258 Religion innerh. d. Grenzen d. blosen Vernunft. II. Stück.
meinen wollen glaubend machen, daß sie sich auf das Geständniß der Natuforscher von ihrer Unwissenheit berufen. Kennen wir Loch nicht, sagensie, die Ursache der Schwere, der magnetischen Kraft u. dgl. — Aber dieGesetze derselben erkennen wir doch mit hinreichender Ausführlichkeit, unterbestimmten Einschränkungen auf die Bedingungen, unter denen allein ge-wisse Wirkungen geschehen; und das ist genug, sowohl für einen sicheren Ver-nunftgebrnuch dieser Kräfte, als auch zur Erklärung ihrer Erscheinungen,-ceuillluin guill, abwärts zum Gebrauch dieser Gesetze, um Erfahrungendarunter zu ordnen, wenngleich nicht simpliciter und aufwärts, um selbstdie Ursachen der nach diesen Gesetzen wirkenden Kräfte einzusehen. — Da-durch wird auch das innere Phänomen des menschlichen Verstandes begreiflich:warum sogenannte Naturwunder, d. i. genugsam beglaubigte, obwohlwidcrsinnische Erscheinungen, oder sich hcrvorthuende unerwartete und vonLen bis dahin bekannten Naturgesetzen abweichende Beschaffenheiten der Dingemit Begierde aufgcfaßt werden, und das Gemüth ermuntern, so lange,als sie dennoch für natürlich gehalten werden, da cs hingegen durch die Ankün-digung eines wahren Wunders niedergeschlagen wird. Denn die er-steren eröffnen eine Aussicht in einen neuen Erwerb von Nahrung für dieVernunft; sie machen nämlich Hoffnung, neue Naturgesetze zu entdecken;das zweite dagegen erregt B eso rg n iß, auch das Zutrauen zu den schon fürbekannt angenommenen zu verlieren- Wenn aber die Vernunft um die Er-fahrungsgesetzc gebracht wird, so ist sie in einer solchen bezauberten Weltweiter zu gar nichts Nutze, selbst nicht für den moralischen Gebrauch in der-selben, zu Befolgung seiner Pflicht; denn man weiß nicht mehr, ob nichtselbst mit den sittliche» Triebfedern, uns unwissend, durch Wunder Verän-derungen Vorgehen, an denen Niemand unterscheiden kann, ob er sie sichselbst oder einer anderen uncrforschlichcn Ursache zuschreiben solle. — Die,deren Urtheilskraft hierin so gestimmt ist, daß sie sich ohne Wunder nicht be-helfen zu könucn meinen, glauben den Anstoß, den die Vernunft darannimmt, dadurch zu mildern, daß sie annchmen, sie geschehen nur selten.Wollen sie damit sagen, daß dies schon im Begriff eines Wunders liegt,(weil, wenn eine solche Begebenheit gewöhnlich geschähe, sic für keine Wun-der erklärt werden würde;) so kann man ihnen Liese Sophisterei, (eine objek-tive Frage, von dem, was die Sache ist, in eine subjective, was dasWort, durch welches wir sie anzeigen, bedeute, umzuändcrn,) allenfallsschenken, und wieder fragen, wie selten? in hundert Jahren etwa einmal,oder zwar vor Alters, jetzt aber gar nicht mehr? Hier ist nichts für uns ausder Kenntniß des Objects Bestimmbares, (denn das ist unserem eigenenGeständnisse nach für uns überschwenglich,) sondern nur aus den nothwen-digen Maximen des Gebrauchs unserer Vernunft: entweder sie als täglich,(obzwar unter dem Anscheine natürlicher Vorfälle versteckt,) oder niemalszuzulasscn, und im letzteren Falle sie weder unseren Vernunfterklärungcn,noch den Maßregeln unserer Handlungen zum Grunde zu legen; und Ladas Erste« sich mit der Vernunft gar nicht verträgt, so bleibt nichts übrig,als die letztere Maxime anzunchmen; den» nur Maxime der Beurtheilung,nicht theoretische Behauptung bleibt dieser Grundsatz immer. Niemand kanndie Einbildung von seiner Einsicht so hoch treiben, entscheidend aussprechen