden. So aber glau-ben sich Menschen (durch Anhörcn oder Lesen und Singen) recht sehr erbaut,indessen daß schlechterdings nichts gebaut, ja nicht einmal Hand ans Werkgelegt worden; vermuthlich weil sie hoffen, daß jenes moralische Gebäude, wiedie Mauern von Theben, durch die Musik der Seufzer und sehnsüchtiger Wün-sche von selbst cmporsteigen werde.
Kant s. W. Vl.
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