ausgkwMe Biographien. Deutsch von Ed. Eyth. Achtzehntes Bändchen. Theseus und Mterius Möticota. Stuttgart. Hoffmann'sche Verlags-Buchhandlung. 1866 . q.. < ! '-.V Cap. 1. Die Naturforscher im Gebiete der Geographie, mein lieber Sosius Senecio, Pflegen Alles, was ihrer näheren Kenntniß entgeht, auf dein äußersten Ende ihrer Karten zusammenzudrängen und fügen zuweilen die Randbemerkung bei, daß Alles, was drüber hinaus liege, lediglich aus wasserloscn Sandwüsten voll wilder Thiere, oder unergründlichen Morästen, aus skythischen Schneefeldern, oder Eismeeren bestehe. So geht cs mir, nachdem ich bei der Abfassung meiner Parallelbiographien die Zeit durchwandert habe, welche für eine glaubwürdige Schilderung erreichbar ist und für eine geschichtliche Forschung, die sich an That- sachen hält, hinreichend gesicherte Grundlagen bietet. Was noch tiefer in's Alterthnm zurückgeht, davon ließe sich füglich sagen: „Alles Weitere ist Mährchen und Dichtung; Poeten und Roman- schreibcr haben dort ihr Revier; da gibt es keine Zuverlässigkeit, keine Klarheit mehr!" Indessen, da ich die Geschichte des Gesetzgebers Lyknrgus und des Königs Nnma veröffentlicht habe, so glaubte ich cs nicht unangenehm finden zu müssen, wenn ich vollends bis auf Ro- mulns zurückginge, dessen Zeiten ich in meiner geschichtlichen Forschung so nahe gekommen war. Als ich nun überlegte (um mit Aeschylos zu sprechen)'): i) Aus den „Sieben gegen Theben" V. 3S7, sgs und 437, welche Plutarch znsammengezogen hat. 6 _ „Wer neben einem solchen Manne schreiten soll? Wen stell' ich ihm zur Seite? Wer ist groß genug?" Da erschien es mir am geeignetsten, den Begründer des schönen, viel gepriesenen Athens dem Vater der unüberwindlichen, ruhmvollen Noma vergleichend gcgenüberzustellen. Möge es mir gelingen so zu schreiben, daß sich das Sagenhafte, durch vernünftige Kritik gereinigt, in die Ordnung fügt und die Gestalt der Geschichte annimmt! Wo sich aber der Stoff hartnäckig gegen alle Glaubwürdigkeit sträuben sollte, ohne irgend eine Verschmelzung mit dem Wahrscheinlichen zuzulassen, — da werden wir eben freundliche Leser brauchen, welche'auch die Mührchen der Vorzeit mit Nachsicht aufnehmen. Cap. 2. Theseus scheint wirklich in manchen Aehnlichkeiten mit Ro- mulus zusammenzutreffen. Bei Beiden war ihre Abkunft unsicher und in Dunkel gehüllt, weßwegen sie für Göttersöhne galten. Auch waren „beide gewaltige Kämpfer, wie wir dieß alle gewahrten i) und zugleich waren sie Männer, welche mit der Kraft eine hohe Intelligenz verbanden. Zu den hervorragendsten Städten gehört Rom, das -der Eine gründete, und Athen, wo der Andere die ganze Bevölkerung vereinigte. Ein Weiberraub wurde von Beiden begangen. Dagegen entgieng keiner von Beiden dem Unglück im eigenen Hause und einer Nemesis innerhalb der Familie. Es sollen sogar Beide zuletzt noch mit ihren eigenen Mitbürgern in Conflikt gerathen sein, wenn anders Nachrichten, die am wenigsten eine poetische Ausschmückung erfahren zu haben scheinen, für die Wahrheit der Geschichte von Bedeutung sind. I) Homers Ilias VII, Wl, Das Geschlecht des Theseus geht von väterlicher Seite auf Erechthcus >) und die ersten Ureinwohner zurück; von mütterlicher Seite war er ein Pelopide. Pelops selbst verdankte theils der Größe seines Neichthums, theils — und noch mehr — der großen Anzahl seiner Kinder die bedeutendste Machtstellung unter allen Königen im Peloponnes. Er verehelichte viele Töchter an die Vornehmsten, wie er auch viele Söhne da und dort in den verschiedenen Staaten als Regenten einsetzte. Einer von ihnen, Pitthcus, der Großvater des Theseus, baute eine kleine Stadt, Trözcn ^), und besaß zugleich in der damaligen Zeit den Ruhm eines der Rede mächtigen, hochverständigen Mannes im hervorragendsten Sinne. Was man einen solchen Verstand nannte, hatte ohne Zweifel die Gestalt und Bedeutung, wie wir sie bei Hesiod finden, der gleichfalls durch ähnliche Sinn- und Sittensprüche in seinen „Werken und Tagen" sich einen so hohen Ruhm erwarb. Einen von diesen Sprüchen schreibt man dem Pitthcus zu: — „Einem befreundeten Manne genügt die berheißenc Löhnung^)." Dieß behauptet wenigstens der Philosoph Aristoteles. Auch Euri- pides, welcher den Hippolytos einen „Zögling des heiligen Pittheus" nennt, beweist dadurch deutlich die hohe Meinung, die man von Letzterem hegte ^). Aegeus, welcher bisher kinderlos geblieben, erhielt nun von der pythischen Priesterin, wie man erzählt, jenen allbekannten Orakelspruch, der ihm jede Gemeinschaft mit einem Weibe verbot, „bevor er nach Athen gekommen". Indessen war er doch über den Sinn der Worte nicht völlig im Klaren. Deßwegen 1) Erechtheus, nach Apollodor ein Sohn Vulkans und der Erde. 2) Trozen auf der Ostküste des Peloponnes. 2 ) Hesiod, Werke und Toge V. 36. 4) Vergl. Euripides' HiPPolytus V. 11. 8 ^ begab er sich nach Trözen, wo er dem Pittheus den Ausspruch der Gottheit mittheilte. Es war folgender: „Lose des SchlauchS vorragenden Hals, o trefflicher Herrscher, „Nimmer, bevor du gelangt zu dem wackeren Volk von Athenä." Offenbar verstand Pitthens den Sinn'; denn er bewog den Aegeus durch Gründe oder List, daß er mit Aethra znsammen- kam. Erst nachdem dieß geschehen, merkte Aegeus, daß es Pittheus' Tochter gewesen. Als er die Folgen vermuthete, entfernte er sich mit Zurücklassung seines Schwertes und seiner Sandalen, die er unter einem Fels versteckte, welcher im Innern eine hinreichend große Vertiefung Hatto, um zur Aufnahme der darin niedergelegten Gegenstände den passenden Raum zu enthalten. Nur gegen Aethra hatte er noch die Anweisung ausgesprochen: „falls sie ihm einen Sohn gebären würde und dieser späterhin beim Eintritt in das männliche Alter die erforderliche Kraft besäße, um den Stein aufzuheben und die hinterlassenen Gegenstände darunter wegzunehmen, sollte sie ihn mit denselben zu ihm schicken; doch sollte dieß ohne Vorwissen irgend eines Dritten geschehen, möglichst geheim vor aller Welt." (Denn er fürchtete sich in hohem Grade vor den „Pallantiden", die ihm nach dem Leben trachteten, und ihn wegen seiner Kinderlosigkeit gering schätzten; dieß waren nämlich fünfzig Söhne des Pallas*). Cap. 4. Nach seiner Entfernung gebar Aethra einen Sohn, der nach Einigen sogleich den Namen Thescus erhielt, wegen des Nieder- legens (Thesis) der Erkennungszeichen; nach Andern gab man ihm erst späterhin in Athen diesen Namen, als Aegeus ihn als Sohn anerkannte (Thesthai). *) Pallas war ein Sohn des Pandion, Bruder des AegeuS. und wurde mit seinen Söhnen später von Theseus erschlagen. Er wurde von Pittheus aufgezogen und hatte einen Lehrmeister und Aufseher an Konnidas, welchem bis auf den heutigen Tag die Athener je einen Tag vor dem Theseusfcste einen Widder opfern. Und in der That steht sein Gedächtniß noch mit weit besserem Rechte in Ehren, als das eines Silanion und Parrha- sius '), welche nur das Bild des Thescns gemalt oder in Stein gehauen haben. Cap. 5. Damals bestand noch die Sitte, daß man beim Austritt aus dem Knabenalter nach Delphi ging, um dem Gotte die Erstlinge seines Haares darzubringen. So begab sich denn auch Theseus nach Delphi, und noch jetzt soll daselbst ein gewisser Ort von ihm den Namen Thcsea tragen. Er schnitt sich aber die Locken nur vorn am Kopfe ab, wie Homer dieß von den Abanten erzählt; und diese Art von Tonsur heißt daher nach ihm die „theseische". Die Albanien waren die Ersten, bei denen sich die gleiche Manier findet, — nicht als ob sie es von den Arabern gelernt hätten, wie Einige glauben, auch nicht weil sie es den Mhsiern nachthun wollten, sondern vielmehr weil sie kriegerische Leute waren, bei denen es hieß: „Mann gegen Mann," —Leute, die es wohl von Allen am besten verstanden, ihrem Gegner unmittelbar ans den Leib zu gehen, wie dieß Archilochus in folgenden Versen bezeugt: „Dort wird nicht viel Bogen gespannt, nicht häufige Schleudern Braucht man, sobald Ares Heere zum Streite geführt In dem Gefild'; mit dem Schwert vollbringt man das Iammergeschäft dort; Denn in solcherlei Kampf sind sie dämonischer Art, Sie, Euböas' Gebieter, die speereberühmten Abanten; — r) Silanion, Bildhauer, Parrhasius, berühmter Maler, beide zu der Zeit Alexanders des Großen. 2 ) Abauten, altes Volk auf Euböa; vergl. Hom. Ilias II, 542. 10 Damit nun ihre Locken dem Feinde keine Möglichkeit bieten könnten, sie daran zn fassen, schnitten sie dieselben ab. An diesen Punkt hat ohne Zweifel auch der makedonische König Alexander gedacht, wenn er seinen Generalen, wie man erzählt, den Befehl gab, dafür zu sorgen, daß jeder Soldat sich den Bart abnehmen solle, weil ein Griff nach diesem wirklich in einer Schlacht sehr nahe liegt. Cap. 6. Aethra suchte nun lange Zeit die wahre Herkunft des The- seus geheim zu halten, während zugleich Pittheus das Gerücht verbreiten ließ, daß Poseidon dessen Vater sei. Poseidon wird nämlich in Trözen ganz vorzugsweise verehrt; dieser Gott ist der Schutzpatron ihrer Stadt; man bringt ihm die Erstlinge der Früchte dar und hat den Dreizack als Münzstempel angenommen. Indessen war Theseus zum Jüngling herangewachsen und zeigte neben seiner Körperstärke zugleich einen tapferen Muth und einen mit Verstand und Einsicht verbundenen beharrlichen Geist. Daher führte ihn jetzt Aethra zu dem Felsen, und nachdem sie ihm über seine Geburt die richtige Mittheilung gemacht, hieß sie ihn die Wahrzeichen seines Vaters hervorziehcn und sodann nach Athen absegeln. Theseus schlüpfte unter den Fels und drückte ihn ohne alle Schwierigkeit hinweg. Dagegen konnte er sich zu der Meerfahrt nicht entschließen, obgleich keine Gefahr damit verbunden war, auch Großvater und Mutter ihn mit Bitten bestürmten. Denn eine Reise auf dem Landwege nach Athen zu unternehmen, war etwas Mißliches, weil auch nicht die geringste Strecke völlig sauber, oder vor Räubern und Mördern gesichert war. Brachte doch überhaupt die damalige Zeit Menschen hervor, die zwar in der Kraft ihres Armes, der Schnelligkeit ihrer Füße und der Leibesstärke überhaupt, wie es scheint, riesenhaft und unermüdlich waren, aber ihre Natur niemals zu irgend etwas Milderem oder 11 Gemeinnützlichem anwandten. Trotziger Uebermuth war ihre Lust; der Genuß ihrer Macht bestand in Rohheit und Grausamkeit ^ in der Besiegung, Ueberwältigung und Vernichtung alles dessen, was ihnen in den Weg kam. Achtungsvolle Rücksicht und Gerechtigkeit, Billigkeit und Humanität wurde nach ihrer Ansicht von dem großen Haufen nur deßhalb gepriesen, weil mau znm Begehen eines Unrechts den Muth nicht hatte und vor dem Erleiden eines Unrechts sich fürchtete. Wer im Stande war, weiter zu greifen, brauchte solche Eigenschaften nicht. Von dieser Gattung Menschen rottete Herkules einen Theil ans, indem er sie auf seinen Wanderungen erlegte; Andere versteckten sich, als er durch die Gegend kam, in ihrer Todesangst, kamen dann zwar wieder hervor, aber ohne ferner beachtet zu werden, weil sie nun in der Demnth blieben. Allein nun begegnete dem Herkules der Unfall, daß er den Jphitus ") tödtete, worauf er sich nach Lydien hinwegbegab und lange Zeit daselbst bei Omphale als Knecht diente, — eine Buße, die er sich selbst für den Mord auferlegt hatte. Jetzt herrschte demnach in Lydien allenthalben Frieden und Sicherheit; aber in den griechischen Landen kamen jene Schurkereien wieder zur schönsten Blüthe und zum vollsten Ausbruch, weil Niemand vorhanden war, um ihnen Schranken zu setzen und sie einzndämmen. Eine Reise vom Peloponnes nach Athen war somit lebensgefährlich, wenn man den Landweg cinschlug. Pittheus machte ans diesem Grunde dem Thesens eine genaue Beschreibung von jedem einzelnen der Räuber, — wie stark er sei, und was er den Reisenden anthue, — um ihn hiedurch zur Fahrt über das Meer zu bewegen. Aber den Thesens, wie es scheint, brannte schon längst insgeheim der Ruhm von Herkules' Heldenthaten in den Gebeinen; er äußerte die größte Hochachtung gegen denselben i) JphituS war (nach Apollodor 71, k) ein Sohn des Königs EnrytuS von Oechalia auf Euböa.. Nachdem er dem Herkules viele Dienste geleistet, warf ihn dieser in einem Anfall von Raserei von der Mauer TirhnthS herunter. Zwar wurde H-rkuleS von DeiPhobnS in Amyklä gereinigt, verfiel aber dennoch in eine Krankheit, von welcher er, nach einem Orakel, nur durch dreijährigen Sklavendienst geheilt werden konnte, Er diente deßhalb der Königin Omphale in Lydien, 12 und hörte mit Begeisterung die Erzählungen von seiner Riesenstärke an, besonders aus dem Munde von Solchen, die ihn gesehen hatten und selbst Zeugen seiner Reden und Thaten gewesen waren. Und damals besonders — dieß war unverkennbar — empfand er vollständig das Gleiche, was Jahrhunderte später Themistokles empfunden und ausgesprochen hat: „daß ihn die Trophäen des Miltiades nicht schlafen lassen!" Ebenso wirkte in Theseus die Bewunderung von Herkules' Heldenthaten. In der Nacht waren sie der Gegenstand seiner Träume und während des Tags trieb ihn der Eifer, seinem Vorbild ähnlich zn werden, hinaus und stachelte ihn zu dem Vorsatz an, die gleichen Thaten zu verrichten. Cap. 7. Dazu kam, daß auch die Familien beider Helden verwandt waren, indem sie beide von Geschwisterkindern abstammten. Aethra war des Pitthens, — Alkmene der Lysidike Tochter; Lysidike und Pitthens aber waren Geschwister, als Kinder der Hippo- damia und des Pelops. Deßwegen erschien es ihm peinlich und unerträglich, daß Herkules nach den Uebelthütern allerorten auszog, um Land und Meer von ihnen zn säubern, während er selbst jedem so nahe sich anbietenden Kampfe entlaufen und zur Schande des Mannes, der bei ihm und Andern als sein Vater galt, auf einer Flucht über das Meer hinüberfahren —, während er ferner die Erkennungszeichen, Sandalen und Schwert, in der That ohne einen Blutstropfen darauf überbringen und nicht alsbald durch wackere Thaten und Handlungen den Stempel seiner edlen Geburt unverkennbar Nachweisen sollte! Mit diesem Geiste, diesen Gedanken brach er ans, entschlossen, Niemand ein Unrecht anzu- thun, aber auch Jeden, der zuerst gegen ihn Gewalt brauche, nachdrücklich zu züchtigen. 13 Cap. 8. Das Erste war, daß er im Gebiete von Epidaurus den Periphetes, der eine Keule als Waffe führte und daher der „Keulenmann" genannt wurde, im Kampfe erschlug, als derselbe handgreiflich gegen ihn wurde, um ihn am Weiterziehen zu hindern. Voll Freude über die Keule, die er erobert, machte er sie alsbald zu seiner eigenen Waffe, die er zeitlebens führte, wie Herkules das Löwenfell. Letzteres mar auf den Schultern seines Trägers ein sichtbarer Beweis von der Größe des Unthiers, das er überwältigt hatte; ebenso konnte Theseus mit seiner Keule Etwas aufweisen, das zwar von ihm überwunden, aber mit ihm unüberwindlich war. Auf dem Isthmus ließ er sodann den sogenannten „Fichtenbeuger" Sinnis ') auf die gleiche Art sterben, wie dieser selbst viele Menschen umgebracht hatte. Theseus hatte sich für eine solche Procedur weder durch Einübung, noch durch Gewohnheit befähigt, lieferte jedoch den Beweis, daß natürliches Geschick über alle Kunst und Uebung geht. Nun hatte Sinnis eine sehr schöne und große Tochter, Namens Perigune. Diese war nach der Tödtung ihres Vaters entflohen, wurde aber von TheseuS allenthalben ausgesucht. Sie war an einen abgelögenen Ort gekommen, wo sich vieles wilde Gesträuch, mächtiges Blätterwerk und Pflanzendickicht befand. In aller Unschuld und Kinderweise flehte sie nun dieselben an, wie wenn sie das verstehen könnten, und schwur dabei aufs heiligste: „wenn die Büsche sie retten und verstecken würden, so wolle sie denselben niemals Schaden zufügcn, oder sie verbrennen." Als Theseus sie hervorrief und ihr das Versprechen gab, auf's beste für sie zu sorgen und ihr nichts Böses anzuthun, kam sie aus i) Sinnis beugte zwei hohe Fichten herunter, befestigte seinen Gefangenen an jede und ließ die Bäume dann zuriickschnellen, wodurch der Angebundene zerrissen wurde. Pausanias (Beschreibung Griechenlands II, >1 will noch eine dieser Fichten gesehen haben. 14 ihrem Verstecke hervor und blieb bei Theseus, dem sie nach einiger Zeit den Melanippus gebar. Später wurde sie von Theseus dem Sohne des Eurytus aus Oechalia, Deionens, zur Gattin -gegeben. Von Theseus' Sohne Melanippus stammte Joxus, welcher in Gemeinschaft mit Ornytns eine Kolonie nach Karten führte, — woraus es sich erklärt, daß sich bei den männlichen und weiblichen Nachkommen des Joxus die alte Sitte bildete, kein Stachelgebüsch und Blätterwerk zu verbrennen, sondern dasselbe hoch in Ehren zu halten. Cap. 9. Das krommyonische Schwein ferner, welches man auch Phäa nannte, war keine geringfügige Bestie, sondern ein streitbares, schwer zu überwältigendes Thier. Dieses Thier bestand und erlegte Theseus nur so im Vorüberziehen, damit es nicht scheinen sollte, als thäte er Alles nur, weil er müßte. Ein wackerer Held, meinte er, solle mit bösen Menschen nur dann anbinden, wenn er angegriffen werde; bei gewaltigen Thieren müsse er wohl auch zuerst den lebensgefährlichen Kampf beginnen. Indessen behaupten Manche: „Phäa sei ein mordsüchtiges, wollüstiges Weib gewesen, die in jener Gegend, bei Krommyon, gewohnt habe; ein „Schwein" sei sie genannt worden wegen ihres Charakters und Lebenswandels; zuletzt habe sie Theseus todtgeschlagen." Cap. 10. An den Gränzen von Megaris tödtete er sodann den Ski- ron, den er von seinem Felsen hinunterschleuderte. Nach der allgemeinen Sage raubte dieser Skiron die Vorüberziehenden aus. i) Krommyon, kleine Stadt im Korinthischen Gebiet. 