Klopstocks sämmtliche Werke. Stereotyp.Ausgabe. Zehnter ö a n d. Leipzig. Verlag von Georg Jvachinr Göschen. 1844. Vermischte Schriften. Inhalt. Seite Von der Nachahmung des griechische» Shlbenmasies. i Bon, gleichen Verse .15 Neue Sylbenmasie.. Von, deutschen Hexameter.»5, 57, 150 Vom Sylbenmasie. 151 Don der Darstellung. isr Don der Sprache der Poesie .202 Gedanke» über die Natur der Poesie.215 Don der heiligen Poesie.22s Don dem Range der schöne» Künste und der schönen Wissenschaften . 25g Eine Vcurtheilung der Winkelmannischen Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in den schönen Künsten .... 25a Urtheile über die poetische Compositio» einiger Gemälde.252 Veurthcilung einiger Gemälde aus der heilige» Geschichte .... 27z Warum Klopstock sein Lebe» nicht geschrieben habe.278 Drei Gebete eines Freigeistes, eines Christen, und eines guten Königs 281 Von der Bescheidenheit.223 Von dem Fehler Andere nach sich z» benrtheilen.228 Non dem Pnbliko.502 Antwort auf einen Brief von Cramer .508 Auszug auS dem Protokolle der Unsichtbare».31a Ein Gespräch, ob ein Skribent ungegründeten, obgleich scheinbaren Kritiken antworten müsse . ....... 318 VI Seite Nachricht von einem dänischen in dem Ackerbau sehr erfahrnen Landwirthe »28 Antwort an dieSociblst Lxeßstllqne et I'Iiilantstropistue zu Stockholm »»2 Schreiben an de» franzvstschen Minister Roland.585 DaS nicht zurückgeschickte Diplom .»S8 An den Herrn Präsidenten des franzostschcn National-JnstitutS (in PariS) .»SS Briese .»so Kurze Nachricht über KlopstockS Werke .»77 Von der Nachahmung des griechischen SylbenmaHes im Deutschen. A ns dem zweiten Bande der Halleschen Ausgabe des Messias vom Jahre 1756. Vielleicht wäre es am besten, das Schicksal des neuen Sylbenmaßes der Entscheidung der Welt so zu überlassen, daß man gar nicht darüber schriebe. Ich habe dieß bisher geglaubt, und ich würde meine Meinung auch nicht ändern, wenn es nicht Kenner gäbe, die zwar die Alten gelesen, aber sich nicht so genau um ihre Versarten bekümmert haben, daß sie die Nachahmung derselben entscheidend sollten benrcheilen können. Diese haben wirklich dem neuen Sylbenmaße schon so viel Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie verdienen, veranlaßt zu werden, es ganz beurtheilcn zu können. Ich darf, ohne mir zu sehr zu schmeicheln, vcrmuthen, daß einige so freundschaftlich gegen mich gesinnt seyn werden, lieber zu wollen, daß ich über diese Sache, die sie vielleicht eine Klvpstock, vermischte Schriften. 1 2 Kleinigkeit nennen, nicht schreiben möchte. Sv verbunden ich ihnen für dieß Urtheil seyn müßte; so wenig halte ich auch die letzten Nebenzüge der schönen Wissenschaften für Kleinigkeiten, besonders, wenn cs Kenner der höheren Schönheiten sind, für die man sie anfdcckt. Bei der Untersuchung des neuen Sylbenmaßes selbst kömmt es darauf an, daß man erweise: Wir können den Griechen und Römern in ihren Sylbenmaßen so nahe nachahmen, daß diese Nachahmung, besonders größer» Werken, einen Vorzug gebe, den wir, durch unsre gewöhnliche Vers- arten, noch nicht haben erreichen können. Eine Nebenuntersuchung würde seyn, eben dieß von lyrischen Gedichten zu behaupten, denen wir zwar, durch einige unsrer Sylben- maße, einen freieren Schwung, als den großen Gedichten, gegeben haben; die aber, weil sie so vieler Schönheiten fähig sind, daß sie unmittelbar nach dem Trauerspiele ihren Platz nehmen dürfen, noch tonvoller und harmonischer zu seyn verdienen. Homers Vers ist vielleicht der vollkommenste, der erfunden werden kann. Ich verstehe unter Homers Verse nicht Einen Hcrameter allein, wiewohl jeder seine eigene Harmonie hat, die das Ohr unterhält, und füllt; ich meine damit das ganze Geheimniß des poetischen Perioden, wie er sich vor das stolze Urtheil eines griechischen Ohrs wagen durfte, den Strom, den Schwung, das Feuer dieses Perioden, dem noch dazu eine Sprache zu Hülfe kam, die mehr Musik, als Sprache, war. Homer blieb, auch in Betrachtung des Klangs, ein solcher Meister seiner Sprache, daß er die Griechen verführt zu haben scheint, ihre Verse mehr abzusingen, als herzusagen. Sein Herameter hat die angemessenste Länge, das Ohr 3 ganz zu füllen; und er überläßt es den Alcäen, so die vollkommensten lyrischen Verse sind, es, aus andern Absichten, mit einem kürzer», fallenden Schlage zu erschüttern. Er hat den großen, und der Harmonie wesentlichen Vorzug der Mannichfaltigkeit. Da er aus sechs verschiedenen Stücken, oder Füßen, besteht; so kann er sich immer durch vier, bisweilen auch durch fünf Verändrungen, von dem vorhergehenden oder nachfolgenden Verse unterscheiden. Und da diese Füße bald zwo bald drei Sylben haben; so entsteht daher eine neue Abwechselung. Durch das, so ich bisher angeführt habe, und dann durch die glückliche Wahl der Sylbentöne, und ihrer Verhältnisse gegen einander; und durch den abwechselnden Abschnitt des Verses, bei welchem der Leser bald längere bald kürzere Zeit innehalten muß, erreicht der homerische Vers eine Harmonie, die itzt fließt, dann strömt, hier sanft klingt, dort majestätisch tönt. Denn dieß alles in dem höchsten Grade des Wohlklangs, und nach den feinsten Grundsätzen desselben, hervorzubringen, sind vorzüglich die griechische, und denn auch die römische Sprache am geschicktesten. Die Anzahl ihrer Buchstaben und Töne ist beinah einander gleich, und jedes einzelne Wort hat daher schon viel Wohlklang, eh es noch durch die Stelle, die es in der Verbindung des Verses bekömmt, wenn ich so sagen darf, in den Strom der Harmonie einfließt, und dadurch seinen bestimmtesten und vollsten Wohlklang hören läßt. Es kömmt uns itzt darauf an, zu untersuchen, wie nahe wir diesem großen Originale kommen können? Der wesentliche Charakter unsrer Sprache, in Absicht auf ihren Klang, scheint mir zu seyn, daß sie voll und männlich klingt, und mit einer gewissen gesetzten Stärke ausgesprochen seyn will. -4 Wer ihr Schuld gicbt, daß sie rauh klinge, der hat sie entweder niemals recht aussprechen gehört; oberer sagt cs nur, weil es einige seiner Nation auch gesagt haben. Mit grö- ßerm Rechte könnte man der französischen Sprache den Vorwurf machen, daß sie wenig volltönige Wörter habe, und noch weniger, wegen ihrer flüchtigen und fast übereilten Anssprache, periodisch zu werden fähig; der italienischen, daß sie zu sehr von dem gesetzten und vollen Accente ihrer Mutter ins Weiche und Wollüstige ansgeartct; und vielleicht der starken Sprache der Engländer, daß sie zu einsylbig se», und zu oft, statt zu fließen, fortstoße, als daß sie die Fülle des griechischen Perioden so nahe, wie die deutsche, erreichen könne. Kennern des griechischen Wohlklangs glaube ich meine Vorstellung von dem Klange unsrer Sprache noch deutlicher zu machen, wenn ich sage, daß sie mit dem Dorischen des Pindar Aehnlichkeit habe, zugleich aber den Unterschied voraussetze, der, zwischen dem Dorischen des Pindar, und der griechischen Schäferdichter, ist. Ohne mich in die Entscheidung einzulassen, welche von unfern Provinzen am besten deutsch rede? so kömmt es mir doch als wahr vor, daß ein Sachse das Hochdeutsche, oder die Sprache der Skribenten, und der guten Gesellschaften, mit leichterer Mühe rein und ganz anssprechen lernen kann, als einer aus den übrigen Provinzen. Und wie einer von diesen seine Sprache spricht, so rein, so volltönig, so jeden Ton und Buchstaben, den die richtige Rechtschreibung setzt, zwar ganz, aber doch nicht selten, bei der Häufung der Buchstaben, mit unübertriebner Leisigkeit: dicß ist die Regel der längern und kürzer» Sylben, der Art ihrer Länge und Kürze, und also auch der Harmonie des Verses überhaupt. Ich muß gestehn, es giebt zweifelhafte Aufgaben bei dieser Regel; und wir wären glücklich, 5 wenn wir Eine große Stadt in Deutschland hätten, die von der Nation, als Richtcrin der rechten Aussprache, angenommen wäre. Aber wir dürfen hierauf wohl itzt nicht hoffen, da Berlin eifersüchtiger darauf zu feyn scheint, den zweiten Platz nach Paris, als den ersten in Deutschland zu behaupten. Gleichwohl liebe ich meine Landsleute so sehr, daß ich von ihnen glaube, daß sie in den Städten, wo es nicht mehr unbekannt ist, daß Achtung und Sorge für einheimische schöne Wissenschaften eine von den vorzüglichsten Ehren einer Nation sind, sich bemühen werden, ihre Sprache recht auszn- sprechen; und, wofern sie sich auch hierin noch einige Nachlässigkeit verzeihen wollten, doch, wenn sie öffentlich reden, oder gute Schriften in Gesellschaften vorlesen, sich selbst und ihren Skribenten die Ehre erweisen werden, daß sie ihre volltönige und mächtige Sprache richtig aussprechen. Diese Aussprache vorausgesetzt, ahmen wir dem homerischen Verse so nach. Wir haben Daktylen, wie die Griechen, und ob wir gleich wenige Spondeen haben; so verliert doch unser Hexameter dadurch, daß wir statt der Spondeen mei- stentheils Trochäen brauchen, so wenig, daß er vielmehr fließender, durch die Trochäen, wird; weil in unfern Sylben überhaupt mehr Buchstaben sind, als bei den Griechen. Es ist wahr, die Griechen unterscheiden die Länge und Kürze ihrer Sylben nach einer viel feinern Regel, als wir. Wenn wir unsre Sprache nach ihrer Regel reden wollten, so hätten wir fast lauter lange Sylben. Dieses ist der Natur des Gehörs zuwider, welches eine ungefähr gleiche Abwechselung von langen und kurzen Sylben verlangt. Die Anssprache hat sich daher nach den Forderungen des Ohrs gerichtet. Und dieses ist biegsam genug gewesen, sich an die Kürze eines Vokals zu gewöhnen, auf den zween oder auch wohl drei Buchstaben folgen; und eS wird nur alsdann verdrüßlich, wenn diese Buchstaben mit einer gewissen Ungclenkigkeit der Zunge ausgesprochen werden. Ob wir nun gleich auf der einen Seite, in Absicht auf die Feinheit des Wohlklangs verlieren; so gewinnen wir, in Betrachtung einer ganz neuen Mannichfaltigkeit, welche die Griechen nicht hatten, beinahe mehr, als uns, durch die genaue Feinheit, entgeht. Zum Beweise dessen wähle ich vorzüglich den Daktylus, weil er hinter der langen Sylbc zwo kurze hat. Da unsre kurze Sylbe auf zwo Arten, und bisweilen auch auf die dritte, kurz ist; der Griechen ihre hingegen nur auf Eine und selten auf zwo Arten: so entstehn daher so vcrschicdne Daktylen, und zugleich so viel Mannichfaltigkeit mehr, daß diese in Einem Perioden die Harmonie schon ungemein erhöht, und denn einem ganzen Werke zu einem Vorthcile gereicht, der nicht sorgfältig genung gebraucht werden kann. Dazu kömmt, daß uns die Verschiedenheit der Daktylen auch deswegen angenehm seyu muß, weil sie in unfern Hcramctern mehr, als in den griechischen, Vorkommen. Dieser in einigen Fällen nothwendige öftere Gebrauch der Daktylen, ist auch wohl Ursach gewesen, warum einige Neuere den sogenannten spvn- deischen Vers, der den Hexameter mit zwcen Spondeen, statt eines Daktyls und Spondeen, schließt, mit dem Homer öfters brauchen, ohne deswegen etwas wider den Virgil zu haben, der die Ursach nicht hatte, und es daher nur selten that. Wenn wir also unfern Hexameter, nach der Prosodie unsrer Sprache, und nach seinen übrigen Regeln, mit Richtigkeit ausarbeiteu; wenn wir in der Anssnchung harmonischer Wörter sorgfältig sind; wenn wir ferner das Verhältnis, das ein Vers gegen den andern in dem Perioden bekömmt, verstehen; 7 wenn wir endlich die Mannichfaltigkeit auf viele Arten von einander unterschiedner Perioden nicht nur kennen, sondern auch diese abwechselnde Perioden, nach Absichten, zu ordnen wissen: dann erst dürfen wir glauben, einen hohen Grad der poetischen Harmonie erreicht zu haben. Aber die Gedanken des Gedichts sind noch besonders; und der Wohlklang ist auch besonders. Sie haben noch kein anderes Verhältnis: unter einander, als daß die Seele zu eben der Zeit durch die Empfindungen des Ohrs unterhalten wird, da sie der Gedanke des Dichters beschäftigt. Wenn die Harmonie der Verse dem Ohre ans diese Weise gefällt, so haben wir zwar schon viel erreicht; aber noch nicht alles, was wir erreichen konnten. Es ist noch ein gewisser Wohlklang übrig, der mit den Gedanken verbunden ist, und der sie Ausdrücken hilft. Es ist aber nichts schwerer zu bestimmen, als diese höchste Feinheit der Harmonie. Die Grammatici haben sie „den lebendigen Ausdruck" genannt, und ihn oft dann nur im Virgil oder Homer gefunden, wenn diese ihn etwa übertrieben, und ihm also seine eigentliche Schönheit, die vorzüglich in der Feinheit besteht, genommen; oder in andern Stellen nicht daran gedacht hatten, daß Scholiasten kommen und ihnen hier eine Schönheit von disser Art Schuld geben würden. Verschicdne Grade der Langsamkeit oder Geschwindigkeit; etwas von sanften oder heftigen Leidenschaften; einige feinere Mienen von demjenigen, was in einem Gedichte vorzüglich Handlung genannt zu werden verdient, können, durch den lebendigen Ausdruck, von ferne nachgeahmt werden. Wenn der Poet dieses thut; so braucht er, oder es glücken ihm vielmehr einige seiner zartesten Künste der Ausbildung, die ihm eben so leicht mislingcn können, sobald er zu sehr mit Vorsatz handelt, oder seine Einbildungskraft das enge Gebiet dieser Ncbenzüge zu 8 hitzig erweitert, und sich aus der Harmonie eines Gedichts in die Musik »ersteigt. Ich muß zwar zugestehn, daß es Fälle gicbt, wo der lebendige Ausdruck dasjenige stark sagen muß, was er sagen will. Aber überhaupt sollte man die Regel festsetzen, sich demselben vielmehr zu nähern, als ihn zu erreichen. Und die Anwendung dieser Regel sollte man nur bei der Beurthcilung seiner Arbeit nvthig haben. Denn wenn diese Art Schönheit recht gelingen soll, so muß sie im Feuer der Ausarbeitung fast unvermerkt entstehen. Auf eine Verbesserung der Harmonie von einer ganz andern Art, und die nur den Vers an sich angeht, haben sich einige unter uns eingelassen, da sie eine Splbe mehr vor den homerischen Hexameter setzten, um, wie es scheint, durch einen jambischen Anfang das Ohr, wegen der Ungewöhnlichkeit des neuen Verses, schadlos zu halten. Aber sic haben zween nicht unwichtige Cinwürfe wider sich. Da der Hera- Meter eben so lang ist, al-s ihn das Ohr verlangt, wenn es einen merklichen Absatz einer vollen Harmonie, und nicht mehr auf einmal fordert; so dehnen sie die Länge des Verses über die Gränzen der Natur aus. Weil sich aber diese Gränzen nur durch ein gewisses Urtheil des Ohrs bestimmen lassen; so kann ich mich, wegen seiner wahrscheinlichen Richtigkeit, nur auf die beständigen Muster der Griechen und Römer berufen, die doch sonst so abgeneigt nicht waren, neu zu seyn, und in ihren theatralischen Jamben oft so sehr von einander unterschieden sind, daß es eben daher so schwer wird, diese Vcrsart genau zu bestimmen. Der zweite Einmurf ist, daß die, so die Splbe noch hinzu- setzcn, nicht selten in Gefahr sind, zween Verse statt eines zu machen. Noch eine andre Sorgfalt, - dem neuen Verse eine gute 9 Aufnahme zu verschaffen, war ein Einfall, der in dieser Absicht sehr glücklich war. Sv bald man ihn aber zur Regel machen wollte, würde man ihn übertreiben. In einem lyrischen Gedichte wurden die Regeln des griechischen Sylben- maßes völlig nach der Prosodie der Alten beobachtet. Ohne die Schwierigkeit zu berühren, auch nur einige kleine Stücke in dieser Art zu verfertigen, scheint mir diese ganz gebundene Nachahmung, der Natur unsrer Sprache, ihres Hexameters, und seiner Harmonie entgegen zu seyn, Man weiß, daß Ovidius schon hüpfend wurde, statt den majestätischen und eigentlichen Wohlklang Virgils zu übertreffen. Weil ich mich über das, was ich bisher von dem alten und neuen Herameter gesagt habe, nicht gern in Erempel ausbreiten mochte; so will ick nur eins anführen, die Kenner der Alten an den poetischen Perioden zu erinnern. Da zu wenige sind, die Homers Sprache bis auf ihr Sylbenmaß kennen, soll Virgil seine Stelle vertreten. Cr sagt vom Salmoneus: Ouattuor Nie invooiu8 eqnis, ei, iampaäa quaosano ker Orajüm populoo mccliaegne per ItU<1i8 urbem Ibat ovan8, clivümqne 8il>i pnscobat Nonorom: vemono! g»> nimbos ei, non imitalnle tnlinen ^er' et cornipinlum cur8n 8imul<>rai. eqnorum! rlt pater omnipnieno klen8' inter nuküa teium Oontorsit, >M. .-^. 3i Von der ionischen Versart. Selm er. Sie kennen den schönen Rhythmus des Jo- nikus. Ich habe eine mir mitgetheilte Versart nach ihm genannt. Ein großer Dichter könnte ihr, durch ein Gedicht von vielem Inhalte, seinen Namen geben; und so würde ich gar nichts dawider haben, wenn sie ihre griechische Benennung verlöre. Ihr Schema ist: Der Jonikus ist der herrschende Fuß; nach ihm kommen der Anapäst und der Bacchcns von ungefähr gleich oft vor. Da die beiden ersten schon so viel Bedeutung haben, so durste ein Dritter, nur unter der Bedingung einer großen Aehnlichkeit mit dem herrschenden, hinznkonimen. Werthing. Aber warum wurde, eben dieser Aehnlichkeit wegen, der Bacchcns nicht zum zweiten nach dem herrschenden gemacht, und der Anapäst merklich seltner gebraucht? Seltner. Weil die Versart ans diese Weise eintönig geworden wäre. Der Jonikus ist nicht in der ersten Abtheilung; weil er sonst zu oft Vorkommen, und also zu stark würde gehöret werden. Der vierte ist ohne den Anapäst, weil der Schluß des Verses den Hauptton der Versart haben soll. Der Baccheus darf nur selten für den Jonikus in der vierten Abthcilung gesetzt werden; cs muß aber auch nicht zu selten gescheht:, damit der Schluß des Verses zwar merklich, aber auch nicht eintönig sey. So oft nach der Regel, und nach der Crlaubniß, ähnliche Füße mit einander ab- wechscln zu lassen, der DidymäuS für den Jonikus steht, (in der vierten Abthcilung steht er niemals) so ist er allezeit ein Wortfuß, damit er dem Verse seinen Hauptton nicht 35 nehme, tteberhaupt sind die Füße in dieser Versart oft Wortfüße. Ihr schnellster Vers ist: O entfleuch zum Gcbcin. ins Gefild der langsamste: wo dic Schlacht schweigt, Erobrcr lind ruf dort dir selbst, Würgen, Web zu, und vielleicht der schönste: daß des Herrn Zorn nicht donnernd Der ausstch, dn den Wchruf des Gerichts von dem Thron her nicht todt hörst. Werthing. Au dem Schluffe eines Verses scheinen mir sieben Sylben, davon noch dazu viere lang sind, zu viel zu seyn. Man höret nur den letzten Fuß als Schluß. Selmer. Es kommt nur darauf an, daß der Jonikus vor dem letzten Fuße gewöhnlich wieder gehört werde. Ob Sie diese beiden letzten Füße den Schluß, oder die letztere kleinere Hälfte des Verses nennen, entscheidet in Absicht auf seinen Rhythmus nichts. Werthing. Der ionische VerS scheint mir ein wenig zu lang zu seyn. Selmer. Ich vermuthe, daß Sie den Herametcr zum längsten Verse annchmen, der gemacht werden darf. Wenn dieß der Entschcidungsgrund seyn soll, so ist der ionische Vers zu lang. Der Hexameter hat, wie Sie wisien, beständig vier und zwanzig Zeilen; der ionische wechselt von acht und zwanzig bis zu zwei und zwanzig ab. Wenn er Inhalt hat, imd nicht bloß wegen seines starktönenden herrschenden Fußes eine gewiffeFülle derDeklamativn erfvdert; so scheint er mir nicht zu lang zu seyn. 36 Wcrthing. Man könnte, deucht mich, auch das an ihm tadeln, daß er nicht beständig eben dieselben Zeiten hat. Selmer. Tadeln Sie es an Sophokles Verse, daß seine Abwechselungen von ein und zwanzig bis zu achtzehn zurückgehn? oder an den andern Sylbcnmaßen der Griechen, die wir mit einander untersucht haben, daß die Zahl ihrer Zeiten ungleich ist? Werthiug. Wenigstens ist es ein Vorurtheil gegen die ionische Vcrsart, daß die schönste Versart der Griechen, ihre epische, in jedem Verse gleiche Zeiten hat. Seltner. Ich glaube nicht, daß der Erfinder deS Hexameters an die Gleichzeitigkeit seiner Füße gedacht hat. Sie wird nur von denen, und zwar nur einigermaßen gehört, welche die Anmerkung-, daß sie da ist, gemacht haben. Was sagen Sie, Minna? scheinen Ihnen diese beiden Verse, die im Homer auf einander folgen, gleichzeitig zu scyn. Tlätoil gar moirai thumon thcson anthroopoisi». Notar hog' Hoktora dien epei philo» ator apäura! Minna. Mir scheint der erste viel länger zu dauern, als der zweite. Wcrthing. Aber bei Versen, die nicht so sehr kontra- stiren, als diese, ist die Gleichzeitigkeit merklicher. Seltner. Ich habe Ihnen schon zugestandcn, daß diejenigen, welche die Anmerkung gemacht haben, die gleichen Zeiten einigermaßen hören können. Aber ich frage Sie: denken Sie daran, wenn Sie den Homer dcklamircn? Werthing. Das thu' ich freilich nicht. Seltner. Ueberhaupt feh' ich die Gleichzeitigkeit des HerametcrS nur als eine Maunichfaltigkeit weniger an. Ich 37 würde sie ein zu künstliches Ebenmaß nennen, wenn sie merklicher wäre. Werthing. Nicht jede Mannichfaltigkeit ist ein Schönheit. Seltner. Aber diejenige, nach welcher die Verse ungleiche Zeiten haben, ist es deswegen, weil sie etwas dazu beiträgt, daß der poetische Periode nicht immer in gleiche Absätze getheilt wird. Die Regel, daß der Künstler die Kunst verbergen müsse, fodert hier die Verbindung der Aehn- lichkeit mit der Gleichheit. Sonst muß ich von dieser Versart noch anmerken, daß sie durch ihren starken Rhythmus nahe ans Lyrische gränzt. Neue Sylbeninuße. Aus den „Fragmenten über Sprache und Dichtkunst." Hamb. b. Herold, 1779. Fragment. S c l m e r. Der Anapäst, den ich nur sparsam in der tragischen Vers- art brauchen durfte, hat einen so schönen Gang, daß er verdient in einer andern der herrschende Fuß zu sepn. Ich gebe ihm den Vaccheus zum Begleiter, weil dieser das Feuer desselben, ohne cs zu unterdrücken, am besten mäßigt. Das Schema der anapästischen Versart ist: Sie sehen gleich, daß der schnellste Vers dieses Sylben- maßes folgender ist: Es erscholl vom Gebirg in der Nacht ein geflügelter Donncrrnf. Und der langsamste: Da lantheulend Snunwind' an Fclsklnftc« hcrbranstcn, und Schlag ans Schlag Vielleicht hat dieser den schönsten Tonverhalt: 39 Und er sang, was stillstch'nd der Eurot, von Apollo, dcr Schäfer war. Oder der: Mit dem Wehn des Palmbanms in gelehrigen Hainen entzückt vernahm. Werthing. Für welche Materien würden Sie diese Versart vorzüglich bestimmen? Seltner. Für alle, die mit einem gewissen feurigen Ernste müssd ansgeführt werden. Ueberhaupt gehört sie nur für eine Ausführung, die starke poetische Farben hat.. Weil Sie doch so vielwissend in der Kenntnis? des Sylbcn- maßes geworden sind, Minna; so will ich Sie eine andere Versart, die ich habe, entdecken lassen. Hören Sie, und sagen Sie mir das Schema derselben. Wcmi dcr Morgen in dem Mai mit der Vlüthcn erstem Gernch erwacht; So begrüßet ihn entzückt vom bcthantcn Zweige des Walds Gesang, So empfindet, wer in Hütten an dem Walde wohnet, wie schon dn bist, Natnr! Jngcndlich hellt sich des Greises Blick, und dankt! Lauter freut Sich der Jüngling. Er verläßt mit dcS NchcS leichterem Sprung den Busch, Und ersteigt bald den erhohtcrcn Hügel, stehet und schaut umher, Wie Aurora mit dem rvthlichcn Fuß auf die Gebirge tritt, Und den Frühling um sich her mit dcm Wchu der frühe» Luft sanft bewegt. Wen» der Morgen des Dccembers in des Frostes Düften erwacht, und glänzt; 40 So begrüßet ihn mit Hüpfen von dem Silbcrzwcige bcr Sänger Volk/ Und ersinnet für den künftigen Mai neue Gesänge sich, So empfindet wer in Hütten ans dem Lande wohnet, wie schön du bist, Natur! Munter erhellt sich des gestärkten Greises Blick! Mehr »och fühlt Sich der Jüngling. Er enteilt mit des Nehcs leichterem Sprung dem Heerd, Und im Laufe zum besternten Landsee, blickt er umher, und sieht. Wie Aurora mit dem röthlichen Fuß halb im Gewölle steht, Und der Winter um sich her das Gcfild mit Schimmer bedeckt, und schweigt. O ihr Freuden des Dcccmbcrs! Er ruft's, säumt nicht, betritt den See, Und beflügelt sich mit dem Stahle den Fuß. Ein Städter, sein Freund, verließ Den Kamin früh. Er entdeckt von dem hohen Noß in der Ferne schon Den Landmann, wie er schwebt, und den Krpstall hinter sich tönen läßt. O ihr Freuden des Decembcrs! so ruft der Städter nun auch, und springt Von dem Noffe, das in Wolke» des Dampfes steht, und die Mähne senkt. Jetzt legt auch die Bcflüglung des Stahls der Städter sich an, und reißt Durch die Schilfe sich hervor. Sie entschwingcn, Pfeilen im Fluge gleich, Sich dem Ufer! Wie der schnellende Bogen hinter dem Pfeil ertönt. 