Versuche in der Theodicee.
151
, priori urthrilen zu können, er müßte deren auf sich ruhen haben,weil es sonst nach der göttlichen Gerechtigkeit nicht möglich wäre,daß er unglücklich sei. Hiob dagegen, — der mit Entrüstung be.theuert, daß ihm sein Gewissen seines ganzen Lebens halber keinenVorwurf mache; was aber menschliche unvermeidliche Fehler betrifft,Gott selbst wissen werde, daß er ihn als ein gebrechliches Geschöpfgemacht habe, — erklärt sich für das System des unbedingtengöttlichen Rathschlusses. „Er ist einig", sagt er, „Er macht's,wie er will')."
In dem, was beide Theile vernünfteln oder übervernünfteln,ist wenig Merkwürdiges, aber der Charakter, in welchem sie es thun,verdient desto mehr Aufmerksamkeit. Hiob spricht, wie er denkt undwie ihm zu Muthe ist, auch wohl jedem Menschen in seiner Lagezu Muthe sein würde; seine Freunde sprechen dagegen, wie wennsie in Geheim von dem Mächtigeren, über dessen Sache sie Rechtsprechen, und bei dem sich durch ihr Unheil in Gunst zu setzenihnen mehr am Herzen liegt, als an der Wahrheit, behorcht wür-den. Diese ihre Tücke, Dinge zum Schein zu behaupten, von de-nen sie doch gestehen mußten, daß sie sie nicht einsahen, und eineUeberzeugung zu heucheln, die sie in der That nicht hatten, stichtgegen Hiob^s gerade Freimüthigkeit, die sich so weit von falscherSchmeichelei entfernt, daß sie fast an Vermessenheit grenzt, sehr zumVortheil des Letzteren ab. „Wollt ihr", sagt er"), „Gott vcrthei.digen mit Unrecht? Wollt ihr seine Person ansehen? Wollt ihrGott vertreten? Er wird euch strafen, wenn ihr Personen ansehtheimlich! — Es kommt kein Heuchler vor Ihm."
Das Letztere bestätigt der Ausgang der Geschichte wirklich. DennGort würdigt Hiob, ihm die Weisheit seiner Schöpfung, vornehm-lich von Seiten ihrer Unerforschlichkeit, vor Augen zu stellen. Erläßt ihn Blicke auf die schöne Seite der Schöpfung thun, wo demMenschen begreifliche Zwecke die Weisheit und gütige Vorsorge des
) Hiob XXIII. 13.