14 Rechkslehre. Einleitung
gehen noch weiter und gründen ihre allgemeinsten Gesetze der Ver-einigung und Trennung der Materien durch ihre eigenen- Kräftegänzlich auf Erfahrung, und vertrauen gleichwohl auf ihre Allge-meinheit und Nothwendigkeit so, daß sie in den mit ihnen ange-stellten Versuchen keine Entdeckung eines Jrrthums besorgen.
Allein mit den Sittengesetzen ist es anders bewandt. Nursofern sie als » priori gegründet und nothwendig eingesehenwerden können, gelten sie als Gesetze; ja die Begriffe und Urtheileüber uns selbst und unser Thun und Lassen bedeuten gar nichtsSittliches, wenn sie das, was sich blos von der Erfahrung lernenläßt, enthalten, und wenn man sich etwa verleiten läßt, etwas ausder letzteren Quelle zum moralischen Grundsätze zu machen, sogeräth man in Gefahr der gröbsten und verderblichsten Jrrthümer.
Wenn die Sittenlehre nichts, als Glückseligkeitslehre wäre, sowürde es ungereimt sein, zum Behufe derselben sich nach Principien» priori umzusehen. Denn so scheinbar es auch immer lauten mag:daß die Vernunft noch vor der Erfahrung einsehen könne, durch'welche Mittel man zum dauerhaften Genüsse wahrer Freuden desLebens gelangen könne; so ist doch Alles, was man darüber » xrior!lehrt, entweder tautologisch, oder ganz grundlos angenommen. Nurdie Erfahrung kann lehren, was uns Freude bringe. Die natür-lichen Triebe zur Nahrung, zum Geschlechte, zur Ruhe, zur Be-wegung, und (bei der Entwickelung unserer Naturanlagen) die Triebezur Ehre, zur Erweiterung unserer Erkenntniß u. dgl. können alleinund einem Jeden nur auf seine besondere Art zu erkennen geben,worin er jene Freuden zu setzen; ebendieselbe kann ihm auch dieMittel lehren, wodurch er sie zu suchen habe. Alles scheinbareVernünfteln a priori ist hier im Grunde nichts, als durch Induktionzur Allgemeinheit erhobene Erfahrung, welche Allgemeinheit (secnn-äum priueipia generali» non universal!») noch dazu so kümmerlichist, daß man einem Jeden unendlich viel Ausnahmen erlauben muß,um jene Wahl seiner Lebensweise seiner besonderen Neigung undseiner Empfänglichkeit für die Vergnügen anzupassen, und am Endedoch nur durchseinen, oder Anderer ihren Schaden klug zu werden.