41 So ertönt das erstarrte Gewässer hinter den Fliegenden. Mit Gefühle der Gesundheit dnrchströmt die frohe Bewegung sie, Da die Kühlungen der reineren Luft ihr eilendes Blut durchwehn, Und die zarteste des Nervengewebs Gleichgewicht halten hilft. Unermüdet von dem flüchtigen Tanze schweben sie Tage lang, Und musiklos gefällt er. Wenn am Abend rauchender Winterkohl Sie geletzt hat, so verlassen sic schnell die sinkende Gluth des Heerds, Und beseele» sich die Ferse, die Ruh der schimmernden Mitternacht Durch die Freuden des gewagteren Laufs zu stören. Sie eilen hin, Und verlachen, wer noch jetzt bei dem Schmause weilet, und schlnmmernt gähnt. Die Gesünderen und Froheren wünscht der kennende Zeichner sich, Und vertauschte das gelohnte Model gern mit dem freieren! Da der Weichling Alzindor so gesprochen, gürtet er fester noch Sein Nauchwcrk! Und die Flamme des Kamins schwinget noch lärmender In dem neuen Gehölze sich empor! Dicker und höher steigt, Ans der vollen unermeßlichen Schale, duftend von weißem Nack Der Punschdampf! An des Schwätzenden Stahlen naget indeß der Rost! Minna. Ihr Blatt. Ich muß es selbst durchlescn. Haben Sie die Versart schon heraus, Wcrthing? Werthing. Es kommt mir so vor. Minna. Wenn Sie Ihrer Sache gewiß sind; so schweigen Sie. Dieß ist Ihre Versart, Selmer. Je gewisser ich meiner Sache zu scpn glaube, desto weniger müssen Sie mich auslachen, wenn ich's nicht getroffen habe; sonst werde ich böse, und nicht in Scherze böse. Werthing. Es ist mir sehr angenehm, daß Sie es nicht in Scherze werden wollen; aber schreiben Sie. Minna. Noch einen Augenblick. Der Didymäns ist der herrschende Fuß, (an dessen Stelle, der Aehnlichkeit wegen, der JvnikuS auch wohl einmal gesetzt wird) der Anapäst derjenige, der am öftesten mit ihm abwechselt; der Bacchens, der am seltensten verkömmt. Der gewöhnlichere Ausgang ist der Daktpl und Kretikns. Selmer. Heiners, wollen Sie Richter seyn: Ob ich Minna böse machen kann? Da haben Sie unsre beiden Blätter. Heiners. Ich muß Ihnen gestehn, daß ich nicht genau gennng Achtung gegeben habe. Minna. Oder haben Sic vielleicht noch eine andre Ursache, daß Sie den Ansspruch nicht thnn wollen? Heiners. Lassen Sie mir wenigstens etwas Zeit. Minna. Ich kann das nichtabwarten. Sagen Sie mir, Selmer, Hab' ichs getroffen, oder nicht? Selmer. Ich wollte jetzt, ich hält' es nicht schon so oft gesagt, daß Sie eine sehr angenehme Znhörerin sind. 43 Minna. Wenn ich jemals Dichterin werde, so zieh' ich diese Versart gewiß andern vor. Erst, welche Schnelligkeit, so oft drei kurze Sylben hinter einander; und dann hält man diese Schnelligkeit doch auch durch den Baccheus, und den doppelten Kretikus des zweiten Ausgangs auf. Selmer. Die Anmerkungen, die ich noch darüber zu machen habe, sind ungefähr diese: Der Baccheus darf niemals auf den Didymäus folgen, um die Gleichheit mit dem Schluffe des Hexameters zu vermeiden. Der herrschende Fuß muß wenigstens einmal in jedem Verse Vorkommen. Ich neune dieß Splbenmaß nach diesem Fuße das päouische. * Lyrische Sylbenmaße: Klang des Gefühls, du ladest mich Zinn ncucii Gesang immer noch ein ! O des Hains Quelle, Silva, Die stillstehnd bei der Harfe Zn der Schlacht, znm Sieg' heran! Der Gespielen Schwert Bestimmte schon Blnt! Heran! znm Tode vielleicht. Sie trauert nicht des Geschreckten Mutter; es weint Die edle Thränc gern, die den Kühnen gebar! 4L Endlich stürzte das Wetter den Schlag furchtbar In das Meer! und der Strahl zückt' hoch her! Aber noch schwieg das Meer stets; Und bleich sah der Steuermann zu der Wolk' auf. Schrecklich erscholl der geflügelte Donncrgcsang in der Hcerschaar ! Jeden entflammt in des Angriffs Zorn des unsterblichen Namens Heißer Durst; und je blutiger einem die Wunden strömten, Desto trinmphircnder drang der ein! Vom deutschen Hexameter. Aus dem dritten Bande der HaNeschen Ausgabe des Messias v. I. 1769. Fragment aus einer Abhandlung vom Splbcnmaße. Selm er. Die Regel unsers Herameters ist, den Daktylus öfter als den Trochäus, und diesen als den Spvndcus zu setzen. Wir dürfen den Daktylus nicht so oft, als die Griechen, brauchen, weil der Trochäus nicht so langsam als der Spvndcus ist, und weil dieser, als der dritte Fuß der Versart, zn selten vorkommt, dem öfter wiederholten Daktylus das Gleichgewicht zu halten. Sie werden mir zngestehen, daß unser epischer Vers mannichfaltiger, als der homerische sey: Ich nenne den Herameter der Alten so, weil ihn Homcrus schöner gemacht hat, als irgend ein Grieche oder Römer; aber Sie werden mir vermuthlich Partheilichkeit Schuld geben, wenn ich auch den Rhythmus unsers HeramctcrS verziehe. Werthing. Ich läugne eS Ihnen nicht, daß Sie mir partheiisch verkommen. Selm er. Und warum komme ich Ihnen so vor? Wcrthing. Weil ich mehr Wohlklaug in dem griechischen, als in dem deutschen Hcrameter höre. Selm er. Ich sehe wohl, ich werde Sie beschuldigen müssen, daß Sie diesmal den Klang der Worte und ihr Zeitmaß mit einander verwechselt haben. Werthing. Es ist wahr, ich hatte jetzt diesen Unterschied nicht gemacht. Seltner. Ich ziehe unsern epischen Vers dem griechischen, in Absicht ans den Rhvthmus, ans zwei Ursachen vor- Die erste ist, weil sich der Daktylus und der Trochäus ähnlich sind, und der Spondens kein näheres Verhättuist zu dem Daktylus hat, als zu allen andern Füßen, den Moloß ausgenommen. Diese Uebercinstimmung der beiden vornehmsten Füße unscrs Hcrameterö gefiel den Griechen so sehr, daß sie diesen Doppclfuß: — ^ ^ den musikalischen nannten. Ob nun gleich der VerS viel öfter aus Wvrtsüßen, als aus den Füßen der Regel bestehn muß, sv dürfen doch diese manchmal einen Thcil desselben bilden. In dieser Betrachtung kann uns das genauere Verhältniß nicht gleichgültig scyn. Die zweite Ursache, warum ich uuscrm Verse den Vorzug gebe, ist, weil die Rhythmen, durch die er mannich- faltiger, als der homerische wird, einen schönen metrischen Ausdruck haben. Ich glaube, Sie machen mir jetzt den Vorwurf der Partheilichkeit nicht mehr. Gleichwohl will ich Ihnen meine Unpartheilichkeit noch mehr zeigen. Ich behaupte es nämlich als einen Vorzug des homerischen Verses, daß er die Schnelligkeit des Daktylus mehr durch seinen SpoudcuS, als der nnsrige durch seinen Trochäus aushält. Unsere Dichter können diesen Vorzug vermindern, wenn sie sich bemühen wollen, thcils Gebrauch'von den nicht zu wenigen Spondecn zu machen, die wir vornämlich durch Hülfe unsrer einsplbigcn Worte haben können; und theilS oft solche Trocknen wählen, die nach der griechischen Anssprache Spon- deen seyn würden, und hei nns den Schein derselben haben. Minna. Aber was hilft uns das, da wir Deutsche sind, und an diese Verglcichnng nicht denken? Denn was gehet uns übrige der zwanzigste unter den wenigen Lesern des Homer an, der so gar sein Splbenmaß versteht? Selm er. Sie haben so sehr recht, als man nur haben kann: allein, auch ohne Verglcichnng, bleibt doch auch für uns ein Unterschied. Sie hören nämlich andere Trochäen, wenn Sie spondeenähnliche hören. Man könnte vielleicht sagen, geben Sie mir einmal den Homer her, Wcrthing, daß die Griechen auch solche Trochäen hätten. Doch ich sehe jetzt die Sache nicht mehr in dem Gesichtspunkte an, daß wir durch diese Trochäen den Gang des Verses etwas spondcisch machen wollen. Ich vergleiche nur die Quantität der Griechen mit unsrer. Um die Sache mehr zu übersehen, wollen wir alle Arten der griechischen Trochäen nehmen, und sie mit unsren vergleichen. Sphooe, Ophra, Näi, Steuto. Wir haben nur solche, wie Sphooe. Spondeenähnliche sind bei ihnen, da nämlich, wo sie diese und ähnliche Worte als Trochäen brauchen: Diphru, Esthlvo, Isä, Phainci, Nümphai, Hüoi. Alle diese Endigungen haben wir nicht. In beiden Sprachen sind eine große Anzahl Trochäen, die sich mit Einem Consonantcn endigen. Ich will nur einige anführcn: Ballen, werfen, Phootes, Mannes, hänich', menschlich, Soisin, Freundin. Viele unsrer Trochäen endigen sich mit zwei Consonantcn, auch wohl mit dreien. Diese haben die Griechen nicht. Unterdeß ist vielleicht unser: Wandeln, ein besserer Trochäus, als das griechische: Vainei, Bildend, als Moisai, und Vaters, als Kaloi. Sie müssen nicht etwa glauben, Heiners, daß solche Worte selten als Trochäen gesetzet werden. Heiners. Würde es Ihnen bei den Daktylen eben so gut gehen, wenn Sie noch ein wenig blättern wollten? Selm er. Lassen Sie uns sehen. Leussete, dichtete: Deidechat', heiliget. Auch der Schluß des Daktyls mit dem einsylbigen Worte: Pheuge mal', fliehe denn; Chersin hüph', wandte sich; Doomat' es, höret es; Enkha phil', Schrecken will; Avtar hoth, tönte vor. Auch drei cinsylbige Worte: A ge mcg', Flöh' er doch; Ci de sü, Flog in der; Too ke tach', Zog sie sich; Tan de kar', Todt sie hat; Ä gar ap', Wenn sie von; Hoi men ar, Sing ich, er; Kadd' ar' ep', Stand er im; Hos rha t'ay', Wirf sie an. Doch, Minna, Sie wollen wohl, daß ich hier aufhöre. Minna. Nein, ganz und gar nicht. Ich mag wohl, daß Sie bisweilen auch ein wenig umständlich mit unscrm Freunde Heiners reden. Seltner. Uranu, eben dicß dorisch: Ooranoo, Wanderers, A epei, Ewigkeit; Eisetai, Antioi, Ek domu, Heiligung. Minna. Die Sache ist doch wirklich mit der griechischen Quantität viel anders, als ich sie mir bisher vorgestcllt hatte. Hören Sie, Heiners, ich habe Lust, Ihnen ganz leise ins Ohr anzuvertrauen, daß viele von denen, die ich bisher allerlei von Homers Verse habe reden hören, vielleicht nicht sehr bekannt mit demselben gewesen sind. Heiners. Cs mögen dieß wohl wenige Stellen seyn, die Seltner zu seinem Vortheile ausgesucht hat. Seltner. Schlagen Sie ans, wo sie wollen, so werden Sie finden, daß die angeführten langen Vokale und Diphthongen nicht allzuselten als kurz Vorkommen. Minna. Das müssen Sie wirklich thun. Da haben Sie den Homer. Warum wollen Sie nicht? Werthing. Ich will Ihnen die Mühe abnehmen. Doch erst noch ein Wort mit Selmer. Homer ist mir zwar eben nicht unbekannt; aber ich hatte doch die Daktylen, die aus drei Worten bestehn, nicht so bemerkt. Blättern Sie noch ein wenig. Molossen von drei Worten können Ihnen, wegen Ihrer Anmerkung, die Sie vorher machten, nicht gleichgültig ftyn. Selmer. Es scheint, daß Minna nichts dawider haben wird. Sie hat mir eben ein wenig Umständlichkeit empfohlen. Enth' avt' all', Meer, braus' auf; All' ei dä, Berg, fink ein; Has ut' an, Komm, stürz hin; Too nün mät', Wuth rief laut; Ei gar nün, Stand bang still; Tu men gar, Hvrt's, blieb stumm; HooS ho prosth', Nacht kam schon; U man avt', Pfeil fleug, triff; Hoi ton ge, Bleich sank sie; All' u läth', Schwert, blink her; Toon per tis, Luft, weh sanft; Ei per gar, Ach blick ans. Doch genung. Sie hörten wohl, daß es nur Artikel und Conjunktionen sind, die Homer in Molossen verbindet. Der Fuß scheint mir zu stark für Partikeln zu seyn. Homer hatte übrigens viel Worte, die Molossen waren, und die er oft braucht. Diese fehlen uns beinah ganz, und wir können unsre cinsylbigen langen Worte, vor allen die von starker Bedeutung, nicht besser brauchen, als wenn wenn wir sie in Spondeen, Baccheen, und Molossen zusammendrängen, und sie auf diese Art zu einem scheinbaren Ganzen machen. Wcrthing. Welche Seite wollen Sie von diesen beiden, Heiners? Diese also. Sie hat dreißig Verse. Klopslock, oermischte Schriften. 4 50 Härä, te kai, ci ma, otruixil, mcssotoo, cinai, arioi, cidci. Sehen Sie hier. Dich sind nur sieben Verse. Toiäde kai, chcci, giguetai, phüei, daämcncil, muchoo. Und was sagen Sie von diesem Verse: Plozomai hood' cpcl u mol ep' vmmasi nadimoZ hupnos. Man würde Ihnen, glaub' ich, den Einwurf machen, Sel- mer, ob ich ihn gleich nicht mache, daß ans diese längere Kurzen ein Vokal folge. Aber man hätte deswegen unrecht, es zu thun, weil sie hier nicht in dem Gesichtspunkte angesehen werden, daß der Anfang des folgenden Worts sie noch länger macht. In dieser Betrachtung ist für uns, daß so gar die Römer den anfangendcn Confonanten des folgenden Worts die Wirkung nicht zugestanden, welche sie in der griechischen Quantität hatten. Gleichwohl längne ich nicht, daß ich lieber höre: des Wanderers Eilen, als: des Wanderers Fortgang. Unterdeß kann es wohl sepn, daß ein Deutscher, der mit den Griechen nicht bekannt ist, diesen Unterschied nicht bemerkt. Noch Eins, Seltner, mögen Sie die längere Kürze, oder die kürzere Länge lieber hören? Seltner. Viel lieber die erste. In der letzten ist eine gezwungene Dehnung. Heiners. Aber dem griechischen Ohre war sie angenehm. Seltner. Vielleicht. Wenn in: Häroooon toisin tc die ersten vier Längen ihm vorzüglich gefielen, so konnte ihm 51 die fünfte wenigstens nickt in gleichem Grade gefallen. Sollte das Angeführte den Griechen viel anders geklungen haben, als uns klingen würde: Hccrschaar, steig Fclsengrbirg'hinauf Weil wir keine Position haben, kann eine Sylbe wie hier: Sen, niemals lang bei uns scyn. Homer dehnt so gar, und nicht selten, die Kürzen, die es nach seiner Regel sind, und das in einer Sprache, die über die Hälfte weniger Schwierigkeit hat, den Vers zu machen, als unsre. Viel erlaubter scheint cs mir zu scyn, ein cinsylbiges Wort, über dessen Quantität ein Ohr, das feine Zweifel hat, nicht völlig zur Nichtigkeit kommen kann, wenigstens da, wo keine, oder wenig Leidenschaft an-szudrücken ist, als gleichgültig anzu- st'hn. Möchten Sie, Minna, diesen Vers: Töncndcr sangen verborgen von Väschen mit liebender Klage Nachtigallen lieber so Horen: Tönender sangen verborgen von Väschen mit liebender Klage Nachtigallen Oder wollen Sie die Position der Griechen ferner entbehren, und es geduldig anhörcn, wenn die Deutschen selbst fort- sahren, es ihrer Sprache vorznwerftn, daß sie beinah ohne alle wahre Quantität scy, weil sie die Regel der Position nicht hat. Noch einige wenige Anmerkungen werden zureichen, Ihnen, ohne daß ich wcitläuftig scyn darf, einen vollständigen Begriff von unscrm Hcrameter zu machen. 52 Wir haben in demselben, oder können wenigstens durch Hülfe unserer Spondcen alle Wortfüße der Griechen haben. Aber wir haben noch fünft von gutem Ausdrucke, welche den Griechen fehlen: nämlich: Die Wortfüße, die wir mit den Griechen haben, sind: Der letzte kommt in unserer Sprache oft vor. Wir müssen gegen seinen zu wiederholten Gebrauch auf der Hut seyn, damit der Vers nicht weich werde. Sie sehen, wie viel unser Hcrameter ausdrücken kann. Sie denken sich das, was ihn unterscheidet, am bestimmtesten, wenn Sie sich seine neuen rhythmischen Schönheiten vorstellen, die durch die Verbindung unsrer Wortfüße mit den griechischen entstehn. Diese Doppelfüße, oder diese merklicheren Absätze des metrischen Ausdrucks geben Ihnen den meisten Anlaß auszumachcn, ob das Urtheil ihres Ohrs ein wenig stolz seyn dürfe. Uebcrhaupt kömmt es bei dem metrischen Ausdrucke vor- nämlich auf die Wahl guter Wvrtfüßc, und ihre Stellung an. Ich will nur einige aus den sehr mannichfaltigen Zusammensetzungen derselben herausnchmen, von welchen ich glaube, daß sie dem Verse einen vorzüglich schönen Rhythmus geben. Ich lasse andere bekanntere weg, die auch ihre Schönheit haben. Langsamere, oder schnellere Deklamation, entscheidet oft die Thcilung in einfache oder doppelte Wortfüße. Eile dghin, wo der Tod, und daö Grnb, und die Nacht dich erwarten. 53 Wende dich weg, wehmüthigcr Blick, von der Angst des Erduldcrs. Nenne sic, Klagestimme des Nachhalls, ihrem Geliebten. Streit, und komm zu dem Miterbtheilc des ewigen Lebens. Freudig stieg ihr Genoß zu dem Lichterbtheilc des Heils auf. Schreckliche Todesangst, graunvolle Vcrzweiflungsstimmen. Furchtbarer Wchansrnf, der hinab in das Thal aus der Kluft scholl. Ewiges Anschann des, der im Lichtreich Dulder belohnet. Bebend erschollst, Nachtthal, und znrückgabst deine Verwesten. Ich kenne keinen Hexameter, der einen stärkeren metrischen Ausdruck hätte, als folgender. Ich würde Ihnen sehr danken/ Werthing, .wenn Sie ihn mir im Homer fänden, und mich wundern, wenn ihn derjenige Dichter, der den geizigsten Federungen Ihres Ohrs genung that, nicht gemacht hätte. Drohend erscholl der geflügelte Donncrgcsang in der Hcerschaar. Aber da »nn in der Nacht Wehklage vom Grab' aufrnfte. Rühmt und preist, glückselige Mitgcnosscn der Wonne. Ach wie liebt' ich ihn sonst, ich einst Schubgeist des Verworfnen. 