18 Auch erzählen Einige, daß er in frevlem Uebernmth den Fremden seine Füße hingehalten, mit dem Befehle, sie ihm zu waschen; und dann habe er die Unglücklichen plötzlich mit einem Fußtritt in's Meer hinabgestoßen. Doch treten die Schriftsteller aus Megara dieser Sage entgegen, und kämpfen (wie Simonides sich ausdrückt), „mit der langen Zeit". Sie lassen den Skirou weder einen übermüthigen Frevler, noch einen Räuber gewesen sein, im Gegentheil — einen Verfolger der Räuber, einen vertrauten Freund von allen wackeren und rechtschaffenen Menschen. Aeakus '), sagen sie, gelte für den thätigfrömmsten Mann, der je in Griechenland gelebt; Kychreus von Salamis genieße in Athen die Ehren eines Gottes; die Tugenden eines.Peleus und Telamon seien Niemand unbekannt. Nun denn — Skiron sei des Kychreus Schwiegersohn, des Aeakus Schwiegervater, des Peleus und Telamon Großvater gewesen, indem Letztere eine Tochter des Skiron und der Chari- klo, Endeis, zur Mutter hatten. Somit sei es nicht wahrscheinlich, daß die edelsten Menschen mit einem so argen Schurken in ein Berwandtschaftsverhältniß hätten treten können, indem sie das Beste und Werthvollste von ihm empfingen, oder ihm gaben. Ihrer Erzählung zufolge hat Thesens nicht bei seinem ersten Zuge nach Athen, sondern erst in späterer Zeit, durch eine Täuschung des Fürsten Diokles, -den Megareeru Eleusis abgenommen und bei dieser Gelegenheit den Skiron getödtet. So bedeutend sind die Widersprüche, auf welche man bei diesen Ereignissen stößt! Cap. 11. Bei Eleusis tödtete er den Kerkyon ?) aus Arkadien in einem Ringkampfe. Dann zog er eine kleine Strecke weiter und zwang >) AealnS, Sohn Jupiters und der Aegina, war so fromm, daß er Griechenland durch sein Gebet von einer HungerSnoth befreite und mit Minos und Rhada- inanthus Richter in der Unterwelt wurde. Kerkpon soll die Ningknnst erfunden haben. 16 - in Hermos') dm Damastes, mit dem Beinamen: „der Strecker" 2), sich selbst mit seinem Streckbett gleich zu machen, wie er dieß den Fremden gethan hatte. Hierin folgte Theseus dem Beispiel des Herkules, welcher gleichfalls seine Angreifer in der nämlichen Art züchtigte, womit man ihm selbst nach dem Leben trachtete. So schlachtete Herkules den Busiris als Opfer, erstickte den Antäus§) im Ringen, erlegte den Kyknus^) im Zweikampfe und tödtete den Termerus, indem er ihm den Kopf zerschmetterte (woher denn auch der Ausdruck: „Termerus' Unglück" entstanden ist; denn Termerus brachte alle, die ihm in den Weg liefen, dadurch um, daß er mit dem Kopfe gegen sie anrannte). So verfuhr denn auch Theseus gegen die Bösewichter mit seinen Strafen. Die gleichen Barbareien, welche sie an Andern begangen hatten, wurden jetzt von Theseus an ihnen selbst verübt, und so mußten sie in der mannigfaltigen Manier des eigenen Unrechts ihr Recht erleiden. Cap. 12. Als Theseus auf seinem Weiterzuge an den Fluß Kephi- sus kam, begegneten ihm einige Männer ans dem Geschlechte der Phytaliden 6), — die Ersten, die ihn mit Freundlichkeit begrüßten. Auf seine Bitte, in der gebräuchlichen Weise die Reinigung empfangen zu dürfen, wurde er von ihnen „geweiht". Sie schlach- >1 Dieser Ort findet sich nirgends; wahrscheinlich ist „ErineoS" zu setzen. 2) Damastes, der „Bändiger", nöthigte die Vorübergehenden, sich auf sein Bett zu legen; waren sie größer, so hieb er ihnen die Füße bis zum rechten Maße ab; waren sie kleiner, so dehnte er sie ihnen mit Gewalt bis zur Genüge aus. 2) Busiris, König von Aeghpten, opferte alle Fremden den Göttern und wurde daher von Herkules selbst dem Jupiter zu Ehren geschlachtet. 4) Antäus, Sohn Neptuns, König in Lhdien, war unüberwindlich, so lange er die Erde berührte, wurde also von Herkules in die Höhe gehoben und so erwürgt. b) AhknuS, Sohn des Mars und der Pelopia, forderte Herkules zum Zweikampf heraus. Termerus ist unbekannt. °) Ihr Ahnherr PhytaluS bewirthete die Ceres uud erhielt von ihr den Feigenbaum zum Geschenk. 17 teten für ihn ein Sühnopfer und hielten sodann in ihrem Hause ein Festmahl, während ihm zuvor auf der ganzen Wanderung nirgends die geringste Freundlichkeit erwiesen worden war. Am achten Tage des Monats Kromyos also, den man jetzt Hekatombäon') nennt, soll er in seiner Heimat angelangt sein. Indessen fand er nach seiner Ankunft in der Vaterstadt das ganze Gemeinwesen voll Verwirrung und Zwiespalt in den Gesinnungen; namentlich aber waren die Privatverhältnisse des Aegeus und seines HauseS in einem wirklich, krankhaften Zustande. Medea nämlich, welche, aus Korinth geflüchtet, das Versprechen gegeben hatte, durch Zaubermittel den Aegeus von seiner bisherigen Kinderlosigkeit frei zu machen, lebte in vertrautem Umgänge bei ihm. Diese merkte zuerst Etwas von Theseus, während Aegeus noch nichts wußte. Da nun Letzterer ein alter Mann war, der wegen der vorhandenen Parteiungen vor Allem Angst hatte, so bewog sie ihn, den angeblichen Fremden bei einem Mahle zu vergiften. Theseus stellte sich bei dem Essen ein, fand es jedoch nicht für angemessen, zuerst seinen Namen zu nennen; er wollte vielmehr dem Andern den Anfang der Entdeckung überlassen. Deßwegen zog er, als das Fleisch aufgetragen war, sein Messer 2), um mit diesem ein Stück abzuschneiden, und ließ ihn auf diese Weise das Schwert sehen. Kaum hatte Aegeus das letztere erkannt, als er den Giftbecher zur Erde warf und nach einigen weiteren Fragen seinen Sohn umarmte. Alsbald wurde eine Bürgcrversammlung veranstaltet, worin er die Anerkennung aussprach. Auch das Volk nahm den jungen Helden mit Freuden auf. Beim Niederfallen des Bechers wurde das Gift, wie die Sage geht, auf den Boden verschüttet — da, wo jetzt im Delphinium^) der umgitterte Raum ist. An dieser Stelle stand nämlich Aegeus' Wohnung; auch eine Herme (Merkurssäule) auf der Ostseite des Tempels heißt die „Statue am Aegeus-Portal". >) Helatombäon, erster athenischer Monat, entspricht ziemlich unserem Julius, o) Auch die homerischen Helden tragen, an der Schwertscheide hängend, ein großes Messer, durch dessen Herausnehmen hier der Griff des Schwertes sichtbar wurde. Vrgl. Jl. III, 271 ff. 2) Delphinium, Tempel des Apollo DelphiniuS. Plutarch. XVIII. 2 18 Cap. 13. Die Pallantiden trugen sich früher stets mit der Hoffnung, selbst einmal die Königswürde zu erlangen, wenn Aegeus kinderlos gestorben wäre. Allein nun war Theseus zum Nachfolger ernannt. Sie ärgerten sich also schwer darüber, — schon daß Aegens König sei, ein angenommener Sohn des Pandion, der mit Erechtheus' Familie durchaus in keinem Verwandtschaftsver- hältniß stehe, — und nun vollends, daß Theseus der Nachfolger auf dem Throne sein solle, der gleichfalls nur ein eingewanderter Fremdling sei. Sie griffen daher zu den Waffen und theilten sich dabei in zwei Haufen. Die Einen rückten, unter Anführung ihres Vaters, von Sphettos") her offen gegen die Hauptstadt, während die Andern sich bei Gargettos in einem Hinterhalt versteckten, um auf diese Weise ihre Gegner von zwei Seiten an- greifcn zu können. Allein es befand sich in ihrer Mitte ein Mann aus Agnos, Namens Leos. Dieser meldete dem Theseus den ganzen Anschlag der Pallantiden. Somit konnte Theseus urplötzlich den Hinterhalt überrumpeln, in welchem er sämmtliche Mannschaft niedermachte. Die andere Hälfte unter Pallas zerstreute sich nach allen Richtungen, als sie diesen Hergang erfuhr. Von dort an — erzählt man — wurde in der Gemeinde Pallene jede Familienverbindung mit Agnos aufgehoben; ebenso verbot man den landesüblichen Heroldsruf: „Akuete, Leo!" (Hört, ihr Leute!) denn man haßt dieses Wort wegen der Ber- rätherei des (ähnlich benannten) Mannes. Cap. 14. Theseus zog nun, um sich eine Thätigkeit zu schaffen und zugleich die Zuneigung des Volkes zu gewinnen, gegen den ma- rathonischen Stier aus, welcher damals den Bewohnern der Sphettos, Gargettos, Agnos rc. sind kleine Flecken in Attika. 19 Tetrapolis') nicht wenig zu schaffen machte. Er überwältigte ihn, führte ihn dann Nor Aller Augen lebendig durch die Stadt und schlachtete ihn zuletzt dem „Apollo Delphinins" zum Opfer. Auch die „Hekale" und das sie betreffende Mährcheu von Gastfreundschaft und wohlwollender Aufnahme scheint nicht völlig aus der Luft gegriffen. Denn die umliegenden Gemeinden pflegten sich zu einem Opfer für „Zeus Hekalos" zu vereinigen und ehrten dabei die Hekale, indem sie derselben den liebkosenden Namen „Hekaliuc" gaben, weil sie gleichfalls dem noch äußerst jungen Theseus, den sie beherbergte, wie ein freundliches altes Mütterchen, alle Liebe erwies und ähnliche Zärtlichkeitsnamen beilegte. Sie hatte auch für ihn, als er in den Kampf zog, ein Gelübde gethan: „wenn er glücklich wieder heim komme, wolle sie Zeus ein Opfer bringen"; allein sie starb noch vor seiner Rückkehr und erhielt nun, wie Philochorus^) berichtet, den obeuerzählten Dank für ihre Gastlichkeit, auf ausdrücklichen Befehl des Theseus. Cap. 15. Wenige Zeit nachher kamen von Kreta zum dritten Mal die Schergen an, welche den bekannten Tribut abholen sollten. Weil nämlich Androgeos, wie man glaubte, in Attika meuchlerisch getödtct worden war, hatte nicht nur Minos durch einen kriegerischen Einfall der Bevölkerung vieles Unheil zugcfügt, sondern auch der Himmel sandte Verderben über das Land. Unfruchtbarkeit und Seuchen lasteten schwer auf demselben; nicht minder traten auch gewaltige Ueberschwemmungen ein. Als nun die Gottheit den Athenern das Gebot ertheilte, mit Minos wieder Friede und Freundschaft zu schließen, worauf sein Grimm Nachlassen und ihr Jammer ein Ende nehmen würde, so wurden Herolde abgesandt, deren Bitten wirklich einen Friedensschluß herbeiführten. Doch geschah dieß nur unter der Bedingung, alle r)TctrapoliS, d. l). Distrikt der vier Städte, Oenoe, Probalinthus, Trh- korhthuS und Marathon, — im nördlichen Theil von Attika. 2) PhilochoruS schrieb eine Geschichte von Attila in 17 Büchern, und lebte zur Zeit des Ptolemiius Philopator. 2 * neun Jahre sieben Jünglinge und eine gleich große Anzahl von Jungfrauen als Tribut zu senden, — eine Angabe, worin die meisten Geschichtschreiber übereinstimmen. Wurden nun diese jungen Leute nach Kreta gebracht, so schildert uns die Sage in ihrer traurigsten Gestaltung, wie sie entweder von dem Minotaurus') im Labyrinth aufgefressen wurden, oder wie sie selbst darin verirrten und unfähig, wieder einen Ausgang zu finden, jämmerlich verschmachteten. Minotaurus aber sei, nach Euripides' Darstellung, „Ein scheußliches Geschöpf von arg gemischter Art" gewesen und „Zur Hälfte Stier, zur Hälfte Mensch — ein Doppelding." Cap. 16. Nach Philochorus' Angabe gestehen die Kreter Letzteres nicht ein, sondern behaupten: „das Labyrinth sei nur ein Ort des Gewahrsams gewesen, ohne weitere Schrecknisse, als daß die 'Gefangenen nicht hätten entfliehen können. Minos habe lediglich zu Ehren des Audrogeos einige Kampfspiele angestellt, wobei man die Kinder, welche inzwischen im Labyrinth sicher aufgehoben wurden, an die Sieger als Preis vertheilte. Nun siegte in den früheren Kampfspielen gerade der Mann, welcher bei Minos damals den größten Einfluß besaß, der Feldherr Taurus, ein harter, unfreundlicher Charakter, der auch mit den athenischen Kindern hochmüthig und rauh umging." Aristoteles 2) selbst glaubt offenbar — in seinem „Staat der Bottiäer" — ebenfalls nicht an eine Ermordung der Kinder durch Minos, sondern nur an ein lebenslängliches Sklavenver- hältniß auf der Insel Kreta. „Die Kreter (erzählt er) hatten einst ein altes Gelübde zu erfüllen und schickten deßhalb eine 1) Minotaurus, eig. Stier des Minos. Die Sagen über ihn sind verschieden, z. B. bei Apollodor III, I. 2) Aristoteles beschrieb in einem verloren gegangenen Werke die Verfassung von IR, nach Anderen von 255 Staaten. 21 „Erstlingsgabe von Menschen" nach Delphi und unter diesen übersandten Menschen seien auch Abkömmlinge von Jenen mitgekommen. Als sie aber nicht im Stande waren, sich daselbst fortzubringen, seien sie zuerst nach Italien hinübergefahren und hätten sich dort in Japygien ') niedergelassen; von Japygien seien sie dann wieder nach Thrakien ansgewandert, wo sie Bottiäer geheißen hätten; daher komme es, daß die Jungfrauen der Bottiäer bei einem gewissen Opfer unter Anderem die Worte singen: „Laßt u»S ziehen nach Athen." Man sieht, wie mißlich es ist, sich einen Staat, der Wort und Lied besitzt, zum Feinde zu machen. Auch Minos blieb hinfort für alle Zeit ein Gegenstand des Schimpfs und der Schmähung in allen attischen Theatern. Es war für ihn umsonst, daß ihn Hesiod den „besten König" oder Homer „den Vertrauten Jupiters" genannt hatte ^). Die Tragiker gewannen's und verbreiteten von den Brettern der Bühne aus überallhin den bösen Ruf seiner Grausamkeit und Härte. Und doch soll Minos ein König und Gesetzgeber gewesen sein und Rhadamanthys ein Richter, der die von Minos festgestellten rechtlichen Bestimmungen sorgfältig einhielt! Cap. 17. Als nun die Zeit des dritten Tributs herankam und die Väter, welche noch unverehelichte Kinder besaßen, diese zum Loosen stellen mußten, da wurden abermals gegen Aegeus die alten Verwünschungen laut. Alle Bürger äußerten ihren Schmerz und Unwillen: „er sei an der ganzen Sache schuldig und dabei der Einzige, der von der Strafe keinen Theil tragen müsse; während er einem unebenbürtigen, fremden Kinde die künftige Herrschaft zuerkannt habe, kümmere er sich nichts darum, daß die Bürger y Iahygta, eine Landschaft im südlichen Italien. >) Die Bottiäer wohnten an der thrakischen Küste, in der Nähe von Thessaloniks. s) Homer Od. XIX, 17 g. Die hesiodische Stelle findet sich nicht mehr. 22 ihre ächten Kinder verlieren und ihren Stamm aussterben sehen müßten." Solche Aenßerungen thaten dem Theseus wehe. Ueberzeugt, daß er hier nicht gleichgültig bleiben dürfe, sondern seine Pflicht die Bethciligung an dem Geschicke der andern Bürger erfordere, kam er heran und stellte sich, ohne zu loosen. Jedermann fand seine hohe Gesinnung bewunderungswürdig; sein Patriotismus erwarb ihm die allgemeine Liebe. Zwar versuchte Aegeus die eindringlichsten Bitten gegen ihn; als er jedoch die Unmöglichkeit, ihn zu einer Aenderung seines Entschlusses zu bewegen, einsah, ließ er die anderen jungen Leute das Loos ziehen. Hellanikns ') behauptet indessen, daß man von Seiten Athens keineswegs diejenigen Personen beiderlei Geschlechts, welche man absendcn wollte, durch das Loos bestimmt habe; vielmehr sei Minos selbst jedesmal gekommen, um eine Auswahl zu treffen, und habe, in Gemäßheit der Vertragsbestimmungen, sogar den Theseus zu allererst herausgenommen. Eine Bestimmung habe ferner dahin gelautet, daß die Athener das Schiff zu stellen hätten; nach ihrer Einschiffung sollten die jungen Leute mit ihm absegeln, ohne irgend eine Kricgswaffe mitzunehmen; nach dem Tode des Minotaurus sollte die Strafe zu Ende sein. Früher hatte man nun sich nicht der geringsten Hoffnung auf Rettung hingeben können; deßwegen führte auch das Schiff, welches man absandte, zum Zeichen des offenbar zu erwartenden Untergangs ein schwarzes Segel. Jetzt aber redete Theseus seinem Vater Muth ein und rühmte sich, den Minotaurus gewiß bändigen zu können, weßwegen Aegeus dem Steuermann noch ein anderes, weißes Segel gab, mit dem Befehle, bei der Rückkehr, wenn Theseus am Leben bleibe, das weiße aufzuziehen; im andern Falle solle er mit dem schwarzen fahren, um hiedurch den unglücklichen Ausgang zu signalisiren. Doch bemerkt Simonides: das von Aegeus mitgegebene Segel sei nicht weiß gewesen, sondern dunkelroth, „gefärbt mit dem Blüthensaft reichsprossender I) Hella nikuS. Es gab zwei Geschichtschreiber dieses Namens, wovon wahrscheinlich der ältere aus Lesbos gemeint ist, der kurz vor Herodot lebte. 23 Scharlacheiche')" und dieß habe er zum Signal ihrer Rettung gemacht. Der Steuermann des Schiffes war, nach eben diesem Simo- nides, ein gewisser Phereklos, Amarsyas' Sohn. Dagegen behauptet Philochorus, daß Theseus von Skirus einen Steuermann ans Salamis bekommen habe, Namens Nausithoüs, und einen Untersteuermann") Phäax, weil die Athener sich damals noch nicht so eifrig mit dem Seewesen befaßten; auch soll Menesthes, ein Tochtersohn des Skirus, unter den Jünglingen gewesen sein. Zeugniß hiefür legen die Heroendenkmale des Nausithous und Phäax ab, welche Theseus in Phaleron neben dem Tempel des Skirus errichten ließ; auch soll das sogenannte „Ruderfest" ihnen zu Ehren gefeiert werden. Cap. 18. Sobald das Loos gezogen war, holte Theseus alle davon Betroffenen aus dem Prytaneum ab und zog mit ihnen in das Delphininm, wo er für dieselben dem Apollo das „Weihgeschenk der Flehenden" darbrachte. Dieß war ein Zweig von dem heiligen Oelbaum, mit weißer Wolle umwunden. Nach Verrichtung des Gebets stieg er hernieder an den Strand — am sechsten Tag des Monats Munychion^) — dem Tage, an welchem man noch jetzt die Jungfrauen zur Anbetung in das Delphinium sendet. Auch erzählt man ferner, daß ihm in Delphi schon vorher von dem Orakel die Weisung ertheilt worden sei: „Aphrodite zur Führerin zu machen und als Begleiterin herbeiznrufen". Und bei dem Opfer am Meeresstrande sei die Ziege auf einmal in einen Bock (Tragos) verwandelt worden, weßwegen auch die Göttin „Epitragia" heiße. 2) Dieser hatte seinen Platz auf dem Vorderdeck, wie der eigentliche Steuermann aus dem Hinterdeck. b) Munychion, der zehnte Monat der Athener, etwa unser April. 24 Cap. 19. Nach seiner Ankunft in Kreta bekam er — wie die meisten Schriftsteller in. Prosa und Poesie berichten — von Ariadne, die sich in ihn verliebte, den bekannten „Faden" nebst Anweisung über die Art, wie er durch die Jrrgänge des Labyrinths hindurchzukommen vermöchte. Er tödtete also den Minotaurus und segelte dann mit Ariadne, die er zu sich nahm, und seiner Jugend wieder ab. Pherekydes ') fügt der Erzählung noch bei, daß Theseus an den Schiffen der Kreter den Fußboden habe einschla- gen lassen, um ihnen dadurch jede Möglichkeit einer Verfolgung zu benehmen. Dagegen berichtet Demo», daß Taurus, der Feldherr des Minos, erschlagen worden sei, als er, bei der versuchten Abfahrt des Theseus, letzteren noch im Hafen mit seinen Schiffen angriff. Eine andere Angabe des Philochorus geht dahin, daß nämlich, als Minos die Kampfspiele wieder veranstaltete, Jedermann einen abermaligen Sieg des Taurus erwartete, was einen allgemeinen Neid hervorrief. Denn seine Macht war wegen der Beschaffenheit seines Charakters verhaßt; auch ging über ihn das schlimme Gerücht von einem unerlaubten Umgang mit (der Königin) Pasiphae. Als daher Theseus sich gleichfalls an dem Kampfe zu betheiligen wünschte, gab Minos seine Einwilligung. Nun war es in Kreta gewöhnlich, daß das weibliche Geschlecht sich gleichfalls unter den Zuschauern befand. Auch Ariadne war anwesend und wurde über die äußere Erscheinung des Theseus ganz betroffen, wie sie zugleich seine athletische Kraft bewundern mußte, indem er über alle Andern Meister wurde. Minos hatte nicht minder seine Freude daran, daß Taurus zu Boden geworfen und dadurch dem allgemeinen Spotte preisgegeben war. Er gab daher dem Theseus die Kinder zurück und erließ der Stadt ihren bisherigen Tribut. I) Pherekydes, ein Geschichtschreiber NUS Karlen, Berfasser eines Werks über das älteste Attika, nicht zn verwechseln mit dem gleichnamigen Philosophen, dem Lehrer des Pythagoras. 