Druckschrift 
18 (1866) Theseus und Valerius Publicola
Entstehung
Seite
22
Einzelbild herunterladen
 

22

ihre ächten Kinder verlieren und ihren Stamm aussterben sehenmüßten."

Solche Aenßerungen thaten dem Theseus wehe. Ueberzeugt,daß er hier nicht gleichgültig bleiben dürfe, sondern seine Pflichtdie Bethciligung an dem Geschicke der andern Bürger erfordere,kam er heran und stellte sich, ohne zu loosen. Jedermann fandseine hohe Gesinnung bewunderungswürdig; sein Patriotismuserwarb ihm die allgemeine Liebe. Zwar versuchte Aegeus dieeindringlichsten Bitten gegen ihn; als er jedoch die Unmöglichkeit,ihn zu einer Aenderung seines Entschlusses zu bewegen, einsah,ließ er die anderen jungen Leute das Loos ziehen. Hellanikns ')behauptet indessen, daß man von Seiten Athens keineswegs die-jenigen Personen beiderlei Geschlechts, welche man absendcn wollte,durch das Loos bestimmt habe; vielmehr sei Minos selbst jedes-mal gekommen, um eine Auswahl zu treffen, und habe, in Ge-mäßheit der Vertragsbestimmungen, sogar den Theseus zu allererstherausgenommen. Eine Bestimmung habe ferner dahin gelautet,daß die Athener das Schiff zu stellen hätten; nach ihrer Ein-schiffung sollten die jungen Leute mit ihm absegeln, ohne irgendeine Kricgswaffe mitzunehmen; nach dem Tode des Minotaurussollte die Strafe zu Ende sein.

Früher hatte man nun sich nicht der geringsten Hoffnungauf Rettung hingeben können; deßwegen führte auch das Schiff,welches man absandte, zum Zeichen des offenbar zu erwartendenUntergangs ein schwarzes Segel. Jetzt aber redete Theseus sei-nem Vater Muth ein und rühmte sich, den Minotaurus gewißbändigen zu können, weßwegen Aegeus dem Steuermann noch einanderes, weißes Segel gab, mit dem Befehle, bei der Rückkehr,wenn Theseus am Leben bleibe, das weiße aufzuziehen; im an-dern Falle solle er mit dem schwarzen fahren, um hiedurch denunglücklichen Ausgang zu signalisiren. Doch bemerkt Simonides:das von Aegeus mitgegebene Segel sei nicht weiß gewesen, son-dern dunkelroth, „gefärbt mit dem Blüthensaft reichsprossender

I) Hella nikuS. Es gab zwei Geschichtschreiber dieses Namens, wovon wahr-scheinlich der ältere aus Lesbos gemeint ist, der kurz vor Herodot lebte.