54 Als der Erdkreis Gott vernahm. Gott nieder vom Para». Strom, steh still! der Posannhall rnft, und das Volk des Herrn kommt. Jeder, dem jetzt am Tage des Herrn das Gericht Weh zuricf. Ach cs vernahm von dem Thron den GcrichtsanSsprnch die Versammlung. Aber da nn» des Gerichts Ausspruch vom gefürchteten Thron scholl. Minna. Sie führten uns vorhin gewöhnlich den langsamsten, den schnellsten, und den schönsten Vers von jeder Versart an. Seltner. Der langsamste, den wir aber sehr selten werden machen können, wäre dieser: Wnth, Wehklag', Angstausruf, stieg laut auf von dem Schlachtfeld. Den andern langsamsten, der viel leichter ist, haben Sie schon gehört: Als der Erdkreis Gott vernahm, Gott nieder vom Paran. Werthing. Und den schnellsten auch, Minna. Wenn ich nicht irre, so war es dieser: Eile dahin, wo der Tod, und das Grab, und die Nacht dich erwarten. Ich will Ihnen, Selmer, denjenigen, den ich nicht allein für den stärksten, sondern auch für den schönsten halte, im Homer aufsuchen. Sie brauchen den spondeischen Ausgang weit öfter, als Virgil. Seltner. Wenn von Anschn die Rede ist, so gilt mir Homers Beispiel mehr, als Virgils. Aber, auch ohne das Erempel des Griechen, würde mir die Regel der Mannich- saltigkeit, und der Rhythmus deS trochäischen Ausgangs, lassen Sie uns ihn künftig so nennen, weil unser Herametcr nicht den Spondeus, sondern den Trochäus, zum zweiten Fuß angenommen hat, ich sage, die Regel der Mannichfaltigkeit, und der bedeutende Rhythmus des trochäischen Ausgangs würden mir cs auflegen, durch ihn den daktylischen nicht selten zu unterbrechen. Heiners. Nach ihrer Meinung ist es freilich ein Vorzug des deutschen Heramcters vor dem griechischen, daß er, statt zweier künstlicher Füße, drei zur Regel annimmt. Selmer. Es ist einer, wenn anders Mannichfaltigkeit, deren Gränzcn nicht allein bestimmt, sondern auch weder zu sehr eingeschränkt, noch zu sehr erweitert sind, mit zur Schönheit gehört. Heiners. Aber Sie müssen mir beweisen, daß Sie den rechten Mittelweg zwischen der zu genauen Einschränkung, und der zu freien Erweiterung getroffen haben. Seltner. Geben Sie mir einige hundert Herametcr, die ich Ihnen als gut gearbeitet zugestehn muß; so will ich sie Ihnen vorlesen. Wenn ich Sie dadurch nicht überzeugen kann; so habe ich wenig Neigung, cs durch einen Erweis zu thun, und wenig Hoffnung, es zu können. Ich verstehe aber durch gute Herametcr solche, die mit schönen Rhythmen oft ab- wcchseln, die diese Rhythmen dem Inhalt anmcssen, und deren Inhalt dieser ganzen metrischen Ausbildung werth ist. Heiners. Gut denn, diese neue, ungricchische, hexametrische Versart mag ihre Schönheiten, und recht viele haben; allein Sie müssen mir erlauben, daß ich zu dieser Frage noch einmal zurück komme, schickt sich unsre Sprache dazu? Seltner. Sie schickt sich, in ihrem ganzen Umfange genommen, und wenn sie der Dichter versteht, besser zum Hexameter, als zn Opitzens Verse- Ich nehme diesen so, wie wir ihn gewöhnlich machen, da wir oft auf den Kürzen halten, und mit den Längen forteilen; denn unsre Absicht ist ja nicht, Spondeen einzumischen. Wollten sie hier genauere Beobachtung der Quantität von dem Dichters fvdern, so würden Sie ihm zn denken verbieten, und er konnte dann mit Recht behaupten, daß sich unsre Sprache zn dieser Versart gar nicht schicke. Sie erinnern sich, waS wir im Anfänge unsrer Unterredung über die Deklamation des jambischen Verses anmerkten. Auch der kürzeste Beweis meiner Antwort wäre für Werthing und Minna zn lang. Sie können also nichts dawider haben, daß ich ihn weglasse. Der Hexameter, wie ihn Kleist machte, ist ein schöner anapästischer Vers, der im Frühling noch schöner seyn würde, wenn der Jambus den Anapäst öfter unterbräche. Es würde einer der glücklichsten Gedanken einiger unsrer Dichter gewesen sepn, diesen Vers znm lyrischen ausgenommen zu haben, wenn er nicht, seltne Ausnahmen zugestanden, für die Ode zn lang wäre. Der mehr homerische Hexameter hat, außer dem, was ich schon angeführt habe, noch dieses, daß sein erster Fuß beständig mit einer langen Sylbe anfängt, ein Gang, der demjenigen Verse angemessen ist, welcher dem epischen Gedichte vornämlich zugehört. Dem Hexameter, sagt Aristides, ein neuerer Grieche, aber der diese Sachen verstand, geben Schönheit und Würde sein weiter Umfang, sein Anfang mit der Länge, und sein vollloniger Schluß. Vom deutschen Hexameter. Aus den „Fragmenten über Sprache und Dichtkunst" Hamb. 1779. Fragincnt. Cs sind etwa dreißig Jahre, daß einige deutsche Dichter den Herameter der Griechen, dessen Regel die Verbindung des Daktpls und des Spvndeen, als künstlicher Füße, ist, durch die Annahme des Trochäen zum neuen künstlichen Fuße, verändert, und in diesem Splbcnmaße geschrieben haben. Die Veränderung ist wesentlich. Denn sie setzt einen Haupt- zng zur Bildung des Verses hinzu: und nicht nur das, sie will auch, daß dieser Hauptzug, der Trochäe nämlich, merklich öfter, als der Spondee, verkomme. Unser Hexameter ist also nicht sowohl eine griechisch-deutsche Versart, sondern vielmehr eine deutsche. Durch den Gebrauch der künstlichen oder der Füße der Regel entstehen Wortfüße, welche die eigentlichen Theile des Verses sind, und auf die auch der Zuhörer, den die künstlichen gar nichts angehn, allein achtet. Von jenen bekommen die Griechen nach ihrer Regel siebzehn: und wir nach unsrer zwei und zwanzig, (die fünf- und mehr- sylbigen, welche diese Mannichfaltigkeit noch sehr vermehren, 58 werden hier nicht mitgerechnet) und also fast den vierten Theil mehr Abwechslung, oder so viel mehr Anlaß, gewisse Beschaffenheiten der Empfindung und Leidenschaft und der sinnlichen Gegenstände aus- zudrücken. Das neue Splbenmaß hat viel Widerspruch und viel Beifall gefunden; und diesen zwar, wie ich theils aus eigner Erfahrung weiß, am gewöhnlichsten bei völligen Laien, die unverwahrlost von theoretischer Hörsagerei sich dem Eindrücke überließen: und auf der andern Seite bei tiefen Kennern der Vcrskunst, die mit dem Alten, bis zu seiner Berichtigung, bekannt, das Neue bald durchschauten. Der Raum zwischen diesen und jenen ist nicht klein. Die Halbwisser, die ihn einnehmen, hätten ans den schlechten Hcramctern lernen können, wie dieser Vers nicht gemacht, und aus den guten, wie er gemacht werden müsse. Aber es fehlte ihnen wohl auch hier an der Gabe der Unterscheidung. Nun so hatten sie ja gcnung Theoretisches, das von Verschied- nen über die Sache geschrieben war; vielleicht aber auch nicht genung. Denn es könnte ja wohl seyn, daß man aus Neigung, Vollständigkeit und Kürze zu verbinden, etwan hier und da sehr nahe liegende Erläuterungen nicht gegeben, oder Folgerungen dem Leser überlassen, und sich in der Hoffnung, daß er sie machen würde, betrogen hätte. Sollte ich in diesem Punkte, denn ich habe das Theoretische des Hexameters auch berührt, ein Mitschuldiger seyn; so denk' ich meinen Fehler durch diese kleine Schrift wieder gut zu machen. Und da ich jetzt nun einmal umständlicher seyn will; so werd' ich zugleich auf Verschiednes kommen, das ich auch sonst wohl denen, welche der Umständlichkeit nicht bedürfen, hätte vorlegen mögen. 59 Warum ich mir ehmals mit diesen Nebensachen zu schaffen gemacht habe, und mich jetzt so gar ans ihre umständlichere Entwicklung einlaffe? Gut, Nebensachen; aber nur in Vergleichung mit der Hauptsache, dem Denken: sonst gehört der Ausdruck des Gedachten, und zwar in allen seinen Zweigen, zarten und starken, so wenig zu den Nebensachen, daß dagegen sehr viele Dinge, die für wichtig und groß gehalten werden, zu den wahrsten Ncbensächclchen cinschrumpfen. Ich bin sehr entfernt davon, es mir zum Verdienst anzurechnen, daß ich mit dieser so leichten Untersuchung vielleicht so gar jetzt noch zu früh komme. Verschiednes von dem, was man im Folgenden finden wird, ist thcils durch Einwendungen und Angriffe, und theils durch Meinungen, die weder das eine noch das andre sind, veranlaßt worden- Ich habe mich von diesem Faden leiten lassen, um zu zeigen, daß die nähere Beleuchtung der Sache eben so überflüssig nicht scy. Ich nenne Niemanden; aber ich führe die Stellen, wider die ich etwas zn erinnern habe, wo nicht immer mir allen Worten, doch niemals so an, daß man sie nicht wieder kennen sollte. Ich mußte dieß thun, weil man sonst diese und jene Stelle, wenn sie bei bloßer Anzeige ihres Inhalts weniger kenntlich gewesen wäre, für erdichtet hätte halten können. Es kann seyn, daß hier und da Angriffe und Einwendungen unter einander zu stehen kommen. Gleichwohl denk' ich nicht, daß man sie verwechseln werde; weil sich die Angriffe, durch stolze Partheilichkeit und dcmü- thige Gründe, immer merklich, und oft auffallend unterscheiden. Bei Erwähnung der Angriffe fürchtet man vielleicht, daß ich ein Betragen, mit dem man zufrieden gewesen ist, jetzt § 60 andre, und mich, nach so langem Stillschweigen, auf das Antworten einlasse. Aber man hat diese Furcht nicht nöthig, weil ich nicht mich, sondern eine Versart vertheidige, die Andre und ich vorgezogen haben. Man wird dieß beim Fortlesen von selbst sehen; gleichwohl sag' ich es hier. So viel ist mir daran gelegen, daß man auch nicht einen Augenblick von mir glaube, ich sey nicht bei meiner alten guten Sitte geblieben. Ein völlig griechischer Hexameter im Deutschen ist ein Unding. Kein deutscher Dichter hat je solche Hexameter gemacht, oder machen wollen. Etliche eingestreute dieser Art können hier nicht in Betrachtung kommen. Ich kann mich dabei nicht wohl anfhalten, daß bald von griechischem Hexameter im Deutschen; und bald von deutschem die Rede ist. Genung, aus dem ganzen Vortrage, und ans einzelnen Stellen, in denen der Mund ohne Hehl übergeht, fällt sehr deutlich in die Augen, daß jener Unterschied nur zum Scheine gemacht wird, um dem deutschen Hexameter, durch. Hülfe dieser Geberdung, denn doch wenigstens mit einiger Schonung zu begegnen. In folgenden Stellen wird unverhohlen herausgercdet: „Der Jambus ist das einzige, wahre, ächte, natürliche, heroische Metrum unsrer Sprache." „Wenn Homer, ein alter Deutscher im Zeitalter der Minnesänger oder Luthers, frei von klassischer Schulfüchserei und poetischer Pedanterei, gelebt hätte, so hätte er auch seine Ilias in Jamben gesungen." „Nichts als Nachahmnngssucht, verdammte Nachahmnngs- sncht hat uns auch hier wieder von der Natur abgezogen, und gegen den GeinuS der Sprache empöret." Im deutschen Hexameter ist der Daktyl der herrschende künstliche Fuß. Nach ihm werden der Trvchäe am öftesten. 61 und derSpondce am seltensten als künstliche Füße gebraucht. Hieraus folgt unter andern, daß er aus deutschen und griechischen Stücken zusammen gesetzt sey. Diese zu unsrer Sprache in hohem Grade paffende Versart ist es, von der ich rede, und deren Vertheidigung ich auch in so fern, als sie der griechischen gleicht, übernehme. Es gehr mich hierbei nichts an, daß es hier und da geschienen hat, als sollte wider das Phantom eines griechischen Hexameters im Deutschen gestritten werden. 1. „Man skandire das erste das beste prosaische Buch. Eher skandirt man hundert zehnsylbige Jamben oder Trochäen, als nur einen Herameter heraus." Bei dieser Vergleichung würde man dreierlei thun müssen. Erstlich müßte man, weil von Jamben oder Trochäen die Rede ist, auch den kleistischen kurz anfangcnden Herameter mit in Rechnung bringen; zweitens nicht ganze Herameter verlangen, sondern zehnsylbige herametrische Stücke, als zur Vergleichung völlig zureichend, gelten lassen; und sich endlich erinnern, daß man deutsche Herameter aufzusnchcn habe. Ich verlange übrigens, wie ich doch könnte, nicht einmal, daß man dabei den Sylbenzwang, ohne den der Jambe schlechterdings nicht gemacht werden kann, auch dem Herameter solle zu statten kommen lassen. Bei dieser Art zu verfahren, der einzigen, durch die sich etwas zur Sache Gehöriges ansmachcn läßt, möchte sich denn doch wohl das angegebene Verhältnis; so ziemlich verändern. 2. „Man kann sagen, daß neun Zehntel der Sprache in „das jambische Metrum recht bequem sich fügen, hingegen „kaum ein Zehntel im Staude sey, richtige, gute Herameter „zu bilden." Hier würde also das vorher ins Weite hin angegebene Verhältnis, festgesetzt. Der dem Jamben nothwendige öftere Sylben-. zwang, wenn nämlich die unveränderlich langen Sylben, als kurze, die gleichen kurzen, alS lange, und die nun bestimmten zweizeitigen auf eben die Art unrichtig gebraucht werden, der Sylbenzwang widerspricht dem bequemen Fügen gerade zu. Die Ursach dieses Zwanges ist, daß in unsrer Sprache sehr oft zwei kurze Sylben, und nicht selten zwei lange neben einander stehen. Ich habe ihn (Die Sylben in Reime zwingen, sagten unsre Alten, und thatcn's; wir sagen's nicht, aber wir thun's tapfer drauf los.) nothwendig genannt, und zwar deswegen, weil der Dichter, der in Jamben schreibt, ihn nicht anders, als mit dem Verluste sehr vieler Wörter und Wortstellungen vermeiden könnte, und daher aufhören müßte zu denken, wie er wollte. Aber auch nicht wenig zusammengesetzte poetische Wörter, und viele andere noch unentbehrlichere Wörter und Wortstellungen, (wicdergegeben, untergegangen, neben, über den Bergen u. s. w. dieß greift sehr weit in der Sprache um sich) sind dem Jamben deswegen völlig unbrauchbar , weil bei ihnen selbst der Sylbenzwang nicht statt findet. Und dieß ist denn doch wohl der höchste Grad der Unschicklichkeit einer Sprache zu einem Sylbenmaße, wenn sie um seinetwillen eine Menge solcher Wörter und Wortstellungen, als so viele Reichthümer, deren Gebrauch größten- theils so gar zur Leibes Nahrung und Nothdurft gehört, gleichsam im Kasten muß verrosten lassen. Auf der andern Seite gewinnt der Hexameter eben dadurch, wodurch der Jambe verliert, nämlich durch das öftere 63 Wiederkommen zweier Längen und zweier Kürzen, als welches von der Nothwendigkeit des Sylbenzwanges befreiet, und die Sprache dem Dichter nicht allein nicht arm macht, sondern ihm vielmehr die Bereicherung derselben erleichtert. Sie stellt aber auch Eine Länge neben Eine Kürze. Ließ paßt eben so gnt für den Hexameter, als für den Jamben. Denn jener hat ja den Trochäen zum neuen künstlichen Fuße angenommen. Au dem Allen kömmt nnn noch, daß man nicht ganz selten drei Längen neben einander antrifft. Dieß ist dem Jamben noch nachtheiligcr, als cs dem Heramcter, der auch den Spondeen zum künstlichen Fuße angenommen hat, vortheil- haft ist. Denn jener muß nun gar, in dem kleinen Umfange von drei Sylben, den so widrigen Sylbenzwang manchmal verdoppeln. A. E. Wenn ein Vers mit Angst wehklagt anfängt, so werden Angst und klagt zu Kürzen gezwungen; wenn aber mit Und Angst wehklagt, so geht's nur über weh her. Daß also das nun so hingewagte Verhältniß von eins zu neun nicht nur völlig ungegründet, sondern der Heramcter vielmehr, in Ansehung des bequemen Fügcns, in der ganzen Sprache zn Hause wäre; der Jambe aber nur Einen Flügel, (wenn man ihm anders so viel einräumen kann) und zwar mit dem Heramcter in Gesellschaft, inne hätte. Einige Wortstellungen lassen drei, auch wohl vier Kürzen auf einander folgen, und etliche Wörter und Wortstellungen bilden den Antispast (- - - ^ Gesichtskreise). In diese kleinen Nebengebäude darf der Heramcter nicht kommen; allein der Jambe auch nicht. Nur die lyrischen Splbcnmaße, die mit dem ersten zugleich angetastet werden, gehen da zuweilen aus und ein. 3. „Der Verfasser giebt den Längen und den Kürzen drei „Grade Verschiedenheit, (sie sollen sich gar noch viel weiter „adstufen lassen) und glaubt auch dadurch das Nichteintvnige „des Jainbeu zu erweisen." Hiervon hernach. Bei diesem Anlasse wird dem Hexameter vorgeworfen, daß er „1) Kürzen und Kürzen, 2) Längen und Kürzen, „(Längen und Längen, welches doch mit zur Sache gehört „hätte, werden ausgelassen,) in Ansehung ihrer Verschiedenheit, nicht gut zusammenstelle." Mir scheinen zwei Grade (auch bei den Griechen) zur richtigen Bestimmung der Sache zureichend zu seyn: kleinere Längen nämlich und größere; so auch die Kürzen. Damit man aber nicht glaube, ich wolle durch Verwerfung dreier Grade Schwierigkeiten ausweichcn; so lass' ich mich darauf ein. Ich nehme also gleichfalls lange, längere und längste; kurze, kürzere und kürzeste Sylben an. Die zweizeitigen Wörter und Sylbcn, die mehr lang als kurz, oder das Gegcntheil sind, sollten hier, als solche, deswegen nicht mitgerechnct werden, weil sie im Verse schon bestimmt, und dann, wie die unveränderlichen Längen oder Kürzen, eö in vcrschicduem Grade sind. Das Ohr vergleicht neben einander stehende Sylben, doch unter der Einschränkung, daß sic auch zusammen gehören. In ewige gehören die beiden Kürzen zusammen; in Eile, durchdring gehn sie sich nichts mehr an, und werden daher auch nicht mit einander verglichen, le wird's nur mit ei, und durch mit dring. Hierdurch hört denn auch dieWir- kunn des Vergleichens auf, nämlich der Gefallen oder das Mißfallen an der Zusammenstellung. Da sie der Hcrametcr 65 oft durch solche Wortfüße trennt; so fallen dadurch nicht wenig Vorwürfe der Übeln Zusammenstellung weg. EH muß aber auch oft verglichen werden. Ich will nur die Zusammenstellungen anführen, die mir beim Vergleichen dem Ohre zu mißfallen scheinen. Es versteht sich dabei von selbst, daß ich die übrigen für gut halte. Doch ich muß den mißfallenden eine Anwendung voran schicken, die mir sehr zur Sache zu gehören scheint. Wenn uns nnn der kleine Unterschied zwischen Kürzen und Kürzen, um jetzo nur dieß zum Beispiele heraus zu nehmen, eben so unmerklich vorkäme, als wir durch die Verwandlung der Längen und Kürzen, durch den Sylbenzwang, beleidigt werden? und also diejenigen Dichter, (ich gehöre mit darunter) die auf den angeführten Unterschied bei ihren Arbeiten gesehen haben, nicht eben hoffen dürften, aufmerksam darauf zu machen? Mau wird gleich sehen, daß es selbst die Griechen nicht waren. Die kurze, und die kürzeste (zitternde) scheinen mir nicht gut zusammen zu stehen. Allein Hab' ich auch recht? Würde daraus nicht ein Einwurf wider die längste und die kürzeste (träumte) folgen? Denn diese stechen in ihrer Art noch mehr gegen einander ab. Wer wird aber den Einwurf machen? Ferner: Selbst der griechische Hexameter (dessen Anführung dem deutschen überhaupt so uachtheilig eben nicht ist) läßt die kurze und kürzeste neben einander hören. Und geschieht es etwa selten? Wer kennt Homers so oft wieder kommendes te kai nicht? oder vielmehr wer kennt so etwas, und spricht gleichwohl nicht in einem Tone, als ob er nichts anders gethau, als nur immer Homeren behorcht hätte? Allein noch einige andere Beispiele: prvti- balle ai, mäti moi, hoi olümpon, ei de teu, ozoo eni. Älopstock, vermischte Schriften. 5 66 Doch ich hätte diese Beispiele kaum anführen sollen, weil es im Grunde keine Kürzen, sondern durch deu Sylbenzwang gekürzte Längen sind. Aber desto mehr beweisen sie für mich. Außer dem kommen hier auch die kurzen Sylben in Betracht, welche den steigenden Accent haben. Der Accent hat überhaupt mit der Splbenzeit nichts zu thnn; aber an den kurzen Sylben verändert er etwas. Mein Beweis ist: Die Griechen lassen manchmal sechs, sieben Kürzen ans einander folgen. Diese kann man unmöglich auf gleiche Art aussprechen; man muß eine oder zwei ein wenig heben. Und welche? Doch wohl keine andre, als die den steigenden Accent haben? Mir scheint es, daß er die kürzeste zur kurzen mache. Und so wären denn die Sylben db, in dedörü, po, in pvdes, ms, in mänos, sie wären, sag'ich, kurze und stünden neben dazu gehörigen kürzesten. So machte also Homer seinen Vers nicht selten, (wie hätte ich die Beispiele häufen können) und zwar in einer Sprache, „in welcher der Herameter kaum unerfunden bleiben konnte," und gleichwohl stellte sich kein Grieche über nicht beobachtete Verschiedenheit der Kürze ungebehrdig an. Wir kommen zu dem Verhältnisse, welches Längen und Kürzen unter einander haben. Die lange und die kurze stehen nicht gut bei einander. Gleichwohl findet man in Homeren: pe und spö, in lipe und spöos: re und Pros, in aüre proseeipe, de und ptö, in de ptölemvs, ta und phrö, in kata phrena, gal' und i, in megäl' iachon, und mehr solche. In Ansehung des Verhältnisses der Längen zu Längen, verbindet man die lange und die längste nicht gern, wenigstens nicht so, daß jene voran steht. Dieß ist das Einzige, was bei den Graden der Splbenzeit Aufmerksamkeit verdient. 67 Gleichwohl stellt Homer rh e vor ptoor, in elat he ptoor; ta vor zeüs, in mätieta zeü's; deS vor pür, in theS- piades pur; de vor prüm, in de prümnüs; de vor smerd, in de smerdnon. Ich hatte auch hier die Beispiele hänfen können. (Man sieht von selbst, wie man das bisher Gesagte bestimmen müsse, wenn man mit mir zwei Grade Verschiedenheit für zureichend hält.) Ich berufe mich überhaupt bei der Sache auf jeden, der nur ein wenig in Homeren blättern will, wie oft er dann die eai, die menos, die te pros, und die de smerd antreffen, und hören wird, was er, anch in dieser Rücksicht, von allem dem Lärme zu halten habe, der da ins weite Allgemeine hin gemacht worden ist: „Von den Sechzehnteln der griechischen Quantität, und „von ihren Härchen! und von ihrem ins Kleine und Feine „getheilten Takte! und von ihrem Gange, der kaum die „Spitzen des Grases krümmt!" Man setze voraus, die bisher untersuchte Verschiedenheit sey so merklich, daß der Dichter sehr darauf sehen müsse, welches gleichwohl nicht ist; man vergesse ferner, daß einige Dichter darauf gesehen haben, und sage, daß sie es, wegen der Unschicklichkeit der Sprache zum Herameter, nicht haben rhun können; man lasse ihnen nicht einmal zu, sich da, wo sie etwa nicht daraus gesehen haben, mit Homers Beispiele zu eutschuldigen, welches doch rechtfertigt, und dieß so schr, daß es selbst das Unmerkliche jener Verschiedenheit bestätigt; (Nur in Nebensachen, wie diese ist, glaub' ich mich auf Homeren berufen zu dürfen; sonst erlaub' ich es, wenn von Rechtfertigen die Rede ist, weder mir noch Andern.» kurz, man thue alles, was man nur immer will, uni auch hier unserer Sprache Unschicklichkeit znm Herameter anfzu- bürden: was ist es denn, das dabei, wenn man auch recht hätte, und wie unrecht bat man gleichwohl nicht, am Ende hcrauskämc? Nur dieß: Der Herameter kann die Verschiedenheit der kleineren und größeren Längen oder Kürzen, nicht beobachten. Aber wie unbedeutend ist das in Vergleichung mit diesem völlig Ausgemachten: Dem Jamben ist der Snl- benzwang unvermeidlich. In der ersten Versart konnte man also die Leute nur nicht im Horchen üben; aber in der zweiten, muß man ihnen das Hören verbieten. Da ich durch das bisher Gesagte nicht ohne gute Ursach selbst den Ausflüchten zuvor kommen wollte; so könnt' ich nicht kürzer seyn, als ich gewesen bin. 4. „Man werfe seinen Blick auf die große Menge von „Mitlautern, mvmit unsere Sylben überhäuft sind;" Dieß ist schon im Vorigen berührt worden, und kommt bald noch umständlicher vor. „auf den großen Einfluß, den der Accent, und auch die „Stellung dieses und jenes Worts in die Länge und Kürze „unsrer Sylben hat;" Accent kann hier nicht wohl etwas anders, als den leidenschaftlichen Ton bedeuten. Denn der Accent im gewöhnlichen Verstände oder der Sprachtou hat diesen Einfluß nicht. Er macht weder lang noch kurz, sondern wird nur mit der Länge ausgesprochen. Die Aweizeirigkeit wird bei uns durch Regeln bestimmt. Diese liegen theils in dem Tone des Nachdrucks und der Leidenschaft, der sie zur Länge, und theils in der Stellung der Wörter und Sylben, die sie bald zur Länge, und bald zur Kürze macht. Das Angeführte ist daher unserer Sprache 69 so wenig nachtheilig, daß sie dadurch vielmehr einen Vorzug vor den beiden alten Sprachen bekommt. Denn in diesen wird die Aweizcitigkeit allein dnrch den VcrS bestimmt, das heißt: Man soll sie so oder so, des Verses wegen, aussprc- chen; aber man muß es nicht wegen des Inhalts oder der Sprache thun. „auf die Ungewißheit, darin wir wegen der eigentlichen „Quantität vieler Sylben, die in den vcrschicdncn deutschen „Provinzen oft so sehr verschieden ausfällt, schweben;" Der anders ausgesprochnen Sylben sind fürs erste nur wenige, und fürs zweite wird ihre Quantität bloß dieser und jener Mundart, und nicht der Sprache gemäß geändert. Dieß kann also nicht mit in Rechnung gebracht werden. „auf die Ungleichheit von der Länge und Kürze vieler „deutschen Sylben, wo öfters die lange, wenn sie neben einer „längeren zu stehen kömmt, gewissermaßen in eine kurze „übergeht, oder die kurze durch die Nachbarschaft einer kürzcrn „eine Art der Länge erhält." Ich wiederhole hier nur, daß dieß in jeder Betrachtung, in die es kommen kann, die beiden alten Sprachen auch angeht. „Aus dem allen urtheile man, ob wohl unsre Sylben „eine so reine Quantität haben, daß wir uns in unserer „Sprache vom Herameter eine gleiche Anmnth versprechen „dürften, als er in der griechischen oder lateinischen Sprache hat." Anmuth möchte nun wohl nicht mehr von der Quantität, sondern bloß vom Klange gelten. Aber ist denn nur das Sanfte des Klanges, und nicht auch seine Stärke Wohlklang? Und ist nicht der starke Klang Ausdruck wichtigerer 2 Gegenstände? 