25 Ganz eigenthümlich und ausführlich lautet hierüber der Bericht des Klidemos, der ganz von oben anfängt und behauptet: es sei ein allgemeiner Beschluß der Griechen gewesen, daß keine Galeere irgendwo mit mehr als fünf Personen Bemannung aus- fahren solle; nur der Befehlshaber der Argo, Jason, habe umhersegeln dürfen, um das Räuberwesen von dem Meere zu verdrängen. Als aber Dädalus mit einem Fahrzeuge nach Athen geflohen, wurde Minos, der ihn im Widerspruch gegen jene Beschlüsse mit seinen Kriegsschiffen verfolgte, von dem Sturme nach Sicilien verschlagen und endigte dort sein Leben '). Hierauf verlangte sein Sohn Deukalion, der gegen Athen feindselig gestimmt war, durch eine Gesandtschaft die Auslieferung des Dädalus, widrigenfalls er mit Ermordung der Kinder drohte, welche Minos als Geißeln erhalten hatte. Diesem gab Thesens eine ruhig gehaltene Antwort, indem er zugleich um Schonung für seinen Verwandten Dädalus bat, der auch zu der Familie des Minos gehöre, sofern dessen Mutter, Merope, eine Tochter des Erechtheus sei. Indessen ließ er selbst auch Schiffe bauen und zwar teilweise im eigenen Lande, in der Gemeinde Thymätadä, entfernt von der Fremdenstraße, theilweise durch Pittheus in Trözen, weil er seine Absichten verborgen halten wollte. Sobald die Schiffe fertig waren, fuhr er aus, — mit Dädalus und flüchtigen Kretern als Führern an Bord. Niemand ahnte Etwas; vielmehr glaubte man befreundete kretische Schiffe sich annähern zu sehen. Er bemächtigte sich also des Hafens und drang nach seiner Landung unvermuthet in Knossus ein. An den Thoren des Labyrinths kam es zu einer Schlacht, worin er Deukalion und dessen Trabanten tödtete. Jetzt übernahm Ariadne die Leitung der Geschäfte und Theseus schloß mit ihr einen Vertrag ab, in Folge dessen er nicht nur die jungen Leute zurückbekam, sondern auch zwischen Athen und Kreta Frieden machte. Die Kreter gelobten hiebei eidlich, niemals wieder einen Angriff zu unternehmen. 1) Nach Diodor war DädaluS nicht nach Athen, so, den, nach Sicilien geflohen, wo er bei dem Könige der Sikaner, Kolalus, eine liebreiche Aufnahme fand. Von diesem wurde MinoS im Bade umgebracht. 2) Knossus, Hauptstadt von Kreta, am Berg Ra. 26 Cap. 20. Uebrigens gibt es theils hierüber, theils über Ariadne noch mancherlei Erzählungen, bei denen jedoch keine Uebcreinstimmnng herrscht. Nach Einigen soll sie sich erhängt haben, weil sie von Thesens verlassen wurde; anderen Berichten zufolge wurde sie von Schiffern nach Naxos gebracht, wo sie sich mit dem Bacchusprie- ster Oenarus vermählte, weil Thesens wegen sonstiger Liebschaften sie im Stiche gelassen hatte: denn „Heftige Liebe zu Aegla, des Panoheus Tochter, verzehrt' ihn." Diesen Vers entfernte jedoch späterhin Pisistratus, nach Angabe des megarensischen Schriftstellers Hereas, aus den Werken Hesiods, wie er andrerseits in Homers „Todtenlied" (d. h. Buch XI. der Odyssee) den Athenern zu Liebe die Stelle cinfügte: „PirithouS und Thesens — der Götter erhabene Söhne" 1). Nach Einigen gebar ferner Ariadne dem Thesens zwei Söhne, Oenopion und Staphylus, die auch der Chier Jon in einer Stelle von seinem Vaterlande erwähnt in den Worten: „welche des Theseus Sproß gründete, Oenopion." Was die günstigste Gestaltung der Sage ist, findet sich in Jedermanns Munde. Dagegen hat Päon aus Amathus?) einen ganz eigenthümlichen Bericht darüber veröffentlicht. Theseus — erzählt er — wurde vom Sturme nach Cypern verschlagen, wo er die in gesegneten Umständen befindliche und durch die Bewegung des Meeres äußerst unpäßlich gewordene Ariadne ganz allein an's Land setzte; er selbst wollte dann seinem Schiffe wieder zu Hilfe eilen, wurde aber vom Lande in's Meer hinansgetrieben. Nun hatten die eingeborenen Frauen sich der Ariadne angenom- 1) Hom. Od. xi, oso. 2) Amathus, Stadt in Chpern, von welcher Venus „Amathusia" den Namen hat. - 27 , men und dieselbe in ihrem Schmerze über die Verlcissung gepflegt, ihr erdichtete, angeblich von Theseus geschriebene Briefe gebracht und beim Eintreten der Geburtswchen hilfreiche Dienste geleistet, endlich sie auch noch begraben, als sie starb, ohne geboren zu haben. Jetzt kam Theseus wieder zurück und zeigte die größte Betrübniß. Er hinterließ den Eingeborenen eine größere Geldsumme mit der Bestimmung, der Ariadne ein Opferfest zu begehen; auch habe er zwei kleine Statuetten aufstellen lassen, die eine von Silber, die andere von Erz. Bei dem Opfer, das am zweiten Tag des' Monats Gorphäus ") stattfindet, muß sich einer von den Jünglingen niederlegen und stellt nun in Tönen und Handlungen eine Frau in den Geburtswehen dar. Den Hain, worin man noch jetzt die Grabstätte zeigt, nennen die Bewohner von Amathus den der „Venus Ariadne". Eigentümlich ist die Darstellung einiger Naxier, wonach es zwei Minos und zwei Ariadne gab, davon die Eine aus Naros die Gattin des Bacchus und Mutter der Familie des Staphylos geworden sei, während die jüngere, von Theseus geraubt und nachher verlassen, erst nach Naxos gekommen sei und in ihrer Begleitung ihre Amme, Korkyne, gehabt habe, deren Grab man noch zeige. Auch Ariadne sei daselbst gestorben und genieße eine gewisse Verehrung, jedoch nicht in gleicher Art, wie jene frühere. Bei der früheren ist das Fest ein vergnügtes Freudenfest, wogegen die Opferfeierlichkciten, die man der späteren anstellt, eine starke Beimischung von düsterer Trauer enthalten. Cap. 21. ' ^ Bei der Rückfahrt von Kreta landete Theseus in Delos. Hier opferte er dem Gotte und weihte ihm die Bildsäule der Venus, welche er von Ariadne empfangen hatte ^). Auch führte er mit seinen jungen Leuten einen Reigentanz auf, den die Delier 1) GorpyäuS, der eilfte Monat der Makedonier, von denen inan vermuthlich in Khpcrn die Monatsnamen späterhin annahm. 2) PausaniaS will diese Bildsäule, die unten, anstatt der Füße, in ein Viereck ausging, in Delos noch gesehen haben. 28 noch heutzutage abhalten sollen und welcher die Kreis- und Quergänge des Labyrinths durch einen gewissen Rhythmus mit mancherlei Wendungen und Windungen mimisch darzustellen sucht. Man nennt in Delos diese Art von Reigentanz: Geranos (Kranich), wie Dikäarchus') berichtet. Theseus tanzte ihn um den Altar Keraton, der aus lauter linken Hörnern zusammcnge- fügt war. Auch soll er in Delos Kampfspiele veranstaltet haben, wobei zum ersten Male von ihm den Siegern ein Palmzweig gegeben wurde. Cap. 22. Bei der Annäherung an Attika vergaß er selbst, vergaß auch der Steuermann vor Freuden, das Segel aufzuspannen, durch welches dem Aegeus ihre Rettung sollte zu erkennen gegeben werden. In der Verzweiflung stürzte sich derselbe vom Felsen herab und fand ans diese Weise seinen Tod. Sobald Theseus eingefahren war, brachte er zu Phaleron den Göttern die Opfer dar, welche er bei seiner Ausfahrt gelobt hatte; auch schickte er einen Herold in die Stadt, um ihre Rettung zu melden. Letzterer traf viele Leute wehklagend über des Königs Tod, — Andere, wie natürlich, in freudiger Erregung und voll der frohen Absicht, ihn wegen der Rettung zu beglückwünschen und zu bekränzen. Er nahm die Kränze und wand sie um seinen Heroldstab. Weil aber bei seiner Zurückkunft an das Meer Theseus das Trankopfer noch nicht beendigt hatte, so blieb er außen stehen, indem er die heilige Handlung nicht zu stören Wünschte. Sobald jedoch das Opfer dargebracht war, meldete er den Tod des Aegeus. Jetzt eilten sie unter Jammergeschrei und in größter Verwirrung nach der Stadt zurück. Daher kommt es, daß man noch jetzt beim Feste der Oschophorien nicht den Herold, sondern den Heroldstab bekränzt und daß die Anwesenden bei dem l) DikäarchuS, Schüler des Aristoteles, fruchtbarer Schriftsteller, von dem jedoch nur sehr Weniges erhalten ist. 29 ^ Trankopfer den Ruf: „Elelen, In, In!" erschallen lassen, — wovon man das eine Wort bei Eilfertigkeit und als Kriegsgesang zu gebrauchen Pflegt, während das andere ein Ausruf des Schreckens und der Bestürzung ist. Nachdem Thescus seinen Vater begraben hatte, erfüllte er dem Apollo sein Gelöbniß am siebenten Tag des Monats Pya- nepsion '), — dem Tage, an welchem sie gerettet in die Stadt einzogen. Das Kochen von Hülsenfrüchten soll hiebei durch den Umstand veranlaßt worden sein, daß sie nach ihrer vollbrachten Rettung die Ueberreste ihres Mnndvorraths in Eins vermengten und einen gemeinschaftlichen Topf abkochten, worauf sie sich zu- sammensctzten und Alles mit einander verzehrten. Auch trägt man die sogenannte Eiresione öffentlich einher, d. h. einen Olivenzweig, mit Wolle umwunden, wie cs damals der heilige „Stab der Flehenden" war, und allenthalben mit mancherlei Erstlingsfrüchten behängen, zum Zeichen, daß die Unfruchtbarkeit aufgehört habe. Auch singt man dabei folgende Worte: „Eiresione bringt uns Feigen und nährende Brode, Honig in Schalen dabei, sammt Oel zur reichlichen Salbung, Becher von lauterem Weine, damit sie entschlummere trunken/' Uebrigens sollen diese Gebräuche nach Einigen zum Andenken an die Herakliden eingeführt worden sein, welche auf die genannte Weise von den Athenern ernährt wurden; die meisten Schriftsteller jedoch machen ihre Angaben wie oben. Cap. 23. Das Schiff, worin Theseus mit den jungen Leuten nach Kreta fuhr und wieder glücklich zurückkam, ein Fahrzeug von dreißig Rudern, hoben die Athener bis zu den Zeiten des Demetrius aus Phaleron sorgfältig auf 2), indem sie stets das alte Holz Wegnahmen und dagegen andere, kräftige Stücke einsetzten. >) Pyanepsion, der siinfte Monat der Athener, etwa unser November, bezeichnet eben die Zeit, da man an dem Feste Hülsenfritchte (xz-ana) kocht (boxosiu), i) Nahezu ein Jahrtausend. 30 Diese Einfügung geschah in einer so exakten Weise, daß sogar für die Philosophen — bei der Frage über das Wachsthum der Dinge — dieses Fahrzeug einen streitigen Beleg abgcben mußte, indem das Schiss nach der einen Behauptung das gleiche geblieben, nach der anderen nicht mehr das nämliche sei"). Auch das Oschophorienfest 2), welches man in Athen feiert, stammt von Theseus. Denn er habe nicht sämmtliche Jungfrauen, welche damals das Loos traf, mit fortgenommcn, sondern unter seinen jungen Freunden seien zwei von zarter, fast weiblicher Erscheinung gewesen, die jedoch eine männliche Seele und kecken Muth besaßen. Durch warme Bäder, Aufenthalt im Zimmer, durch Salben und andere Knnstmittcl für das Haar, glatte Haut, schönen Tint gab er denselben ein möglichst verändertes Aussehen; auch lehrte er sie, in Stimme, Haltung und Gang auf's Genaueste ein Mädchen nachzuahmcn, so daß kein Unterschied mehr bemerklich wurde. Dann reihte er sie unter die Schaar der Jungfrauen ein, ohne daß irgendwer den geringsten Verdacht schöpfte. Nach seiner glücklichen Rückkehr hielt er mit den genannten Jünglingen einen feierlichen Aufzug, wobei dieselben gerade so gekleidet waren, wie jetzt die jungen Leute, welche die Weinreben tragen. Letzteres geschieht dem Bacchus und der Ariadne zu Ehren, wegen des bekannten Mythus, oder vielmehr weil die Rückkunft erfolgte, als zugleich der Herbstertrag eingcheimst wurde. Auch nimmt man die sogenannten „Speiscträgcrinnen" zu dem Feste, — Frauen, welche sich nur bei dem Opfer betheiligen, indem sie die Mütter der von dem Loose getroffenen jungen Leute darstellen. Denn diese liefen noch wiederholt -zu denselben heran, um ihnen Fleischwerk und andere Speisen zu bringen. Auch werden Mährchen erzählt, weil jene Mütter zur Aufheiterung und Tröstung ihren Kindern gleichfalls noch solche Geschichtchen Preisgaben. Diese Umstünde hat unter Anderen auch Demon berichtet. 1) Ein anderes Beispiel: „ist bei dem Stoffwechsel nach längerer Zeit der Leib des Menschen der gleiche oder ein anderer" ? So behauptete auch Heraklit: „man könne nicht zweimal in den gleichen Fluß steigen". 2) Oschophorien von oocbos, Weinrebe und xkorein, tragen. 31 Ferner wurde von Theseus für das Opfer ein besonderer heiliger Platz ausgeschieden, wie er auch die Bestimmung gab, daß die Angehörigen der Häuser, welche früher den Tribut entrichten mußten, ihm zum Behuf des Opfers gewisse Beiträge liefern sollten. Das Opfer selbst besorgten die Phytaliden, welchen Theseus hiemit ihre Freundlichkeit gegen einen Fremden zu vergelten suchte. Cap. 24. Bald nach Aegeus' Tode entwarf er den Plan zu einem großen und bewunderungswürdigen Unternehmen, indem er die sämmtlichen Bewohner von Attika in Einer Capitale vereinigte. So bildete er eine einzige Stadtgemeinde, während die Leute bisher in der Zerstreuung gelebt hatten und daher nur mit Schwierigkeit zur Berathung ihrer allgemeinen Interessen berufen werden konnten. Zuweilen herrschte sogar eine Uneinigkeit, die sich bis zur Befehdung steigerte. Deßwegen besuchte er sie in ihren einzelnen Gemeinden und Stämmen, um sie durch seinen Zuspruch zu gewinnen. Die gemeinen und unbemittelten Leute nahmen nun seine Aufforderung alsbald an; den Einflußreichen stellte er den Gewinn einer Staatsverfassung ohne Königthum, einer Demokratie vor Augen, die ihn selbst nur noch als Anführer im Kriege und als Wächter der Gesetze brauchen würde, während sie in allen andern Stücken vollkommene Gleichheit geben sollte. Einige ließen sich durch solche Vorstellungen wirklich überzeugen; Andere, die seine bereits sehr groß gewordene Macht, wie auch seine Kühnheit fürchteten, wollten die verlangten Zugeständnisse lieber gutwillig, als gezwungen machen. Er hob also die bei den Einzelnen befindlichen Prytaneen, Nathhäuser und Behörden auf, dagegen stellte er ein für Alle gemeinschaftliches Prytaneum ') und Rathhaus auf und zwar in >) Prytaneum, Stadthaus, wo das heilige Feuer brannte und die Prytanen, d. h. die leitenden Mitglieder des Senats, wohnten und speisten. _ 32 dem Thcile der Stadt, der jetzt Asty ') heißt; die Stadt selbst benannte er Athen und führte die Panathenäen als gemeinschaftliches Opferfest ein. Außerdem beging er auch das, noch heutzutage bestehende, Fest der Metökien^) am sechszehnten Tag des Monats Hekatombäon. Und jetzt legte er, seinem Versprechen zufolge, die königliche Würde nieder, um die Verfassung in Ordnung zu bringen, wobei er mit der Religion begann. Denn auf seine Anfrage in Delphi wurde ihm folgende Antwort hinsichtlich des neuen Staates gegeben: „AegeuS' Sohn, ThesenS, von Pittheus' Tochter geboren, Traun, mein Vater — er hat snr mancherlei Städte die Gränzen Niedergeleget in euerer Stadt, sammt ihren Geschicken; Aber o mache dir nicht voll Sorge darüber Gedanken Tief im Geist; es schwimmet ein Schlauch stets über der Meersluth." Das gleiche Orakel soll auch eine Sibylle späterhin der Stadt gegeben haben: „Nntergetaucht, wie ein Schlauch, wirst du, doch ohne zu sinken." Cap 25. In der Absicht, die Bevölkerung der Stadt noch mehr zu heben, lud er nun, unter Verheißung von vollständiger Rechtsgleichheit, Jedermann zum Beitritt ein und die Ausrufformel: „Heran, ihr Völker all'!" soll von Theseus herrühren, der eine allgemeine Republik zu begründen beabsichtigte. Indessen wollte er doch keineswegs unter dem Einfluß einer unterschiedlos heranströmenden Menschenmenge ein ungeordnetes, verworrenes Wesen in seiner Demokratie aufkommen lassen, sondern war der Erste, welcher die Abtheilung in Eupatriden, Geomoren und Demiurgen (d. h. Adelige, Ackerbauer und Ge- werbsleute) einführte. >) Asty, die alte Stadt, welche um die von KekroPS erbaute Akropolis herum lag, der City in London vergleichbar. 2) Metökien, Fest des Wohnungswechsels. ») Vielleicht ist hier die Pythia mit einer italischen Sibylle verwechselt. 33 Den Eupatridcn übertrug er die Erkenntniß in Religionssachen, die Stellung obrigkeitlicher Personen, die Pflicht über die Gesetze Belehrungen zn geben und sowohl göttliche, als menschliche Rechte auszulcgen. Außerdem gab er ihnen eine den übrigen Bürgern nahezu gleiche Stellung, indem die Enpatrideu nur in der Ehre, wie die Geomoren durch den Nutzen und die Demiur- gcn durch ihre Anzahl, einen Vorrang zu besitzen schienen. Daß er zuerst eine Schwenkung zu den unteren Klassen machte, (wie sich Aristoteles ausdrückt,) und somit die Alleinherrschaft aufgab, scheint auch Homer zu bezeugen, sofern er in seinem Schiffsver- zeichniß-) bloß die Athener einen Demos, d. h. eine freie Gemeinde, nannte. Ferner ließ Theseus auch Münzen mit dem Gepräge eines Ochsen schlagen, entweder wegen des marathonischen Stiers, oder mit Beziehung auf den Feldherrn des Minos, oder endlich, um seine Landsleute zum Ackerbau einzuladen. Von ihm soll auch die Benennung: „Hekatomböon und Dekaböon **) herrühren. Nachdem er das megarische Gebiet in dauernder Weise für Attika gewonnen hatte, ließ er auf dem Isthmus die vielbesprochene Säule aufrichten, welche von ihm eine Aufschrift erhielt, die durch zwei sechsfüßige Jamben die Landesgränze bezeichnete. Auf der östlichen Seite stand: „Hier ist nicht mehr Peloponnes, hier Jonien!" und auf der Westseite: „Hier ist PeloponnesoS und nicht Jonien!" Auch veranstaltete er dort, um den Vorgang des Herkules nachzuahmen, zuerst die Wettspiele, indem er eine Ehre darin suchte, daß die Griechen auf seine Veranlassung ebenso dem Poseidon die isthmischcn Spiele feierten, wie man, durch Herkules veranlaßt, dem Zeus die olympischen Spiele abhiclt. Diejenigen nämlich, st Name des zweiten Buchs der Jliabc. »st D. h. Werth von 100, oder 10 Ochsen — Ausdrücke, die jedoch dei Homer noch leine eigentliche Münze bezeichnen. Plutarch. XVIII. 