222 Religion innerh. d. Grenzen d. blosen Vernunft. II. Stück.
Es darf also nicht befremden, wenn ein Apostel diesen un-sichtbaren, nur durch seine Wirkungen auf uns kennbaren, dieGrundsätze verderbenden Feind, als außer uns, und zwar als bösenGeist vorstellig macht: „wir haben nicht mit Fleisch und Blut (dennatürlichen Neigungen), sondern mit Fürsten und Gewaltigen —mit bösen Geistern zu kämpfen." Ein Ausdruck, der nicht um un-sere Erkcnntniß über die Sinnenwelt hinaus zu erweitern, sondernnur um den Begriff des für uns Unergründlichen, für den prakti-schen Gebrauch anschaulich zu machen, angelegt zu sein scheint;denn übrigens ist es zum Behuf des letzteren für uns einerlei, obwir den Verführer blos in uns selbst, oder auch außer uns setzen,weil die Schuld uns im letzteren Falle um nichts minder trifft, alsim ersteren, als die wir von ihm nicht verführt werden würden,wenn wir mit ihm nicht im geheimen Einverständnisse wären'). —Wir wollen diese ganze Betrachtung in zwei Abschnitte eintheilen.
*) Es ist eine Eigenthümlichkeit der christlichen Moral: das Sittlich-Gutevom Sittlich-Bösen nicht wie den Himmel von der Erde, sondern wie denHimmel von der Hölle unterschieden vorzustellen; eine Vorstellung, die zwarbildlich, und als solche empörend, nichtsdestoweniger aber ihrem Sinn nachphilosophisch richtig ist. — Sie dient nämlich dazu, zu verhüten- daß dasGute und Böse, das Reich des Lichts und das Reich der Finstcrniß, nicht alsan einander grenzend und durch allmählige Stufen (der größeren und min-deren Helligkeit) sich in einander verlierend gedacht, sondern durch eine uner-meßliche Kluft von einander getrennt vorgcstellt werde- Die gänzliche IIn-gleichartigkeit der Grundsätze, mit denen man unter einem oder dem anderendieser zwei Reiche Unterthan sein kann, und zugleich die Gefahr, die mit derEinbildung von cincr nahen Verwandtschaft der Eigenschaften, die zu einemoder dem anderen qualisiciren, verbunden ist, berechtigen zu dieser Vorstcllungsart,die bei dem Schauderhaften, das sie in sich enthält, zugleich sehr erhaben ist.
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