212 Religion innerh. d. Grenzen d. blosen Vernunft. I. Stück.
Bedürfnisse beständig abhängige Wesen, doch zugleich über diese in derIdee einer ursprünglichen Anlage (in uns) so weit erhoben werden,daß wir sie insgesammt für nichts, und uns selbst des Daseins fürunwürdig halten, wenn wir ihrem Genüsse, der uns doch das Lebenallein wünschenswerth machen kann, einem Gesetze zuwider nachhän-gen sollten, durch welches unsere Vernunft mächtig gebietet, ohnedoch dabei weder etwas zu verheißen, noch zu drohen? Das Ge-wicht dieser Frage muß ein jeder Mensch von der gemeinsten Fä-higkeit, der vorher von der Heiligkeit, die in der Idee der Pflichtliegt, belehrt worden, der sich aber nicht bis zur Nachforschung desBegriffs der Freiheit, welcher allererst aus diesem Gesetze hervor-geht*), versteigr, innigst fühlen; und selbst die Und grciflichkeit die-
*) Daß der Begriff der Freiheit der Willkühr nicht vor dem Bewußiseindes moralischen Gesetzes in uns vorhcrgehe, sondern nur aus der Bestimm-barkeit unserer Willkühr durch dieses, als ein unbedingtes Gebot, geschloffenwerde; davon kann man sich bald überzeugen, wenn man sich fragt: ob manauch gewiß unmittelbar sich eines Vermögens bewußt sei, jede noch so großeTriebfeder zur Uebcrtretung (plislsiis licet imperet, ut s>» I'-Isus, et s«l-inuto äictet perjuri» tsuro) durch festen Vorsatz überwältigen zu können.Jedermann wird gestehen müssen: er wisse nicht, ob, wenn ein solcher Falleinträte, er nicht in seinem Vorsatz wanken würde. Gleichwohl aber gebietetihm die Pflicht unbedingt: er solle ihm treu bleibe»; und hieraus schließter mit Recht: er müsse cs auch können, und seine Willkühr sei also frei-Die, welche diese unerforschliche Eigenschaft als ganz begreiflich vorspicgcln,machen durch das Wort Determinismus, (dem Satze der Bestimmungder Willkühr durch innere hinreichende Gründe,) ein Blendwerk, gleich alsob die Schwierigkeit darin bestände, diesen mit der Freiheit zu vereinige»,woran doch Niemand denkt; sondern: wie der Prädcterminismus, nachwelchem willkührliche Handlungen als Begebenheiten ihre bestimmende Gründein der vorhergehenden Zeit haben, (die mit dem, was sie in sich hält,nicht mehr in unserer Gewalt ist,) mit der Freiheit, nach welcher die Hand-lung sowohl, als ihr Gegentheil in dem Augenblicke des Geschehens in derGewalt des Subjects sein muß, zusammen bestehen könne: das ist's, was maneinsehcn will, und nie einsehen wird.
Den Begriff der Freiheit mit der Idee von Gott, als einem noth-wendigen Wesen, zu vereinigen hat gar keine Schwierigkeit; weil die Frei-heit nicht in der Zufälligkeit der Handlung, (dass sie gar nicht durch Gründedetcrminirt sei,) d. i. nicht im Indeterminismus, (daß Gutes oder Böses zuthun Gott gleich möglich sein müsse, wenn man seine Handlung frei nennensollte,) sondern in der absoluten Spontaneität besteht, welche allein beim Prä-detcrmüiismus Gefahr läuft, wo der Bestimmuugsgrund der Handlung in der
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