3 34 welche man dem Melikertes * **) ) zn Ehren beging, wurden zur Nachtzeit begangen und haben also mehr die Anordnung von Mysterien, als von einem Schauspiel und Volksfest. Indessen behaupten Einige, daß die Jsthmien zu Ehren des Skiron eingesetzt worden seien, indem Theseus ans verwandtschaftlichen Rücksichten seine Blutschuld dadurch abzuthun suchte; denn Skiron sei ein Sohn des Kanethos und einer Tochter des Pittheus, Henioche, gewesen. Letzteres behaupten wieder Andere von Sinnis, nicht von Skiron, und die Spiele seien also von Theseus für den Ersteren, nicht für den Zweitgcnannten, eingesetzt worden. Nun wurde ferner, den Korinthiern gegenüber, auf's Bestimmteste von ihm festgesetzt, daß sie denjenigen Athenern, die sich bei den isthmischen Spielen einfinden würden, den ersten Platz mit so viel Raum überlassen sollten, als das auSgespannte Segel des „Festschiffes" (Theoris) bedeckte; — eine historische Notiz, die wir dem Hellanikus und Andron ans Halikarnaß verdanken. Cap. 26. Hierauf segelte Theseus — nach der Angabe des Philocho- rus und einiger anderer Schriftsteller — in den Pontus Euxinus, wo er sich mit Herkules an dessen Zuge gegen die Amazonen bc- theiligte und zum Lohn für seine Heldenthaten die Antiope bekam. Die Mehrzahl der Schriftsteller, worunter sich auch Pherekydes, Hellanikus und Herodorus befinden, behaupten indessen, daß Theseus später, als Herkules, mit eigenen Schiffen dorthin einen Zug unternommen und die Amazone zur Gefangenen gemacht habe, — eine allerdings glaubwürdigere Annahme, denn von keinem Andern, *) Melikertes, Sohn des Königs AthamaS in Thcbä und der Ino, der Tochter des KadmuS. Nachdem seine Mutter mit ihm in'S Meer gesprungen war, bekam er, als nunmehriger Meergott, den Namen Palämon. SisyphuS von Korinth veranstaltete die isthmischen Spiele an dem Orte, wo sein Leichnam gefunden worben war. **) Dieses Schiff, auf welchem Thesen? gefahren war, machte alljährlich die heilige Fahrt nach DeloS, welche „Theoria" hieß. 35 der mit ihm den Feldzug mitmachte, wird berichtet, daß er eine Amazone gefangen nahm. Dem Bion zufolge hat er auch sie nur durch eine List hinweggeführt; denn die Amazonen seien von Natur keineswegs — Männerfeinde gewesen, und seien auch nicht vor Theseus geflohen, als dieser landete; sie hätten ihm sogar Gastgeschenke zugesandt; nun habe er die Ueberbringerin eingeladen, sein Schiff zu besteigen, und sobald sie dieß gethan, sei er davongefahrcn. Ein gewisser Menekrates, welcher eine Geschichte der Stadt Nikäa in Bithynien herausgegeben hat, erzählt ferner, daß Theseus mit seiner Antiope sich noch länger in diesen Gegenden aufgehalten habe, wobei ihn drei junge Männer aus Athen, die zu einander Brüder waren, Euneos, Thoas und Solois, auf seinen Zügen begleiteten. Der Letztere verliebte sich nun in Antiohe und vertraute, ohne daß man in weiteren Kreisen etwas bemerkte, die Sache nur einem einzigen näheren Freunde an, der hierüber gelegenheitlich mit Antiope sprach. Allein Antiope wies die Versuchung mit aller Entschiedenheit von sich, zeigte jedoch bei dem Handel so viel Ruhe und Nachsicht, daß sie bei Theseus keine Beschwerde vorbrachte. Dennoch stürzte sich Solois, als er an seinem Plan verzweifeln mußte, in einen Fluß und ertränkte sich. Erst jetzt erfuhr Theseus die Schuld und die Leidenschaft des jungen Mannes. Die Sache lag schwer auf ihm, wie eine drückende Last, und cs kam ihm ein Orakel, das er erhalten hatte, in Erinnerung. Es war ihm nämlich der Sage nach in Delphi von der pythischen Priesterin befohlen worden, „wenn er einmal in fremdem Lande in den größten Schmerz und Kummer verfallen sei, daselbst eine Stadt zu gründen und einige Leute aus seinem Gefolge als Häupter derselben zurückzulassen." Deßwegen habe er die Stadt, welche er gründete, nach dem Gotte Pytho- polis genannt und den benachbarten Fluß zur Ehre des jungen Mannes Solois *). Auch habe er dessen Brüder dort zurückgelassen, als Vorstände und Gesetzgeber der Stadt, und neben denselben einen gewissen Hermus aus dem Stande der Eupatriden *) Weder von P-thoxolis, noch vom Flusse Solois ist etwas Näheres bekannt. 3 * 36 zu Athen, nach welchem die Bewohner von Pythopolis einen gewissen Platz Hermeshaus nennen, indem sie unrichtigerweise die Buchstaben verwechseln und hiedurch die beabsichtigte Ehre von einem Heroen auf einen Gott übertragen*). Cap. 27. Dieß gab nun den Anlaß zu dem Kriege mit den Amazonen, wobei jedoch die Aufgabe, die Thesens hatte, keineswegs als eine geringfügige, oder weibische sich darstellt. Denn die Amazonen hätten sich unmöglich mitten in der Hauptstadt lagern und die Schlacht in unmittelbarster Nähe der Pnyx und des Museums **) liefern können, wenn sie nicht das ganze Land zuvor bemeistert hätten und dann ohne Widerstand in Athen selbst einge- gedrungen wären. Ob sie nun, nach Hellanikus' Angaben, über den gefrorenen kimmerischen Bosporus herüber kamen, ist ungewiß und schwerlich zu glauben; daß sie aber mitten in der Stadt ihr Lager aufgeschlagen, wird durch die Namen von verschiedenen Oert- lichkeiten bezeugt, wie auch durch die Gräber der Gefallenen. Lange Zeit herrschte nun auf beiden Seiten eine gewisse Bedenklichkeit, womit man den Angriff verzögerte. Endlich begann Theseus den Kanipf, nachdem er, einem Orakel zu Folge, zuvor dem Gotte der Furcht ein Opfer gebracht. Die Schlacht fällt in den Monat Boedromion ***), und zwar auf den gleichen Tag, an welchem die Athener noch heutzutage die Boedromien begehen. Kleidemus, welcher alle Einzelnheiten auf's Genaueste zu berichten sucht, gibt an, daß der linke Flügel der Amazonen seine Richtung gegen das jetzt sogenannte Amazoneum gehabt, während sie mit dem rechten (auf der Seite von Chrhsa) sich gegen den Hügel Pnyx ausdehnteu. Gegen diesen Flügel hätten die Athener ge- *) Um das Wesentliche dieser Sache dem deutschen Leser verständlich zu machen, erlaubte man sich dem griechischen Texte gegenüber eine kleine Freiheit. **) Zwei felsige Anhöhen in Athen: Museum von dem dort begrabenen Dichter Musäus so benannt; Pnyx der gewöhnliche Ort für Volksversammlungen. ***) Boedromion, dritter Monat der Athener, etwa unser September. Der Name bedeutet die Zeit des „zu Hilfe Cilens". —37 kämpft, indem sie vom Museum aus die Amazonen angriffen, und die Gräber der Gefallenen seien in der Nähe der Straße, die nach dem Thore am Heroentempel des Chalkodon führt, -— dem heutigen Piräeusthore. Auf diesem Punkte seien nun die Athener bis zu den Eumeniden zurückgedrängt worden und vor dem Weiberhcere gewichen. Dann aber hätten sie vom Palladium, von Ardettus und vom Lykeion her angegriffen, den rechten feindlichen Flügel bis an das Lager getrieben und viele Amazonen todt zur Erde niedergestreckt. Im vierten Monat sei durch Vermittlung der Hippolyte ein Friedensabschluß zu Stande gekommen. Denn Hippolyte, nicht Antiope, heißt nach ihm (Kleidemos) die Gemahlin des Theseus. Nach einigen Angaben kämpfte diese Frau an der Seite des Theseus, wurde aber von Molpadia mit einem Wurfspeer tödtlich getroffen, worauf man ihr zu Ehren die Denksäule neben dem Tempel der Olympia errichtete. Und zu verwundern ist cs nicht, wenn bei so alten Ereignissen die Geschichte schwankt; so erzählt man auch, daß die verwundeten Amazonen, von Antiope heimlich nach Chalkis hinübergeschafft, daselbst ihre Pflege erhalten hätten; einige seien auch daselbst bei dem heutigen „Amazoneum" bestattet worden. Daß jedoch der Krieg mit einem Friedensschluß endigte, davon liegt der Beweis theils in der Benennung der Oertlichkeit neben dem Theseum, die noch heutzutage „Horkomosion" („Schwurstatt") heißt, theils in dem aus den ältesten Zeiten stammenden Opfer, welches man vor dem Theseusfeste den Amazonen bringt. Auch die Megareer zeigen in ihrer Stadt eine Amazonengrabstätte, — an dem Wege vom Markt nach dem sogenannten Rhus, — da, wo der sogenannte Rautenplatz *) ist. Ferner sollen auch bei Chäronea**) mehrere gestorben und neben dem Flüßchen, welches vor Alters vermuthlich Hermodon und jetzt Hämon heißt, begraben sein, — worüber das Nähere sich in der Biographie des Demosthenes findet. Endlich ist es entschieden, daß die Amazonen auch Thessalien nicht ohne Schwierigkeit durchzogen haben; denn man *) Wahrscheinlich von der Figur des Platzes, der ein Rhomboid barstellte. **) Chäronea in Vöotien, Plutarchs Vaterstadt. zeigt auch bei Skotusäa und Kynoskephalä noch heutzutage Gräber von ihnen. Cap. 28. Dieß ist das Merkwürdigste von den Amazonen. Denn ein Aufstand der Amazonen, von welchen der Dichter der Theseis erzählt, — „Theseus habe die Phädra zur Gattin genommen, An- tiope ihn deßhalb mit Hilfe der bei ihr befindlichen Amazonen angegriffen, sodann Herkules dieselben erschlagen" — macht augenscheinlich den Eindruck einer Fabel und Erdichtung. Er vermählte sich mit Phädra erst nach dem Tode der Antiope, von welcher er einen Sohn, Namens Hippolytus (oder nach Pindars Angabe: Dcmophon) hatte. Die Unglücksfälle, welche jener Phädra und seinem Sohne begegneten, muß man freilich, da von den Geschichtschreibern sich kein Widerspruch gegen die Tragiker erhebt, als wirklich eingetreten annehmen, wie letztere sie insgesammt in ihren Poesien dargestellt haben. Cap. 20. Indessen gibt cs noch weitere Sagen von den Eheverbin- dnngen des Theseus, — Sagen, die nicht auf die Bühne gelangt sind und wobei der Anfang ebensowenig von edlen Gesinnungen zeugt, als das Ende ein glückliches war. Er soll eine gewisse Anaxo ans Trözen geraubt, — ferner nach der Ermordung des Sinnis und Kerkyon deren Töchter gewaltsam entehrt haben. Ferner habe er auch Ajax' Mutter, Periböa, und dann wieder Phereböa, wie auch Jphikles' Tochter Jope zum Weibe genommen. Auch beschuldigt man ihn, daß er aus Liebe zu Pauopeus' Tochter, Acgle (wie bereits erzählt), die ebenso unedle, als unziemliche Verlassung der Ariadne ausgeführt habe. Ueber alles Andere soll die Entführung der Helena das attische Land in einen schweren Krieg gestürzt, für ihn selbst aber ein Ende gefunden haben, das ') Man vergl. Euripides' Tragödie: Hippolytus. 39 in Verbannung und Untergang bestand, — worüber bald im Nachfolgenden das Nähere wird erzählt werden. Soviel abenteuerliche Unternehmungen in damaliger Zeit von den Helden ansgeführt wurden, so meint doch Herodorus, daß sich Theseus an keiner von denselben betheiligt habe, mit Ausnahme des Kampfes der Kentauren gegen die Lapithen. Andere lassen ihn auch mit Jason in Kolchis gewesen sein und mit Meleager den (kaledonischen) Eber erlegen; und davon komme das Sprichwort: „nicht ohne Thesens!" Indessen habe er selbst viele glänzende Abenteuer bestanden, ohne eines Mitkämpfers zu bedürfen, wodurch die Redensart aufkam: „das ist ein zweiter Herkules." Er hat ferner mit Adrastus die Beerdigung der am Fuße der Kadmea Gefallenen herbeigeführt, — nicht, wie Euri- pides in einer Tragödie *) behauptet, in Folge einer siegreichen Schlacht gegen die Thebaner, sondern durch gütliches Zureden und Abschluß eines Vertrags. So geben es die meisten Schriftsteller an, und Philochorus fügt noch hinzu, daß dieß der erste Vertrag über Todtenbestattung gewesen. Dagegen steht in den Geschichten von Herkules ausdrücklich zu lesen, daß dieser der Erste war, welcher den Feinden ihre Todten zurückgab. Die Grabstätten der gewöhnlichen Krieger werden in Elcutherä **) gezeigt, die der Anführer in der Nähe von Eleusis, indem auch darin Theseus sich dem Adrastus gefällig erzeigte. Ein Zeugniß gegen die „Schutzflehenden" des Euripides bilden „die Eleusinier" des Aeschylus, — eine Dichtung, worin Theseus auch das oben Berührte ausspricht. Cap. 30. Seine Freundschaft mit Pirithous ***) soll den folgenden Ursprung gehabt haben. Theseus stand im glänzendsten Rufe der Körperstärke, wie der Tapferkeit; nun wünschte Pirithous dieß *) In der Tragödie: „Die Schutzflehenden". **) Städtchen zwischen Böotien und Attika. ***) Pirithous aus Larissa, Sohn Jxions, König der Lapithen. 40 aus Erfahrung kennen zu lernen und eine Probe davon zu erhalten. Er trieb deßwegen die Ninderhcerden des Thescus von Marathon weg, und als er vernahm, daß derselbe ihn mit ge- waffncter Hand verfolge, so ergriff er keineswegs die Flucht, sondern kehrte um und eilte ihm entgegen. Jetzt sahen sie einander, und voll gegenseitiger Bewunderung über ihre Schönheit, voll Erstaunen über ihre Kühnheit begannen sie gar keinen Kampf. Pirithous bot zuerst seinem Gegner die Rechte und verlangte, daß Theseus selbst der Richter sein sollte über das Wegtreiben seiner Heerden; „er werde sich gerne jeder Strafe unterziehen, die derselbe bestimmen würde". Theseus erließ ihm aber die Strafe; er lud ihn vielmehr zu Freundschaft und Waffenbrüderschaft ein und so bekräftigten sie denn ihre Freundschaft noch mit einem Eidschwur. Bald darauf vermählte sich Pirithous mit Deidamia. Er bat den Theseus, zu ihm zu kommen, das Land näher einzusehen und die Lapithen kennen zu lernen. Uebrigens hatte er auch die Kentauren zum Festessen eingeladen. Als aber die Letzteren im Uebermuthe alle Gränzcn des Anstands überschritten, ja, im Zustande der Berauschung nicht einmal die Frauen unangefochten ließen, setzten sich die Lapithen zur Wehr. Einige ihrer Gegner tödteten sie sogleich, die Andern warfen sie später, in Folge eines siegreichen Krieges, zum Lande hinaus, — ein Kampf, wobei ihnen Theseus die kräftigste Hilfe leistete. Indessen berichtet Herodorus diese Vorfälle in abweichender Art. Ihm zu Folge war der Krieg bereits ausgebrochen, als Thescus sich den Lapithen anschloß, um ihnen beizustehen; und erst damals habe er den Herkules persönlich kennen gelernt, indem er einen hohen Werth darauf legte, mit ihm zusammcnzutreffeu, was nun bei Trachin*) geschah, als derselbe von Kampf und Irrfahrt bereits vollständig ausruhte. Dieses Zusammentreffen soll mit vielen schmeichelhaften Achtungs- und Frenndschaftsbezcu- gungen verbunden gewesen sein, und zwar von beiden Seiten. Uebrigens kann man sich ohne Zweifel leichter derjenigen Angabe ') Trachin, Stadt in Thessalien, am Fuße deS Oeta. 41 anschließen, wornach beide Helden sich oftmals sahen. Auch Herkules' Einweihung in die Mysterien soll auf den ernstlichen Betrieb des Theseus erfolgt sein, sowie seine, der Einweihung vorangehende, Reinigung, um welche er wegen einiger unvorsätzlichen Handlungen nachsuchtk. Cnp. 31. Bereits stand er in dem Alter von 50 Jahren, als sich, nach Hellanikus' Bericht, jener Vorfall mit Helena ereignete, der für ihn nicht mehr zeitgemäß war. Es liegt darin der größte Vorwurf, der ihn trifft, und um denselben etwas zu beschönigen, behaupten Einige, daß nicht er selbst, sondern Jdas und Lyngeus sie geraubt, Theseus aber sie von diesen zur Aufbewahrung als anvertrautes Gut erhalten habe, worauf er sie den Dioskuren, trotz deren Forderung, nicht Herausgeber! wollte. Ja sogar Tyn- daros selbst soll sie ihm übergeben haben, und zwar aus Furcht vor Hippokoons Sohn, Enarsphoros, welcher Helena noch als Kind mit Gewalt in seine Hand zu bekommen suchte. Das Wahrscheinliche und Bestbezengte besteht indessen in Folgendem. Beide kamen nach Sparta, und nachdem sie das Mädchen in dem Tempel der Artemis Orthia von dem Tanze weggeraubt, begaben sie sich schleunigst auf die Flucht. Man schickte Leute zur Verfolgung ab, die jedoch nicht weiter, als bis Tegea "), den Räubern nachjagten, so daß Letztere nun in vollständiger Sicherheit den Peloponnes durchwandern und eine Uebereinkunft abschließen konnten, wornach der Eine, vom Loose begünstigt, die Helena zum Weib erhalten, aber dagegen dem Andern zu einer sonstigen Hei- rath behülflich sein sollte. In Folge dieser Uebereinkunft wurde nun geloost und Theseus gewann. Er erhielt die Jungfrau und brachte sic, da sie noch nicht heirathsfähig war, nach Aphydnä. Hier stellte er seine Mutter auf und übergab sie neben derselben seinem Freunde Aphidnos, dem er ihre sorgsame Behütung in der Verborgenheit vor der übrigen Welt dringend anempfahl. Er Tegea in Arkadien, nach der Seite von ArgoliS zu. 42 selbst mußte nun dem Pirithous für den geleisteten Dienst seinen Dank erstatten und begleitete ihn daher auf seinem Zuge nach Epirus, um dort die Tochter des molossischen Königs, Aidonens, zu holen, welcher seiner Gattin den Namen Persephone, seiner Tochter den Namen Kore und seinem Hunde den Namen Kerbe- ruS gegeben hatte*). Mit diesem Hunde hieß er nun alle Freier seiner Tochter auf Leben und Tod kämpfen und der Sieger sollte sie bekommen. Als er jedoch erfuhr, daß Pirithous und seine Gefährten nicht in der Absicht einer Werbung, sondern einer Entführung kämen, so ließ er sie festsetzen. Den Pirithous schaffte er nun durch seinen Hund unverzüglich aus dem Wege, während er den Theseus in festem Gewahrsam behielt. Cap. 32. In dieser Zeit geschah es, daß Menestheus, dessen Vorfahren Peteos, Omens und zuletzt Erechtheus waren, zuerst, wie man behauptet, in aller Welt sich auf das Demagogcnthum legte und an das Volk hinredete, wie es diesem behagte. Er bewirkte eine Vereinigung der einflußreichen Personen, die er um so leichter aufzustacheln vermochte, als sie selbst schon lange sich unter The- sens gedrückt fühlten und die Meinung hegten, er habe jedem Vornehmeren in einer Gemeinde seine fürstliche Herrschaft entrissen, indem er sic insgesammt in eine einzige Stadtmauer eingesperrt, wo er sie jetzt als Unterthanen und Knechte behandle. In ähnlicher Weise suchte er durch falsche Darstellungen auch die Masse des Volkes unruhig zu machen: „was sie sähen, sei nur ein Traum von Freiheit; in Wahrheit habe man ihnen Heimat und Religion entrissen, damit sie anstatt vieler wackeren und ächten Fürsten ihr Auge nur auf Einen wildfremden Despoten richten müßten." Während Menestheus diese Umtriebe machte, erhielt die drohende Revolution ein weiteres großes Gewicht durch den Krieg. *) Ein Versuch Plutarchs, die gewöhnliche Sage zu erklären, wanach Theseus mit Pirithous in die Unterwelt ging, um dort Proserpina zu entführen. 