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6 (1839) Immanuel Kant's Schriften zur Philosophie der Religion
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Versuche in der Theodicee.

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Gott um einer künftigen Glückseligkeit willen, also doch aus Güte,in die Welt gesetzt habe, daß aber vor jener zu hoffenden überschweng-lich großen Seligkeit durchaus ein mühe- und trübsalvoller Zustanddes gegenwärtigen Lebens vorhergehen müsse, wo wir eben durch denKampf mit Widerwärtigkeiten jener künftigen Herrlichkeit würdigwerden sollten. Allein daß diese Prüfungszeit, (der die Meistenunterliegen, und in welcher auch der Beste seines Lebens nicht frohwird,) vor der höchsten Weisheit durchaus die Bedingung der der-einst zu genießenden Freuden sein müsse, und daß es nicht thunlichgewesen, das Geschöpf mit jeder Epoche seines Lebens zufrieden wer-den zu lassen, kann zwar vorgegeben, aber schlechterdings nicht ein-gesehen werden, und man kann also freilich diesen Knoten durchBerufung auf die höchste Weisheit, die es so gewollt hat, abhauen,aber nicht auflösen; welches doch die Theodicee verrichten zu könnensich anheischig macht.

Hl. Auf die letzte Anklage, nämlich wider die Gerechtigkeit desWeltrichters*) wird geantwortet:

a) daß das Vorgeben von der Straflosigkeit der Lasterhaftenin der Welt keinen Grund habe; weil jedes Verbrechen, seiner Naturgemäß, schon hier die ihm angemessene Strafe bei sich führe, indemdie inneren Vorwürfe des Gewissens den Lasterhaften ärger noch,als Furien plagen. Allein in diesem Urtheile liegt offenbar einMißverstand. Denn der tugendhafte Mann leiht hiebei dem Laster-haften seinen Gemüthscharakter, nämlich die Gewissenhaftigkeit inihrer ganzen Strenge, welche, je tugendhafter der Mensch ist, ihndesto härter wegen der geringsten Uebereilung, welche das sittliche

*) Es ist merkwürdig, daß unter allen Schwierigkeiten, den Lauf derWeltbegebenheiten mit der Göttlichkeit ihres Urhebers zu vereinigen, keine sichdem Gemüth so heftig aufdringt, als die von dem Anschein einer darin man-gelnden Gerechtigkeit. Trägt es sich zu, (ob es zwar selten geschieht,)daß ein ungerechter, vornehmlich Gewalt habender Bösewicht nicht ungestraftaus der Welt entwischt; so frohlockt der mit dem Himmel gleichsam versöhnte,sonst parteilose Zuschauer. Keine Zweckmäßigkeit der Natur wird ihn LurchBewunderung derselben so in Affect setzen und die Hand Gottes gleichsamdaran vernehmen lassen. Warum? Sie ist hier moralisch, und einzig vonder Art, die man in der Welt einigermaßen wahrzunehmcn hoffen kann.

Kant s. W. Vl. 10