70 Von der Beschaffendes k der deutschen und griechischen Svlbenzeit weiter unten. Von dem Reinen der griechischen merk' ich vorläufig an, daß es denn doch wohl nicht mit dazu gehört, wenn sie sehr viele Längen hat, die im Grunde Kürzen sind, und die gleichwohl zu Längen ausgedehnt werden. Ich sprech' ihr hier nicht etwa bloß das Reine ab; sondern ich behaupte auch, daß ihr Mechanisches hier nicht mechanisch sc», oder daß die Mitlaute, in gewissen Stellungen, nicht wirken können, was sie wirken sollen. Sonst ist es auch gewiß kein Nebenumstand, daß die deutsche Splbenzcit nicht mechanisch, sondern begriffmäßig ist. 5. „Sehen sie nur auf alle unsere ältere Gedichte, ob sie „irgendwo das Polpmerrische eines Herameters antrcffen." Überhaupt Polymetric, auch hcrametrische; und nicht Ein- tönigkeit, wie sich gleich zeigen wird. Wir haben nur sehr wenige Uebcrbleibsel von uusern Alten; und gleichwohl könnt' ich viel mehr Beispiele anführen, als hier folgen: On thät Dagrcd dy'lcdan SkpldaS. Hlnde hliüil Mo», Dsäs ft hlanka gcfah Wulf in Walde. 71 Ich klage dir, Meie, ich clage dir, Snmer Wunne, Ich klage dir brehtn Heide breit, Ich klage dir ongebrchcnder Klc, Ich clage dir, grüner Wald, ich klage dir Sunnc, Der iAbschreiber hat das Gedicht des Sachsen (erlebte zu den Zeiten Ludwigs des Frommen) wie Prosc geschrieben. Wenn man folgende Stellen aus ihm in andere Verse abtheilt, als ich thue; so ändert das gleichwohl, in Rücksicht auf das Polymetrische des Dichters bei der Sache nichts. Denn cs bleibt eben der poetische Periode. Hwo iro Suno scolda Obar thcsan Middulgard Managua wcrthan, sunwn dc Falle. Sumo» te Frobhrv, Firio Varnon. Thoh thi all that Holitho Folc Gcswican, thina Gcsithos: Tho ik sinnon mid thi Thdloian willia. Thno quaniun vk Wurdi Giskapn Them odagcn Man, Orlag Whila. 72 Ncc it God ni giscoup, That the goudo Vom Gumoiio Baruo» Bari bittercs wiht. Fodda ina thno fagaro Frio Skoniosta thia Muodcr Thnru Mianca managcro Drohtin hclag, himilisk Barn. Thar wcrthct miiia Hendl gibnndan, Falhinos wcrthct mi thar gifastnot. In folgenden Heiden Stellen, die durchgehends hera- metrisch sind, kommen einige ganze Hcrameter vor. Aber ich führe anch diese nur als Beispiele der altdeutschen Polymetrie überhaupt an. Denn der Dichter streute wohl nicht mit Vorsatz Hcrameter ein; sondern er machte sie von ungefähr, indem er bloß abwechseln wollte. Jndeß ist es doch der Bemerkung würdig, daß sich in zwei Stellen, deren eine vierzehn, und die andere drei Zeilen hat, in der ersten fünf Hcrameter, und in der andern gar zwei finden. Mich deucht, auch dieß ist ein Beweis, wie gut sich unsere Sprache zu dieser Versart schicke. Die erste Stelle: 73 Fader nsa Firio Barno „Thu bist an theni hohen Himilirikic, giwihit" Si thin Namo Wordn gihwilik», Eume thin craftigc Rikic, Werthc thin Wille» „Obar thesa Wcrold alla so samo an Erdn" „So thar up ist an theni hohen Himilorikie." Gib ns Dage gihwiliccS Nad, Drothin thie guodo, thina hclaga Help», Endi alat ns, HcbancS Ward, Manegero Mensculdio, „Also wi odran Mannen dnan, ni lat uS farledan" „Lctha Wihti sn fort an irv Willeon, so wi" Wirdiga sind, ac hilp ns Widar allon nbclon Dadeom, Die zweite Stelle: „Es hie Dodcs n» wirdig bi sulicon Wordon? That Weroo," All gisprac Folc Judcono, „That hie wart thcos Fcrahcs Scolo, WitieS so wirdig," Ich finde auch sonst noch in den wenigen Fragmenten, die ich von diesem alten Dichter besitze, viel Hexametrisches; auch noch einige Hexameter, als: Hier alosdi alliud Stamna Wcrod fon Witic Than thi Magn wirthit fon thinerv aldcro Jdis Drothin sclbon an thicm hohostrn Himilc Nikic Thina Knini sindnn tc Doumc endi ti Dinrthun Ne it ni nwhta thie Mannes Tnnga Worden giwisan So git her an Jordane Strome Fiscos gifahat. 6. „Wie kann dem deutschen Ohre Eintöüigkeit zur Last „fallen, da es seine ganze — in Vergleichung mit der „griechischen — mvn »tonische oder ölig »tonische Sprache 74 „täglich reden hört, mithin völlig daran gewöhnt ist? Dem „griechischen Ohre möchte freilich unser Jambus eintönig „seyn, weil das der Polytonie gewohnt ist; aber dem nusrigen „ganz gewiß nicht." Wer hier Vieles, und dieß recht genau vergleichen will; und anders bringt er nichts Bestimmtes heraus, der wird finden, daß der Gang der griechischen Sprache und der nnsrigen nur in Einem Punkte wesentlich verschieden sey; und daß gerade dasjenige, was den griechischen unterscheidet, sehr lcicht zu Monotonie werde. Die Griechen brauchen nämlich nicht selten solche Füße, in denen viele Langen oder viele Kürzen ans einander folgen; und sie stellen diese oft dicht oder nah zusammen. Ihre Theoristen warnen sie aber auch, ja auf ihrer Hut zu seyn, und weder durch den Gebrauch zu vieler Längen oder zu vieler Kürzen anszu- schweifen. Demetrius rechnet viele sich folgende Längen (sein Beispiel hat nur sechs) in Prosa wenigstens sogar zum Frostigen. Und diese Regel ist kein Einfall, sondern aus den Beispielen ihrer besten Prosaisten genommen. Wie leicht könnt' es hier auch der Grieche »ersehn, und dahin kommen, daß er, wie ein Melancholischer, bald sehr langsam, und bald sehr schnell reden mußte. Da mit folgenden beiden Stellen au-s demjenigen Redner, u, dessen Beispielen die Theoristen die besten Regeln des Numerus fanden, nicht wenige andere eben dieses Redners überein kommen; so kann man sich durch sie einigermaßen einen Begriff von dem Gange der griechischen Sprache machen, den sie nämlich dann hatte, wenn unter andern auch jenes Unterscheidende recht gebraucht wurde. Die Stellen stehen beide in der Rede von der Krone. Die erste fängt an mit: all' uk estin, und endigt mit: Aiscbinä. Die zweite fängt an mit: tvsuton, und endigt mir: hppologisamenos. Man sieht, daß in der ersten Stelle hier und da mehr Langen, und in der zweiten mehr Kürzen als in unserer Sprache, aber noch nicht zu viele auf einander folgen, und dann, daß da, wo mit wenigeren Längen oder Kürzen abgewechselt wird, die Abwechselung der unsrigen gleicht. Aber mancher gute Prosaist geht auch, und das nicht selten, weil ihn die Beschaffenheit der Sprache dazu bringt, in der Sache zu weit. Selbst Demvsthen thut es. Ich muß aus diesem wenigstens Ein Beispiel anführen. Es ist: - - ^ (peri prooteioon — Eine bekannte Stelle; ich besinne mich nur auf die Rede nicht.) In Rücksicht auf diesen Umstand ist der Unterschied zwischen uns und den Griechen der, daß selbst ihre guten Skribenten oft genung derjenigen Regel nicht folgen können, die sie zn Vermeidung eines Fehlers, zu dem unsere Sprache schon an sich selbst unfähig ist, nötbig haben. Die Griechen bedürfen überhaupt zu Beobachtung ihres Numerus vieler Regeln, und wir beinah keiner. Denn der unsrige, er ist aber, wie ich vorher anmerkte, dem griechischen bis auf den Einen Punkt der Vielheit ähnlich, liegt 76 größtentheils schon in der prosodischen Bildung, und in der festgesetzten Folge der Wörter. Die erwähnte Ähnlichkeit unscrS Numerus mit dem griechischen zeigt, daß der Vorwurf des Monotonischen oder Oligotonischen ungegrüudet ist. Übrigens geb' ich gern zu, daß der griechische den deutschen da übertrcffe, wo die Vielheit mit strenger Genauigkeit vermindert worden, und also nicht in Aufhäufung oder gar Überhäufung, und dadurch in Monotonie ausgeartet ist. Aber wie oft ist selbst Demosthen (nur wenige wissen recht, wen ich da nenne), weil er sich die ausdrückendsten Worte vom Numerus nicht nehmen lassen konnte, an dieser Klippe gescheitert. Überhaupt können wir uns trösten, daß jene Vielheit und die mit ihr nah verwandte Aufhäufung unserer Sprache fehlt, und dieß nicht etwa bloß wegen der dadurch so leicht entstehenden Monotonie, sondern noch aus einer viel wichtigeren Ursache. Diejenige Bewegung der Worte nämlich, die im Aufhäufen liegt, hat einen so starken Ausdruck, daß es nur wenige Gedanken giebt, für die er sich schickt. Es wird also dadurch gewöhnlich das Verhältuiß zerstört, welches zwischen dem Ausdrucke und dem Ausgedrückten seyn muß. Dieses oft unvermeidliche Aufhäufcu ist die Ursach, daß diejenigen griechischen Hexameter, die sieben oder gar neun sich folgende Längen haben, viel öfter als es der Inhalt will, auch wohl manchmal in völligem Widerspruche mit ihm verkommen. Dieß ist das Schlimmste bei der Sache; das zweite auch eben nicht sonderlich Gute ist, daß Füße, die aus lauter Längen bestehn, zwar wohl Zeirausdruck, aber keinen Tonverhalt haben. Ich irrte sonst, und bildete mir ein, daß der Deutsche den 77 Griechen wegen seiner Spvndeen beneiden müßte. Ich bin zurückgekommen. Ich habe meine Ursachen angeführt; und mich deucht ja, daß sie laut genung reden. Das will nicht sagen, daß ich unö nicht einige Spvndeen mehr wünschte; aber sagen will es, daß unsere Armuth viel besser ist, als der Ueber- rcichthum der Griechen. Und selbst ohne diese Vergleichung ist unS unser Mangel nicht nachtheilig. Denn der Trochäe (ich schweige hier davon, was sein Gebrauch im Hexameter noch sonst für Nutzen in Ansehung des metrischen Ausdrucks hat) der Trvchae vertritt bei)nah die Stelle des Spvndeen. Die Noth brachte anfangs die Deutschen (denn sie sahen die Sache nicht gleich durch) zur Wahl des Trochäen; aber sie haben, mich deucht, aus dieser Noth eine wirkliche Tugend gemacht- Die Griechen sahen ihre Noth nicht ein, freilich eine ganz andere, aber immer Noth, die des so oft unvermeidlichen Aufhänfens, ja selbst ÜbcrhäufcnS, und aus der dann keine Tugend zu machen war. Es wundert mich. daß sie das nicht einsahn, und daß also diese großen Virtuosen in der Versknnst einenHerameter haben, der manchmal unter der Spondeenlast keucht, und kaum fort kann. Man stelle sich den Inhalt folgender Herameser vor, und höre dann auf ihre Bewegung, diesen so starken Ausdruck des Langsamen, den so viele sich folgende Längen haben. Mä INI toi II chraismä skäptron kai stemm-! throio Ei de k' Alerandron ktcinä ranthos McnclaoS Zoonia te kai miträ tä» chalkäcs kamoii andre» Alla min AtreidciS durikleitoS Menclavs 78 Ton d' ant AincinS Troooon agoS antion äüdn Too de du' Aincia dvokcn niästovre phoboio, Daiirou pinoosin svn de pleion depnS niei Däml alläloon amphi stäthessi bocias. Ich darf nicht unerinnert lassen, daß die Römer nnd unter ihnen besonders Ovidius viel öfter als die Griechen diesen starken Ausdruck des Langsameu da brauchen, wo er nicht zum Inhalte paßt. 7. „Die deutschen Dichter richten sich bei allen ihren „Sylbenmaßen allein nach dem hohen oder tiefen Accente, „womit man die Splben ordentlicher Weise ansspricht. Die „lateinischen Dichter hörten genauer, wie lang diese Splbcn ..an sich selbst waren. Bei ihnen war ein Wort, worin zwei „stumme Buchstaben auf einander folgten, lang; nnd dieses „mit Recht: weil es mehr Zeit erfordert zwei Buchstaben „hören zu lassen, als einen. „Hierdurch bekamen sie ein sehr genau ausgerechnetes „Sylbenmaß. „Wir deutschen haben unsre Splbenmaße so buchstäblich „genau, wie die Griechen nnd Römer die ihrigen, nicht ab- „gemessen, und auch nicht allzuwohl abmeffen können." Die Sylbenzeit der Alten wurde bloß durch daS Ohr bestimmt; sie war mechanisch. Die unsrige gründet sich auf Begriffe; (Empfindung und Leidenschaft werden hier nicht ausgeschlossen) Mechanisches, das aber von andrer Art ist, nimmt sie nur bei Bestimmung der Aweizeitigkcit zu Hülfe, wohlverstanden, daß sie dieß nicht eher thut, als bis durch 79 die Begriffe nichts mehr entschieden werden kann. Wenn z. B. dich ohne Leidenschaft ausgesprochen wird, so ist es, nach einer Kürze, mechanisch lang: wenn aber mit Leidenschaft, so ist es, ohne Rücksicht auf die vorhergehende Kürze, lang; und dieß ist es, in dem gesetzten Falle, auch nach einer Länge, wo es sonst mechanisch kurz seyn würde. Daß wir auch ein Ohr haben, das genau bemerkt, und dem das Mechanische nicht gleichgültig ist, zeigen wir also genung bei Bestimmung der Aweizeitigkeit durch die Stellung der Wörter und Sylbcn. Das Mechanische der griechischen Quantität war auch darin mangelhaft, daß es die Aweizeitigkeit nicht bestimmen konnte. Man lernte ihre jedesmalige Geltung nur aus dem Verse kennen. Hier mußte man sich also immer die Regel des Sylbemmaßes denken; und in Dithyramben oder Prosa hatte man gar nichts, womit man sich helfen konnte. Dionys, um wenigstens Ein Beispiel anzuführen, ist in einer kurzen Stelle auf Demostheneu (von der Krone, gleich im Anfänge von hvsän bis agoona) dreimal zweifelhaft, wie er aus- prechen solle. Je mehr Aweizeitigkeit eine Sprache har, desto unvoll- kommner ist sie von dieser Seite, und dieß besonders alsdann, wenn das Aweizcitige durch nichts anders als den Vers bestimmbar ist. Denn diese Bestimmung ist keine wahre. Man spricht da nur lang oder kurz aus, weil cs so seyn soll, und nicht, weil es so seyn muß. Wie viel Aweizeitigkeit die griechische Sprache hatte, erhellt unter andern auch daraus, daß der vorhergehende kurze Selbstlaut, oder ein zweizeitiger, der an dieser Stelle sonst kurz gewesen wäre, zwcizeitig war, wenn das folgende Wort durch zwei Mitlaute anfing. Der Fall ist gar nicht selten. Ich komme zur Hauptsache der Sylbenzeit, nämlich zu den unveränderlichen Längen und Kürzen. Man stelle sich einmal vor, in welchen Strömen des Bei: falls wir uns über die begriffmäßige Sylbenzeit ergießen würden, wenn sie der Alten ihre wäre; und mit welcher Geringschätzung wir die mechanische, wenn sie die unsrige wäre, beekeln würden! Ich wende mich zu den Unpartheiischen. Au diesen rechne ich auch die, welche bei Begünstigung der Alten wenigstens nicht wider uns Parthei genommen haben. Die Länge entsteht durch Anhalten, und durch Anstren- gnng der Stimme, die hierbei nothwendig muß erhoben werden. Wenn wir sagen, daß die Länge den Ton habe, so meinen wir die Erhebung der Stimme. Das Anhalten erfordert eine gewisse Zeit, aber daß die Stimme während dieser Zeit angestrengt oder erhoben wird, ist das Wesentlichste bei der Sache. Ist die Dauer des Wortes See wohl viel größer, als der Sylbe se in diese, oder des Wortes drung, als der Sylbe drung in Wandrung? Und bei Vergleichung des Wortes See und der Sylbe drung kann vollends das Ohr nicht einmal recht entscheiden, ob jenes eine etwas größere Dauer habe. Gleichwohl ist selbst hier der Unterschied zwischen Länge und Kürze sehr hörbar. Man kann also, denk' ich, daran nicht zweifeln, daß bei uns die Länge, zwar auch durch die Zeit, in der man sie aussprichr, aber noch mehr dadurch entstehe, daß man diese Zeit über die Stimme erhebt. (Bei den Griechen kam die Zeit mehr in Betrachtung, als ihr weniger erhobener Ton, den auch die Kürzen, aber gleichwohl viele Längen nicht hatten. Hiervon hernach.) Unserm Ohre ist bei Hörung der Länge nicht so wohl daran gelegen, wie viel Zeit der Redende, sondern 81 wie er seine Zeit zubringe. Wir hören den Ton gern, mit dem er die Länge ansspricht. Auch Folgendes ist ein Beweis von dem, was ich behaupte: Wenn man in der Leidenschaft so schnell spricht, daß die Buchstaben nur eben gehört werden, und darüber die Länge beinah weniger Zeit als sonst die Kürze hat, so ist es der Ton, was als unterscheidend hervorschallt. Ich muß hier beiläufig anmerken, daß Einige unter uns, und besonders neuere Scholiasten, denen es die andern nachsprachen, so unrichtig von unsrer Sylbcnzeit geurtheilt, daß sie sogar gemeint haben, unsre Längen wären es deswegen, weil sie den Ton hätten. Aber der Ton macht ja die Länge nicht, sondern sie, die es aus andern Ursachen ist, bat den Ton. Die Griechen setzen den steigenden Accent auch auf kurze Sylben.' Dieser Accent also, und unser Ton find etwas ganz Vcrschiednes. Hierbei Hab' ich nicht nöthig zu untersuchen, wie z. B. die Anssprache die Länge thröo in dem Worte anthroopu, von den beiden andern unterschieden habe, die wahrscheinlich gar keinen Ton. wenigstens nicht den unsrigen hatten. Noch mehr: Die Längen mit dem sinkenden Accente hatten gewiß keinen Ton z. V. von in pesov n. Nur die mit dem doppelten Accent dürfen vielleicht den unsrigen ähnlich gewesen sepn. Unser Ton hat drei Modifikationen. Er ist entweder offen: lo in loben, oder abgebrochen: sann, oder auch gedehnt: Strom. In phöotes konnte phoo nicht wie Strom klingen. Vielleicht klaitZ es wie Io in loben. Nur von in tyeöon und andre solche wurden vermnthlich wie bei uns Strom ausgesprochen. Ueberhaupt kann cs aber selbst von dem doppelten Accente LNopftock, vermischte Schriften. 6 82 der Griechen nicht ausgemacht werden, ob er wie unser Ton geklungen habe; und man kann daher sogar die damit bc- zeichneten Längen, in Vergleichung mit den unsrigcn, tonlos nennen. Ich thue es aber gleichwohl nicht, um, so viel mir nur immer möglich ist, eiuzuräumen. Die griechische und die deutsche Länge sind also darin nicht wenig unterschieden, daß bei jener gewöhnlich nur das Anhalten oder die Zeit der Aussprache, bei dieser aber die Anstrengung oder Erhebung der Stimme, und zwar eine stärkere, beständig und mehr als die Zeit, in Betrachtung kömmt. Bei AuSsprechnng der deutschen Länge merkt das Ohr am meisten auf den Ton. Dieser schallt vornämlich mit dem Selbstlaute. Darüber werden die Mitlaute, mit denen der Sprechende fortcilt, weil es ihm hauptsächlich auf jenen ankömmt, weniger gehört. (Ihr übles Zusammenstößen ist nicht die Sache der Splbcnzeit, sondern des Klanges.) Die Mitlaute sind ausgesprochen, eh' man sich's versieht, und eben dieses Vorübereileus wegen zieht selbst ihre Vielheit die Aufmerksamkeit nicht sehr auf sich, und ist daher auch von geringerer Wirkung. Dieß ist so wahr, daß die Schnelligkeit der Aussprache mit der Zahl der Mitlaute so gar zunimmt. Ich sage hierdurch nicht, daß z. B. die sechs Mitlaute in sprichst (auch die Griechen hatten, nach Divny- sen, Längen von so vielen Mitlauten) kürzere Zeit dauern, als die drei in Sinn, sondern nur, daß man mit jedem einzelnen des ersten Worts mehr, als mit des letzten eile. Der offene Ton bestätigt das Gesagte am meisten. Denn die Mitlaute vor dem Selbstlaute werden noch schneller, als die nach ihm, ausgesprochen. Und hier folgen keine. Der gleichwohl angenehmere Ton der Dehnung läßt den 83 Selbstlaut auf den folgenden Mitlaut ausschallen, fast wie die Stimme über den nicht zn stark gespielten Instrumenten schwebt. Der abgcbrochne Ton läßt den Selbstlaut etwas kürzere Zeit, als die beiden andern hören, und bricht zugleich schnell mit den folgenden Mitlauten ab. Da also dasjenige, was sich bei unsrer Länge am meisten ausnimmt, der vornämlich mit dem Selbstlaute beschäftigte Ton ist; so sieht man, daß sic ohne Grund für zu lang gehalten wird. Der Ton überhaupt ist bald stärker, und bald schwächer. Bei dem letzten wird die Stimme etwas weniger erhoben, z. C. bei ei in svrtcilcn, bei ström,in Waldstrom (ström ist hier nicht kürzer wie Wald; denn eS hat die Dehnung. Es ist nur nicht so lang, als es in Strom fall ist) und bei win in Sturmwinde. Unsere Lange verliert also manchmal, selbst durch den Ton, etwas von der Größe, die man ihr vorwirft. Ich behaupte gleichwohl nicht, daß sie nicht eine gewisse Fülle habe. Wem auch diese zu groß ist, den muß ich wohl noch durch Folgendes einigermaßen zufrieden stellen: Die Länge wird bei uns, wie bei den Griechen, in gewissen Füßen, etwas schneller, als sonst ausgesprochen. Ich würde mich tiefer, als mir hier nöthig zu seyn scheint, ein- lasscn müssen, wenn ich es, wie ich konnte, von noch mehren Füßen, als die Griechen thun, behaupten wollte. Die, von denen es die Griechen sagen, sind nur der Daktyl und der Anapäst. Gleichwohl geben sie der Sache einen weitern Umfang, als ich, weil sie diese Füße als künstliche nehmen. Dean mir scheint es nur von Wvrtfüßcn wahr zn seyn. Ich würde also mit meiner Behauptung doch nicht so weit reichen- wie sie. Denn sie bekommen durch die beiden künstlichen viel mehr Wortfüße, als derer sind, die nach meiner Meinung die schnellere Länge auch haben. Die lange Sylbe des Daktpls, sagen die Griechen, ist kürzer, als die vollkommen lange. Gewisse Anapäste (deren Beschaffenheit aber nicht bestimmt wird) haben eben die un- vollkommne Länge und werden dann Zirkel genannt. Kata- gan ist ein solcher Anapäst. Der bekannte Vers Homers: Authls cpcita pcdondc küllndcto loas aiiaithäs hat lauter unvollkommne