43^ Die Tyndariden") machten einen Angriff; nach Einigen sollen sie durchaus nur auf Anstiften des Menestheus gekommen sein. Anfänglich erlaubten sie sich nun keinerlei Feindseligkeiten, sondern verlangten bloß die Herausgabe ihrer Schwester. Auf die Entgegnung der Städter, daß man diese weder habe, noch ihren geheimen Aufenthalt kenne, begannen sie erst den wirklichen Krieg. Da verrieth ihnen ein gewisser Akademos, der ans irgend welche Weise die Sache gemerkt hatte, ihren Versteck in Aphidnü. Dies war der Grund, warum ihm schon bei Lebzeiten von den Tyndariden vielfache Ehre erwiesen wurde, wie denn auch in späteren Zeiten die Lakedämonier oftmals bei einem Einfall in Attika, wobei sie das ganze Land vollständig verheerten, nur die Akademie") unangefochten ließen, eben um jenes Akademos willen. Dagegen erzählt Dikäarchus: es hätten sich damals ein gewisser Echemns und Marathns, von Arkadien aus, den Tyndariden bei ihrem Zuge angeschlossen, und von dem Ersteren habe die jetzige Akademie zuerst den Namen Echedemie erhalten; dem Zweiten verdanke die Gemeinde Marathon ihre Benennung, indem derselbe in Folge eines Orakels sich vor dem Beginn der Schlacht freiwillig als Opfer tödtcn ließ. Als sie nun nach Aphidnä kamen, erfochten sie einen Sieg, worauf der Platz erobert wurde. Hier soll auch Alykos, der Sohn Skirons, gefallen sein, welcher damals die Diosknren in den Krieg begleitete und einem Orte im megarischen Gebiete, wo er begraben liegt, den Namen Alykos gab. Ferner berichtet Hereas, daß Alykos von Theseus selbst bei Aphidnä getödtct worden sei, und führt als Beleg hievon folgende Worte über Alykos an: — — — den im weiten Aphidnä Dort im Kampfe voreinst um die lockige Helena ThesenS Selber erlegt — —. Indessen ist es keineswegs wahrscheinlich, daß, wenn Theseus selbst anwesend war, seine Mutter gefangen genommen und Aphidnä erobert werden konnte. *) Kastor und Pollux, die Söhne des Tyndareus. **) Akademie, großer Platz mit einem Gymnasium und schönen Gartenanlagen. 44 Cap. 33. Als nun Aphidnä von den Feinden besetzt war, gericthen die Bewohner der Hauptstadt in große Besorgniß. Allein Me- nestheus bewog dennoch das Volk, die Tyndariden freundschaftlich in ihren Mauern aufznnehmcn. „Ihr Kampf, sagte er, gelte nur dem Thescus, der zuerst Gewalt gebraucht habe; allen andern Menschen bringen sie nur Heil und Rettung." Diese Worte fanden ihre Bestätigung in der Handlungsweise der Tyndariden selbst, welche, ungeachtet sie die Herren von Allem waren, dennoch keine weitere Forderung stellten, als ihre Einweihung in die Mysterien, weil sie so gut, als Herkules, mit der Stadt verwandt seien. Ihr Wunsch wurde ihnen nun erfüllt, nachdem Aphidnos sie an Kindesstatt angenommen hatte, wie dieses Pylios einst bei Herkules that. Auch erhielten sie göttergleichc Ehren, indem man ihnen den Beinamen „Anales" gab, entweder wegen des abgeschlossenen Waffenstillstandes (Anochä), oder wegen ihrer Sorgfalt und treuen Bemühung, daß Niemand ein Leid widerfahre bei der Anwesenheit eines so bedeutenden Heeres in der Stadt; denn analloos sellsin sagt man von Allen, die für irgend Etwas sorgen, oder Etwas behüten; und vielleicht heißt man ebendeßhalb auch die Könige Anaktcs. Manche behaupten auch, das Wort Anales hänge mit der Erscheinung der Gestirne zusammen, denn das Obere heiße bei den Attikern „anakas" und von oben her ansleatllöii *). Cap. 34. Nachdem Theseus Mutter, Aethra, zur Gefangenen gemacht war, soll sie nach Lakedämon und von hier mit Helena nach Troja *) Lauter sehr gewagte etymologische Versuche. Die Dioskuren galten übrigens siir die Zwillinge im Thierlreise. Auch glaubte man in den electrisch-n Flanim- chen oder Sternchen, die sich zuweilen bei Seestiirmcn an die Masten ansetzen, «in Zeichen ihrer rettenden Nähe zu finden. 45 abgeführt worden sein. Dies bezeugte auch Homer, nach dessen Angabe in dem Gefolge der Helena sich befand — „Aethra, Pittheus' Tochter, und Klymene, prächtigen AugeS." Doch verwerten Manche auch diesen Vers so entschieden, wie die Sage von Munytus, welchen Laodike in Jlium heimlich von Demophon geboren und Aethra aufgezogen haben soll. Eine eigenthümliche und völlig abweichende Angabe macht Jstros im ISten Buche seiner attischen Geschichte über Aethra. Ihm zufolge wird von Einigen behauptet, daß Alexander, welcher in Thessalien Paris heißt, von Achilleus und Patroklos an dem Flusse Sperchius in einer Schlacht überwunden worden sei, Hektar dagegen die Stadt Trözen eingenommen, geplündert und die daselbst zurückgelassene Aethra fortgeführt habe. Indessen scheint diese Nachricht durchaus ungereimt. Cap. 35. Bald darauf hatte der Molosserfürst Aidoneus den Herkules als Gast bei sich. Zufällig erwähnte er einmal im Gespräche auch den Theseus und Pirithous, indem er erzählte, in welchen Absichten sie gekommen und was ihnen nach der Entdeckung dieser Absichten widerfahren sei. Dem Herkules fiel es schwer auf's Herz, daß der Eine so schmählich umgekommen sei und der Andere dem gleichen Untergang entgegengehe. Hinsichtlich des Pirithous mußte er nun freilich jeden Vorwurf für zwecklos achten; dagegen bat er um Freilassung des Theseus und wünschte diese als eine Gefälligkeit von dem Könige zu erlangen. Wirklich gewährte ihm Aidoneus sein Gesuch. Theseus wurde losgelassen und kehrte sodann nach Athen zurück, wo seine Freunde noch nicht vollständig unterlegen waren. Vor Allem weihte ersetzt sämmtliche Krongüter, die ihm in früherer Zeit die Stadt als Eigenthum uusgeschieden hatte, dem Herkules und nannte sie nicht mehr Theseen, sondern Herakleen — mit Ausnahme von 4 Grundstücken, wie Philochoros berichtet. 46 Da er jedoch sogleich wieder herrschen und das Regiment führen wollte, wie früherhin, so veranlasse er dadurch nichts als Parteiungen und Unruhen. Bald fand er, daß diejenigen, die bei seinem Abgänge ihn nur gehaßt hatten, ihn nicht nur fortwährend haßten, sondern überdies; auch nicht mehr fürchteten. Ebenso bemerkte er bei dem Volke eine sehr starke Berderbuiß der Gesinnungen, indem dasselbe jetzt geschmeichelt sein wollte, anstatt stillschweigend zu thun, was man ihm befahl. Er versuchte nun zuerst Gewalt zu brauchen; allein er unterlag der Demagogie und den Parteiungen. Endlich gab er seine Sache auf. Er schickte seine Kinder zu ihrer Sicherheit nach Euböa, wo sie bei Chalkodon's Sohn, Ele- phenor, eine Zuflucht fanden. Er selbst sprach zuerst zu Gargettos an der Stelle, wo jetzt das sogenannte Araterion ist, den Fluch (Ara) über Athen aus und segelte hierauf nach Skyros ab, weil er mit den Bewohnern dieser Insel in freundschaftlichen Verhältnissen stand, wie er wenigstens meinte, und auch mehrere Landgüter von seinem Vater her daselbst besaß. Der damalige König von Skyros hieß Lykomedes. Als er nun zu diesem gekommen War, wünschte er die Zurückgabe seines Landbesitzes, um sich darauf häuslich niederzulassen; nach einigen Andern soll er den König um Hülfe gegen Athen gebeten haben. Allein Lykomedes, sei es aus Furcht vor dem hohen Rufe dieses Mannes, sei cs aus Gefälligkeit gegen Menestheus, führte ihn auf einen der höchsten Punkte der Gegend, angeblich, um ihm von dort aus eine Uebersicht über seine Güter zn geben, und stürzte ihn plötzlich vom Felsen herab, so daß er starb. Doch erzählen auch Manche, daß er von selbst hinuntergcfallen sei, indem er bei seinem gewöhnlichen Spaziergange einen unglücklichen Fehltritt that. Für den Augenblick galt sein Tod überall für eine gleichgültige Sache; in Athen blieb Menestheus König, und ThescuS' Söhne folgten als gewöhnliche Krieger dem Elephenor ans dem Zug gegen Troja. Allein als Menestheus dort gefallen war, ') Skyros, Insel im äg-lischen Meer, zwischen Euböa und LcSboS. _47 kehrten sie zurück und brachten das Scepter des Königthums wieder in ihre eigene Hand. Viele Jahrhunderte später fanden die Athener mancherlei Gründe, um den Theseus als Halbgott zu verehren; namentlich vermeinten nicht Wenige von denen, die bei Marathon gegen die Perser kämpften, eine geisterhafte Gestalt des Theseus in voller Waffenrüstung zu erblicken, welche an ihrer Spitze gegen den Feind heranstürmte. Cap. 36. Nach dem Perserkriege, unter dem Archon Phädon, bekamen die Athener ein Orakel, worin sie von der Pythia den Befehl erhielten, die Gebeine des Theseus zu holen, mit allen Ehren in ihrer Mitte zu bestatten und sorgfältig zu behüten. Nun fand aber schon das Herbeiholen derselben und die Auffindung des Grabes große Schwierigkeiten, weil die Bewohner der Insel, Doloper, wenig Verkehr und einen rohen Charakter hatten. Als jedoch Kimon die Insel einnahm (worüber man seine Lebensbeschreibung vergleichen kann), machte er sich's zur Ehrensache, das Grab zu entdecken, und als nun einmal ein Adler, wie man erzählt, an einem hügelartigen Platze mit dem Schnabel hackte und mit den Krallen den Boden aufkratzte, so brachte ihn dies durch eine gewisse höhere Fügung zum Nachdenken darüber, und er ließ sogleich Nachgrabungen versuchen. Es fand sich ein Sarg mit einem großen Leichnam; daneben lag eine eherne Lanze und ein Schwert. Dies Alles wurde von Kimon auf seiner Galeere nach Athen gebracht, und die Athener voll Jubels bereiteten einen Empfang mit glänzenden Processionen und Opfern, wie wenn Theseus selbst nach der Stadt zurückkehrtc. Seine Ruhestätte befindet sich nun mitten in Athen neben dem jetzigen Gymnasium, und ist zu einem Asyl für Sklaven und alle Leute in gedrückterer Lage, die sich vor Mächtigeren fürchten müssen, geworden, weil auch Theseus ein Mann des Schutzes und der Hülfe war, der die Bitten der geringeren Leute menschenfreundlich annahm. 48 DaS bedeutendste Opfer, das man ihm bringt, fällt auf den 8ten Tag des Monats Pyanepsion, an welchem er mit den Jünglingen und Jungfrauen von Kreta zurückkam. Uebrigens wird ihm auch in den andern Monaten je am achten seine Ehre erwiesen, entweder weil er gleich anfangs von Trözen am 8ten des Monats Hekatombäon ankam, wie Diodorns in seiner Reisebeschreibung erzählt, oder weil man gerade diese Zahl bei ihm, als angeblichem Sohne Poseidons, mebr als jede andere passend findet. Denn der Cultus des Poseidon fällt gleichfalls je auf den achten. Die Zahl 8 ist nämlich von den geraden Zahlen der erste Cnbus und das Doppelte des ersten Quadrats; cs liegt daher in ihr das Feste und Unbewegliche von der Macht jenes Gottes enthalten, den wir Asphalios (Gewährer der Sicherheit) und Gäochns (Festhalter der Erde) nennen. BaleriuK Pnblicola. Cap. 1. Dieß war Solon, mit welchem wir den Publicola in Vergleichung bringen, für welchen das römische Volk diesen Ehrennamen erst späterhin erfand, während er vorher Pnblius Valerius hieß. Man hielt ihn für einen Abkömmling des Valerius, der in den alten Zeiten am meisten dazu beigetragen hatte, daß Römer und Sabiner aus Feinden sich zu einer einzigen Volksgemeinde umgcstalteten*). Er ist es vorzugsweise gewesen, der die beiden Könige zu einer Zusammenkunft bewog und ihre Versöhnung bewirkte. Von ihm stammte nun, der Sage nach, unser Valerius ab, der schon damals, als Rom noch unter Königen stand, wegen seiner Beredsamkeit und seines Reichthums ein großes Ansehen genoß. Von der ersteren machte er stets einen edlen und frei- müthigen Gebrauch zur Vertheidigung des Rechtes; mit dem andern unterstützte er die Bedürftigen auf eine so freigebige, menschenfreundliche Weise, daß man, wenn einmal eine Demokratie eingeführt werden sollte, in ihm alsbald den ersten Mann des Staates voraussehen konnte. Tarquinius Superbns hatte die Krone auf keinem edlen, sondern vielmehr ans einem frevelhaften, höchst ungesetzlichen Wege erlangt; der Gebrauch, den er von ihr machte, war gleichfalls kein königlicher. Er benahm sich als übermüthiger Tyrann, den das ») Derselbe war ein vornehmer Sabiner, der mit Titns TatiuS nach Rom gezogen war. 4 * 52 Volk wegen des erlittenen Druckes haßte. Den Beginn einer Revolution veranlagte das unglückliche Schicksal der Lucretia, welche sich durch die erlittene Mißhandlung zum Selbstmord getrieben sah. Lucius Brutus nahm die Sache in die Hand und leitete die Veränderung. Der erste Mann, an den er sich wendete und den er zu Allem bereitwillig fand, war Valerius; mit diesem verjagte er die gesammte Dynastie. So lauge man nun erwarten durfte, daß das Volk an die Stelle des Königs nur einen einzigen Mann zum Fürsten erheben würde, verhielt sich Valerius durchaus ruhig, weil er dem Brutus größere Ansprüche auf die oberste Stellung zuschrieb, sofern dieser hauptsächlich Rom zur Freiheit geführt hatte. Allein die Stimmung war entschieden gegen jeden monarchischen Titel. Man sah, daß das Volk eine getheilte Herrschaft mit weniger Verdruß sich würde gefallen lassen, und auch wirklich zwei Männer in Vorschlag zu bringen und zu berufen gedachte. Er hoffte daher, als Zweiter mit Brutus zu einem gemeinschaftlichen Consulate gewählt zu werden. Aber er täuschte sich. Denn es wurde ganz gegen den Willen des Brutus diesem anstatt des Valerius vielmehr Lucre- tia's Gatte, Tarquinius Collatinus *'), zum Amtsgeuossen gegeben, — ein Mann, der nach seinen Eigenschaften keineswegs dem Valerius voranging. Allein die einflußreichen Personen fürchteten das königliche Haus bei dessen vielfachen Versuchen, vom Auslande her Etwas zu unternehmen, und namentlich die Bürger freundlich zu stimmen, noch immer. Deßhalb wünschten sie, eben den eingefleischtesten Feind der Targuinier, von dem man keine Nachgiebigkeit zu erwarten hatte, als Oberhaupt des Staates zu besitzen. Cap. 2. Auf Valerius machte es nun einen sehr unangenehmen Eindruck, daß man ihm nicht zutraute: „er werde Alles für das *) Collatinus, weil sein Vater Statthalter des den Sabinern abgenommenen Städtchens Collatia gewesen war. 53 Vaterland thun", weil er von den Tyrannen in seiner eigenen Familie nicht gerade etwas Schlimmes erfahren hatte. Er erschien nicht mehr im Senate, trat nicht mehr als Vertheidiger auf und cntschlug sich vollständig aller Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten, so daß davon unter dem Publikum vielfach die Rede war. Man gerieth sogar in Besorgniß, indem man fürchtete, die Leidenschaft könnte ihn zu einem Anschluß an die Dynastie bewegen, woraus ein Umsturz in den dermaligen Verhältnissen der Stadt, die noch auf sehr unsicherem Grunde ruhte, nothwendig herbeigeführt würde. Da nun Brutus anch noch gegen einige weitere Personen Verdacht hegte, so beabsichtigte er, den Senat bei einem Opfer schwören zu lassen, und ließ hiezu den Tag bekannt machen. Valerius kam mit ganz offenem Gesichte auf das Forum und legte zuerst den Schwur ab, „daß er den Tarquiniern niemals eine Einräumung machen oder sich unterwerfen, sondern wider sie kämpfen wolle mit aller Macht für die Freiheit Roms." Dieses Benehmen bereitete dem Senate große Freude und ermuthigte zugleich die Leiter des Staats. Und schon in der nächsten Zeit wurde sein Eidschwur durch seine Handlungen bestätigt. Es kamen Gesandte von Tarqninius mit Briefen, die für das Volk sehr verführerisch lauteten, und mit nachgiebigen Aeuße- rungen, wodurch sie hauptsächlich die Menge bestechen zu können glaubten. Denn der König, von dem diese Aeußerungen ausgingen, schien seine hohen Gedanken aufgegebcn zu haben und nur noch gemäßigte Forderungen zu stellen. Diese Gesandten sollten nun nach der Meinung der Consuln vor die Volksversammlung geführt werden; allein Valerius duldete es nicht, sondern widersetzte sich und verhinderte es, daß man der armen Volksklasse, welche sich durch den Krieg noch mehr gedrückt fühlte, als durch die Tyrannei, irgend einen Vorwand oder Anlaß zu Unruhen an die Hand gebe. 54 Cap. 3. Einige Zeit darauf kamen andere Gesandte an, welche die Erklärung abgaben, daß Targuinius als König abdanke und den Krieg beendigt habe; er bitte nur um Auslieferung des Geldes und Vermögens für sich selbst, seine Freunde- und Verwandte, um dadurch die nöthigen Subsistenzmittel für die Verbannung zu erhalten. Sehr Viele ließen sich durch solche Worte weicher stimmen, und insbesondere war es Collatinus, der das Gesuch befürwortete. Allein Brutus, ein unbeugsamer Mann von heftiger Leidenschaftlichkeit, rannte auf das Forum und schalt seinen Amtsgenossen einen Verräther, weil er voll Artigkeit Menschen die Mittel zum Krieg und Tyrannei liefere, — Menschen, denen man niemals auch nur das Zehrgeld für die Wanderung auf ihrer Flucht beschließen dürfe. Als die Bürgerschaft beisammen war, sprach zuerst ein Mann aus ihrer Mitte in der Versammlung, Casus Minucius. Er ermunterte den Brutus noch mehr und mahnte die Römer, dafür zu sorgen, daß diese Gelder bei ihnen blieben und mit den Römern gegen die Tyrannen kämpften, nicht aber mit den Tyrannen gegen die Römer. Indessen wurde der Beschluß gefaßt, daß man, im thatsäch- lichen Besitze der Freiheit, um welche man kämpfe, den Frieden nicht preisgeben wolle des Geldes wegen, sondern lieber das Geld sammt den Tyrannen zur Stadt hinauswerfe. Uebrigens lag dem Tarquinius an dem Gelde sehr wenig; seine Forderungen sollten zugleich eine Probe sein, die er mit dem Volke anstellte, sowie zur Anzettelung einer Verrätherei dienen. Ans diesen Zweck arbeiteten auch die Gesandten hin, indem sie unter dem Vorwandte des Geldes noch längere Zeit in Rom verblieben. Sie erklärten einen Theil käuflich abzugeben, einen andern Theil in Verwahrung zu behalten, einen dritten fort-, schicken zu wollen, bis sie zwei Familien, die man zu den vornehmsten rechnete, endlich bestochen hatten, das Haus der 55 Aquillier, welches drei, und das der Vitellier, welches zwei