22V Religion innerh. d. Grenzen d. blosen Vernunft. II. Slück.
täuschen läßt, anstatt sie wider die Bosheit (des menschlichenHerzens) auszurufen, die mit seelenverderbenden Grundsätzen die Ge-sinnung insgeheim untergräbt *).
Natürliche Neigungen sind, an sich selbst betrachtet, gutd. i. unverwerflich, und es ist nicht allein vergeblich, sondern es wäreauch schädlich und tadclhaft, sie ausrotten zu wollen; man muß sievielmehr nur bezähmen, damit sie sich unter einander nicht selbst auf-reiben, sondern zur Zusammenstimmung in einem Ganzen, Glück-seligkeit genannt, gebracht werden können. Die Vernunft aber, diedieses ausrichtet, heißt Klugheit. Nur das Moralisch-Gesetzwi-drige ist an sich selbst böse, schlechterdings verwerflich, und muß aus-
*) Duft Philosophen nahmen ihr allgemeines moralisches Princip vonder Würde der menschlichen Natur, der Freiheit (als Unabhängigkeit von derMacht der Neigungen) her, ein besseres und edleres konnten sie auch nichtzum Grunde lege». Die moralischen Gesetze schöpften sic nun unmittelbaraus der, auf solche Art allein gesetzgebenden und durch sie schlechthin gebie-tenden Vernunft, und so war objektiv, was die Regel betrifft, und auch sub-jektiv, was die Triebfeder anlangt, wenn man dein Menschen cinen unverdor-benen Willen beilegt, diese Gesetze unbedenklich in seine Maximen aufzuneh-men, Alles ganz richtig angegeben. Aber in der letzten Voraussetzung lageben der Fehler- Denn so früh wir auch auf unseren sittlichen Zustand un-sere Aufmerksamkeit richten mögen, so finden wir: daß mit ihm cs nicht mehrres inlegra ist, sondern wir davon anfangcn müssen, das Böse, was schonPlatz genommen hat, (cS aber, ohne daß wir cs in unsere Maxime ausgenom-men hatten, nicht würde haben thun können,) aus seinem Besitz zu vertrei-ben : d. i. das erste wahre Gute, was der Mensch thun kann, sei, vom Bösenauszugehen, welches nicht in den Neigungen, sondern in der verkehrten Maximeund also in der Freiheit selbst zu suchen ist. Jene erschweren nur die Aus-führung der entgegengesetzte» guten Maxime; das eigentliche Böse aber be-steht darin: daß man jenen Neigungen, wenn sie zur Uebertrctung anreizen,nicht widerstehen will, und diese Gesinnung ist eigentlich der wahre Feind.Die Neigungen sind nur Gegner der Grundsätze überhaupt, (sic mögen gutoder böse sein,) und sofern ist jenes cdclmüthigc Princip der Moralität alsVorübung (Discivlin der Neigungen überhaupt) zur Lenksamkeit des Sub-jekts durch Grundsätze vortheilhaft. Aber sofern cs spccisische Grundsätze desSittlich-Guten sein sollen, und cs gleichwohl als Maxime nicht sind, somuß noch ein anderer Gegner derselben im Subject vorausgesetzt werden, mitdem die Tugend den Kampf zu bestehen hat, ohne welchen alle Lugenden,zwar nicht, wie jener Kirchenvater will, glänzende Laster, aber doch glän-zende Armseligkeiten sein würden; weil dadurch zwar öfters der Auf-ruhr gestillt, der Aufrührer aber nie besiegt und ausgerottet wird.
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