Längen. Wer sich überzeugen will, daß es bei uns auch so ist, der darf nur z. B. donnerte und Donnerten anssprechen, und er wird hören, daß Don in dem ersten Fuße kürzere Zeit, als in dem letzten währt. Jeder weiß, wie rasch der Anapäst ist, und daß daher auch seine Länge schnell ausgesprochen wird. Den Unterschied, den die Griechen zwischen den Anapästen machen, kennen wir nicht. Ich merke noch an, daß nach Homers Verse don und lin (man glaubte so gar, daß die anfangcndcn d d .der beiden folgenden Sylben verlängern hälfen,) auch mit unter den unvollkommenen Längen der Griechen sind. Man muß also entweder die Wirkung der genannten Füße, als überstark, das sie doch nicht seyn kann, annehmen, oder zngestehen, daß sich überhaupt die griechischen Längen den unsrigen, denn sie und wir haben ihrer viele wie die angeführten, in Ansehung des Mechanischen (das aber bei uns nur Beschaffenheit ist) bis auf den Ton so ziemlich nähern. Denn wo fern der Unterschied so groß wäre, als gewöhnlich geglaubt wird; so müßte, in unserm Falle, nicht von der unvollkommenen Lange, sondern bloß von der aufhörenden Ueberlänge die Rede seyn. 85 Es ist übrigens aus den bisher angeführten Ursachen so wahr, daß unsre Länge keinen zu großen Umfang hat, daß es auch für den Vorleser deutscher Gedichte eine gute Regel ist: Die Länge etwas merklicher hören zu lassen, als er'bei Vorlesung der meisten Prosa, oder im Gespräche zu thun pflegt. Noch ein Wort vom Sprachtone. Er hat an sich selbst eine gewisse Annehmlichkeit. Denn er besteht in einer kleinen angehenden Modulation, die der leidenschaftliche Ton, auf seine Art, ausdehnt oder verstärkt. Wenn eine Länge, die den Sprachton nicht hat, mit Leidenschaft soll ausgesprochen werden; so muß der Redende einen Sprung thun. Hierdurch entsteht zu viel Abstechendes zwischen der ruhigen und leidenschaftlichen Deklamation, der gewöhnliche Fall bei den Griechen. Unsere Längen haben den Sprachton allezeit. Wir gehen daher immer nur über. Man sieht, daß die Griechen nicht nur das Angenehme der kleinen Modulation oft entbehren, sondern daß sie auch, weil sie bei dem Leidenschaftlichen einen Sprung thun müssen, von der Stimmentragung (denn auch die Deklamation hat die ihrige) nicht wenig verlieren. Allein unsre Kürzen, sagt man, sind denn doch wohl wenigstens nicht kurz genung. Wem denn nicht kurz genung? Dem Deutschen, dessen Ohr sich an seine Sprache, und nicht an die griechische gewöhnt hat? Aber es giebt ein Häufchen Gelehrte, von denen die wenigsten Homeren in seiner Sprache lesen, und die meisten bloß Nachsprecher sind, welches, so oft es auf den deutschen Herameter kömmt, so davon redet, als ob es glaubte, daß auch die deutschen, denen nie ein hvmischer Laut zu Ohren. gekommen ist, oder die Nation, ihren Hexameter nur immer gegen den griechischen hielte, und ihn, sobald er diesem ungleich wäre, verwürfe. »Dieß ist die Ursache, warum man der Mühe, solche Entwürfe zu beantworten, nicht völlig überhoben seyn kann. Allerdings würden viele von unfern Kürzen für das Ohr der Griechen sogar Längen gewesen seyn. Denn mehr Mitlaute oder ein Doppellaut mußten auf sie uothweudig einen starken Eindruck machen, weil sie, bei den vielen tonlosen Längen, die sie zu Horen gewohnt waren, nur diesen Eindruck bekamen. Ich will doch, was die Mitlaute betrifft, ein paar Worte davon sagen, wie weit die Aufmerksamkeit auf den Einen von keinem andern geschwächten Eindruck die Griechen führte. Ihre kurzen Selbstlaute (auch die zwcizeitigen sind in denen Fällen hierher zu rechnen, in welchen sie, ohne Position, immer kurz sind) wurden auch dann lang, wenn 1) der Eine von zwei folgenden Mitlauten zu der nächsten Sylbe oder zum nächsten Worte gehörte, als gel in segelte, oder tcs in sanftes Gelispel, und wenn 2) die Mitlaute beide zur nächsten Sylbe oder zum nächsten Worte gehörten, als Ge in Gestade, oder te in Laute klang. (Das letzte ist zweizeitig, und wird daher auch lang gebraucht.) Welche Feinheit des griechischen Ohrs! wird man aus- rufcn. Feinheit des Ohrs wär's also, wenn es hören mag, daß man die Kürze gewaltsam zur Länge ausdehnet? Und das thut man in den angesührten Fällen. Denn Sylbcn oder Wörter, die noch nicht ausgesprochen sind, können an denen, die es schon sind, und also auch die 87 Mitlaute der folgenden Sylben oder Wörter an der Kürze der vorhergehenden nichts ändern. Wer dies, nicht zngestcht, der gesteht auch nicht zu, daß die Sylben wahre, das ist, durch die Anssprache unterscheidbare Theile der Wörter, und diese der Sätze sind. Man dehnet also hier die Kurze zur Länge ans, weil man wohl will, und nicht, weil man durch das, was folgt, dazu gebracht wird. Die Griechen selbst merkten etwas davon, und noch mehr als sic die Miner, daß sie hier nicht auf dem rechten Wege wären. Denn sowohl bei diesen als bei jenen wurde die vorhergehende kurze Sylbe wenigstens zweizeilig, wenn die folgende zu eben dem Worte gehörige mit gewissen Mitlauten anfing, als Be in Begriff. Wenn man mir mit den alten Grammatikern sagt, daß Be hier dcßwegen zweizeitig werde, weil gr leichter ausznsprechen sey, wie z. B. st, welches die vorhergehende Kürze allezeit lang mache, als Vcin Bestand; so antwort' ich, daß es hier ans diese Verschiedenheit gar nicht ankömmt. Denn eine noch nicht ausgesprochene Sylbe kann einmal auf eine schon ausgesprochene keinen Einfluß haben. Cs liegt also hier auch an ihrer Beschaffenheit nichts. Die Ursach scheint mir daher eine ganz andre zu seyn. Man fühlte das Unangenehme der Kürzend eh nung; und so suchte man sich davon wenigstens da los zu machen, wo man es, unter dem Schutze des ersten des besten Scheingrundes, thun konnte. Gleichwohl gelang es nicht recht damit. Denn es wurde in unserm Falle nur Aweizeitigkeit gestattet, und es durften also die, welche Geschmack am Dehnen fanden, beim Alten bleiben. Cs ist nicht nöthig zu untersuchen, was hier die Nation von den Dichtern, oder diese von jener annahmcn, oder auch, ob die letzten (eine Sonderung, welche sich nach 88 O.uiuctilianen die Römer manchmal erlaubten) von der gc- wohnlichen Aussprache abwichen. Die mit einem kurzen Selbstlaut endende Splbe, wenn das nächste Wort durch zwei Mitlaute aufing (te in Laute klang) war nur bei den Griechen zweizeitig, und zwar, wie es scheint, nicht in Prosa, sondern bloß in Versen; aber die Römer verwarfen diese Verfeinerung der Position selbst in ihren Versen. Ick erkläre mich übrigens nur in sofern gegen die Positionen, als durch sie eine widrige Dehnung entsteht. Ganz wa-s anders ist es also, wenn ein Grieche z. B. unser kurzes gelt in segelt, weil hier die beiden letzten Mitlaute zu eben der Splbe gehörten, lang aussprach. Ich gestehe auch zu, daß dieses gelt, welches bei uns, dem Begriffe gemäß, kurz ist, keine leichte Kurze habe. Aber wenn es auf die Wahl zwischen der nicht leichten und der zur Länge gedehnten Kürze ankömmt; so zweifelt mein Ohr keinen Augenblick, und zieht jene vor. Ueberdieß haben wir solcher mangelhaften Kürzen gewiß viel weniger, als die Griechen solcher noch weit mangelhafteren Längen hatten. Auch kommen wir mit jenen, durch Hülfe der schnelleren Aussprache, ganz gut zurecht, indem wir ihnen dadurch einige Leichtigkeit geben. Denn wir lassen überhaupt die Mitlaute unsrer Kürzen noch schneller hören, als der Längen ihre; und fürs zweite eilen wir auch mit ihrem Selbstlaute, weil er tonlos ist. Ob sie nun gleich durch die Zeit des Aussprcchens von den Längen schon unterschieden sind; so unterscheidet sic doch ihre Tonlosigkeit noch mehr, und zwar deswegen, weil der Umstand, daß ihnen der Ton immer fehlt, eben so merklich ist, als der, daß ihn die Längen beständig haben. (Ich merke hier beiläufig an, daß wir der größer» 89 Schnelligkeit, mit der wir die Mitlaute der Kürze aussprcchen, die richtige Aussprache des g iu der Endsplbe ung, das in dem Worte drung iu k verwandelt wird, vermuthlich zu danken haben. Denn g ist schneller als k.) Bei den Alten ist das Mechanische Ursach der Sylbenzeit; bei uns ist es, bis ans dasjenige, welches die Zweizeitigkcit mit bestimmt, nur Beschaffenheit. Die Ursach liegt bei uns tiefer. Die Wörter und die Sylben sind bei uns lang, wenn sie Hauptbegriffe, und kurz, wenn sie Nebenbegriffe ausdrücken. Das Wort Ruf ist lang. In Rufes ist die Splbe Ru lang, und die Splbe fes kurz. Ich kann hier über die Sache nicht umständlich feyu, aber ich werde es in meiner Grant- matik noch mehr sepn, als ich es in einem heraus gegebenen Fragmente schon gewesen bin. Die Länge hatte, selbst nach der Meinung der Alten, einen gewissen Nachdruck. (Ja sogar etwas Großes, das, wenn man den Perioden damit anfange, die Zuhörer sogleich erschüttre, und sie, wenn man ihn damit ende, in eben dieser starken Empfindung verlasse. Vielleicht übertreibe ich meine Unpartheilichkeit, daß ich dieß nicht mit in Rechnung bringe.) Aber wenn nun dieser Nachdruck da ist, wo er nicht hingehört, und ihn z. B. die Veränderungssylbe hat? und wenn er da fehlt, (auch der öftere Fall) wo er hingehvrt, und ihn z. B. die Stammsylbe nicht hat? Widerspricht denn nicht etwan hier der Ausdruck dem Inhalte? Und sollte eine Sylbenzeit, die sich auf das Mechanische gründet, und eben dadurch solche Widersprüche nothwendig macht, nicht in ihrer ersten Anlage ein wenig verwahrloset sepn? (Es ist, wie mir cs verkömmt, keine leichte Aufgabe: Die Ursachen zu finden, welche irgend eine Nation dahin bringen können, sich zn einer so widersinnigen Vertheilung der Längen und Kürzen zn vereinigen.) Die Griechen selbst witterten etwas von der Sache. Einer ihrer Thevrisren sagt: „Man komme, so oft man kann, ,.zn denen Benennungen zurück, die durch kurze Sylben um- „gecndct werden. Den» viele lange dieser Art sind dem „Ohre zuwider." Er trifft freilich den rechten Punkt nicht, indem er daS Urtheil de-S Verstandes dem Ohre zuschreibt, aber daran liegt nichts: genung er fühlt, daß hier ctwaS nicht so recht in der Ordnung sey. Micht deucht, selbst die gedankenlosesten Bewunderer der Alten müßten einschn, daß eine solche Sylbcnzeit, in Vergleichung mit einer, die, in einem so wesentlichen Punkte, gerade die gegenseitigen Vorthcilc hätte, nicht wenig verlöre. Und dieß ist gleichwohl noch nicht Alles. Die Deklamation kann den leidenschaftlichen Ton nur mit der Länge Horen lassen. Die Kürze kann ihn nicht annchmen; sie ist zn flüchtig dazu. Wie soll man es aber nun machen, wenn man Längen vor sich findet, bei denen eö schon unnatürlich ist, ihnen den erwähnten Nachdruck zu geben? Wie soll man z. B. bei Aussprcchung der zweiten Länge in me miserum — ^ ^ — verfahren? Soll man sie ein wenig sinken lassen? Aber so bleibt sie ja nicht lang genug; und, welches noch nachthciliger ist, so saßt sie das Leidenschaftliche nicht mehr. Und wie soll man es vollends alsdann machen, wenn man Worte antrifft, die sich entweder (man erlaube mir auch dieß zu berühren, ob ich gleich anfangs vom Leidenschaftlichen allein sprach) in Ansehung des ausgedrückten Gedankens vor den übrigen ausnehmen, oder den stärksten leidenschaftlichen Ton erfordern; aber gar keine Länge haben? als im ersten Falle: 91 8crU>eniIi roole saper' esc vl priiicipl' et sons. Wie unbedeutend muß mau hier dasjenige Wort aussprechen, worauf es in dem Verse vornämlich ankömmt. Und im zweiten Falle'möcht ich doch wohl einen von denen, welche die Alten immer im Munde führen, das Homerische; Zeü pater idäden, vorlesen hören, oder das, mit dem bei Si- moniden sich Danae in ihrer Wehmnth an Jupiteru wendet, oder auch aus Virgilen: äam, lain nec maxima Inno, »ec 8inurmu8 luioe oculis pater allspieit aoguis. Noch für beide Fälle: (wie viel Beispiele könnt' ich anführen) Venus aotllerios inter S eh fremdes Leide» eine so fuße Wollust wäre; sondern weil der Anblich von Unfällen, die uns selbst nicht treffen, angenehm ist. 93 Drittel der griechischen Längen es dnrch die Kürzendehnung seyn möchten. ' Deutsche Kürze. Muß nicht nach dem bösen Scheine, den ihr manchmal die Zahl der Buchstaben giebt, sondern nach der Aussprache derselben benrtheilt werden. Ist öfter leicht, als bisher ohne Untersuchung von einigen angenommen worden ist. Denn alle unsere Veränderungssylbcn sich übergehe die Ableitungssplben be, ge> er, ver, u. s. w.> haben, bis auf e st und eud und solche wie dert in wundert, eine leichte Kürze. Und diese bleibt, was sie ist, wenn auch das Folgende durch Mitlaute anfängt. Selbst leichte Kürze war' also, was bei den Griechen Länge ist? Allerdings. Oder man zeige, daß die noch nicht ausgesprochene Sylbc etwas verändern könne. Griechische Kürze. Ist öfter leicht, als die deutsche, aber nicht so oft, als gewöhnlich geglaubt wird. Denn die langen Selbstlaute der Griechen und ihre Doppellaute werden oft auch kurz ausgesprochen. Außer dem macht auch der steigende Accent die kleine Kürze zur größer». Das erste gehört zwar eigentlich zum Sylbenzwange; aber gerade der Umstand, daß sich die Griechen auch denjenigen Sylbenzwang erlaubten, welcher in der gekürzten Länge besteht, zeigt sehr auffallend, daß das Urtheil ihres Ohrs, in Ansehung der leichten Kürze, so überstolz nicht war, als cs ihren Anstaunern verkommt. Wie wichtig der Unterschied zwischen der deutschen be- griffmäßigcn Sylbenzeit, und der mechanischen der Griechen sey, hört man besonders in guten Gedichten. Denn in diesen herrscht die Leidenschaft. Und die muß die Deklamation in einem Gedichte, dessen Sprache die mechanische, Sylbenzeit hat, oft an der Unrechten Stelle, und oft kann sie sie gar nicht hören lassen. Das Verfehlende der Deklamation ist dem Zuhörer, sobald es auf die Leidenschaft ankömmt, auch in seinen kleinsten Abweichungen, schon zuwider; allein wenn sie nun gar die rechte Stelle verfehlt? Ganz was anders ist es zwar, wenn sie gar keine Stelle findet, und deßwegen auf einmal wie verstummen muß; aber weniger zuwider ist es dem Zuhörer gewiß nicht. Man giebr durch die Art, mit der man, in Ansehung der Sylbcnzeit, bei uns die Alten vorliest, oder Reden in ihren Sprachen hält, der Prosa und dem Verse einen ganz andern Gang, als sie haben. Gleichwohl würde derjenige, der es anders machte, für einen Sonderling gehalten werden, und in einer großen Versammlung die prosodisch richtige Aussprache, gewiß nicht ungestraft wagen. Denn die Zuhörer mögen eine Aussprache, die ihnen sogar Numerus und Splbenmaß zerstört, dennoch lieber hören, als eine, die so oft wider den Sinn und die Leidenschaft ist, oder gar über sie weghüpfen muß. 8. „Der Takt unserer Sprache begnügt sich meist mit „ganzen, und halben, und nur sehr wenigen viertel Schlägen, „und kann cs daher der griechischen in ihrem viel theilbarereu „Takte mit all seinen halben, viertel, achtel und sechzehntel „Schlägen nicht nachthun, noch die Mensur eines jeden Hera- „mcters solchergestalt ausfüllen, daß cs weder zu viel uvch „zu wenig ist. In dieser Mensur läßt die griechische Sprache „nicht die kleinste Lücke, die sie nicht, ohne nur um ein Här- „chen zu überfüllen, auf das genaueste ausfüllcn könnte. Dieß „Geschick hat sie ihrem so sehr ins Kleine und Feine gethcilteu „Takte zu verdanken." Die griechischen Längen sind also halbe Schläge, oder Viertel, und die Kürzen Achtel oder Sechzehntel. 9s Warum mögen doch mir bei den Griechen und nicht auch bei uns die Endungen der Wörter wie Meere oder eilte Achtel; und derer ihre wie Ane oder wehe Sechzehntel sepn dürfen? Doch ich halte mich jetzt hierbei nicht auf. Der Punkt, worauf es hier ankommt, ist: Wenn die Vergleichung in Rücksicht auf die Worte: „Die kleinste Lücke wird, ohne „nur um ein Härchen zu überfüllen, auf das genaueste aus- gefüllt" einen anwcn dbaren Verstand haben soll; so mußten die Griechen, statt der Achtelknrzen, die doppelte Zahl von Sechzehntelkürzen setzen. Auf gleiche Art mußten sie bei den verschiedenen Längen verfahren. Und so gab es denn, z. C. was die Kürzen betrifft, auch vier- und fünfsyl- bige Daktyle. 9. „Welche nordische Sprache mit ihren vielen starkleibigen ein- oder zwcifplbigeu Wörtern hinten und vorn mit „rasselnden Consonantcn verpanzcrt, bei deren Niedertritt „der Boden dröhnt, wäre wohl im Stande den leichten flüchtigen griechischen Hcrameter in seinem schwebenden Gange, „der kaum die Spitzen des Grases krümmt, nachzubildcn? „Man will, daß eine Sprache, die weit weniger, und ganz „andere Gelenke hat, einer Sprache, die ganz und gar Geteilte ist, ihre Zauberkünste nachmache. . . Der Grieche „tanzet Heldentanz, der Deutsche, der das nicht kann, schreitet „dafür Hcldenschritt. Aber wie wenn der Letzte den Tanz des „Ersten plump nachtanzte?" Gelenke sollen doch wohl Splben bedeuten. Aber von welcher Seite sind sie hier anznschen? in Beziehung auf ihren Klang? oder auf ihre Zeit? Denn die Starkleibigkeit, das Rasselnde, die Verpanzernngeu und das Bodendröhnen macht irre. Man glaubt da vom Klange reden zu hören. Unterließ sind ja Wohlklang und Sylbenzeit ganz verschiedene 96 Sachen, und nur von dieser ist die Frage, wenn man die Schicklichkeit einer Sprache zu irgend einer Versart untersucht. Also von den Splben in Beziehung auf ihre Zeit. Entweder haben die Worte: Ganz andere Gelenke, und plumpes Nachtanzen,keinen bestimmten Verstand, oder es wird hier behauptet: Nicht etwa nur die Kürzen, sondern auch die Längen unserer Sprache scyen überhaupt für den Herameter zu lang. Aber warum dieß denn nicht auch für jede andre Versart, und also auch für den Jamben, der, wenn man ihn ansnimmt, als ein Vers, der wohl fürlieb nehmen müsse, herunter gesetzt wird? Es folgt nichts weniger ans der Behauptung, als daß wir am besten thnn, gar keine Verse zu machen. Cs folgt noch mehr. Wir dürfen uns sogar nicht einfallen lassen in Prosa auf den Numerus zu sehen. Und warum sollten wir auch das eine oder das andere thnn? Denn in unserer Sprache sind nun einmal beinah alle Splben zu lang, weil sie den Hauptfehler hat, daß sie nicht die griechische Sprache ist. Wenn das nicht wäre, so könnte man freilich wohl sagen: Das Wesentliche, worauf es bei der Splbenzeit irgend einer Sprache ankäme, wäre, daß sie wirkliche Längen und wirkliche Kürzen hätte, und nicht wegen vieler unbestimmbarer Zwcizei- tigkeiten hin und her schwankte. Mehr Mitlaute, konnte man fortfahren, und Doppellaute kämen zwar in unsrer Sprache auch als Nebenbeschaffenhei- ten der Längen und Kürzen, in Absicht auf ihre Grade, in Betrachtung; müßten aber vornämlich von Seiten des Wohlklangs oder Uebelklangs angesehen werden. Ich halte es nicht für überflüssig, hier etwas vom Klange unsrer Sprache zu sagen. Ich habe fast noch nichts über Verskunst und Numerus 97 gelesen, worin man nicht Wo hl klang und Sylbenmaß so leicht, und so nothwendig zu unterscheidende Sachen oft mit einander verwechselt hätte. Einige mischen sogar die Quantität mit ins Spiel, und lassen sie neue Verwirrung anrichten. Die Deutschen machen eS hier wohl so schlimm als andere; aber beinah noch schlimmer als andere machen sie's, wenn sie von dem Klange ihrer Sprache reden, indem sie dieselben für gar gewaltig rauh und hart auSschreien. Wobei sie denn Vieles, und unter andern das nicht so recht bedenken, daß sie dadurch die Ausländer ans alle Weise berechtigen, indem einmal angenommenen Tone immer lauter zu werden. Es ist eine rechte Lust jene von der Sache sprechen zu hören. Sie können da kaum Worte genug finden, um sich ja recht stark anszudrücken. Obige Stelle ist ein Beweis davon. Ich wiederhole sie, weil cs denn doch wirklich nicht wenig Vergnügen macht so etwas zu lesen. „Die deutsche Sprache mit ihren vielen starkleibigen cin- .,vder zweisylbigen Wörtern, hinten und vorn mit rasselnden „Consonanten verpanzcrt, bei deren Niedertritt der Boden „dröhnt." Ich merkte vorher an, daß diejenigen unter unS, die unserer Sprache in Ansehung ihres Klanges so unhold sind, gleichwohl vieles dabei nicht so recht bedächten. Folgendes (cs ist eine Stelle aus meiner Grammatik,) kann sie, wofern sie anders in diesem Punkte noch einiger Unpartheilichkeit fähig sind, überzeugen, daß cs eben so ungegründet nicht ist, was ich anmerkte. Ein Selbstlaut hat in unserer Sprache gewöhnlich zwei Mitlaute zu Begleitern, die bald durch ihn getrennt werden, und bald neben einander vor ihm oder hinter ihm stehen. Dieß ist die Hanpteigenschaft ihres Klanges. öllüpstück. vnnnschle Schriften. 