90 Buch V. Zweites Hauptstück.
Jesuit ging bei einer offenbar doch nur oberflächlichen Kenntnißdes wahren Charakters Friedrichs Hl. davon aus, dieser werdedie königliche Würde um jeden Preis zu erhalten suchen. Es !wäre nun schon ein großer Triumph gewesen, wenn das nach !dem Uebertritte Augusts von Sachsen unzweifelbare Haupt derProtestanten im römischen Reiche bewogen worden wäre, dochmit ausdrücklicher Anerkennung der Rechte des Hauptes derkatholischen Kirche in dieser Beziehung, mit dem päpstlichenHofe in Unterhandlung zu treten. Das würde zunächst denKaiser, der das Recht Könige zu ernennen als ihm unzweifel-haft zustehend ansah, höchlichst beleidigt und ihn den Anträgendes Kurfürsten für immer unzugänglich gemacht haben. WennFriedrich IU- dann nur noch durch den Papst zum Zie„, seinerWünsche gelangen konnte, so ließ sich voraussehcn, daß dieserkeinem Protestanten die königliche Würde ertheilen, sondernals erste Bedingung dazu die Annahme des katholischen Glau-bens verlangen würde. Friedrich Hl. zeigte äusscrlich eine soübermäßige Eitelkeit, daß man glauben durste, er werde ihrjedes Opfer bringen, um so mehr, da er zwar wirklich sehraufrichtig reformirt, übrigens aber höchst duldsam war. Hier-bei mochten die religiösen Ansichten der Kurfürstin mit in Be-tracht gezogen werden. Diese war nicht eher consirmirt wor-den, als sich ihre Vermählung mit dem damaligen Kurprinzenenschied, während sie früher einem katholischen Prinzen be-stimmt war '). Wenn sie nun auch im Innern von demeigentlichen Kerne, welcher die Grundlagen jeder wahren Re-ligion ausmacht, fest überzeugt war, so unterhielt sie sich dochmit gelehrten und geistreichen Männern auch verschiedenerGlaubensbekenntnisse gern über Religionswahrheiten, duldeteeine sehr freie Untersuchung derselben und äusserte sich bei ihrergroßen Lebhaftigkeit sehr rücksichtslos. Um Mittel zur Be-kämpfung der Zweifel des von ihr auch persönlich hochgeschätz-ten Bayle ging sie öfters Leibnitz an und der gelehrte Hof-prediger Jablonski musste auf ihren Befehl mit diesem überdie Vereinigung der beiden protestantischen Hauptconfessionen
O Herings Merkwürdigkeiten aus derbrandenburgischen Geschichte.