Senatoren in seiner Mitte hatte. Diese alle waren von mütterlicher Seite Neffen des damaligen Consuls Collatinus, und ebenso standen die Vitellier noch besonders in einem weiteren Verwandtschaftsverhältniß zu Brutus. Denn Brutus hatte ihre Schwester zur Gattin und mehrere Kinder von derselben. Von letzteren standen zwei bereits im Jünglingsalter und waren nahe Freunde der Vitellier, von denen sie jetzt gewonnen und zum Anschluß an die Verrätherei bewogen wurden; sie sollten mit dem hohen Geschlechte der Tarquinier in die engste Verbindnng eintreten, wodurch sich sogar Aussichten auf die Krone eröffneten, und dagegen sich von den „Albernheiten und der Härte" ihres Vaters frei machen; denn Härte nannte man die Unerbittlichkeit desselben gegen alle schlechten Menschen, und, weil er die Albernheit lange Zeit hindurch als künstliches Schutzmittel zu seiner Sicherheit, den Tyrannen gegenüber, gebraucht hatte, so vermochte er selbst späterhin dem davon hergenommenen Beinamen „Brutus" (der Dummkopf) sich nicht zu entziehen. Cap. 4. Die jungen Leute waren also gewonnen und traten mit den Aquilliern in nähere Unterhandlungen ein. Jnsgesammt wurde beschlossen, einen feierlichen Eid abzulegen, wobei man — entsetzlich genug! — das Blut eines ermordeten Menschen als Trankopfer benützen und die Finger auf sein Herz legen sollte. Mit diesen Absichten kamen sie in dem Hause der Aquillier zusammen. Nun war das Haus, worin man diese Handlung vorzunehmen gedachte, begreiflicherweise etwas einsam gelegen und finster. Deßwegen entging es ihnen, daß sich ein Sklave, Namens Vindicius, darin versteckt hatte — jedoch keineswegs aus Hinterlist oder in irgend einer Ahnung dessen, was bevorstand. Er hatte nur Angst, gesehen zu werden, als die Verschworenen so eilfertig herankameu, und deßwegen blieb er da, indem er sich mit einem Kasten, der sich daselbst befand, zu decken suchte, so 56 daß er jede Handlung deutlich mitanzusehen und die ganze Be- rathung zu hören vermochte. Der Beschluß, den man faßte, ging auf die Ermordung der Consuln und man gab den Gesandten Briefe dieses Inhalts, die an Targuinius gerichtet waren. Die Gesandten hatten nämlich, als Gastfrcunde der Aquillier, eben in diesem Hause ihre Wohnung und waren bei Ablegung des Verbiudungseides zugegen. Als sich nun Alle nach Beendigung der Sache wieder entfernt hatten, schlich sich auch Bindicius insgeheim davon. Allein er wußte sich bei dem Vorfälle lediglich keinen Rath, sondern befand sich in größter Verlegenheit. Einerseits hielt er es, und nicht mit Unrecht, für höchst gefährlich, die Söhne des Brutus bei ihrem eigenen Vater, oder die Neffen des Collatinus bei ihrem Oheim des gräßlichsten Frevels zu bczüchtigen; andrerseits glaubte er keinem einzigen gewöhnlichen Bürger so schwere Geheimnisse mit Sicherheit anvertrauen zu können. Und doch war es ihm auch reiu unmöglich, völliges Stillschweigen zu beobachten. Getrieben, ja gescheucht von seiner Mitwisscnschaft bei der Sache, eilte er endlich auf's Ungefähr zu Valerius, wozu er hauptsächlich durch die Freundlichkeit dieses Mannes gegen Jedermann ohne Unterschied veranlaßt wurde. Denn Valerius war wirklich für alle Bittenden zugänglich, ließ sein Haus stets für Jedermann geöffnet sein, und es gab keinen Menschen von geringerem Stande, dessen Anbringen oder Wünsche er jemals mit Uebermuth und Stolz zurückgcwiesen hätte. Cap. 5. Zu diesem Manne begab sich Vindicius und machte ihm eine vollständige Anzeige, wobei nur noch Valerius' Bruder und Gattin zugegen waren. Voll Bestürzung und Angst ließ derselbe den Sklaven nicht mehr zum Hause hinaus, sondern sperrte ihn in ein Zimmer ein und stellte seine eigene Gattin als Schildwache an die Thüre. Zugleich befahl er seinem Bruder, den königlichen Palast und Hof umringen zu lassen, um, wenn irgend möglich, die Briefschaften in seine Hand zu bekommen; auch sollte 57 er die Sklaven in Verwahrung bringen. Er selbst begab sich mit seiner gewöhnlichen, zahlreichen Begleitung von Clienten und Freunden, wie auch einer großen Dienerschaft, nach dem Hause der Aquillier, die jedoch sich nicht darin befanden. Deßwegen konnte er, weil ihn Niemand erwartet haben würde, durch die Thnren hineindringen und fand nun die Papiere vor, welche in dem Zimmer der Gesandten lagen. Während er noch hiemit beschäftigt war, kamen die Aguillier eiligst herbeigelaufen, stießen an der Hausthüre auf ihn und suchten die Briefschaften ihm wieder abzunehmen. Allein Valerius und seine Leute wehrten sich, warfen sich die Toga um den Hals und gelangten, jedoch nur mit Gewalt und schwerer Mühe, selbst gestoßen und wieder Andere stoßend, durch die engen Gassen auf das Forum. Das Nämliche geschah gleichzeitig auch in der Nähe der königlichen Gebäude, indem Marcus noch einiger anderer schriftlichen Sachen, die in ihren Gefäßen fortgeschafft werden sollten, sich bemächtigte, und von den königlichen Leuten, so viele er im Stande war, nach dem Forum schleppte. Cap. 6. Sobald die Consuln den Lärm gestillt hatten, wurde auf Valerius' Befehl Vindicius aus dessen Hause herausgeführt. Die Anklage wurde vorgebracht, die Briefe gelesen, ohne daß die Leute gewagt hätten, auch nur mit einer Silbe zu erwidern. Alles war aufs tiefste niedergeschlagen und lautlos still. Nur einige Wenige, die dem Brutus einen Gefallen zu erweisen wünschten, sprachen schüchtern von Verbannung. Einigermaßen gab auch Collatinus ihnen Hoffnung auf eine milde Behandlung durch die Thränen, die er vergoß, — wie Valerius durch sein Stillschweigen. Brutus dagegen redete jeden seiner beiden Söhne mit Namen an: „Titus, auf! (sprach er) ValcriuS, aus! Warum vertheidigt ihr euch nicht gegen die Beschuldigung?" Als sie jedoch auf dreimaliges Befragen lediglich keine Antwort gaben, — nun, d a wandte er 58 sein Angesicht zu den Lictoren und sprach: „das Weitere ist eure Arbeit!" Und alsbald wurden die Jünglinge von den Lictoren ergriffen, die Kleider ihnen vom Leibe gerissen, die Hände auf den Rücken gebunden; dann wurden sie mit Ruthen geschlagen. Alle anderen Anwesenden fühlten sich außer Stande, diesen Anblick zu ertragen; nur Brutus soll weder die Blicke nach einer andern Seite abgewendet, noch aus Mitleid die geringste Milderung seines Zorns und Ingrimms in seinem Antlitz haben gewahren lassen. Mit furchtbarem Blicke schaute er auf seine Söhne hin, wie sie gezüchtigt wurden, bis man sie zuletzt, der Länge nach, auf den Boden niederstreckte und ihnen mit dem Beil die Köpfe abhieb. Nachdem er auf diese Weise die anderen Verbrecher seinem. Amtsgenossen überlassen hatte, erhob er sich und schritt hinweg. Er hatte eine That vollbracht, die, mag man ihr Lob oder Tadel spenden wollen, für keins von beiden erreichbar ist. Entweder hatte die Höhe seiner Tugend in ihm die Fähigkeit für irgend einen Eindruck erstickt, oder das Uebermaß des Unglücks ihm jede Empfindung für den Schmerz geraubt. Beides ist weder eine Kleinigkeit, noch etwas Menschenmögliches; es ist entweder göttlich oder — thierisch. Indessen ist es billig, daß das Gericht über diesen Mann sich lieber nach seinem sonstigen Ruhme richtet, als daß durch die Schwächlichkeit des Urtheils seine großen Eigenschaften in Zweifel gezogen werden. Denn bei den Römern gilt sogar der Bau ihrer Stadt durch Romulus für ein Werk, das eine geringere Bedeutung hat, als die feste Begründung der Politischen Verhältnisse durch Brutus. Cap. 7. Wie er sich nun vom Forum entfernt hatte, herrschte noch lange eine allgemeine Bestürzung; man schauderte und schwieg bei dem, was hier geschehen war. Aber bei der Weichherzigkeit und Zögerung des Collatinus faßten die Aquillier wieder neuen Muth. Sie verlangten die Einräumung einer Frist zu ihrer Bertheidigung, sowie die Auslieferung des Vindicius als eines ihnen angehörigen Sklaven, der nicht in der Hand der Ankläger bleiben dürfe. Bereits wollte Collatinus ihnen die Einräumungen machen und auf diese Gesuche hin die Volksversammlung auflösen. Allein Valerius war nicht der Mann, um den Sklaven zu entlassen, der sich unter den ihn umgebenden Volkshaufen gemengt hatte; ebenso wenig duldete er, daß das Volk durch sein Auseinandergehen auch die Verräther hinauslasse. Zuletzt hielt er diese mit eigenen Händen fest, rief den Brutus herbei und schrie mit lauter Stimme über das entsetzliche Verfahren des Collatinns, der seinen Amtsgenossen in die Notwendigkeit Hineingetrieben habe, seine eigenen Söhne zu morden, während er selbst jetzt meine, die Verräther und Feinde des Vaterlands, auf die Wünsche von Weibern hin, freigeben zu müssen. Diese Aeußerungen riefen den Unwillen des Consuls dermaßen hervor, daß er Befehl gab, den Vindicius abzuführen. Die Lictoren drängten sich wirklich durch den Bolkshaufen durch, wollten den Mann greifen und schlugen auf Alle los, die ihn ihren Händen zu entreißen suchten. Allein die Freunde des Valerius stellten sich zu ihrer Verthcidigung vor ihn hin und das. Volk rief mit lauter Stimme nach der Anwesenheit des Brutus. Dieser kam also wieder zurück. Sobald es stille geworden war, um ihn zu hören, sprach er: „Ueber seine Söhne habe er ein genügendes Recht gehabt, zu entscheiden; hinsichtlich der Andern überlasse er den Bürgern, als freien Männern, das Urtheil; wer Lust habe, möge sprechen und dem Volk seine Gründe vorlegen." Indessen bedurfte es hier keiner Reden, sondern als man zur Abstimmung schritt, wurden sie mit allen Stimmen verurteilt und enthauptet. Collatinus stand nun, wie es scheint, schon wegen seiner Verwandtschaft mit der königlichen Familie in einem gewissen Verdachte; auch ärgerte man sich bei ihm über den zweiten seiner Namen, und zwar lediglich aus Abscheu vor Tarquinius. Als nun auch die obigen Ereignisse eintraten, wobei er so vollständig bei dem Volke anstieß, legte er freiwillig sein Amt nieder und entfernte sich in der Stille aus der Stadt. 60 Somit mußte wieder eine neue Wahl vorgenommen werden, wobei Valerius in glänzendster Weise znm Consul ernannt wurde und hiedurch den wohlverdienten Dank für seine patriotischen Gesinnungen empfing. Hievon sollte aber nach seiner Meinung auch Bindicius einen gewissen Antheil erhalten, der auf seinen Antrag nun der erste freigelassene Bürger in Rom wurde und nachher in derjenigen Curie abstimmte, welcher er selbst zngetheilt zu werden wünschte. Den andern Freigelassenen hat erst späterhin nach langer Zeit und zwar aus demagogischen Gründen Appins Claudius die Stimmfähigkeit verschafft; die vollständige Freilassung aber heißt eben von dem obigen Bindicius, wie man behauptet, bis auf den heutigen Tag: vinäioka. Cap. 8. Hierauf gab man alle Güter der königlichen Familie den Römern zur Plünderung preis; den Palast und das Landhaus riß man nieder, und während Tarquinins bisher den freundlichsten Theil des Marsfcldes besessen hatte, wurde auch dieses jetzt dem Gotte geweiht. Damals hatte man zufälligerweise gerade das Getreide abgemäht, und noch lagen die Garben auf dem Boden, die man wegen der Weihung weder auszudreschen noch sonst verwenden zu dürfen glaubte. Deßwegen lief Alles zusammen und trug die Bündel in den Fluß. Auf gleiche Weise wurden auch die Bäume abgehauen und ins Wasser geworfen, so daß man das weite Feld dem Gotte leer und öde überließ. Da nun so viele Gegenstände haufenweise sich aneinander drängten, so vermochte die Strömung dieselben keine weite Strecke fortznführen. An dem Platze, wo die ersten Dinge, zusammengebnnden und auf feste Körper anstoßend, stehen blieben, so daß das Nachkommende nicht mehr durchpassiren konnte, sondern festgehalten wurde und sich ineinander verschlang, bekam nun die angehäufte Masse eine gewisse Festigkeit, *) AppiuS Claudius, bekannt durch eine schöne Wasserleitung und eine treffliche Straße von Rom nach Capua, sowie durch mehrere freisinnige Anordnungen. 61 womit sie sich eiuwnrzelte, und die sich durch die Strömung immer noch vermehrte. Denn diese führte sehr vielen Schlamm herbei, welcher nun stehen blieb und dadurch zur Vergrößerung, wie zur zähen Befestigung, wesentlich beitrug. Auch bewirkte der Anprall der Wellen keineswegs eine Erschütterung, sondern sie drängten mit einem sanften Drucke vielmehr Alles nur um so mehr in bestimmte Formen zusammen. Und durch seine Größe und Festigkeit gewann es immer noch eine weitere Größe und weiteres Land, wodurch das Meiste aufgefangen wurde, was den Fluß heruntcrschwamm. Dies ist jetzt eine heilige Insel bei der Stadt*), auf welcher mehrere Tempel und Säulenhallen stehen, und welche lateinisch Llsckla heißt, d. h. Mittelinsel zwischen zwei Brücken. Einige Schriftsteller setzen jedoch diesen Vorfall nicht in die Zeit, da der Platz des Targuinius für heilig erklärt wurde, sondern bedeutend später, als ein angränzendes Landstück von einer- gewissen Targuinia gestiftet wurde. Targuinia war eine vesta- lische Jungfrau und erhielt zum Lohne dafür große Auszeichnungen, worunter auch die, daß sie die einzige Frauensperson war, deren Zeugniß man vor Gericht anuahm. Die Erlaubniß zu einer Verheirathung, die man ihr gleichfalls ertheilte, nahm sie nicht an. Das sind die Sagen von jenen alten Begebenheiten. Clip. 9. Targuinius gab nun den Gedanken auf, durch eine Ver- rätherei seine Herrschaft wieder zu erlangen. Aber jetzt nahmen ihn die Etrusker bereitwillig auf und wollten ihn mit einem großen Heere nach Nom zurückführen. Ihnen gegenüber rückten die Römer unter ihren Consuln aus und stellten sich an einigen heiligen Plätzen, wovon der eine der ursische Hain, der andere die äsuvische Wiese heißt, in Schlachtordnung. ») Sie war dem Aesculap geweiht und durch zwei BrückeW-iinit der Stadt verbunden. 62 Gleich beim Beginne des Handgemenges geriethen Aruns, der Sohn des Tarquinins, und der römische Consul Brutus — und zwar nicht aus bloßem Zufall — aneinander. Feindschaft und Erbitterung trieben sie, — den Einen gegen den Tyrannen und Feind seines Vaterlandes, den Andern, um seine Verbannung zu rächen, — hoch zu Roß auf einander los zu sprengen. Sie kämpften mehr in der Wuth, als mit ruhigem Bedacht, und schonten sich so wenig, daß sie Beide zusammen auf dem Platze blieben. Nach diesem Vorkampf, der so fürchterlich gewesen war, fand auch der Hauptkampf selbst kein erfreulicheres Ende. Beiderseits hatten die Heere gleich viel geleistet und gelitten, und trennten sich zuletzt in Folge eines Ungewitters. Valerius war nun in völliger Ungewißheit, weil er das Er- gebniß der Schlacht durchaus nicht kannte. Er sah seine Soldaten durch die Anzahl ihrer eigenen Todten entmuthigt, und wieder ermuthigt durch die der Feinde; so unbestimmt und annähernd gleich zeigten sich die Verluste bei ihrer bedeutenden Größe. Demun- geachtet wurde jedem Theile, wenn man seine eigene Verhältnisse näher betrachtete, mehr die erlittene Niederlage bestätigt, als der erfochtene Sieg, wenn man die Lage des Vaterlandes damit verglich. Nachdem die Nacht hereingebrochen war, wie sie nach einem so hartnäckigen Kampfe naturgemäß sein mußte, und als in beiden Lagern jetzt die tiefste Stille herrschte, verspürte man, der Sage nach, Plötzlich in dem Haine eine Erderschütterung, und eine Riesenstimme erschallte aus demselben und rief: „Es sei in der Schlacht ein Etrusker mehr gefallen, als auf Seiten der Römer!" Dies war nun wohl eine göttliche Stimme, die also sprach; denn die Römer wurden dadurch unmittelbar im nächsten Augenblicke zu einem großartigen, kühnen Siegesgeschrei veranlaßt, während dagegen die Etrusker in große Angst und Verwirrung geriethen, aus dem Lager hinausstürzten und größtentheils sich zerstreuten. Die Zurückgebliebenen waren etwas weniger als 5000 Mann; sie wurden von den Römern angegriffen und zu Gefangenen gemacht; alles Andere wurde geplündert. Als man 63 die Tobten zählte, fanden sich auf feindlicher Seite 11300, auf römischer Seite nur um einen einzigen weniger, als ebensoviele. Diese Schlacht soll am letzten Februar vorgefallen sein. Valerius feierte in Folge derselben einen Triumph, wobei er der erste Consul war, der mit einem Viergespann eiuzog. Dies gewährte nun allerdings einen ehrfurchterweckenden und großartigen Anblick; keineswegs aber einen solchen, wobei, wie Einige behaupten, die Zuschauer ein Gefühl des Neides oder Aergers ergriffen hätte; denn sonst würde man nicht Jahrhunderte laug mit solchem Eifer, mit einem so anhaltenden Ehrgeize darnach gestrebt haben. So gefiel es auch an Valerius, daß er seinen Amtsgenossen bei dessen Bestattung und Begräbnis; noch möglichst zu ehren suchte, und auf dessen Grabe selbst eine Leichenrede hielt, die von den Römern mit solcher Befriedigung und solchem Beifall ausgenommen wurde, daß von jener Zeit an allen wackern und großen Männern bei ihrem Tode von einem der Vornehmsten eine derartige Lobrede gehalten wird. Auch soll diese Rede noch älter gewesen sein, als die ähnlichen in Griechenland*), wenn anders nicht auch dieser Gebrauch eine Anordnung des Solon ist, wie der Redner Anaximenes**) berichtet hat. Cap. 10. Allein der Unwille und das Aergerniß erhob sich nun gegen Valerius aus andern Gründen wieder inehr. Brutus, in welchem das Volk den Vater seiner Freiheit erblickte, hatte niemals verlangt, allein die höchste Stellung einzunehmen; er hatte für sich einen zweiten Amtsgenossen angenommen. „Aber dieser Mensch (hörte man sagen), hat nun auf seine Person die ganze Macht zusammengeschleppt; er ist nicht der Erbe von Brutus' Consulat, das ihn nichts angeht, sondern von Targuinius Tyrannei. Was *) Die älteste Trauerrede in Griechenland soll den bei Marathon Gefallenen gegolten haben, — kurze Zeit nach Brutuö. **) Nicht zu verwechseln mit dem weit älteren Philosophen gleichen Namens. 