7 98 Diese Stärke wird Härte, wenn die Mitlaute nicht gut zusammen stoßen. Zwei Selbstlaute und Ein Mitlaut sind das Gegentheil von der genannten Haupteigenschaft. Cs ist dieser Klang aber auch nicht sanft, sondern er ist weich. Besser ist es in Härte, als in Weichheit auszuarten. Wenn von Ausartung die Rede ist; so ist der Stärke ihre männlicher. Die griechische Sprache verbindet gewöhnlich nur Einen Mitlaut mit dem Selbstlaute. Die Haupteigenschaft ihres Klanges ist also nicht Stärke, sondern Sanftes. Sie wird aber auch hart durch das sehr oft vorkommende, und übelklingende oi, welches noch obenein nicht selten nach oder vor ai stehet; und durch die eben nicht ungewöhnliche Verbindung solcher Mitlaute, die nicht gut zusammen stoßen, als wenn z. C. pt, tm, mn, und phth die Sylben anfangeu: und sie wird weich, durch die ziemlich gewöhnliche Zusammensetzung zweier Selbstlaute mit Einem Mitlaute. Wir verbinden manchmal noch mehr als zwei Mitlaute mit Einem Selbstlaute, und hierdurch wird unsere Sprache, jedoch nicht immer, hart. Denn es kommt nicht wenig daraus an, in welcher Folge diese Mitlaute bei ihrem Selbstlaute stehen. Auf der andern Seite setzen wir viel öfter auch nur Einen Mitlaut zu dem Selbstlaute, als wir über zwei dazu setzen. Der Klang der griechischen Sprache wäre also vornämlich sanft, dann aber auch nicht selten hart, und weich; und der deutschen vornämlich stark, hiernächst oft auch sanft, und selten hart. Sie artet nur in Einem Punkte aus; die griechische aber in zweien, und dieß, wenigstens in Ansehung des Weichen, noch dazu öfter. Aber vielleicht gesteht man die seltne Ausartung ins Harte unserer Sprache nicht zu, und sagt, daß da, wo zwei Mitlaute vor oder nach dem Selbstlaute gehört werden, es oft solche sind, die nicht gut zusammen stoßen. Gut denn, ich will in Absicht auf selten geirrt haben, ich will oft gelten lassen. Aus meinem Geständnisse, das ich gleichwohl nur so halb und halb, und aus übertriebner Liebe zur Gerechtigkeit gethan habe, folgt indeß nichts mehr, als daß Vortyeilhaftes und Nachtheiliges auf beiden Seiten von ungefähr gleich scy. Und doch furcht' ich beinah, (denn so sind wir Deutschen, immer gegen uns selbst!) daß man, wie sorgfältig ich auch das Gesagte aus der Sprache selbst, und nicht aus parteiischen Vorstellungen von ihr genommen habe, dennoch behaupte, sie verliere bei der Vergleichung. Allein weiß mau denn auch, welche schwer zu führende Erweise man sich durch die Behauptung aufgcbürdet hat? Keine leichtere, als: Die Ausartung ins Weiche sey eine schöne Ausartung; und: Das Sanfte habe den Vorzug vor dem Starken. Ich sage hierdurch nicht, daß ich dieses jenem vorziehe; ob ich cs gleich mit recht guten Gründen thnn könnte: aber das kann ich auch nicht zugestehn, daß man das Sanfte über das Starke setze. Der Vorzug des einen oder des andern muß durch die Beschaffenheit der Gegenstände entschieden werden. Der Klang der Wörter ist Mitausdruck. Es kömmt also darauf an, ob die Gegenstände des sanften Mitausdrucks oder des starken wichtiger sind. Aber oft, sagt man mir, ist der Klang nicht allein nicht Mitausdruck, sondern sogar daS Gcgcnthcil des Wortsinns. Weil in diesem Falle der Klang leerer Schall wird; so ist er 100 Starke. Es hört den rauschenden Strom eben so gern, als den rieselnden Bach. Auch die Doppellaute tragen das Ihrige zum starken Klange bei. Wir müssen n. s. w. Dieß ans der Grammatik. Ich setze hier noch etwas hinzu, das die griechische Sprache betrifft. Ich sagte, daß die Haupteigenschaft ihres Klanges das Sanfte wäre. Ich erwähnte auch der Einschränkung dieses Satzes. Folgendes, das ein Grieche von seiner Sprache sagt, bestätigt diese Einschränkung. Wenn es, sagt er, bei Homeren der Inhalt erfordert; so wählt er Selbstlaute, die am wenigsten gut klingen, und von den Mitlauten überhaupt die, welche am meisten rauschen, und von den stummen diejenigen, die am schwersten auszusprechen sind. Cr häuft sie; und die Sylben sind dann nicht leicht, sondern haben viel Gewicht, und ihre Töne stoßen nicht gut zusammen. Der Kritiker führt nur wenig Stellen an, und setzet hinzu, daß es eine zu mühsame Arbeit sepn würde, wenn er, was man etwa verlangen möchte, von Allem, wie er gesagt hätte, Beispiele anführen wollte. Da er sich hierdurch auf viele andere Beispiele bezieht; so zeigt er uns, daß seine Sprache eben nicht arm daran ist. Welchen üblen Eindruck das Weiche des Klanges mache, ist mir besonders in einer Stelle Homers aufgefallen, wo unter folgenden Wörtern, die alle einen starken Klang haben, und dadurch zum Inhalte paffen: ulümpoio, karänoon, phareträn, eklanran, chovomenoio, kinäthentos, eoikoos, auf Einmal äie (— ^ auch was zu sagen haben will. Auch Folgendes führe ich nicht, weil es was entscheidet, 101 sondern des Mannes wegen an, der es gesagt har. Denn sein verdientes Ansehen könnte die Laien irre machen. Wie ich denn überhaupt diese kleine Schrift vornämlich um ihrent- willen schreibe, und darin so manches berühre, das sonst wohl Ruhe vor mir gehabt hätte, damit sie sehen, woran sie bei der Sache mit diesem und jenem Theoristen sind, und daß sie ganz recht daran thun, sich ohne Weiteres dem Eindrücke zu überlassen. Außer dem habe ich dabei noch eine Nebenabsicht. Man soll nämlich einst Anlaß zur gehörigen Vcrwundrnng über die haben, für welche zu unserer Beit die deutsche Versknnst, diese kleine leichte Kenntniß, ganz eigne Schwierigkeiten hatte. Dürft' ich übrigens den Laien einen Rath geben, so wäre es dieser: Sie sollten die Gelehrten, die ihnen mit dem Wenigen immer in den Ohren liegen, was sie von der kleinen Kenntniß entweder wirklich nur haben, oder zu haben scheinen wollen, diese Gelehrten gar nicht mehr anhörcn, und glauben, was so wahr ist, und was ich ans so vielen Erfahrungen weiß, daß sie die Wirkungen des Sylbenmaßes richtiger und stärker empfänden, und sogar auch die Prosodie unserer Sprache gewöhnlich besser kennten, als jene, und zwar selbst in dem Falle, daß man noch etwas^ mehr Kenntniß hätte, als vorgegeben wird. 10. „Mir kam es immer vor, wenn man Herameter „machen wollte, wie sie gemeiniglich sind, so wäre die Arbeit „zu leicht; und leichte Arbeit ist auch in der Poesie schlecht. „Sollte man aber die Harmonie beibehalten, und richtige Füße „von langen und wirklich kurzen Sylbcn abwechseln lassen, wie „Herr Uz und von Kleist gethan haben, so wäre die mecha- „nische Arbeit sehr schwer." Sind die deutschen Längen auch keine wirkliche? Dieß 102 wird nicht bestimmt gennng gesagt. Ich bleibe daher nur bei den Kürzen stehen. Kleist gehört nicht hierher; er hat nie den Einfall gehabt, sich auf diejenigen Kürzen einzn- schränken, die cs auch nach den Regeln der beiden alten Sprachen sind; und die andern, der Versart wegen, als wären's Längen, zu brauchen. Man trifft in Gegentheil manchen Splbenzwang bei ihm an. Sv wenig hat der Verfasser das untersucht, worüber er zu entscheiden meint. Aber Uz hat das, wessen Kleist fälschlich beschuldigt wird, einmal in einem kurzen Gedichte gethan. Ich glaube nicht, daß er diesem Spiele die Folgerung zugestehe, die daraus gemacht wird. Doch dieß geht mich nichts an; ich Hab' es nur mit dem zu thun, der so etwas darin findet. Daß also die meisten von denen Kürzen, die in unfern Jamben wirkliche Kürzen wären, sobald sie der Zauberstab des Hexameters berührte, aufhörten cs zu seyn, und Längen würden. Und daß also gleichfalls, wie sich versteht, um die Harmonie bcizubehalten, und richtige Füße zu haben, viele von denen Kürzen der Alten, die es in ihrem Hexameter wären, sobald der von ihnen aufgenommene Jambe seine Zauberei damit vornehme, auch aufhörten es zu scpn, und Längen würden. Es ist z. E. um das, worauf es bei der Vergleichung hauptsächlich ankömmt, heraus zu nehmen, den beiden alten Sprachen eben so eigenthümlich viele kurze Stammsylben zu haben, als der deutschen die durchgängige Kürze der Vera nde rnng s splben eigenthümlich ist. Daher denn hier die Verwandlung am gewöhnlichsten Vorfällen würde. Ich zweifle, daß selbst die Alten, bei denen es denn doch viel natürlicher gewesen wäre, von uns gefodert hätten, 103 unsere Sylbenzeit zu verändern, wenn wir Herameter machen wollten. Denn was würden sic uns haben antworten können, wenn wir dann unsrerseits für den aufgenommenen deutschen Jamben z. E. folgende Sylbenzeit von ihnen verlangt hätten: Itelogiturque moi'ilo oa seiols. Uebrigens dürfen sich unsre Zeiten gleichwohl nicht rühmen, die Entdeckung gemacht zu haben, daß, der Versart wegen, eine solche Verwandlung Vorgehen müsse, und wirklich vor- gehe. Der alte Conrad Gefiner, der sich schon vor vielen Jahren an den Herameter wagte, hat sie gemacht. Ihr zufolge besteht dieser Herameter: Tönender sangen Verborgen von Büschen mit liebender Klage aus lauter langen Sylben. Aus gleicher Ursach sind in folgendem Verse aus Uzen die bezeichneten Sylben lang: Den Frühling, welcher anitzt durch Florcnö Hände bekränzet Oder sollen sie knrz seyn? Wenn das ist; so haben wir gar für eine und eben dieselbe Versart zweierlei Sylbenzeit, der Alten ihre da, wo zwei sich folgende kurze Sylben hin- gehörcn; und unsre, wo Eine hingehört, nur daß wir der ersten, bei Setzung der Einen Kürze, auch folgen dürfen. Zu sagen, daß man nicht verlangen könne, irgend eines Svlbenmaßes wegen, die Quantität einer Sprache, wenn dieß auch möglich wäre, zu verändern, gehört freilich zu dem Zweimal Zwei ist Vier der Grammatik; und wer würde so etwas, wenn er auch die Weitläuftigkeit liebte, aus der sei- nigen nicht weglassen; gleichwohl muß ich auch deswegen mich endlich überwinden es zu sagen, weil die sonderbare Forderung dieser Verwandlung, ich weiß nicht das wie vieltem«!, aber nur noch vor kurzem, in einer gelehrten Zeitung, die Verschiedene für unsere beste halten, wiederholt worden ist. Allein die deutsche Versknnst, diese kleine leichte Kcnnt- uiß, hat, wie gesagt, nun einmal, zu unsrer Zeit, für Einige, ganz eigne Schwierigkeiten; und dieser muß man außer dem auch, damit sie den Leuten desto wichtiger Vorkommen, sein oft erwähnen. Ich habe bisher Vcrschiednes auf meinem Wege angetroffen, das mich hätte veranlassen können ein Wort von der genauen Beobachtung der Sylbenzeit in Beziehung auf diejenigen unsrer Dichter zu sagen, die Herameter (oder andre Verse in griechischem Tone) gemacht haben. Die jetzige Gelegenheit ist zu gut, um sie vorbei zu lassen. Denn es benimmt ihr ganz und gar nichts, daß bei der Beobachtung eine ganz andre Sylbenzeit zum Grunde liegt, als die von Conrad Geßncrs Erfindung. Man wird zugestehn, daß cs unter den erwähnten Dichtern genaue Beobachter gebe. Nur von diesen red' ich im Folgenden. Der deutsche Herameter ist, auch von dieser Seite, mit dem griechischen verglichen worden. Wer bei der Sache nur in das allgemeine Gesinge des Vorurtheils mit eingeschrien hat, vermnthet schlechterdings nichts davon, wie gut es den deutschen Dichtern bei dieser Vergleichung gehen könne. Allein auch die, welche nicht eben gleich annehmen, was Andere sich einfalleu lassen zu sagen; aber doch auch wohl Manches für untersucht halten, was es nicht ist, werden sich ein wenig wundern, daß der Streit, so wie ich cs thue, geendigt werde» konnte. 105 Unsere Scholiasten, und ihre zahlreichen Nachschwätzer sind mit ihrer Entscheidung über die Sache hergefallen, und haben den Ausspruch ergehen lassen: Daß der deutsche Vers, in diesem Punkte, weit unter dem griechischen sey. Denn sie vermeinen, daß Homer durchgeh ends ein strenger Beobachter, und daß es die Deutschen sehr oft nicht seven. Sie glauben dieß deßwegen, weil sie die griechische Prosodie nur so weit, als zum gewöhnlichen Geschwätz hinreicht, und die deutsche beinah gar nicht kennen. Doch jetzt bei Seite gesetzt, wie viel, oder wie wenig sie von dem wußten, worüber sie entschieden; so hätten sie denn doch mindestens dem deutschen Verse mit einiger Schonung begegnen'sollen, und dieß aus zwei sehr guten Gründen. Homer durfte nämlich den meisten Wörtern Buchstaben und Sylben geben, oder nehmen; zweitens hatte seine Sprache eine viel freiere Wortfolge, als die unfrige. Was wird mir der Scholiast antworten können, wenn ich ihm sage, daß also Homer denn doch wohl beinah die Hälfte weniger Schwierigkeit bei Bildung des Verses gefunden habe, als die deutschen Dichter. Aber jetzt nichts weiter, weder von Aussprüchen, noch Bescheidwissen, noch Schonung; sondern allein von der wirklichen Beschaffenheit der Sache. Diese ist: Die deutschen Dichter haben die Sylbenzeit besser beobachtet, als Homer. 1. Homer brauchte die Längen sehr oft kurz; der Deutsche bei) weitem nicht so oft: 2. Jener die Kürzen oft lang; dieser beinah gar nicht. Die Kürzendehnung ist dem Ohre noch unangenehmer, als die Kürzung der Länge. Wenigstens kam's Longinen auch so vor. „Der Rhythmus, sagt er, macht oft so gar K 106 die Kürze lang." Daß also der Deutsche den größeren Fehler beinah gar nicht beging. (CS versteht sich von selbst, daß ich hier diejenige Kürzen- dehnnng der Griechen nicht meinen könne, die mir es zn seyn scheint, die aber bei ihnen regelmäßige Länge ist. ES ist hier bloß von denen langgebranchten Kürzen die Rede, welche es nach ihrer Prosodie sind.) Am besten läßt sich die Verlängerung der Kürze noch vcrtheidigen, wenn diese den Abschnitt des Verses macht, als: Ä men Odüssäos, schrecklicher Heerschaareu. Man muß nicht sagen, daß dieß wohl im Griechischen angehc, aber nicht im Deutschen. Dieß hieße nichts gesagL. Denn es kömmt hier gar nicht ans die Sprache, sondern allein auf den Umstand an, daß der Abschnitt (wie ich sonst selbst glaubte) soll verlängern können. Gleichwohl halt' ich es für besser, selbst diese Verlängerung zu vermeiden. Man sagt mir vielleicht, das Urtheil des deutschen Ohrs sev nicht stolz gennng, um zu Bedenklichkeiten dieser Art zu veranlassen. Wer den Einwurf macht, mag ihn verantworten. Und vielleicht kömmt er auch jetzt mit der Verantwortung besser fort, als er etwan einige Jahre weiter hin damit fortkommcn möchte. Ich verlange nicht, daß man obige beide Bemerkungen auf mein Wort annchme. Ich muß sie also beweisen. Doch lasse ich mich nur, was Homeren betrifft, darauf ein: in Ansehung der Deutschen mag ich nicht; ob ich gleich recht gut kann. Ich meine dies: sogar nach denen strengeren prosodischen Regeln, nach welchen z. V. geist in Schntzgeist lang ist, ob man gleich solche Sylben noch immer in allen Grammatiken, die herauskommen, für kurz erklärt. 107 Ich denke denn doch also, das? cs eben keine Partheilich- kcit ist, wenn ich will, daß man cS hier mit den deutschen Dichtern nach einer Strenge nehme, van der weder unfern Grammatikern, noch ihren meisten Lesern bisher etwas zu Ohren gekommen ist. Denn ich wäre ja selbst dann nach nicht parteiisch gewesen, wenn ich daS bisher Gelehrte und Geglaubte unfern Dichtern hätte zu Nutze kommen lassen. Sagt man, daß sie durch jene Regel ans der einen Seite wieder gewinnen, was sie auf der andern verlieren,; so zeigt man auch hier, daß man von der Sache nichts wisse. Denn dem deutschen Herameter paßt die Kürze von Salben, wie geist in Schutzgeist, viel öfter, alS ihre Länge. Wer daö noch erst zu lernen hat, der kennt unsre Sprache nicht. Meint man bei dieser Gelegenheit, man habe mir Beschäftigung mit Kleinigkeiten zu verzeihen, so glaube ich meinerseits viel bessern Anlaß zum Verzeihen zu haben. Denn man weiß also noch nicht einmal, daß alles, was Sprache ist, ans einem Gewebe von feinen Bestimmungen bestehe; oder, wenn dieß auch nicht wäre, man sieht nicht ein, was aus den Kleinigkeiten denn doch gleichwohl folgen mochte; aus dieser z. B. die meinen Beweis enthält: Im letzten Gesänge der Ilias sind mehr als sechszig Kürzendehnungen; und (sseinah die Hälfte weniger Schwierigkeiten bei Bildung des Verses) über zweihundert und dreißig Kürzungen der Länge. Wenn nun die Ausländer (denen cs jetzt noch nicht einmal tränm.t, daß ein Grieche bei Anhörung ihrer Versarten, oder vielmehr Reimarten, Voltärens epischer z. B. sein: Grieche und Barbar! gewiß nicht unterdrückt hätte) wenn sie mit der Zeit merkten, was ihnen in Ansehung der Vers- knnst fehle; und sie uns, wegen nicht dnrchgehcnds beobach- 108 teter Sylbenzeit abstreiten wollten, daß wir es hätten: und wir ihnen dann gleichwohl, durch Verweisung auf solche Kleinigkeiten, zeigen könnten, daß cs denn also die Griechen (ihre andern Dichter, die auch hierin unter Ho- mcren sind, nicht einmal mitgerechnet) noch weniger gehabt hätten? Wenn daher ferner der ganze große Lärm, der unter uns und den Ausländern seit jeher, in allen Lehrbüchern der schönen Wissenschaften, und in jedem dahin gehörigen Neben- schriftchen, gemacht worden ist: Von der reinbeobachteten Sylbenzeit der Griechen, und der auch hieraus gefolgerten Unmöglichkeit, eS ihnen, was den Vers betreffe, in irgend einer neuen Sprache zu bieten; wenn nun, sag' ich, aller dieser Lärm ein blinder Lärm gewesen wäre? Und wenn übcrdieß (man erlaube mir noch diese Nebensache mitzunchmen) Scholiasten und Gefolge verdienten, mit der Bemerkung entlassen zu werden: Daß sie also, in aller Unschuld, ohne Arg daraus zu haben, und ohne nur einigermaßen zu wissen, was sie thäten, in Grunde mehr von den deutschen Dichtern gefedert hätten, als dieGriechen von Homeren. Ich muß doch wohl nur anmerken, daß diese Foderung in gar keiner Verbindung mit dem stehe, was unsre Dichter von sich selbst gefedert haben. Es ist nicht überflüssig, die, welche etwa den angeführten Gesang der Ilias Nachlesen, oder sonst wo in Homeren blättern möchten, an folgende drei Regeln der griechischen Prosodie zu erinnern: 1. Die kurzen Selbstlaute werden nur durch die Position lang. 2. Die zweizeitigen Selbstlaute sind in gewissen Fällen (deren Anführung hier unnöthig wäre) allzeit kurz. 3. Die Selbstlaute ä und oo und die Doppellaute sind lang. Diese Regel greift weit um sich. Die neueren Prosvdisten haben die Accente ins Spiel gemischt, und ihr dadurch engere Gränzen setzen wollen. Wenn ich bei einem Accente zeige, daß es mit der Sache nicht gehe, so werde ich ja, denk' ich, davon abbrechen dürfen. Man hält z. B. das thai in agorcü'esthai für zweizeilig, weil sonst der singende Accent nicht auf der dritten Spike von der Endung stehn könnte. Aber warum denn zweizeitig? Denn nach der Accentregel, muß eü ja kurz scyn, als änthroopos, weil pos kurz ist. Doch wie denn selbst hier, wenn das folgende Wort mit einem Mitlaute anfängt? Denn nun ist ja pos lang. Gleichwohl rückt der Accent in diesem Falle nicht fort; aber das lange u macht, daß er fortrückt: anthrvöpu. Die Länge der Position ist also eine andere Länge, und des Doppellauts seine wieder eine andere. Man sieht, denk' ich, schon allein hieraus, was es mit dem Verhältnisse, welches zwischen Accent und Quantität seyn soll, vor eine Beschaffenheit habe. Das obige thai ist übrigens weder zwei- zeitig noch kurz, und es wird auch etwa nicht erst durch den folgenden Mitlaut lang, sondern ist es schon an sich selbst. Denn Dionys nennt, indem er von Thucydidcns Numerus redet, und eineStelle ans ihm anführt, die mit agoretsesthai auton endet, die Sylben reü'esthai au schließende Spon- deen. Man kann nicht einwerfen, Dionys nehme hier das zweizeitige thai, wie er dürfe, lang, so wie er es auch kurz hätte nehmen dürfen; denn er thut dicß bei wirklichen Zweizeitigkeiten niemals, und sagt dann z. B. „ein Bac- cheus, (-^ nur er nennt diesen Fuß so) oder wenn man 110 lieber will, ein Daktyl" und er darf es auch nicht thun; denn er kann ja nicht wissen, wie der Prosaist die zweizeitige Sylbe wolle ausgesprochen haben. Ich bin gewiß, daß Longin auch die dritte Regel, ihrem ganzen Umfange nach, im Sinne hatte, wenn er fagtc: „Der Rhythmus reißt die Quantität mit sich fort, wie er will." (Longin unterscheidet den Rhythmus vom Sylbenmaße. Ob sein Unterschied philosophisch sey, oder nicht, braucht hier nicht untersucht zu werden. Gcnung, daß er in dieser Stelle nichts anders meinen kann, als waS in folgender Anmerkung von ihm liegt: „Pros ist kurz; es steht aber anstatt einer Länge, wenn Homer sagt: ProS oikon Päläos, weil der Fuß ein Spondee seyn muß.") Auch Dionys dachte wohl die dritte Regel in keinem kleineren Umfange, da er der Abweichungen von der Sylbenzeit, welche die Griechen dem Musiker wie dem Dichter, ich weiß nicht, ob erlaubten, oder verziehen, (bei dem ersten beleidigt es das Ohr noch mehr) auf folgende Art erwähnte: „Im Sprechen wird die Sylbenzeit nicht gewaltsam umgekehrt, sondern man behält die langen und kurzen Sylbcn, wie sie sind; allein im Gesänge wirft man sie, durch Vermehrung und Verminderung, gleichsam herum, so daß oft das Ge- gentheil von dem, was seyn sollte, hcranskömmt." Diese Vermehrung und Verminderung ist eben das, was ich Kürzendehnung und Kürzung der Länge heiße; und jener fort- reißende Rhythmus nichts anders, als was ich oben, ohne ein solch Blatt vor dem Munde, Sylbenzwang nennte. Aber wir Neuern haben auch griechische Prosodien geschrieben, und in diesen steht denn nun freilich vielerlei, wovon die Griechen nichts wußten, als da ist: Die Selbstlaute ä und o o und die Doppellaute sind in diesem, und dem, und 111 wieder in jenem Falle zweizeitig; in lauter Fällen nämlich, wo man die angeführten Längen auch kurz gebraucht fand. Anstatt also, der Beschaffenheit der Sache gemäß, zu sagen: Die griechischen Dichter erlaubten sich die und die Abweichungen von der Sylbenzeit; so überließ man sich lieber dem bei Beurtheilung der Alten so gewöhnlichen Hange zum Beschönigen, und brachte heraus, daß cs keine Abweichungen wären. Und hierbei war denn nun nichts daran gelegen, daß man das Ding wider griechische Kritiker in Sachen ihrer Sprache vorbrachte, und daß man dieser außer dem auch noch viel mehr Zweizeitigkeitcn aufbürdcte, als sie, die so reich daran ist, schon wirklich hat, und also mit ihr so ziemlich unsanft umsprang, damit man nur mit den Dichtern desto säuberlicher verfahren konnte. Aber ich will einmal unfern heutigen griechischen Proso- disten alles, was sie, nach ihrer Meinung, nur immer fo- dern können, zugesrehen. Zweizeitig soll also seyn (ich kann mich durch Beispiele am kürzesten ausdrückcn) thai in agoreü'esthai, und daher auch tai in keetai, ferner toi in brotol, ferner sollen es alle hierher gehörigen einsylbigen Wörter mit und ohne Accent seyn. Ich will mir nur dabei daS, was die Prosodisten selbst lehren, Vorbehalten, nämlich die Länge des nei in p inei, und des ov in chrüscoö. Gleichwohl hat der genannte Gesang der Ilias, selbst bei