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Erstes Kapitel. Geschichte des deutschen Privatrechts.
Rezeption in complexu behauptet wurde, nichts mehr zu thun übrig.In Wirklichkeit aber war zunächst nur die Einführung eines geringenTheiles der fremden Rechtssätze ins deutsche Leben gelungen. DerJuristenstand strebte daher nach steter Erweiterung der Rezeption.Immer ausschliefslicher bemächtigte er sich unter Verdrängung der„Laien“ durch Beamtenthum, Fakultäten und Gerichte der Herrschaftüber das Rechtsleben; immer massenhafter setzte er römischen Rechts-stoff in thatsächliche Wirksamkeit; immer schonungsloser prefste erauch den einheimischen Rechtsstoff in die blind verehrte römisch-rechtliche Schablone. So schritt in der Tliat die Rezeption längereZeit unaufhaltsam fort. Und zwar nahm sie hierbei ihren Weg vonSüden nach Norden und von den Städten auf das platte Land.
Doch beschränkte dieser Fortschritt der Entnatioualisirung sichauf das Gebiet des Privatrechts. Im öffentlichen Recht wurde um-gekehrt, obwohl auf die theoretische Rezeption nicht verzichtet wurde,der Versuch einer praktischen Einführung des römischen Rechteswiederum aufgegeben 2 * * 5 . Und auch im Privatrecht fehlte es keines-
2 Die allgemeinen Gedanken des römischen Staatsrechts übten freilich, wiesie die Rezeption seihst in erster Linie mitveranlafst hatten, auf die Ausbildung
des modernen deutschen Staatsrechts fort und fort einen bestimmenden Einflufsaus. Allein gegen die im 16. Jahrhundert übliche unmittelbare Anwendung derSätze des Corpus juris auf die einheimischen staatlichen Verhältnisse erklärtensich schon Scipio Gentilis (1563—1616), De jurisdictione P. III c. 21 (Opera,Neap. 1763—1769, III 290—291) und II. Vultejus, Comm. ad titulos Codicis dejurisdictione et foro comp., Francof. 1599, epist. dedicatoria. Lebhafter noch Ch.Besold (1577—1638), De jurisdictione imperii Romani Discursus, ad praesentemreip. Germ, faciem accommodatus, Francof. 1616, Prooem., c. 1, c. 10, Diss. de
statu Reip. mixtae c. 2 § 3, Diss. de praemiis, poenis et legibus c. 8—9 und sonstin seinem „Opus politicum“ (er meint sogar, das Gesetzbuch .Tustinians sei „nun-quam receptum instar legis, sed loco artis juris“). Vgl. ferner die DonauwörthischeInformation von 1611 S. 121 und Lehmann, Chronicon Spirense (1612) VI c. 31(hei Stintzing, Gesch. der deutsch. Rechtsw. II 179). Sodann besonders Job.Limnaeus, Jus publicum imperii Rom.-Germ., ed. II Arg. 1641, Tom. I epist.dedic. d. a. 1628 und lib. I c. 3 und c. 11 n. 10, sowie Job. Wurmser, Exer-citationes academicae ex jure publico depromptae, Tub. 1631, ex. IX q. 1. Die ent-scheidenden Schläge endlich gegen die Herleitung des geltenden jus publicum ausdem Corpus juris führten einerseits auf historischer Grundlage II. Conring (inder Praef. zu Tacitus, De moribus Germanorum, Heimst. 1635, der Schrift De ori-gine juris Germanici, Heimst. 1643 und späteren Arbeiten, vgl. die Hauptstellenhei II. Schulze, Einl. in das deutsche Staatsr. S. 60 ff. und Stintzing a. a. 0.S. 180 ff.), andrerseits vom politischen Gesichtspunkt aus Hippolitkus a Lapide,De ratione Status in imperio nostro Romano-Germanico, 1640 (bes. Proleg. s. 1, 2,
5 u. 6, P. I c. 18 u. P. III concl.). — Ueber die seitdem zur Herrschaft gelangteAuffassung vgl. Pütt er, Inst. jur. publ. Germ. § 22 (jus Romanorum in privatis