Von dem Kampf des guten Princips mit dem bösen. 221
gerottet werden; die Vernunft aber, die das lehrt, noch mehr aber,wenn sie es auch ins Werk richtet, verdient allein den Namen derWeisheit, in Vergleichung mit welcher das Laster zwar auchThorheit genannt werden kann, aber nur alsdenn, wenn die Ver-nunft genugsam Stärke in sich fühlt, um es (und alle Anreize dazu)zu verachten, und nicht blos als ein zu fürchtendes Wesen zuhassen, nnd sich dagegen zu bewaffnen.
Wenn der Stoiker also den moralischen Kampf des Menschenblos als Streit mit seinen (an sich unschuldigen) Neigungen, sofernsie als Hindernisse der Befolgung seiner Pflicht überwunden werdenmüssen, dachte; so konnte er, weil er kein besonderes positives (ansich böses) Princip annimmt, die Ursache der Uebertretung nur in derUnterlassung setzen, jene zu bekämpfen; da aber diese Unterlassungselbst pflichtwidrig (Uebertretung), nicht bloser Naturfehler ist, undnun die Ursache derselben nicht wiederum (ohne im Zirkel zu erklä-ren) in den Neigungen, sondern nur in dem, was die Willkühr, alsfreie Willkühr bestimmt, (im inneren ersten Grunde der Maximen,die mit den Neigungen im Einverständnisse sind,) gesucht werdenkann, so läßt sich's wohl begreifen, wie Philosophen, denen ein Er-klärungsgrund, welcher ewig in Dunkel cingchüllt bleibt *) und ob-gleich unumgänglich, dennoch unwillkommen ist, den eigentlichenGegner des Guten verkennen konnten, mit dem sie den Kampf zubestehen glaubten.
*) Es ist eine ganz gewöhnliche Voraussetzung der Moralphilosophie, daßsich das Dasein des Sittlich-Bösen im Menschen gar leicht erklären lasse,und zwar aus der Macht der Triebfedern der Sinnlichkeit einerseits, und ausder Ohnmacht der Triebfeder der Vernunft (der Achtung fürs Gesetz) ande-rerseits, d. i. aus Schwäche. Aber alsdann müßte sich daS Sittlich-Gute(in der moralischen Anlage) in ihm noch leichter erklären lassen; denn die Be-greiflichkeit des einen ist ohne die des anderen gar nicht denkbar. Nun istaber das Vermögen der Vernunft, durch die blosc Idee eines Gesetzes überalle entgegenstrcbende Triebfedern Meister zu werden, schlechterdings unerklär-lich; also ist cs auch unbegreiflich, wie die der Sinnlichkeit über leine mit solchemAnsehen gebietende Vernunft Meister werden können. Denn wenn alle Weltder Vorschrift des Gesetzes gemäß verführe, so würde man sagen: daß Allesnach der natürlichen Ordnung zuginge, und Niemand würde sich cinfallenlassen, auch nur nach der Ursache zu fragen-