Druckschrift 
10 (1844)
Entstehung
Seite
294
Einzelbild herunterladen
 

Verdienste von geringem Werthe sind, groß ist, nur einsolcher kann die Vorzüge der Bescheidenheit in ihrem ganzenUmfange zeigen.

T<r feine Stolz ist ein nur allzu künstlicher Nachahmerder Bescheidenheit; denn er kann die erfahrensten Kennervon Charakteren hintergehn. Es ist traurig, daß die schönsteunter den Tugenden so entweiht werden kann. Ich sage nur,daß sie die schönste, und nicht, daß sie die größte sey. Denndiese ist, die unmittelbaren Pflichten gegen Gott ausgenommen,die Menschlichkeit.

Wir lernen Philinten kennen. Er gefällt uns. Erscheint nichts von seinen bekannten Verdiensten zu wissen.Wir sehn bald aus seinem Betragen, daß er die Bescheiden-heit für eine schätzbare Eigenschaft hält. Aber wir sind schonso oft durch die seine Nachahmung dieser Tugend betrogenworden. Wir sind also ans unsrer Hut, und fest entschlossen,unser Urthcil über seine Bescheidenheit, erst nach langer Un-tersuchung, zu fällen. Wir fahren fort mit ihm umzugehn.Denn er gefällt uns auch aus andern Ursachen, als wegenseiner anscheinenden Bescheidenheit. Wir finden ihn auf-richtig, wahrhaft und natürlich. Er ist sich beständig gleich,auch in der Bescheidenheit: und Heuchler sind es doch sehrselten. Wir fangen an, geneigt zu werden, ihn für wirklichbescheiden zu halten. Aber weil wir dieses merken, so werdenwir desto behutsamer. Denn wir haben uns schlechterdingsvorgenvmmen, uns nicht wieder durch den Schein der Be-scheidenheit hintergehn zu lassen. Philint wird auf einefeine Art gelobt, und zwar von Leuten, die er hochachtet.Er lehnt das Lob ungezwungen, und zugleich mit einer ge-wissen angenehmen Dankbarkeit von sich ab, daß wir garnicht dabei entdecken, daß er bescheiden zu scheinen suche.