376 Religion innerh. d. Grenzen d. blosen Vernunft. IV. Stück.
Allgemeine Anmerkung.
Was Gutes der Mensch nach Freiheitsgesetzen für sich selbstlhun kann, in Vergleichung mit dem Vermögen, welches ihm nurdurch übernatürliche Bcihülfe möglich ist, kann man Natur, zumUnterschied von der Gnade nennen. Nicht als ob wir durch denelfteren Ausdruck eine physische, von der Freiheit unterschiedeneBeschaffenheit verständen, sondern blos, weil wir für diesesVermögen wenigstens die Gesetze (der Tugend) erkennen, unddie Vernunft also davon, als einem Analogon der Natur,einen für sie sichtbaren und faßlichen Leitfaden hat; dagegen, ob)wenn und was, oder wie viel die Gnade in uns wirken werde,uns gänzlich verborgen bleibt, und die Vernunft hierüber, sowiebeim Übernatürlichen überhaupt, (dazu die Moralität als Heilig-keit gehört,) von aller Kenntniß der Gesetze, wornach es geschehenmag, verlassen ist.
Der Begriff eines übernatürlichen Beitritts zu unserem mora-lischen, obzwar mangelhaften Vermögen und selbst zu unserer nichtvöllig gereinigten, wenigstens schwachen Gesinnung, aller unserer
hin aller inneren Religion,) von da zu uns wieder herab? Ich kann cS zwareinräumcn, wiewohl cs sehr zu bedauern ist, das« Offenherzigkeit, (die ganzeWahrheit, die man weiß, zu sagen,) in der menschlichen Natur nicht ange-troffen wird. Aber Aufrichtigkeit, (daß Alles, was man sagt, mitWahrhaftigkeit gesagt sei,) muß man von jedem Menschen fordern können,und wenn auch selbst dazu keine Anlage in unserer Natur wäre, deren Eul-tur nur vernachlässigt wird, so wurde die Menschenrace in ihren eigenenAugen ein Gegenstand der tiefsten Verachtung sein müssen. — Aber jene ver-langte Gemi'ithscigenschaft ist eine solche, die vielen Versuchungen ausgesctztist und manche Aufopferung kostet, daher auch moralische Stärke d.i. Tugend,(die erworben werden muß,) fordert, die aber früher, als jede andere bewachtund cultivirt werden muß, weil der entgegengesetzte Hang, wenn man ihnhat cinwurzeln lassen, am Schwersten auszurotten ist.— Nun vergleiche mandamit unsere Erziehungsart, vornehmlich im Puncte LerReligiou, oder besser,der Glaubenslehren, wo die Treue des Gedächtnisses in Beantwortung dersic betreffenden Fragen, ohne auf die Treue des Bekenntnisses zu sehen,(worüber nie eine Prüfung angestellt wird,) schon für hinreichend angenom-men wird, einen Gläubigen zu machen, der das, was er heilig betheucrt,nicht einmal versteht, und nian wird sich über den Mangel der Aufrichtigkeit,der lauter innere Heuchler macht, nicht mehr wundern.
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