diesen freigebigen Einräumungen, beinah fünfzig Kürzungen der Länge. (Auch diese Zahl ist den deutschen Dichtern bei der Vergleichung noch vortheilhaft.) Da ich aber mit der griechischen Sprache nicht nach Belieben schalten und walten mag; der Accent bei der Sache nichts entscheidet; und keine Ursach da ist, warum die einsylbigen Wörter nicht mit in Rechnung gebracht werden sollten: so kann ich mich auf jene 1l2 Einräumungen in Ernste nicht einlassen, und es bleibt als» dabei, daß der Rhythmus (um zu Longins Bemerkung zurück zu, kommen) die Quantität so oft, als ich oben anführte,' mit sich fortgerissen hat. Man sagt mir vielleicht, es wäre besser gewesen, wenn ich von der homerischen Beobachtung der Splbeuzeit geschwiegen hätte; denn nun würde gewiß einige unsrer Dichter die Lust anwandeln, sich auf Homers Beispiel zu berufen. Mvgen's doch die, die es nicht dürfen; aber die dürfen, frag' ich: Ob sie, unverführt von der Gültigkeit der Entschuldigung, nicht lieber gar keine nöthig haben wollen? , 11. „Ossian, Milton, Uoung und alle Britten haben die „herrlichsten Gedichte in jambischer oder ähnlicher Versart „gesungen, und ich wüßte nicht, daß wer über ermüdende „Monotonie ihrer langen Gedichte geklagt hätte. Und warum „nicht? Weil dies; Metrum in der Natur ihrer Sprache lag." Dieß und mehr hierher gehöriges wird in folgender Stelle meiner Grammatik berührt. Man ist in denen Sprachen, die von der lateinischen abstammen, und der englischen, seit der Wiederherstellung der Wissenschaften bis jetzo, in Ansehung der Verskunst, nicht weiter gekommen, als daß man gewisse Spill enz ah len beobachtet hat. Hierbei verfährt der Dichter auf zweierlei Weise: Entweder läßt er es, zufrieden richtig zu zählen, darauf ankommen, was ihm der Aufall denn nun so vor Füße geben werde; oder er sieht auch beim Zählen mit einiger Sorgfalt darauf, daß sein Vers gute Füße habe. Aber wenn man hier auch noch größere Sorgfalt annimmt, als man gewöhn- lich bemerkt; so beobachtet der Dichter gleichwohl noch kein Sylbenmaß, sondern nur Sylbenzahl. Denn der Hauptbegriff, 113 dm man bei jenem hat, ist der, daß dadurch eine gewisse Bewegung der Wörter bestimmt wird. Durch ein gutes Sylbenmafi wird so viel Manuichsaltigkeit der Bewegung bestimmt, als nöthig ist, geuung ausbrücken zu können. Dies; kann man aber nicht, wenn nicht so bestimmt werden ist, daß die Bewegung vornämlich auf bedeutenden Füßen bestehet. (Ich muß doch wohl hinzusetzen, daß hier nur von Wort- süßen die Rede seyn könne.) In den bedeutenden Füßen liegt einestheils die metrische Kraft. Anderntheils liegt sic in der durch die Bestimmung nothwendig gewordenen Wiederholung der Füße überhaupt, wobei sich von selbst versteht, daß die Rückkehr der bedeutendsten die größere Kraft habe. Das Bestimmte eines guten SplbenmaßeS ist also bedeutende und wiederholte Bewegung, und dadurch hcrvvrgc- brachte doppelte metrische Kraft. Die Verskunst geht in Ansehung der Wiederbolung eben den Weg, den die Musik geht. Wäre cs doch überflüssig anzumcrken, daß hier diejenige Wieder!) olerei nicht könne mit verstanden werden, die uns unaufhörlich Eins und eben dasselbe hören läßt. Unter den Dichtern, welche blos die Splbenzahl beobachten, haben nur die englischen wenige selten gebrauchte lyrische Sylbenmaße. Es bleibt also, was die Verskunst betrifft, die Sylben- zahl da-s Eigenthümlicbe in den genannten Sprachen. Der Unterschied zwischen Sylbenzahl und Sylbenmaße würde nicht völlig so groß seyn, als er ist, wenn die, welche blos jene zur Vorschrift haben, mit anhaltender Sorgfalt darauf sähen, ihrem Verse bedeutende Füße zu geben. ES ist aber hier nicht die Rede von dem, was sic thun könnten, sondern, was sie bisher gethan haben. Die Deutschen haben schon seit Luthern, und vornämlich Kl o p st o ck. vermischt? Schriften. 8 l14 seit Opitzen Sylbenmaße gehabt. Aber die Einförmigkeit derselben, der dadurch entstehende immer gleiche metrische Ausdruck, (dieß wird bei länger» Gedichten auffallend, bei kürzen: bemerkt man's weniger) und beinah noch mehr, daß viele poetische und oft sogar noch unentbehrlichere Wörter durch sie unbrauchbar werden, könnte den Wunsch veranlassen, daß unsere Dichter möchten sortgefahren haben, diesen Syl- benmaßen die Sylbenzahlen vorzuziehen. Was aber, sagt man, wenn das so ist, mit so vielen ausländischen und inländischen vortrefflichen Dichtern machen? Sie lesen. Wenn sie recht vortrefflich sind, so werden sie schon dafür sorgen, daß man ihren Vers darüber vergesse. Die jetzt lebenden Deutschen haben Splbcnmaße cinge- führt, die theils nach der Alten ihren mit einigen, mich deucht guten Veränderungen gemacht, und theils (dieß ist die größere Anzahl) neu, aber im Gcschmacke der Alten sind, das heißt, die die erwähnte doppelte metrische Kraft haben; eine Unternehmung, durch die zweierlei gescheht: ist: Die Dichter haben für's erste die Sprache, von der ihnen durch die eintönigen Versarten so vieles verloren gegangen war, ganz wieder bekommen; und zweitens ist dadurch der Umfang des Ausdrucks, (die Bewegung der Wörter gehört mit dazu,) erweitert worden. Wer dieß für eine Kleinigkeit hält, der weiß nicht, was eine Sprache ist. Und ein solcher weiß denn auch nichts davon, verdient auch nicht was davon zu wissen, daß es keiner, dessen Urthcil mitwiegt, als etwas Gleichgültiges ansicht, daß eine Sache, welche die Franzosen und Engländer, und selbst die Italiener vergebens unternommen haben, den Deutschen gelungen ist. Wie es die griechischen und die römischen Dichter, und nun so lange nach ihnen die deutschen in Absicht auf die Verskunst gemacht haben, liegt in ihren Werken sehr deutlich vor Augen: allein die Theoristen alte und neue haben vieles von dem, was doch so offenbar darliegt, gar nicht, verschied- nes halb, und über das noch allerlei gesehen, was nicht da ist. Und so haben sie denn, ans dem wenigen Wahren, so manchem Halben, und dem und jenem nicht Vorhandnen Lehrgebäude zusammen gesetzt. Ich rede hier zwar vornämlich von den Scholiasten, und von denen, welche mit ihnen genannt zu werden verdienen; aber ich nehme doch auch Ciceron, (Numerus und Splbenmaß haben viel Gemeinschaftliches) Divnysen, Quintilianen, Aristiden, und Lvnginen nicht völlig aus. Vielleicht schreibe ich noch einmal einige Blätter von dem, was man bisher von der Theorie der Verskunst gewußt hat, ich meine, tvas die Kritiker davon gewußt haben; ldie Dichter haben ihr Wissen durch ihre Gedichte gezeigt) und dann werde ich auch einige Neuere nennen, die ich in jener guten Gesellschaft nicht ganz ausnehme. So weit aus der Grammatik. Nun noch ein paar Worte von Miltonen und Offiauen. Was der Verfasser hier durch jambische und ähnliche Versart verstanden habe, weiß ich nicht, aber das weiß ich wohl, daß english Jambics ganz was anders sind, als deutsche Jamben, so sehr was anders, daß z. C. folgende beiden Verse aus Miltonen darunter gehören: In liie Ileginnirm, vov tlie Heav'ns anrl learld Itose out ot Oi-ios, ae it 8ion Die Engländer halten Miltonen für einen großen Meister in der Verskunst. Er lasse, sagen sie, mit vielem Urtheilc verschiedne Füße abwechseln, und das eben se» die Uriach des 116 Vergnügens, welches ihr Obr an seinem Verse finde. Er gäbe ihm mehr Mannichfaltigkeit, als irgend ein andrer ihrer Dichter, und nenne ihn daher auch selbst a varions mea- sur'd Verse. In den ersten sechzehn Zeilen des verlornen Paradieses, sagen sie ferner, finden sich alle die abwechselnden Zusammenstellungen der Füße, welche in ihren Jamben eiugeführt seyen. Und zu diesen sechzehn Zeilen gehören, außer den obigen, denn nun noch folgende: lirauglit veaUi inln Nie 'tVoiNN, > our '1'tuu 8t>e>>erci, rvko sirst tougkt lks cliossn 8ooN ^Nove tli' oonion Mount >vlu>o it >iu>sues. So sehr abwechselnd ist der Jambe der Engländer. Wie könnten sie also dabei über etwas, davon er nur zu sehr das Gegenthcil hat, über ermüdende Monotonie klagen? Aber mit wie lautem Verdrusse würden sie es thnu, wenn ihr Jambe dem unsrigen auch nur von fern ähnlich wäre, sic, die bei dem Anlässe der sechzehn Verse auch die Anmerkung machen, daß darunter nur zweimal gleiche Verse Vorkommen, nämlich der fünfte und der siebente, der zehnte und der zwölfte; und dann sogar noch hinzu sehen, daß diese gleichen Verse jedesmal durch eine sehr verschiedne Bewegung unterbrochen werden, um a dnll Uniformity zu vermeiden. Ich muß hier über Miltons Versart eine Anmerkung machen. Cs kann seyn, (ich Hab' es nicht untersucht) daß in den ersten sechzehn Versen des Paradieses, oder vielmehr nur in vierzehn, denn zwei kommen doppelt vor, sich alle 117 abwechselnde Zusammenstellungen der Füße finden, die in den englischen Jamben eingeführt sind, das heißt, daß die übrigen Verse des Gedichts aus Theilen dieser ersten zusammen gesetzt sind. Dieß ist nun zwar wohl Einschränkung des Mannichfaltigen, aber eine von viel zu weitem Umfange, ein bloß scheinbares Sylbenmaß, das diejenige metrische Kraft, die in der Wiederholung liegt, nicht hat, denn eine unmerk- liehe Wiederholung ist keine, und das also, der Wirkung nach, der Sylbenzahl völlig gleich ist. Allein von derjenigen metrischen Kraft, die in bedeutenden Füßen liegt, scheint Milton vieles zu haben, und vornämlich deßwegen von seinen Landsleuten für einen großen Meister in der Verskunst gehalten zu werden. Und vollends Ossian. Der sang also nicht in den völlig freien Versarten unserer alten Norden, die sogar die leichteste unter allen Vorschriften der Verskunst, die Sylbenzahl, nicht kannten; vermischte nicht mit erzählenden Versen seiner Erfindung andere lyrische mit dem Inhalte einstimmige, auf die uns Macpherson so oft aufmerksam macht? Mir hat er folgende, die pindarisch sind, geschickt. Aus Komala: Aus Fingal: 118 Sondern Ossian sang in englischen Jamben, oder weil dieß, wo nicht völlig, doch beinah einerlei ist, in deutschen. Wer dieß in Ernste behauptet, der setzt voraus, man glaube von ihm, daß er Ossians Sprache, allein durch Hülfe des sechsten Gesangs von Tcmora, denn nur den kennen mir in Deutschland, bis ans ihre Quantität, und zwar noch besser, als sie Macpherson versteht, habe lernen können. 12. „Ich habe die Leute auf ihr Gewissen gefragt: Lieber, sagt mir, klingt Euch das zu eintönig? Könntet Jhr's „wohl einige Stunden, durch ein paar tausend Verse hindurch, „so fort tönen hören? Und sie haben mir ans ihr Gewissen „geantwortet: Ja! sie könntcn's." Sonst macht man Erfahrungen dieser Art, wenn sie wirkliche Erfahrungen scpn sollen, ganz anders. Man fragt die Leute nicht, sondern man liest ihnen vor, ohne ihnen die Absicht, warum man es thue, zu sagen. Man bemerkt den Eindruck, und selbst nach dem Vorlesen, fragt man nicht, wenigstens nicht gerade zu, sondern auf eine Weise, daß man die Erfahrung, ohne Zusätze, rein heraus bringen könne. Wer es wie der Verfasser macht, der ist in Gefahr, daß er Leute vor sich finde, welche bis zur Gewissenlosigkeit höflich, oder Waghälse sind, die sich blindlings ins Unglück stürzen; aber auch hernach, denn dieß ist ihre Gewohnheit, wenn sie nun mitten drin sind, desto lauter wehklagen. 13. „Prüfen sie den deutschen Jambus nur mal genauer, „so werden sie unendliche Abwechselung in Ansehung der „Cäsnren und Rnhpunkte des männlichen oder weiblichen „Ausgangs der Perioden, des ganzen Auf- und Nicderschwungs „derselben, der bald jambisch auf-bald trochäisch niedersteigenden 119 „Füße, und endlich des Zeitmaßes der Sylben selbst finden. „Freilich wechselt nur immer knrz und lang, und lang und „kurz ab, aber selbst in der kürzer» Kürze und länger» Länge, „einer Sylbe vor der andern, ist so viel Verschiedenheit, daß „sie kaum sich ausrechnen läßt." Es läuft hier Alles, nur nicht, was die Verschiedenheit der Längen und Kürzen betrifft, hauptsächlich darauf hinaus: Ob die Wortfüße, welche dieser Versart ihr einziger künstlicher Fuß giebt, hörbar sind. Es sind ihrer nur sieben. Aber ich will mich bei der geringen Anzahl, und dem dadurch entstehenden eingeschränkten metrischen Ausdrucke nicht aufhalten, weil das hier sehr überflüssig seyn würde. Denn das Fehlerhafte dieser Versart liegt eigentlich darin, daß ihr künstlicher Fuß, weil er an sich selbst lebhaft ist, und vor- nämlich, weil er unaufhörlich wieder kommt, daß er, sag' ich, dieser Ursachen wegen, so laut hervorschallt, und die Wortfüße dermaßen überschreit, daß sie vor ihm (man erlaube mir den Ausdruck) nicht zu Worte kommen können. Dieses Uebcrschreien wirkt so stark, daß nun dadurch beinah gar kein Eindruck entsteht, ob ein Abschnitt durch mehr oder weniger Wortfüße von dem andern unterschieden sep; oder ob der letzte Wortfuß des Perioden mit einer kurzen Sylbe endige. Ferner sind die Pausen, womit die Abschnitte und die Perioden schließen, von viel zu kurzer Dauer, um das Ohr von der Aufmerksamkeit auf das abzubringen, was eS immer wieder zu hören gewohnt ist, und daher auch beständig erwartet. Man sieht, daß in dieser Versart der Fuß der Regel keine Wortfüße hcrvorbringt, sondern diese immer in seine eignen Theile auflöst. Die Eindrücke, welche durch diese Monotonie der Bewegung entstehn, einigermaßen zu schwächen, ist es gut den 120 Reim mit der jambischen VerSart zu verbinden. Dieser hat zwar auch Monotonie, des Klanges nämlich, und die, welche ihn nicht lieben, werden vielleicht sagen, daß man auf diese Weise ein Nebel durch ein anderes vermindern wolle. Aber warum sollte man durch dieses kleinere Nebel; denn die Monotonie des Klanges wird doch wenigstens immer zu einer andern, dem größeren nicht steuern dürfen? Dieß wurde freilich nicht gelten, wenn man sich ans andere Art helfen könnte. Allein das kann man ja nun einmal nicht. Dieß empfiehlt zwar weder die jambische Versart noch den Reim; (ich sage dieß vornämlich in Rücksicht aus größere Gedichte) aber es zeigt doch das Mittel, wodurch die Monotonie der Bewegung, welche dieses Splbenmaß hat, etwas weniger auffallend wird. Bei Gedichten in dieser Versart hels' ich mir, außer dem, daß ich den Reim ziemlich laut hören lasse, auch noch dadurch, daß ich sie nicht nach dem Sylbenzwange, sondern nach der wahren Quantität lese. Manchmal giebt ihnen dann der Zufall sogar gute Verse; und wenn dieß nicht ist, doch wenigstens andere, als die gewöhnlichen eintönigen sind. Die Verschiedenheiten der Längen und Kürzen mußten, wie wir oben gesehen haben, dem Herametcr nicht wenig nachtheilig seyn; aber dem Jamben sind sie, wie hier behauptet wird, besonders vortheilhaft. Diese Verschiedenheiten sind entweder, wie es gekommen ist, überall zerstreut, und sie machen dann keinen andern Eindruck, als den einer dunkel gefühlten Abwechselung; oder sie stehen neben einander, und gehören zusammen, und man hat bei diesen, weil sie das Ohr vergleicht, auf ihre gute Zn ja m m cn ste ll u n g g e sc h n. Die zerstreuten Verschiedenheiten, die der Verfasser, 121 nach den gegebenen Beispielen, allein im Sinne haben kann, sollen denn nnn zu der übergroßen Abwechselung der jambischen Vcrsart so vieles beitragen, daß, wenn das Aufheben, welches von dem Dinge gemacht wird, Grund hätte, überhaupt kein eintöniges Sylbenmaß möglich wäre. Nur die kleineren Verschiedenheiten (bis auf die zwischen Länge und Kürze) stehen gut bei einander. Diese Zusammenstellung ist eine Nebenschönhcit der metrischen Bewegung, die zwar der Hexameter oft, der Jambe aber nur selten haben kann. Denn dieser stellt bloß Längen und Kürzen zusammen; da jener über das auch Längen und Längen, ferner auch Kürzen und Kürzen zusammen stellt. Daß also der Jambe so gar hier, wo es nicht etwan auf die Bewegung selbst, sondern nur auf ihre Ncbenbeschaffenhcit ankvmmt, seine Eintönigkeit nicht los werden kann. Und so bleibt ihm denn beinah weiter nichts übrig, als der dunkle Eindruck von Abwechselung, welche durch die zerstreuten Verschiedenheiten entsteht; und es läuft bei dieser Abwechselung, die er mit allen andern Vcrsarten, und selbst mit der Prosa gemein har, und die gleichwohl fast seine einzige Zuflucht ist, es läuft dabei Alles darauf hinaus, daß er, wenn ihm vollends auch dieß fehlte, noch eintöniger seyn würde, als er ist. Ueberhaupt muß ich gestehen, „daß diese kaum auszu- „rechnenden, und daher zu der unendlichen Abwechslung des Jamben so Vieles beitragenden Verschiedenheiten, die man sieht, und hört, und fühlt, daß einem Oh- „ren nnd Nerven davon gellen" mir wie der Strohhalm Vorkommen, an dem sich der Ertrinkende zu halten pflegt. Dasjenige, worauf zuletzt alles bei jedem Sylbenmaße an- kömmr, ist, daß es von dem, was durch die Bewegung der Wörter ausdrückbar ist, gennng ausdrücken könne. Was 122 erreicht nun aber wohl das jambische von diesem letzten Zwecke der Verskunst? Man vergißt hier beinah, daß die Eintönigkeit dem Ohre schon an sich selbst zuwider ist, und sieht sie säst allein von der andern ihr noch nachtheiligercn Seite an. Eine eintönige Versart drückt nämlich viel zu wenig von dem aus, was die metrische Bewegung ausdrücken kann. Ihr Ausdruck wird durch seine beständige Rückkehr überstark. Sie muß dem Inhalte, der ja nicht immer eben derselbe bleiben kann, fast durchgehends, und, wegen ihres Ueberstarken, sehr laut widersprechen. Und diefi ist die Versart, „welche die einzige, wahre, „ächte, natürliche, heroische unsrer Sprache seyn soll, und „dieß zwar besonders auch deßwegen, weil wir es uns, als „Satz der Wahrheit, nach der Erfahrung desjenigen zu ab- „strahiren haben, der es behauptet, und der mit hundert „den wahren ächten Sinn des homerischen Originals darstellenden Jamben, die Homer, wenn er ein Deutscher gewesen „wäre, wahrscheinlich eben so gut gemacht hatte, viel eher, „als nur mit zehn erträglichen Hexametern fertig geworden „ist; und weil er sehr gewiß weiß, (keiner redt es ihm aus) „daß Homer, wäre er ein Deutscher gewesen, seine Ilias in „Jamben gesungen hätte." Diese Gründe sind nur nicht sonderbarer, als es der Umstand ist, daß derjenige, der sie für Gründe hält, und der überhaupt von allem, was nur deutsches Sylbenmaß heißen kann, in einem sehr entscheidenden Tone spricht, sogar nicht einmal — Doch man mag, wenn man will, die Quantität über dem Stück aus der verdeutschten Ilias selbst Nachsehen, wo denn gedehnte Kürzen, falsch bestimmte Zweizcitigkeit, und verschobne Grade ein solches prosodisches Gewirr machen, daß es eine rechte Lust zu hören ist. 123 Jetzt noch zwei Worte Folgerung, verkürzte Wiederholung, und kleine Ansätze, in der Absicht, daß man das Ganze besser übersehn könne. Der deutsche Herameter übertrifft den griechischen dadurch, daß er die Sylbcnzeit genauer beobachtet; daß er die Längen nicht überhäuft, und dennoch durch seine Trochäen, und wenige Spondeen die zur Sache gehörige Langsamkeit erreicht; und daß er beinah den vierten Thcil mehr metrischen Ausdruck hat. Im letzten Gesänge der Ilias sind mehr als sechzig gedehnte Kürzen, und über zwei hundert und dreißig Kürzungen der Länge. In eben so vielen Versen eines deutschen Gedichts sind fünf oder sechs von diesen, und keine von jenen. Es versteht sich, daß dabei die oben erwähnten strengeren Regeln der Prosodie zum Grunde liegen. Der griechische Herameter übertrifft den deutschen dadurch, daß er die schöne Wendung oft nehmen kann, nach welcher vier Spondeen von zwei Daktylen an verschiedenen Stellen unterbrochen werden. Wer zwar zusammen schlagen, aber nicht läuten gehört hätte, dürfte vielleicht hier noch hinzu setzen: Auch die schöne Wendung hatte der griechische Herameter oft, die immer einen Spondeen auf einen Daktyl so folgen läßt: Aber da min hochwogig die Fluth Schiffbrüchige hertricb. Diesem würd' ich antworten: Der Vers darf zwar zuweilen Langsames mit Schnellem abwechseln lassen, aber er muß es so thun, daß eins von beiden hervorschalle. Man muß nicht ungewiß bleiben, ob der Vers langsam oder schnell sey. Und dieß ist hier der Fall. Wir können einen Herameter von gleich schöner Wendung 12 ! auch oft machen, der aber den Vorzug hat, daß er entschieden schnell ist. Aber cr kam bcglcitct naher rvi» Rufe der Sieger. Es ist denn doch, deucht mich, so etwas, die Griechen in der epischen Versart zu übertrcffen. Sie sagen von der ihrigen, daß sie die schönste unter allen se», die mau kenne, und daß sie Apollo erfunden habe. Vielleicht lernt man bei uns erst alsdann recht, was dieß Uebertreffen sei), wenn die Ausländer einst cinsehn, daß sie durch ihre Verse fürs Auge lan8 schwingt sic den lcichtcu ?ngcl emnin nerpeli Wc„>! mit furchtbarem Ungestüm, <)nae earct ernorn sie no-Nru Aendertcn also des Heeres Ordnung (lins ingens iteiiidinnis negner Nun ansrief mit der schreckenden Stimme Weiblicher Nachadschnitt 161 Dem sapphischen Verse fehlt nur der Ausgang zum deutschen Heran, eter: Kuba cai>äerue8 kumeros amietus Wenn mit Wulhausrnf in der Schlacht die Krieger Wenn mau aus folgendem Verse: ?iune et in umbrosis kauno äecet immoisre >»cis lueis wegläßt; so hat man einen deutschen Hexameter mit dem trochäischen Ausgange. Schallet in Tempe's Hain umher das Geräusch der Bäche. Wem es einfiele in Pindar Verse aufzusuchen, von denen der eine den ersten Theil des d. Herameters ausmachte, und der andere den zweiten Theil, der würde, denke ich, in kurzer Zeit einige Hexameter zusammensetzen können. ll Klop stock, vermischte Schriften. Vom Sylbenmaße. (Fragmente.) Aus der Schrift: „Ueber Merkwürdigkeiten der Litteratur." Der Fortsetzung erstes Stück. Hamburg und Bremen, 1770. Aus dem ersten Gespräche. Werthing. Sie müssen heut Ihr Versprechen halten, Selmer, und uns mit Ihrer Theorie des Sylbcnmaßes bekannt mache». Selmer. Ich habe Ihnen dies? Versprechen mehr aus Gefälligkeit, als im Ernste gethan, weil Sie zu vertraut mit den Griechen sind, um die Theorie des Splbenmaßes nicht zu kennen; nnd weil Heiners die Kunst des Verses für eine sehr kleine Nebenschönhcit eines Gedichts hält. Werthing. Wenn mir auch die Griechen so bekannt wären, als sie Ihnen sind; so würd' ich gleichwohl Ihre Gedanken von den Versartcn unsrer Lehrer wissen wollen. Ueber- dieß will ich auch von Ihnen hören, in wie fern die Griechen, in Absicht auf das Sylbenmaß, unsre Muster seyn dürfen. 