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6 (1839) Immanuel Kant's Schriften zur Philosophie der Religion
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155
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Ueber das Mißlingen aller philosophischen Versuche in derTheodicee. 155

wenn sie pflichtmäßig handeln wollen, bei sich führt, von jenerBemerkung genügsamen Gebrauch gemacht hätten. Man kann dieseWahrhaftigkeit die formale Gewissenhaftigkeit nennen; diemateriale besteht in der Behutsamkeit: nichts auf die Gefahr,daß es unrecht sei, zu wagen; da hingegen jene in dem Bewußt-sein besteht, diese Behutsamkeit im gegebenen Falle angewandt zuhaben. Moralisten reden von einem irrenden Gewissen. Aberein irrendes Gewissen ist ein Unding; und gäbe es ein solches, sokönnte man niemals sicher sein, recht gehandelt zu haben, weil selbstder Richter in der letzten Instanz noch irren könnte. Ich kann zwarin dem Urtheile irren, in welchem ich glaube, Recht zu haben;denn das gehört dem Verstände zu, der allein (wahr oder falsch)objectiv urlheilt; aber in dem Bewußlsein: ob ich in der Thatglaube, Recht zu haben (oder es blos vorgebe), kann ich schlech-terdings nicht irren, weil dieses Urtheil oder vielmehr dieser Satz blossagt: daß ich den Gegenstand so beurtheile.

In der Sorgfalt, sich dieses Glaubens (oder Nichtglaubens) be-wußt zu werden und kein Fürwahrhalten vorzugeben, dessen mansich nicht bewußt ist, besteht nun eben die formale Gewissenhaftig-keit, welche der Grund der Wahrhaftigkeit ist. Derjenige aber, wel-cher sich selbst (und, welches in den Religionsbekenntnissen einerleiist, vor Gott) sagt: er glaube, ohne vielleicht auch nur einenBlick in sich selbst gethan zu haben, ob er sich in der That diesesFürwahrhaltens, oder auch eines solchen Grades desselben bewußtsei*); der lügt nicht blos die ungereimteste Lüge (vor einem Her-

*) Das Erprcffungsmittel der Wahrhaftigkeit in äußeren Aussagen, derEid (lortiir-» spiritnsli»), wird vor einem menschlichen Gerichtshöfe nicht blosfür erlaubt, sondern auch für unentbehrlich gehalten; ein trauriger Beweisvon der geringen Achtung der Menschen für die Wahrheit, selbst im Tempelder öffentlichen Gerechtigkeit, wo die blose Idee von ihr schon für sich die größteAchtung einflößen sollte! Aber die Menschen lügen auch Uebcrzeugung, diesie wenigstens nicht von der Art oder in dem Grade haben, als sie vorgeben,selbst in ihrem inneren Bekenntnisse; und da diese Unredlichkeit, (weil sie nachund nach in wirkliche Ueberredung ausschlagt,) auch äußere schädliche Folgenhaben kann, so kann jenes Erpreffungsmittel der Wahrhaftigkeit, der Eid,(aber freilich nur ein innerer, d. i. der Versuch, ob das Fürwahrhalten auch