6 4 braucht er mit seinen Worten dem Brutns eine Lobrede zu halten, während er in seinen Handlungen es dem Tarquinius nachmacht, von allen*) Bündeln und Beilen begleitet allein heruntersteigt von seinem Hause, das so groß und prächtig ist, als kein Palast des Königs war, den er eingerissen hat." In der That bewohnte Valerius in etwas pomphafter Weise auf der sogenannten Velia**) ein Haus, das stolz über dem Forum stand und aus seiner Höhe Alles überblickte, während dabei der Zugang von Außen mit Mühe und Schwierigkeiten verbunden war, so daß, wenn er von dort hernnterkam, sein Aussehen etwas Hoffürtiges hatte und der Prunk seines Aufzuges mit großer Begleitung an einen König erinnerte. Welch' ein großes Glück es nun bei einer herrschenden Stellung und bedeutenden Verhältnissen ist, wenn man Ohren hat, welche ein freimüthiges Urtheil und Worte der Wahrheit lieber zulassen, als Schmeichelreden, das zeigte jetzt Valerius. Kaum hatte er aus dem Munde seiner Freunde gehört, daß der größte Theil des Volks sein Benehmen fehlerhaft finde, als er, ohne den geringsten Streit oder Unwillen, in aller Schnelligkeit eine Menge Handwerksleute zusammenholen ließ, um noch in derselben Nacht sein Haus bis auf den Grund einrcißen und zur Ruine machen zu lassen, so daß nach Tagesanbruch die Römer, wie sie es sahen, allenthalben Gruppen bildeten und einerseits über den großherzigen Sinn dieses Mannes ihre Achtung und Bewunderung äußerten, andrerseits dagegen sich auch wegen des Hauses ärgerten, dessen Größe und Schönheit sie nun mit Bedauern vermißten. „Das Haus sei, wie oftmals auch ein Mensch, nur aus Neid und ungerechter Weise gestürzt worden, und ihr oberster Beamter müsse nun, wie ein Heimatloser, bei andern Leuten wohnen!" Denn Valerius wurde jetzt von seinen Freunden ins Haus genommen, bis ihm das Volk wieder einen Platz gegeben und ein anderes Haus gebaut hatte, welches bescheidenere Verhältnisse zeigte, als *) Alle Bündel ober kasoos waren 24; jeder Consul hatte gewöhnlich nur 12, der Diktator obige Zahl. —) Velia, ein Hügel am palatinischen Berg. 65 das frühere — da Ivo jetzt der Tempel der sogenannten Vicepota steht *). Da übrigens Valerius wünschte, nicht nur sich selbst, sondern auch sein Regiment, anstatt eines gefürchteten, für das Volk zu einem freundlichen und beliebten zu machen, so ließ er das Beil aus den Fascen herausnehmen und die Fascen selbst, so oft er in die Volksversammlung zog, tief vor dem Volke senken, um hiedurch die Stellung der Demokratie in ihrer Größe anznerken- nen, — eine Sitte, die noch heutzutage von den höchsten Staatsbeamten eingehalten wird. Hiebei merkte eS die Menge nicht, daß er dadurch keineswegs, wie sie es meinten, sich selbst heruntergab, sondern lediglich die allgemeine Mißgunst durch diese Mäßigung entfernte und verringerte, dabei für seine Person ebensoviel an Macht gewann, als er scheinbar seiner Vollgewalt entzog, insofern jetzt das Volk sich mit Vergnügen unter ihn schmiegte und williglich sich Alles gefallen ließ. So gab man ihm auch den Beinamen Publicola, was einen „Volksfreund" bedeutet, und dieser Name wurde sodann gewöhnlicher, als seine früheren, weshalb ich ihn gleichfalls im weiteren Verlauf seiner Lebensgeschichte zu gebrauchen beabsichtige. Cap. 11. Er gestattete nun Jedem **), der Lust hatte, mit einer Bewerbung um das Consulat aufzutreten. Da er jedoch vor der Ernennung seines Amtsgenosscn nicht wußte, wer Consul werden würde, sondern eine Opposition ans einem gewissen Neid oder aus Unwissenheit befürchtete, so benützte er die Zeit seines alleinigen Regiments, um die schönsten und wichtigsten Einrichtungen im Staate zn treffen. Vor Allem machte er den Senat vollständig, der nur noch aus wenigen Mitgliedern bestand; manche waren früher durch *) Vicepota, anderer Name siir Siegesgöttin, von viucsro und xotiri. Jedem, d. h. jedem Patricier. Plntarch. XVIII. 8 66 Tarquinins umgekommen, andere neuerdings in der Schlacht. Deren, welche von ihm ausgenommen wurden, sollen es 164 gewesen sein. Hierauf gab er mehrere Gesetze, von denen keines die Macht des Volks in gleichem Grade verstärkte, wie dasjenige, welches einem Verurtheilten das Recht der Apellatio» von den Con- suln an die Bürgerschaft verlieh. Ein zweites Gesetz bedrohte Jeden mit der Todesstrafe, die ein hohes Amt übernahm, ohne daß es ihm vom Volk übertragen war. Hierauf folgte noch ein drittes, wodurch er der armen Klasse aufhalf, indem er die Bürger von der Gewerbesteuer befreite und dadurch bewirkte, daß Jedermann sein Handwerk mit größerer Freudigkeit betrieb. Ein weiteres Gesetz, das den Ungehorsam gegen die Consuln betraf, galt für nicht weniger populär und schien überhaupt mehr im Interesse der Menge, als der vornehmen Klasse gegeben. Denn die Strafe, die es für den Ungehorsam festsetzte, bestand in einer Geldbuße im Werth von 5 Ochsen und 2 Schafen. Der Werth eines Schafs stellte sich auf 10 Obolen, bei einem Ochsen auf 100, weil die Römer damals noch wenig gemünztes Geld im Gebrauche hatten uud ihr Wohlstand mehr auf Schaf- und Rinderzucht beruhte. Deßwegen nennt man auch das vorhandene Vermögen bis auf den heutigen Tag xsouliuin, von xseus, Schafheerden, und das Gepräge der ältesten Münzen stellt einen Ochsen, ein Schaf oder ein Schwein dar. Ja sogar ihren eigenen Kindern gaben sie Namen, wie Suilius, Bubulcus, Caprarius und Porcius, indem oaxra eine Ziege, xorous ein Schwein bedeutet. Cap. 12. So sehr er nun in den genannten Gesetzen seine volksfreundliche Gesinnung und Mäßigung bewiesen hatte, so überspannte er dennoch in einem andern Falle die Strafe trotz seiner Mäßigung. Er beantragte auch ein Gesetz, wornach es erlaubt war, Jeden, der nach der Alleinherrschaft ein Gelüsten zeige, ohne vorangehendes richterliches Urtheil zu tödten, und sprach den Mörder 67 von jeder Schuld frei, wenn er nachträglich die Beweise für das beabsichtigte Verbrechen liefern könne. Denn da es nicht möglich ist, daß ein Mann, der mit so gefährlichen Planen umgeht, alle Andern zu täuschen vermag, dagegen auch nicht unmöglich, daß er, ohne unentdeckt zu bleiben, durch rasches Handeln den Sieg über die Gerichte davon trägt, so gestattete Valerius Jedem, der dieß zu thun vermochte, die Strafe, deren Vollziehung das Verbrechen selbst verhindere, zum Voraus an dem Verbrecher auszn- führen. Publicola fand auch Beifall mit seinem Quästorengcsetz. Denn da die Bürger eben jetzt von ihrem Vermögen eine Kriegssteuer zu entrichten hatten, so wünschte er weder selbst die Verwaltung dieses Geldes zu übernehmen, noch wollte er das Gleiche bei seinen Freunden thun, überhaupt sollten öffentliche Gelder nicht in das Hans eines einzelnen Bürgers kommen. Deßwegen bestimmte er als Schatzkammer den Saturnnstempcl, welcher noch heutzutage zu diesem Zwecke dient, und ließ das Volk zwei jüngere Männer zu Quästoren ernennen. Die Ersten, welche ernannt wurden, waren Pnblius Vetn- rius und Marcus Minucius. An Geld brachte man bedeutende Summen zusammen. Denn der Census wies 130,000 Bürger nach, ungeachtet Waisen und Wittwen ihre Beiträge erlassen wurden. Sobald diese Einrichtungen getroffen waren, gab er sich einen Collegen in der Person von Lucretia's Vater, Lucretius, welchem er, als dem älteren, die höhere Rangstellung cinräumtc, und die sogenannten Fascen übergab. Es war dies eine Ehrenanszeich- nung des höheren Alters, die sodann bis auf unsere Zeit als stehender Gebrauch festgehalten wurde. Wenige Tage nachher starb Lucretius bereits wieder. An seine Stelle wurde bei einer abermaligen Wahl M. Horatius ernannt, der nun den Rest des Jahres hindurch sein hohes Amt gemeinschaftlich mit Publicola führte. 68 Cap. 13. Während Tarquinius in Etrurien einen neuen Krieg gegen Rom anzuregen suchte, ereignete sich, wie man sagt, ein sehr bedeutendes Wunderzeichen. Noch als König hatte Tarquinius den Tempel des capitolinischen Jupiters fast bis auf den letzten Stein vollendet. Mag es nun in Folge eines Orakels oder nach eigener Ansicht geschehen sein, kurz, er wollte auf der Spitze desselben einen Wagen aus Thon aufstellcn lassen, und hatte diese Sache an einige ctruscische Werkmeister aus Vcji zur Ausführung übergeben. Kurze Zeit darauf verlor er seinen Thron. Da nun die Etrusker das vollständig formirte Viergespann in den Ofen brachten, zeigte sich nicht die gleiche Erscheinung, welche sonst der Thon im Feuer erleiden muß, daß er sich nämlich zu einer festen Masse verhärtet, weil die Feuchtigkeit austrocknet. In dem gegenwärtigen Fall dehnte er sich vielmehr aus, schwoll immerhin an und bekam zuletzt neben seiner Stärke und Festigkeit einen so außerordentlichen Raumumfang, daß er kaum Herausgenomnien werden konnte, indem man die Oberseite des Ofens abräumte und die Ncben- wände einriß. Die Wahrsager deuteten dies als ein göttliches Zeichen von dem Glück und der Macht des Volkes, in dessen Mitte das Viergespann stünde. Deswegen beschlossen die Vejenter dasselbe nicht in die Hand der Römer kommen zu lassen, trotz ihrem gestellten Verlangen. Sie gaben also die Erwiderung: „Der Wagen gehöre den Targuiniern, nicht denen, welche die Tarquinier vertrieben hätten?' Wenige Tage nachher fand in Best ein Wettrennen statt, wobei Alles mit gewöhnlicher Pracht und Feierlichkeit verlief. Das siegreiche Viergespann sollte soeben von seinem Lenker, der den Kranz auf dem Haupte trug, langsamen Schrittes aus der Rennbahn hinausgeleitet werden, als plötzlich die Pferde, ohne irgend welche sichtbare Ursache, scheu wurden. Es war entschieden eine höhere Schickung oder reiner Zufall, weshalb sie mit der größten Schnelligkeit sammt ihrem Lenker in der Richtung von Nom dahinjagten. Mit allem Anziehen der Zügel, mit allem Rufen richtete der Fuhrmann lediglich nichts 69 aus. Er wurde mit fortgerissen, mußte dem Sturme nachgeben und sich fortschleppen lassen, bis sie am Capitolium anrannten, wo sie ihn an dem jetzt sogenannten Ratuminischen Thore herunterwarfen. Dieser Vorfall versetzte die Vejenter dergestalt in Verwunderung und Angst, daß sie den Verfertigern die Ablieferung des Wagens nach Nom gestatteten. Cnp. 14. Den Tempel des capitolinischen Jupiters hatte schon Tar- gninius Priscus, der Sohn des Demaratus, in einem Kriege mit den Sabinern zu bauen gelobt; doch wurde der Ban erst durch Targuinius Snperbus ausgeführt, den Sohn oder Enkel des Fürsten, welcher das Gelübde gethan. Die Einweihung konnte er jedoch nicht mehr rechtzeitig vornehmen, sondern der Tempel war seiner Vollendung nahe, als Targuinius vertrieben wurde. Wie nun der Bau fertig stand und auch seine gebührende Decoration vollständig erhalten hatte, betrachtete es Publicola als Ehrensache, die Einweihung vornehmen zu dürfen. Allein viele Vornehme mißgönnten ihm dies, und während sie sich weniger ärgerten über die sonstigen Auszeichnungen, die er als Gesetzgeber und Feldherr gebührendermaßen empfangen hätte, waren sie dagegen der Meinung, daß die vorliegende, als eine ganz andere Sache, ihm nicht auch noch gewährt werden dürfe. Deswegen wurde Horatius von ihnen veranlaßt und aufgestachclt, dein Publicola die Einweihung streitig zu machen. Da nun der letztere einen nothwendigen Feldzug auszuführen hatte, so decretirte man in dieser Zeit dem Horatius die Einweihung mit einem Festzug auf das Capitol, weil man während Publicola's Anwesenheit dies nicht wohl durchzusetzen hoffte. Doch behaupten Einige, daß die Consuln das Loos hätten entscheiden lassen, wobei dem Publicola sehr gegen seinen Willen der Feldzug, dem Horatius die Tempelweihc zngefallen sei. Es ist gestattet, über den wahren Sachverhalt aus den Vorgängen bei der Einweihung selbst einen Wahrscheinlichkeitsschluß zu ziehen. 70 Am 13. September, der so ziemlich mit dem Vollmond des athenischen Monats Metageitnion zusammenfällt, war Alles bereits auf dem Capitolium versammelt. Horatius hatte die sonstigen Ceremonien bereits verrichtet und wollte nun, die Hand an die Pforten gelegt, nach herkömmlicher Sitte die bei einer Weihung gesetzlichen Formeln sprechen, als Publicolas Bruder, Marcus, der schon lange an der Thüre gestanden und nur auf diesen Augenblick gelauert hatte, plötzlich ihm zurief: „Consul, dein Sohn ist im Lager gestorben an einer Krankheit!" Dies machte auf Alle, die es hörten, einen niederschlagenden Eindruck, allein Horatius ließ sich nicht im Mindesten aus der Fassung bringen, sondern erwiderte nur die Paar Worte: „Nun denn, so werft den Todten, wohin ihr wollt; ich nehme die Trauer nicht an!" Indessen war die gegebene Nachricht unwahr. Marcus hatte sie nur erdichtet, um dem Horatius die Einweihung unmöglich zu machen. Der letztere verdient daher unsere Bewunderung durch sein festes Benehmen, sei es nun, daß er den Betrug augenblicklich durchschaute, oder die Nachricht, wenn er sie glaubte, lediglich nicht auf sich einwirken ließ. Cap. 15. Auch bei dem zweiten Tempel scheint die Einweihung von einem ähnlichen Zufall begleitet gewesen zu sein. Denn der erste, welchen, wie gesagt, Tarquinius gebaut und Horatius geweiht hatte, ging in den Bürgerkriegen durch Feuer zu Grunde. Den zweiten errichtete Sulla; zum Vollzug der Einweihung wurde jedoch Catulus bestimmt, weil Sulla zuvor mit Tod abging. Allein auch dieser Tempel wurde in den Unruhen unter Vitellins zerstört, und nun ein dritter von Vespasian aufgeführt, —> einem Kaiser, der, wie überall, so auch hier, ein besonderes Glück genoß, sofern er das Gebäude von seinem Anfang bis zu seiner Vollendung werden sah, ohne nach kurzer Zeit dessen Untergang noch zu erleben. Er war demnach insofern glücklicher, als Sulla, weil dieser schon vor der Einweihung seines Werkes, Vespasian 71 dagegen vor seiner Zertrümmerung starb. Denn unmittelbar mit Vespasians Tode ging auch das Capitol in Flammen auf. Der jetzige vierte Tempel wurde von Domitian vollendet und eingeweiht. Tarquinius soll auf die Fundamente 40,000 Pfund Silber verwendet haben; bei demjenigen, der heutzutage besteht, würde der größte Privatreichthum in Rom nach genauer Berechnung nicht einmal für die Kosten der Vergoldung hingereicht haben, welche mehr als 12,000 Talente betrugen. Die Säulen sind aus pentelischem Marmor*) gehauen und hatten ein sehr schönes Verhältniß der Dicke zur Höhe; ich habe sie zu Athen gesehen. In Rom wurden sie abermals behauen und polirt, gewannen jedoch nicht so viel an Glätte, als sie an Symmetrie Vorloren, indem sie durch ihre allzugroße Schlankheit jetzt sichtbar ihre Schönheit eingebüßt haben. Wer jedoch den Luxus des Capitoliums bewundert hat, würde, wenn er in dem Palaste Domitians eine einzige Gallcrie, Fürstenhalle, Bad oder dergl. gesehen hätte, sich versucht fühlen, zu Domitian etwas Aehnliches zu sagen, wie der Spruch des Epicharmus an den liederlichen Verschwender lautet: „Nein, du bist kein Menschenfreund, 's ist eine Krankheit, Gabenwuth." Ebenso würde er sprechen: „Es ist nicht Frömmigkeit, noch Ehrgeiz bei dir, 's ist eine Krankheit, Bauwuth; du willst, wie der alte Midas, Alles nur von Gold und Marmor haben!" Doch genug hievon. Cap. 16. Tarqninius nahm nach der großen Schlacht, worin er durch den Zweikampf mit Brutus seinen Sohn verloren hatte, seine Zuflucht nach Clusium. Dort bat er flehentlichst den Claras Porsenna, einen Mann, der unter den italischen Fürsten die größte -*) Marmor von dem Berg Pentele in Attika, war, wie der parische, durch seine schöne, weiße Farbe berühmt. 72 Macht besaß, im Uebrigen auch für tüchtig und ehrliebend galt, um Hilfe. Porsenna versprach sie ihm und schickte vor Allem Gesandte nach Rom, mit der bestimmten Forderung, den Tarquinius wieder aufzunehmen. Als jedoch die Römer diesem Befehle kein Gehör schenkten, erfolgte die Kriegserklärung, verbunden mit einer Bestimmung der Zeit, in welcher, und des Ortes, an welchem er in ihr Gebiet einfallen würde. Wirklich erschien er mit einer bedeutenden Streitmacht. Publicola erhielt nun in seiner Abwesenheit zum zweitenmal das Consulat, und mit ihm Titus Lucretius. Nach Rom zurückgekehrt, wollte er vor Allem den Personna an Zuversicht übertreffen und gründete daher die Stadt Sigliuria, während bereits der Feind in der Nähe stand. Nachdem er sie mit großen Kosten befestigt hatte, schickte er 700 Kolonisten dahin ab, um zu zeigen, daß ihm der Krieg eine Kleinigkeit sei, die ihm nicht den mindesten Schrecken mache. Indessen wurde bei einem heftigen Sturmangriff auf die Mauer die Bedeckung derselben von Porsenna verjagt, und bei ihrer Flucht zogen sie beinahe die Feinde mit sich in die Stadt hinein. Noch zu rechter Zeit rückte Publicola vor die Thore heraus, lieferte am Ufer des Tibers eine Schlacht und leistete den Feinden, die ihn durch ihre Uebermacht bedrängten, einen tapferen Widerstand, bis er, von schweren Wunden bedeckt, schleunig aus dem Kampfe weggetragen werden mußte. Weil nun auch sein College Lucretius das gleiche Schicksal hatte, so befiel die Römer eine solche Muthlosigkeit, daß sie, nur auf die eigene Rettung bedacht, nach der Stadt zurückflohen. Aber die Feinde drängten über die hölzerne Brücke nach, und Rom stand in Gefahr, im Sturm erobert zu werden. Hora- tius Cocles war der erste, und neben ihm zwei der ausgezeichnetsten Männer, Herminius und Lucretius"), die an der hölzernen Brücke sich wehrten. Horatius hatte den Beinamen Cocles erhalten, weil ihm in einem Kriege das eine Auge ausgeschlagen ') Nach andern Schriftstellern SpuriuS LartiuS. 