Einleitung.
VII
16. Jahrhundert ab ungeheuer anschwellen, hat sich in der That eine verhältnis-mäßig beschränkte Zahl von Briefen ans der Zeit Vvr 1500 ergeben. Undje früher man zurückgeht, um so seltener werden die Briefe. Das hängtwesentlich mit der Geschichte des Brieses zusammen, da sich ein eigentlichprivater deutscher Briefverkehr erst mit dem 14. Jahrhundert entwickelte.Gleichwvhl ist es gelungen, auch aus dieser Zeit einiges Material zusammen-zubringen. Es ist dabei auch der überhaupt älteste, noch erhaltene Briefin deutscher Sprache an das Tageslicht gekommen (Nr. 513). Die bisherbekannten älteste): deutschen Briefe waren zwei politische Briefe des GrafenRudvls von Habsburg-Laufenbnrg-Rapperswyl aus dem Jahre 1313, dieübrigens auch erst vor nicht langer Zeit gefunden sind (vgl. Mitteilungenans dem germanischen Nativnalmnscum 1891 S. 70 ff).
Die Beschränkung ans die Briese in deutscher Sprache war die zweiteVoraussetzung der Möglichkeit der Sammlung. Gewiß wird auch dieHerausgabe der lateinischen Privatbriefe des Mittelalters oder eine Aus-wahl derselben von großen: kulturgeschichtlichen Interesse sein, aber aufOriginale wird diese Sammlung nur in sehr geringem Maße zurückgehenkönnen und wesentlich auf die gefärbten und rhetorischen Stücke der Muster-sammlungen zurückgehen müssen. Weit höher stehen die Originalbriese undfür uns wieder die Briefe in der Muttersprache. Gerade sie sind wegenihrer größeren Unmittelbarkeit für unser Ziel, für die Erforschung deS innerenLebens der Vergangenheit von großer Bedeutung. Vor allem kommen hierdie zahlreich in diesem Bande veröffentlichten Frauenbriefe in Betracht.Freilich verkenne ich dabei nicht und habe es auch in meiner Geschichte desdeutschen Briefes genügend nachgewiesen, daß die deutsche Ausdrucksweiseder Zeit noch überaus konventionell ist und immer nur bedingte Rückschlüsseaus die Menschen selbst erlaubt.
Eine Sammlung deutscher Briefe des Mittelalters ist überdies aber auchvon großer Bedeutung für die sprachgeschichtliche Forschung. Man darfaus diesem Gebiet nicht immer nur die Litteratur zur Grundlage nehmen.Formell, stilgeschichtlich wie lexikographisch sind gerade Briese von größten:Interesse. Insbesondere verdienen wieder die Frauenbriefc, die vielfach denDialekt — und unsere Sammlung umfaßt sehr viele Dialekte — getreuwiedergeben, eingehendste Berücksichtigung.
Als Schlußgrenze der Sammlung nehme ich das Jahr 1499 an, ähnlichder Grenze, die sich die Nonuinsntn OermnniW Instorian gezogen haben.Übrigens wächst gleich nach dem Jahre 1500 die Zahl der noch vorhandenenPrivatbriefe ganz außerordentlich au.
Einige Worte erfordert noch der Begriff der Privatbriefe. Ich bin indieser Beziehung schon von den Archiven hier und da mißverstanden worden.Privatbriefe, wie ich sie hier herausgebe, find nicht Briefe, die von privatenAngelegenheiten handeln, sondern: zur Bestimmung des Begriffes gehört