188 Religion innerh. d. Grenzen d. blosen Vernunft. > Stück.
II.
Von dem Hange zum Bösen in der menschlichen Natur.
Unter einem Hange (propensi») verstehe ich den subjektivenGrund der Möglichkeit einer Neigung, (habituellen Begierde,concupigoentis-j-),) sofern sie für die Menschheit überhaupt zufälligist * *). Er unterscheidet sich darin von einer Anlage, daß er zwarangeboren sein kann, aber doch nicht als solcher vorgestellt werdendarf, sondern auch, (wenn er gut ist,)als erworben, oder,(wenner böse ist,) als von dem Menschen selbst sich zugezogen gedachtwerden kann. — Es ist aber hier nur vom Hange zum eigentlichd. i. zum Moralisch-Bösen die Rede; welches, da es nur als Be-stimmung der freien Willkühr möglich ist, diese aber als gut oderböse nur durch ihre Maximen beurtheilt werden kann, in dem sub-jektiven Grunde der Möglichkeit der Abweichung der Maximen vommoralischen Gesetze bestehen muß, und, wenn dieser Hang als all-gemein zum Menschen, (also als zum Charakter seiner Gattung),gehörig angenommen werden darf, ein natürlicher Hang des Men-schen zum Bösen genannt werden wird. — Man kann noch Hinzu-sitzen, daß die aus dem natürlichen Hange entspringende Fähigkeitoder Unfähigkeit der Willkühr, das moralische Gesetz in seine Maxime
si) ,, eoncuxiscenti» " fehlt in der 1. Ausg.
*) chsi) Hang ist eigentlich nur die Pradisp osition zum Begehreneines Genusses, der, wenn das Subjcct die Erfahrung davon gemacht habenwird, Neigung dazu hervorbringt. So haben alle rohe Menschen einenHang zu berauschenden Dingen; denn obgleich viele von ihnen den Rauschgar nicht kennen, und also auch gar keine Begierde zu Dingen haben,die ihn bewirken; so darf man sie solche doch nur einmal versuchenlassen, um eine kaum vcrtilgbare Begierde dazu bei ihnen hervor-zubringcn- — Zwischen dem Hange und der Neigung, welche Bekanntschaftmit dem Object des Begehrens voraussetzt, ist noch der Instinkt, welcherein gefühltes Bedürsniß ist, etwas zu thun oder zu genießen, wovon mannoch keinen Begriff hat, (wie der Kunsttrieb bei Lhicren, oder der Triebzum Geschlecht.) Von der Neigung an ist endlich noch eine Stufe des Be-gehrungsvermögcns die Leidenschaft, (nicht der Affekt, denn dieser ge-hört zum Gefühl der Lust und Unlust,) welche eine Neigung ist, di« dieHerrschaft über sich selbst ausschließt.
-sich) Diese Anmerkung ist Zusatz der 2. Ausg.