73 worden war; nach Andern kommt der Name von der Plattheit seiner Nase, die ganz „hineingeschlüpft" war, so daß die Augen durch Nichts mehr getrennt wurden, und die Augenbrauen völlig zusammenliefen. Während man ihn deshalb „Chclop" nennen wollte, wurde dieses Wort nachher von dem Volke in „Cocles" verketzert, was nun das herrschende Wort blieb. Dieser Mann stellte sich vorn an der Brücke auf und hielt die Feinde zurück, bis seine Begleiter hinter ihm die Brücke abgebrochen hatten. Jetzt stürzte er sich mitsammt den Waffen in den Fluß, schwamm hinab und erreichte das jenseitige Ufer, indem er bloß von einem etruscischen Speer in den -— Hintern getroffen wurde. Publicola, voll Verwunderung über seine Tapferkeit, brachte sogleich den Vorschlag ein, daß sämmtliche Römer so viel Lebensmittel, als jeder Einzelne an einem Tage brauche, als Geschenk für Horatius beisteuern sollten. Auch sollte er so viel Land bekommen, als er an einem Tage durch den Pflug mit einem Kreise umschließen könne. Ueberdieß stellte man ihm zu Ehren ein ehernes Standbild auf, und zwar im Tempel des Vulcan, um ihn auf diese Weise über seinen in Folge der Wunde gelähmten Zustand durch die Ehre zu trösten. Cap. 17. Da Porsenna die Stadt hart belagerte, so begann auch eine Hungcrsnoth in Rom auSzubrechen, und noch ein anderes etrus- cisches Heer fiel auf eigene Faust in dem Lande ein. Publicola, der jetzt sein drittes Cousulat erhielt, glaubte den Widerstand gegen Porsenna nur auf ruhiges Stillesitzcn, womit er die Stadt bewachte, beschränken zu dürfen. Dagegen überfiel er plötzlich die Etrusccr, jagte sie in einem siegreichen Tressen in die Flucht, und brachte ihnen einen Verlust von 5000 Mann bei. Die Geschichte des Mucius ist von Vielen, jedoch in abweichender Weise, berichtet worden; ich will sie gleichfalls nach ihrer glaubwürdigsten Gestaltung erzählen. Er war ein Mann 74 von durchaus vortrefflichen Eigenschaften, unter denen seine Tapferkeit am meisten hervortrat. Entschlossen, den Porsenna zu ermorden, schlich er sich in dessen Lager, wobei er etruscische Kleidung trug und auch in der gleichen Sprache redete. Er ging um den erhöhten Sitz des Königs herum, und da er ihn selbst nicht kannte, andrerseits sich fürchtete, eine denselben betreffende Frage zn machen, so hielt er sich an den, der ihm unter den bei- sammensitzendcn Personen am ehesten als der König vorkam, zog rasch sein Schwert und erstach ihn. Hierüber wurde er sogleich festgenommen und iu's Verhör gezogen. Soeben hatte man einen kleinen Altar, auf dem ein Feuer brannte, für Porsenna zum Behuf eines Opfers herbeigebracht. Er hielt seine Hand über die Flamme, und während das Fleisch verbrannte, stand er da, den Blick auf Porsenna gerichtet, mit trotzigem Gesicht, ohne eine Miene zu verziehen, bis der König voll Verwunderung ihm die Freiheit schenkte und das Schwert zurückgab, das er ihm selbst von dem Thron aus überreichte. Mucius streckte die Linke darnach aus, mn es zu empfangen; dadurch soll er sich den Beinamen Scävola erworben haben, d. h. der Linke. Zugleich äußerte er: „die Furcht vor Porsenna habe er überwunden; aber Porsenna's Edelmuth unterliege er, und aus Dankbarkeit wolle er ihm entdecken, was keine Marter ihm jemals ausgepreßt hätte. Dreihundert Römer, sprach er, haben den gleichen Entschluß gefaßt, wie ich. Sie wandern in deinem Lager umher und warten nur auf den rechten Augenblick. Mich hat das Loos getroffen, den ersten Versuch zu machen; aber ich zürne dem Geschicke nicht, daß ich einen wackeren Mann verfehlt, der für die Römer eher ein Freund sein sollte." Als Porsenna diese Worte vernahm, so glaubte er ihnen und war deshalb dem Abschluß eines Friedens geneigter, — nicht sowohl, wie mir scheint, aus Furcht vor den Dreihunderten, als vielmehr aus Staunen und Bewunderung gegen den hohen Muth und die Tapferkeit der Römer. Dieser Mann, dem sämmtliche Schriftsteller übereinstimmend den Namen Mucius und Scävola geben, hieß nach Atheuodor, 75 Sandons Sohn*), in einem der Schwester des Augustus gewidmeten Bnche auch fernerhin: Po st hum ins. Cap. 18. Publicola selbst indessen erblickte in Porsenna nicht sowohl bloß einen gefährlichen Feind, sondern vielmehr einen Mann, auf dessen Freundschaft und Bundesgenossenschaft der größte Werth zu legen sei. Deswegen lehnte er es nicht ab, daß der König zwischen ihm und Tarquinius die schiedsrichterliche Entscheidung haben sollte. Er hatte hiefür die beste Zuversicht und forderte ihn oftmals dazu auf, weil er den Beweis liefern könne, daß Tarquinius der schlechteste Mensch und mit vollem Rechte des Regiments entsetzt sei. Der Letztere dagegen gab eine leidenschaftliche Antwort: „er könne Niemand als Richter über sich aufstellen, am wenigsten den Porsenna, wenn dieser als Bundesgenosse so wetterwendisch sei." Diese Aeußerungen erregten bei Porsenna dessen Unwillen und eine höchst ungünstige Gesinnung gegen Tarquinius, und da zugleich sein Sohn Aruns mit dem größten Eifer sich für Rom verwendete, so beendigte er den Krieg durch einen Friedensschluß. Die Römer mußten das von Etrurien abgerissene Stück wieder herausgeben und die Gefangenen zurücksenden; dagegen erhielten sie die Ueberläufer ausgeliefert. Zur Bürgschaft für diese Bedingungen mußten sie aus den patricischen Familien zehn Söhne in jugendlichem Alter und ebensoviele Mädchen stellen, worunter auch Publicola's Tochter, Valeria, sich befand. Cap. 19. Während dieses ausgeführt wurde und Porsenna bereits vertrauensvoll jede weitere Vorbereitung zum Kriege einstellte, kamen die genannten römischen Jungfrauen an den Fluß um sich zu ») Athenobor, ein Stoiker aus Tarsus, welchen AugustuS zum Hofmeister siir de» jungen TibcriuS bestellte. 76 baden, — an einer Stelle, wo das Ufer gerade in einer mond- sichelartigen Gestalt sich herumzieht und ihnen daher am meisten Stille und ruhiges Wasser bot. Da sie nun nirgends eine Wache erblickten und ebensowenig sonstige vorübergehende, oder zu Schiff übersetzende Leute, so kamen sie Plötzlich auf den Gedanken, trotz der großen Strömung und der tiefen Wirbel davonzuschwimmen. Mehrere erzählen, daß eine der Jungfrauen, Namens Clölia, zu Pferd über die Furth geritten sei, wobei sie die andern, welche schwammen, durch ihren Zuruf zu ermuthigeu suchte. So kamen sie glücklich hinüber und zu Publicola, der ihnen jedoch keine Bewunderung aussprach, überhaupt keine Freude an ihnen hatte, sondern höchst ärgerlich war, „weil er im Worthalten jetzt weit schlechter, als Porsenna, dastehe und das Wagstück der Jungfrauen dahin mißdeutet werden würde, daß es ein schlechter Streich der Römer sei." Er ließ sie deswegen festnehmen und schickte sie an Porsenna wieder zurück. Dies hatten aber die Anhänger des Tarquinius geahnt. Sie legten daher der Bedeckungsmannschaft der Mädchen einen Hinterhalt und griffen sie beim Hinüberfahren mit Uebermacht an. Demungeachtet wehrten sich die Römer; und Publicola's Tochter, Valeria, welche mitten durch die Kämpfenden sich Bahn brach, kam hindurch nebst drei Sclaven, welche gleichfalls durchbrachen und ihr behülflich waren. Die andern befanden sich noch immer nicht ohne Gefahr mitten im Gedränge des Gefechts, als Por- senna's Sohn, Aruns, auf erhaltene Nachricht schleunigst herbeieilte, die Feinde in die Flucht schlug und die Römer rettete. Die Mädchen wurden jetzt zu Porsenna geführt, der bei ihrem Anblick sich wiederholt nach der Urheberin des ganzen Planes, welche die Andern aufgemuntert hätte, erkundigte. Sobald er den Namen der Clölia gehört, blickte er sie mit gnädigem und freundlichem Gesichte an und befahl, ein prachtvoll geschmücktes königliches Pferd herbeizuführen, das er ihr zum Geschenke machte. Dies führt man als Beweis an für die Behauptung, daß Clölia allein zu Pferd über den Fluß gesetzt sei. Andere läugnen es, indem der etruscische Fürst blos dem männlichen Charakter Clölias seine Anerkennung gezollt habe. —77 Wenn man die Via saora in der Richtung des Palatinischen Berges hinaufgeht, so steht noch jetzt daselbst ihr Standbild zu Pferde, welches freilich nach Einigen nicht die Clölia, sondern die Valeria darstellen soll. Nach seiner Aussöhnung mit Nom gab Porsenna der Stadt vielfache Beweise von seiner großartigen Gesinnung. Namentlich befahl er den Etruscern, blos ihre Waffen wieder mit fortzunehmen, sonst durchaus nichts; das Lager, welches von Getreide- massen und Werthgegenständen aller Art vollgepfropft war, sollten sie als Geschenk für die Römer zurücklassen. Daher kommt noch heutzutage die Sitte, daß man beim Verkauf von Dingen, die dem Staate gehören, zuerst die werthvollcn Gegenstände des Porsenna ausruft, um dadurch diesem Manne die ewige Ehre der Dankbarkeit in dem Gedächtnisse der Menschen zu bewahren. Auch stand eine eherne Statue von ihm neben dem Senatsgebäude, einfach und alterthümlich nach der daran befindlichen Arbeit. Cap. 20. Bald darauf machten die Sabiner einen Einfall in das Land, und neben Posthumius Tubertus wurde nun Publicola's Bruder, Marcus Valerius, zum Consul ernannt. Bei allen hochwichtigen Angelegenheiten benützte Marcus die Einsicht und Anwesenheit Publicola's. So erfocht er auch in zwei bedeutenden Schlachten den Sieg. In der zweiten hatte er, ohne einen einzigen Römer zu verlieren, 13,000 Feinde erlegt. Als Ehrenauszeichnung erhielt er hiefür neben den Triumphen noch ein Haus, das man ihm von Staatswegen auf dem palatinischen Berge erbauen ließ. Während damals die Thüren gewöhnlich nach dem Inneren des Hauses, nach der Hausflur sich öffneten, war dies das einzige Gebäude, woran man die Einrichtung so traf, daß dieselben nach außen gingen, um anzudeuten, daß er gleichsam, gemäß der ihm zugestandenen Ehre, stets noch etwas Weiteres vom Staate erhalte. Die griechischen Wohnungen sollen früher insgesammt die gleiche Einrichtung gehabt haben, was man aus den Komödien abnimmt, sofern die Leute, welche 78 heraustreten wollen, dabei an ihre eigenen Thüren klopfen und anschlagen, damit die Vorübergehenden oder Davorstehenden draußen einen Wink erhalten, und nicht von den Thürflügeln, die sich nach der Gasse öffnen, getroffen werden. Cap. 21. Im folgenden Jahre bekleidete Publicola abermals das Con- snlat, und zwar zum Viertenmal. Man erwartete allgemein einen Krieg, weil die Sabiner und Latiner eine Verbindung schloßen. Zu dieser Zeit schwebte auch die ganze Stadt in einer gewissen Angst vor den Schickungen des Himmels, denn alle Kinder, welche damals geboren wurden, waren gebrechlich und unvollkommen ausgebildet. Deßwegen suchte, nach der Vorschrift der sibyllinischen Bücher, Publicola vor Allem den Pluto zu versöhnen, nahm auch einige von dem delphischen Orakel angegebene Kampfspiele wieder vor, und erst, nachdem er durch erneutes Vertrauen auf die Gottheit die Stadt in eine freudigere Stimmung zurückversetzt hatte, wandte er rasch seine Aufmerksamkeit auf die Gefahren, die von den Menschen drohten; denn allerdings zeigten sich die Rüstungen der Feinde und ihre Coalition sehr bedeutend. Nun lebte damals unter den Sabinern ein gewisser Appius Clausus, ein Mann, einflußreich durch sein Vermögen, hervorragend durch seine ungewöhnliche Körperstärke, vor Allem aber durch den Ruf seiner Tugenden und die Stärke seiner Beredsamkeit entschieden der Erste. Was nun alle bedeutenden Männer erleiden müssen, diesem konnte er gleichfalls nicht entgehen; es regte sich der Neid gegen ihn. Und dadurch, daß er das Ende des Kriegs herbeizuführen wünschte, gab er seinen Neidern Anlaß zu der Beschuldigung, als ob er die römische Macht vergrößern wollte, um für sich eine Gewaltherrschaft zu errichten und sein Vaterland zu knechten. Er bemerkte, wie solche Aenßerungen bei der großen Menge Beifall fanden, und wie sehr er bei der ganzen unbedachten Kriegspartei angestoßen hatte. Deßwegen fürchtete er, vor Gericht gezogen zu werden. Weil er jedoch von einer großen, bedeutenden Genossenschaft von Freunden und Ver- 79 wandten, die ihn vertheidigten, umgeben war, so wagte er einen Aufstand. Dies verursachte bei den Sabinern eine Zögerung und der Krieg schob sich hinaus. Publicola setzte sich nun keineswegs blos die Aufgabe, von diesen Ereignissen zu wissen, sondern auch die Parteispaltung noch weiter anzuregen und zu steigern. Er hatte einige vertraute Männer, welche in seinem Namen dem Clausus ungefähr folgende Vorstellungen machen mußten. „Publicola," sagten sie, „hegt die Meinung, daß du als braver, rechtschaffener Mann trotz allein Unrecht, das du erfahren, doch in keinerlei Weise dich an deinen Mitbürgern rächen dürfest. Solltest du dagegen den Wunsch haben, dich durch eine Ortsveränderung zu retten und so deinen Neidern zu entgehen, so wird er dich amtlich und als Privatmann in einer Weise empfangen, wie sie deiner Eigenschaften und der Hoheit des römischen Volkes würdig ist." Clausus überlegte sich die Sache vielfach, und es erschien ihm bei dem Drang der Verhältnisse am räthlichsten, auch seine Freunde zu dem gleichen Schritte aufzufordern. Da nun diese wiederum viele Andere für den gleichen Plan gewannen, so brachte er 5000 Familien zur Auswanderung mit Weib und Kind. Alles, was im Sabinischen gern ohne gewaltsame Störungen lebte und mit einem sanften, ruhigen Leben sich befreundet hatte, führte er nach Rom. Publicola wußte zum Voraus davon und gewährte ihm eine freundliche, zuvorkommende Aufnahme, die allen begründeten Ansprüchen genügte. Die Familien vermengte er sogleich mit der alten Bevölkerung durch ihre Aufnahme in das Bürgerrecht, und gab jedem 2 Morgen Land in der Nähe des Flusses Anio; Clausus erhielt sogar 25 Morgen. Auch nahm er ihn allein in den Senat auf. Hiemit begann derselbe seine politische Laufbahn und zeigte in derselben einen so hohen Grad von Einsicht, daß er rasch sich zu der höchsten Würde emporschwang, einen sehr bedeutenden Einstuß gewann, und so in Rom der Stammvater eines Hauses wurde, dessen Glanz hinter keinem andern zurücksteht; wir meinen die Claudier. Obwohl nun auf die erzählte Weise die Verhältnisse der Sabiner durch die Auswanderung geschlichtet waren, so ließen doch die dortigen Leiter des Volks keine dauernde Ruhe, keine festen Zustände aufkommen. Sie beklagten es laut, daß Clausus, was er bei seiner Anwesenheit nicht habe erreichen können, jetzt als Flüchtling und Feind durchsetzen werde, daß nämlich die Römer für ihren Uebermuth nicht gezüchtigt würden. Sie brachen also mit einem bedeutenden Heere auf und schlugen ihr Lager in der Nähe von Fidenä. Zugleich legten sie 8000 Schwerbewaffnete hart vor Rom in einem dichtbewaldeten schluchtartigen Platze in einen Hinterhalt, wobei sie beabsichtigten, mit Tagesanbruch einen Trupp Reiter offen ausreiten zu lassen, um Beute zu machen. Letztere hatten den Befehl, bei ihrer Annäherung an die Stadt wieder zurückzufliehen, bis sie den Feind in den Hinterhalt geworfen hätten. Publicola, der noch am gleichen Tage durch Ueberläufer von der Sache unterrichtet wurde, traf schleunigst die geeigneten Maßregeln für alle Fälle und vertheilte das Heer. Sein Schwiegersohn, Posthumius Balbus, mußte noch am Abend mit 3000 Schwerbewaffneten ausrücken, um die Anhöhen, an deren Fuße sich der sabinische Hinterhalt befand, mit genügender Mannschaft zur Deckung zu besetzen. Der andere Consul, Lucretius, wurde mit den leichtesten und tapfersten Truppentheilen in der Stadt aufgestellt und hatte die Bestimmung, die Reiter bei ihrem Beutezug anzugreifen. Er selbst, an der Spitze des Restes der Armee, umging die Feinde und kam ihnen in den Rücken. Da nun zufällig ein dichter Nebel eintrat, so gelang es dem Posthumius, bei Tagesanbruch mit lautem Geschrei den Hinterhalt von den Anhöhen herab zu überfallen. In demselben Augenblick schickte Lucretius seine Leute den vorgerückten feindlichen Reitern auf den Hals, und Publicola griff das feindliche Lager an. Somit war die Lage der Sabiner von allen Seiten eine äußerst schlimme und verlorene. Wer ans der einen Seite nicht 81 einmal einen Widerstand wagte, sondern die Flucht ergriff, wurde alsbald von den Römern auf der andern Seite niedergemacht, indem gerade die Hoffnung, sich zu retten, am allerverderblichsten wurde. Denn in dem Wahne von der Sicherheit der andern Abtheilung unterließ es jede Abtheilung, zu kämpfen und Stand zu halten. Die Einen liefen aus den Berschanzungen nach dem Hinterhalte zu, die Andern wieder zu den Ersteren nach dem Lager, und so begegneten sich die Flüchtlinge und stießen auf die, zu denen sie fliehen wollten und welche selbst der Hülfe bedurften, während man von ihnen Hülfe erwartete. Daß nicht eine völlige Vernichtung der Sabiner erfolgte, sondern noch Einige mit dem Leben davon kamen, verdankte man nur der Nähe der Stadt Fidenä, welche besonders denen zu gut kam, die bei der Eroberung des Lagers noch zu entrinnen vermochten. Alle Andern, welche Fidenä verfehlten, wurden niedergemacht oder lebendig in die Gefangenschaft abgeführt. Cap. 23. In diesem glänzenden Sieg erblickten die Römer lediglich nur ein Werk ihres Feldherrn, so sehr sie außerdem gewohnt waren, über alle großen Erfolge die Macht des Himmels zu preisen. Von den Kämpfern der Schlacht konnte man vor Allem hören, daß Publicola ihnen die Feinde wie Lahme und Blinde, ja nahezu mit gebundenen Händen hingegeben habe, um sie niederzumetzeln. Auch nahm der Wohlstand des Volks durch die Beute und die gemachten Gefangenen wesentlich zu. Publicola hielt noch seinen Triumph, übergab noch seinen, für das Consulat ernannten Nachfolgern die Stadt, und starb dann eines baldigen Todes, nachdem er, so weit dies für Menschen erreichbar ist, sein Leben mit Allem, was für schön und gut geachtet wird, ausgeschmückt hatte. Das Volk, das gleichsam ihn in diesem Leben noch lange nicht nach Verdienst geehrt zu haben, sondern ihm noch allen Dank schuldig zu sein glaubte, beschloß, ein Leichenbegängniß auf öffentliche Kosten und eine Ehrenbeisteuer Plutarch. XVIII. 6 jedes Einzelnen im Betrag von einem Quadrans; die Frauen aber verabredeten noch besonders unter sich, ein volles Jahr um ihn Trauer anzulegen — ein Beweis von hoher und beneideus- wcrther Achtung. Auch er wurde, gemäß einem Beschlüsse der Bürgerschaft, innerhalb der Stadt begraben, und zwar neben der sogenannten Velia, so daß nun dies die Grabstätte seiner ganzen Familie geworden ist. Doch wird heutzutage keiner von seinen Verwandten mehr daselbst bestattet; man bringt den Todten blos noch an den genannten Ort und setzt ihn daselbst nieder; dann nimmt Jemand eine brennende Fackel und hält sie ein klein wenig unter die Bahre. Hierauf wird der Leichnam wieder fortgetragen, indem man blos thatsächlich bei dieser Art des Begängnisses das Recht zu wahren sucht, ohne die Ehre selbst in Anspruch zu nehmen. Druck von C. Hofsmann in Stuttgart.