202 Tugendlehre. Eth. Elementar!. I. B. I. Abth. N Hptst.
aber, indem er sich überredet, cs könne doch nicht schaden, wohlaber nutzen, einen solchen in Gedanken einem Herzcnskündiger zubekennen, um auf allen Fall seine Gunst zu erheucheln. Oder,wenn er zwar dcsfalls nicht im Zweifel ist, aber sich doch mit in-nerer Verehrung seines Gesetzes schmeichelt, da er doch keine andereTriebfeder, als die der Furcht vor Strafe, bei sich fühlt.
Unlauterkeit-f) ist blos Ermangelung an Gewissenhaftigkeit,d. i. an Lauterkeit des Bekenntnisses vor seinem inneren Richter,der als eine andere Person gedacht wird. Z. B. nach der größtenStrenge betrachtet, ist es schon Unlauterkeit, wenn ein Wunschaus Selbstliebe für die That genommen wird H), weil er einen ansich guten Zweck für sich hat, und die innere Lüge, ob sie zwarder Pflicht des Menschen gegen sich selbst zuwider ist, erhält hierden Namen einer Schwachheit, sowie der Wunsch eines Liebhabers,lauter gute Eigenschaften an seiner Geliebten zu finden, ihm ihreaugenscheinlichen Fehler unsichtbar macht. — Indessen verdient dieseUnlauterkeit in Erklärungen, die man gegen sich selbst verübt, dochdie ernstlichste Rüge; weil von einer solchen faulen Stelle aus, (derFalschheit, welche in der menschlichen Natur gewurzelt zu seinscheint,) das Uebel der Unwahrhaftigkeit sich auch in Beziehung aufandere Menschen verbreitet, nachdem einmal der oberste Grundsatzder Wahrhaftigkeit verletzt worden. —
Anmerkung.
Es ist merkwürdig, daß die Bibel das erste Verbrechen,wodurch das Böse in die Welt gekommen ist, nicht vomBrudermorde (Cain's), sondern von der ersten Lüge dakict,(weil gegen jenen sich doch die Natur empört,) und als den Ur-heber alles Bösen den Lügner von Anfang und den Vater derLügen nennt; wiewohl die Vernunft von diesem Hange derMenschen zur Gleisnerei (esprit koriido), der doch vorher-
ch) I. Ausg.: „Unredlichkeit"
t"b) 1. Ausg.: „gedacht wird, wenn diese ln ihrer höchsten Strenge be-, trachtet wird, wo ein Wunsch (aus Selbstliebe) sür die That genommenwird" u. s. w.