163 Heiners. Ich bin kein solcher Verächter der Versifika- tion, als Sie mir Schuld geben. Aber darin wcrd' ich wohl niemals Ihrer Meinung werden, daß wir von Opitzens Verse abgehn, und die Griechen nachahmen sollen. Erst der Gedanke, dann der Ausdruck. Das sind die beiden Hauptsachen. Wenn wir hierauf unfern alten Vers gut machen, so haben wiralle-s gethan, was unverwöhnte Leser von uns fodern können. Selm er. Es ist bisweilen so übel nicht, vvrnämlich für die Verwöhnten zu schreiben, oder gar, wenn man kann, sie noch mehr zu verwöhueu. Außerdem redeten sie nicht richtig genug, indem Sie die Kunst des Verses von dem Ausdrucke absonderteu. Sie gehört mit dazu. Ich denke mir die Sache so: Erst der Inhalt, hierauf der Ausdruck, das ist Worte, die dasjenige bestimmt bedeuten, was wir damit sagen wollen, indem sie zu dieser Absicht sorgfältig gewählt und geordnet sind; die denjenigen Wohlklang haben, der zu der vorgestcllten Sache gehört und die durch die Bewegung, welche ihre Längen und Kürzen hervorbringeu, noch mehr und noch lebhafter dasjenige bedeuten, was sie bedeuten sollen. Werthing. Keinen Einwnrf Hierwider, Heiners, damit wir gleich zur Sache kommen. Halten Sie, Sclmer, den Wohlklang, oder die Bewegung der Worte für mitbedentendcr? Seltner. Die Bewegung, und zwar in hohem Grade. Werthing. Wenn Sie recht haben, wie cs mir vorkömmt, daß Sie haben, so muß uns dieß in Absicht auf unsre Sprache sehr angenehm scyn. Denn ihr fehlt bisweilen derjenige Wohlklang, welcher sanfte Gegenstände ausdrückcn hilft; allein sie ist desto geschickter, zwar nicht alle Vcrsarten der Griechen, aber doch sehr mannichfaltigc und bedeutende zu haben. Selmer. Gleichwohl ist mir's oft nahe gegangen, daß 16 L wir so viele von denen Tönen verloren haben, die der unpoetische Otfried hatte. War' er, oder Einer seiner Zeit nur Dichter gewesen; so hätten wir vielleicht diese harmonische Sprache behalten. Welch ein Verlust, Werthing: Ostana Morgenländer Sterrvno Sterne Mit bitterem» Lide mit bitterm Tranke Gisamanvt zusammen Honida, Hona Hohn Bigonda begann Legita legte Erda bibi nota die Erde bebte. Und dicß ist nur Otfried, dessen Sprache bei weitem noch nicht so sanft klingt, als die Sprache des Sachsen, der nicht lange nach Wittekinds Barden gelebt hat, und den ich, ich könnte beinah sagen, entdeckt habe, weil er uns, wie viel auch der Engländer Hikes von ihm sagt, dennoch unbekannt ist. Um nur einige Vergleichung zwischen unsrer jetzigen und unsrer recht alten Sprache zu machen, wie weit haben wir die Häufung der Konsonanten nicht getrieben. Wie oft verdoppeln wir sie. Und viele sprechen wir sogar da aus, wo wir sie nicht einmal schreiben; da wir doch oft selbst diejenigen schreiben, die wir nicht aussprechen können. Müssen wir nicht, wenn man unsre Aussprache nicht für gesucht halten soll, schtand sprechen, ob wir gleich nur stand schreiben. Die Nied.ersachsen allein dürfen das letzte aussprechen, weil es in ihrem Munde nicht gesucht klingt. Wir schreiben und sprechen schweigen, nur die Niedersachsen sweigen; und gleichwohl setzten unsre Vorfahren das attische s blos des Wohlklanges wegen. Sie sprachen gewiß aus keiner andern Ursach, swenne für wenne, als die Athenienser smikros für mikros. Werthing. Mich deucht, Sie waren wohl eh mit mir zufrieden, wenn ich, beim Vorlesen, bisweilen einige von den Konsonanten, welche die jetzige Rechtschreibung setzt, und die wir anssprechen können, milderte, oder beinah wegließ. Selm er. Ich bin noch zufriedner mit Ihnen, wenn Sie, anstatt ein Wort, das den Apostroph hat, durch die Aussprache, wie so viele thun, hart zu machen, es noch tönender Horen lassen, als cs ohne den weggewvrfnen Vokal klingen würde. Sie lesen: Vom Too-d'-erwacht. Sie lassen das o mit einer kleinen Dehnung, und das d sehr sanft hören. Ein Dichter, der Ihnen zngehört hat, könnte in die Versuchung kommen, um Jhrentwillen öfter, als er sonst thun würde, den Apostroph zu setzen. Wenn wir viele Vorleser hätten, wie Sie sind; so würd' ich mit dem Klange unsrer Sprache zufriedner sevn, als ich bin. Da sie, in andern Gesichtspunkten, Aehnlicbkeit mit der griechischen hat, so dürfen wir uns die kleine Freude erlauben, es zu bemerken, daß, da wir so viel Harmonie nicht haben, als die Griechen, wir auch einige ihrer weniger harmonischen Töne nicht haben. Bei uns kömmt das u nicht so oft vor, als bei ihnen. Wir haben ihr ai und vi gar nicht; und unser ä und ö klingen viel besser. Sie haben ein phth, und auch nicht selten unser sch. Dieß kann uns dafür schadlos halten, daß wir das sch so oft hören müssen. Wir haben ein langes a, und o, welches uns Vossius, kein kleiner Kenner des Wohlklanges, vorwirft, ohne im geringsten zu erweisen, daß dasjenige im Deutschen unangenehm klinge, was er bei den Griechen schön fand, und daß diese ihr gedehntes a und o anders ausgesprochen hätten, als wir unser aa, ah, und oo, oh. 166 Außer dem sm der Atheuienser, das ich erst anführte, haben wir das doppelte t oft, welches sie da zu setzen pflegten, wo die andern Griechen ein doppeltes s anssprachen. Heiners. Mich deucht, Sie sind sehr sorgfältig bei Untersuchung dieser Kleinigkeiten. Werthing. Diese Kleinigkeiten sind so gleichgültig nicht, als Sie denken. Wenn Sie Ihr Ohr nicht mit dem Wohlklange oder Uebelklangc einzelner Töne bekannt machen; so werden Sie niemals aufmerksam genug auf die Harmonie der Worte werden. Und diese zu haben, ist keine Kleinigkeit. Ihr Ohr kann nicht auf einmal dahin kommen, durch ein schnelles Urtheil zu entscheiden. Was halten Sie von dem Klange dieser beiden Worte: Rauchdampf, Sturmwinds Heiners. Ich ziehe Ranchdamvf vor. Selmer. Aber mich deucht, daß Sie unrecht haben. Sturmwind hat das rechte Verhältniß des Klangs, etwas starkes auszudrücken; Rauchdampf klingt zu stark. Doch würd' ich, wegen der beiden,« auf Ihrer Seite sepn, wenn cs Ranhdampf hieße. Heiners. Haben Sie das Wort Ranchdampf gemacht? Selmer. Nein Luther, unser ältester klastischer Skribent, hat es gemacht. Was ziehen Sie vor: Fittige schwebten? oder: Flügel entschwebten? Heiners. Fittige schwebten. Selmer. Da haben wir unfern Freund, Werthing. §r hat auf diese Sachen noch gar nicht Achtung gegeben. Ich muß es ihm also wohl sagen, daß Flügel entschwebten, sehr schon, und Fittige schwebten, außer daß zwei i hinter einander keinen schönen Klang haben, für unsre Sprache, weich klingt, in der cs einen zu großen Kontrast mit den andern Tönen macht. Ueberhanpt muß ich Ihnen sagen, daß Sie nicht alled gcthan haben, was man von Ihnen federt, wenn Sic sich genau nach dem Splbenmaße richten. Ihre gut abgemessenen Splben müssen auch wohlklingend seyn. Wert hing. Wir wollen zwar vornämlich von dem Ersten reden; aber ich wünschte doch gleichwohl, daß Sie über das Letzte nicht so ganz weggingen. Selm er. Ihr Ohr hat Ihnen hierüber schon alles gesagt, was ich Ihnen sagen kann. Und Sie werden niemals starke Tone mit rauhen; und sanfte mit weichen verwechseln. Werthing. Zu der letzten Verwechselung haben wir in unsrer Sprache wenig Anlaß. Selm er. Diese Anmerkung könnte mich verführen, Ihnen Schuld zu geben, daß sogar Sie das Vvrurtheil hätten, nur diejenige Sprache für wohlklingend zu halten; in welcher das Sanfte so sehr herrscht, daß auch derjenige Dichter, der am sorgfältigsten wählt, zu oft in Gefahr ist, ins Weiche auszuarten. Doch wir kommen unvermerkt in ein Gespräch über die Sache, bei dem ich zweierlei fürchte, erst, seine Länge, und dann, daß ich, weil Sie meine Theorie wissen wollen, bisweilen in eine Art des Vortrags gerathen werde; und ich liebe nichts weniger, als das Vortragen. Was meinen Sie, wär' es nicht weit besser, wenn ich Ihnen meine Theorie in einigen kurzen Sätzen, und in eben so kurzen Erweisen und Erläuterungen aufschriebe? Wert hing. Wir haben Sie jetzt hier, und die kurzen Sätze könnten wohl noch ziemliche Zeit unaufgeschrieben bleiben; außerdem werden Sie uns, ich will Sie schon dahin bringen, hundert Sachen sagen müssen, die Sie beim Anf- schrciben weglasscn würden. Selmer. Was kann ich machen? Denn Sie wollen 168 auch in kleinern Dingen, was Sie wollen; (ich nur in grö- ßern). Aber Eins müssen Sie mir versprechen, nämlich, mich nie zu verrathen, daß ich da umständlich gewesen bin, wo ich hätte kurz seyn sollen. Denken Sie sich den schönsten Klang der Splben und stellen sich dabei vor, daß Sie dieselben immer auf eine Art, entweder beständig lang, oder beständig kurz horten; so würde dieser Klang nicht allein seine Annehmlichkeit bald verlieren; .... Minna. Aber warum brachen Sie Ihr Gespräch ab, da ich zu Ihnen herein kam? Sie schienen ja sonst zu glauben, daß ich Antheil an dem, wovon Sie sich unterredeten, nehmen könnte. Selmer. Wir wissen zwar, daß Ihnen die Materie, wovon wir redeten, nicht gleichgültig ist, und Sie erinnern sich, wie oft ich Sie gebeten habe, wenn ich Ihnen meine Arbeiten verlas, über dieselben zu urtheilen; allein ich fürchte gleichwohl, daß Ihnen die Art unsrer Untersuchung, entweder zu kritisch, oder zu gelehrt, oder wenigstens zu umständlich Vorkommen werde. Minna. Seit wann fürchten Sie denn, daß ich aufgehört habe, die Sachen, die ich wissen mag, genau lernen zu wollen? Selmer. Und seit wann glauben Sie denn, daß es mir unbekannt geworden sey, wie man mit Frauenzimmern von Sachen reden müsse, die viel öfter in Büchern, als in Gesellschaften verkommen? Minna. Kein Wort mehr in diesem Tone, oder Sie beleidigen mich. Selmer. Sie wissen nicht, welcher Gefahr der langen Weile Sie sich aussetzen. Denn wir sprechen nicht etwa nur 169 von einer Nebenschönheit der Poesie; sondern wir sprechen auch, welches noch viel ärger ist, umständlich davon. Minna. Sagen Sie mir, wovon Sie sprechen. Selmer. Von der Kunst des Verses. Minna. Nun seh' ich wohl, warum Sie mich fort haben wollen. Wenn ich sonst vom Sylbenmaße etwas wissen wollte, so fertigten Sie mich damit ab, daß mich die Theorie desselben gar nichts anginge; und daß es genug wäre, wenn ich nur die Worte richtig ausspräche, und die Leidenschaft des Gedichts durch das Bischen Stimme, das ich habe, auszudrücken suchte. Wenn mir dann die Verse gefielen, so hätte es der Dichter gut gemacht; und wenn sie mir nicht gefielen, so wäre es nicht meine Schuld. Aber nun sch' ich wohl, daß ich doch mehr zu wissen brauche. Selmer. Wer hat Ihnen denn gesagt, daß Sie noch wehr zu wissen brauchen? Minna. Sie irren sich sehr, wenn Sie glauben, daß Sie aufhören dürfen. Kurz, ich will alles wissen, wovon Sie sich mit unfern Freunden umständlich nnterredcn mögen. Selmer. Noch einmal, Sie kennen die Gefahr nicht, der Sie sich aussetzen. Sie würden sogar griechische Verse mit anhören müssen, wenn wir fortführen. Minna. Fahren Sie fort, und zwar jetzt gleich. Seltner. Gut denn, weil Sie cs schlechterdings so wollen, aber unter einer Bedingung, wegen deren zu genauen Erfüllung Sie mir niemals Vorwürfe machen müsse:-'.. Minna. Und welche ist denn die merkwürdige Bedingung ? Selmer. Daß wir vergessen dürfen, daß ein Frauenzimmer unsre Auhörerin ist. Minna. Ich bitte es-mir ausdrücklich aus, dießzu vergessen. 170 Selm er. Denken Sie sich den schönsten Klang der Syl- den, das heißt, einen Klang, der nach dem Inhalte sanft oder stark ist, vnd stellen sich zugleich dabei vor, daß. Sie dieselben stets ans eine Art, entweder immer lang, oder beständig kurz hörten; so würde dieser Klang nicht allein seine Annehmlichkeit bald verlieren, sondern er würde Ihnen auch völlig zuwider werden. Ihr Ohr verlangt mehr, als Wohl- klang, es will auch Bewegung hören. Und diese entsteht dadurch, daß sich die Aussprache bei einigen Sylben längere Zeit, und bei andern kürzere verweilt. Sie halten sich bei der Aussprache der langen Sylbe eine merkliche, obgleich nicht völlig abgemessene Zeit ans. Bei der kurzen Sylbe ist die Zeit des Aushaltens weniger merklich, und auch nicht völlig gleich abgemessen. Werthing. Also giebt es lange und längere; und kurze und kürzere Sylben? Seltner. Für die Deklamation, aber nicht für die Theorie des Sylbenmaßes. Man kann diese kleinern Unterschiede dem Dichter nicht zur Regel verschreiben; aber der Vorleser läßt sie hören; er macht uns dadurch mehr Vergnügen, als wenn er die langen Sylben immer völlig gleichgültig ausspräche; und die kurzen beständig mit genauer Nichtigkeit iu die Hälfte der langen theilte. Er spricht die lange Sylbe länger aus, wenn mehr Konsonanten, oder die Dehnung eines Vokals oder der Inhalt mehr Zeit erfodern; und die kurze kürzer, wenn sie weniger, oder keine Konsonanten hat, oder der Inhalt eilen heißt. Doch sind diese Unterscheidungen da weniger merklich, wo die Ursachen des länger» Aushaltens oder des schnelleren Eilens nicht in dem Inhalte liegen. Gleichwohl muß der Vorleser, weil er den Gang des Verses merklich hören lassen soll, auch da, wo ihn weder viel 171 Konsonanten noch ausgedehnte Vokale aufhalte», die weniger lange Sylbe ans eine bestimmte Art lang, und die kürzere kurz, ohne zu sehr zu eilen anssprechcn. Aber wenn sein Inhalt von solchem Nachdrucke ist, daß er es ohue den Vorwurf des Gesuchten thun kann, so muß er bei veranlaßter Schnelligkeit oder Langsamkeit selbst die langen Sylben, sic sepn es mehr oder weniger durch die Zahl ihrer Buchstaben, entweder fast eilen; oder selbst die kurzen, in welchem Grade sie es auch sind, beinah langsam fortgehn lassen. Heiners. Wir haben ja nur lange Accentsylbcn; also ist es übertrieben, wenn wir es, in Absicht auf die prosodische Aussprache, so genau nehmen wollen. Minna. Was verstehn Sie durch Accentsylbcn? Heiners. Ich meine, daß diejenigen nur lang sind, die den Accent haben. Denn die andre Ursach der Verlängerung, die Mehrheit der Konsonanten, kömmt in unsrer Sprache nicht in Betrachtung. Gelmer. Es ist sonderbar, daß Sie das Wort Accent brauchen, da wir keine Accente über unsre Sylben schreiben; und sie über diefi bei den Griechen die Länge und Kürze der Sylben nicht anzeigen. Doch ich will mich bei Ihrem Ansdrucke nicht aufhalten. Sie könnten mit eben dem Rechte von den Griechen gefedert haben, daß sie ihre Sylben nach unsrer Regel lang oder kurz hätten aussprechen sollen, mir welchem Sie es von uns sodern, daß wir die Dauer nnsrer Sylben nach der Regel der Griechen abmessen sollen. Sie haben, wie cs scheint, nicht daran gedacht, daß, wenn wir Ihrer Federung gcnng thun wollten, wir fast alle Sylben lang ansfprechen müßten. Unsre Vorfahren haben uns eine Aussprache hinterlassen, die, wenn sie eilen will, zwei bis drei Konsonanten nicht aufhalten. Daher ist diese Vielheit 172 der Konsonanten nicht dadurch eine Unvollkommenheit unsrer Sprache, daß sie unsre kurzen Sytben nicht noch kurz genug bleiben ließe, sondern nur dadurch, daß viele Konsonanten, bei einander wenigstens, keinen sanften Klang haben. Uebri- gcns scheint es mir fast mehr als Schadloshaltung zu scyn, daß alle unsre Worte mindestens durch Eine Lange zum Ausdrucke eines ernsthaften Inhalts fähig sind. Ueber welche Vorstellungen von dieser Art Hüpfen die Griechen durch ihre Aussprache nicht weg? Sie hätten, nach der Regel ihrer Sprache, thanatos aussprechen können; aber sie haben auf jenen Nachdruck, den wir haben, so wenig gesehn, daß sie Tod durch thanatos hören lassen. Den Krieg und sogar Gott konnten sie nicht anders aussprcchen, als pole mos, Theos. Stellen Sie sich eine gute Vcrsart vor. Die Verbindung der Längen und Kürzen hat zwar in derselben an sich selbst ihre Schönheit, das heißt, es sind solche Abwechselungen der Längen und Kürzen darin, deren Bewegung der Ausdruck vieler poetischen Gegenstände in sich faßt: allein es kömmt doch bei dem Gebrauche dieser Versart zu Ihrem gewählten Gegenstände unter andern sehr darauf an, daß sie eine oder mehr Splben derer Worte, die am meisten Bedeutung haben, dahin bringen, wo in ihrem Schema die Längen stehn. Haben Sie nun in ihrer Sprache viel bedeutende Worte, die gar keine Länge haben, so ist das Sylben- maß gleichsam allein da, weil es die Sprache ohne ihre Hülfe läßt. Und diesen nicht kleinen Vorzug hat unsre Sprache vor der griechischen, daß alle ihre mehrsvlbigen Worte den 173 Nachdruck wenigstens Einer langen Sylbe haben. Im Homer brauchen wir, wie Sie wissen, Werthing, nicht lange zu suchen, um uns zu überzeugen, daß wir hier ein wenig stolz seyn dürfen. Dios d' cteleieto bulä Jupiters Wille geschah. Hier wird Jupiter mit dem Nachdrucke ausgesprochen, den unsre Sprache immer hat. Aber in: Latus kai DioS hiios Lato-ncus und Jupiters Sohn. beschäftigt sich diejenige Aufmerksamkeit, welche durch die langsamere Aussprache verursacht wird, allein mit der Mutter des Apollo. Werthing. Ob es gleich eine Unvollkommenheit unsrer Sprache ist, daß wir zu wenig zweisylbige und dreisilbige Worte von eben so viel langen Sylben haben; so ist doch diese Unvollkommenheit der griechischen noch größer, daß sie solcher Worte, sogar viersilbiger, zu viel hat. Dazu kommt noch, daß von ihren einsilbigen Worten, die nur Nebenbedeutungen haben, zu viele lang sind. Minna. Der griechische Vers wäre also, was er ist, sehr oft durch seinen Gang allein; und der deutsche wäre es zugleich durch die mitgehende Sprache. Heiners. Damit wir nicht Gefahr kommen, uns zu sehr in unser eignes Lob auszubreiten, so erlauben Sie mir. Seltner, Sie zu fragen: Haben denn unsre Gedichte die ungriechischen Regeln festgesetzt, nach welchen wir die Dauer der Sylben messen. 174 Minna. Ungriechische freilich, auch unchinesische, und dieß zwar wegen des kleinen Nebenumstandes, daß wir Deutsche sind, und eine eigne Sprache für uns haben, die deutsche nämlich, Heiners. Seltner. Wir sind, an die beständige und leicht zu übersehende Abwechselung Einer langen Sylbe mit Einer kurzen gewöhnt, zu verzeihend gegen unsre Dichter gewesen, wenn sie, wegen dieser Art der Abwechselung schnell vorübergehende, und daher weniger merkliche Fehler wider das wahre Zeitmaß gemacht haben. Daher dürfen auch nicht unsre jambischen und trochäischcn Verse, sondern die Deklamation unsrer Redner muß die Regel unsrer Aussprache seyu. Wert hing. Aber die Deklamation des Redners erlaubt nicht allein, sondern sie schreibt es beinah vor, die lauge Sylbe, oft nicht lang genug ausznsprechen. Sic scheint eine Art von Mittclsylbe zwischen der laugen und kurzen zu haben. Seltner. So bald sie nicht nachlässig ist, so ist es nur eine scheinbare Mittclsylbe. Sie ist wirklich laug, nur daß es, wie ich vorher schon angemerkt habe, lange und längre Sylben für die Deklamation giebt. Erinnern Sie sich zugleich, daß Sie mich wenigstens nicht widerlegten, als ich behauptete, daß diese kleinen Unterscheidungen in der poetischen Deklamation weniger merklich, als in der prosaischen seyu müßten. Heiners. Also meinen Sie, daß unsere Dichter durch die genaue Kenutniß der prosaischen Deklamation dahin kommen könnten, ihrem Verse einen so bestimmten Gang zu geben, als der Vers der Griechen hat? Seltner. Ja, wenn sie diese Kenntnis! so anwcnden, daß sic sich selbst viel weniger verzeihen, als ihnen bisher verziehen ist. Ich behaupte damit gar nicht, daß unsre kurzen 175 Sylben jemals eine so leichte Kürze haben werden, als die griechischen. Aber treiben Sie auch die Vorstellung von dieser Leichtigkeit nicht zu weit. Die Griechen lassen viele Sylben kurz, auf welche zwei Konsonanten folgen. Und auch ihre langen Vokalen und Diphthongen dürfen kurz gebraucht werden, wenn sie nicht vor Konsonanten stehn. Noch Eins, das Sie vielleicht bisher nicht geglaubt haben, und das doch sehr wahr ist. Die Griechen haben mehr zweifelhafte Sylben als wir; ich meine diejenigen, die von ihren Dichtern bald als lange, bald als kurze gesetzt sind. Werthing. Wundern Sie sich nicht so sehr, Heiners, denn Selmer hat recht. Wenn von gewissen Konsonanten (ihre Dahl ist nicht klein) zwei so auf einander folgen, daß sie leicht ausgesprochen werden können, und nach einem kurzen Vokal, oder nach einem von unbestimmter Zeitdauer, stehen; wenn da, wo solche Vokale das Wort endigen, das folgende mit zwei Konsonanten anfangt; wenn ein vorhergehendes Wort mit einem langen Vokale oder Diphthongns schließt, und das darauf folgende mit einem Vokal anfängt; (ich übergehe das Ungewöhnlichere, da der folgende Vokal in der Mitte der Worte eben diese Ungewißheit macht) wenn diese angeführten Bedingungen da sind: so hat der griechische Dichter die völlige Erlaubniß, die kurzen und langen Vokale und die Diphthongen zu brauchen, wie er will. Sie werden mir zugestehn, daß die zweite Bedingung allein schon zureichend ist, der griechischen Sprache mehr zweifelhafte Sylben zu geben, als die unsrige hat; denn viele ihrer Worte endigen sich mit kurzen und solchen Vokalen, deren Zeitmaß nicht festgesetzt ist, und nicht wenigere fangen mit zwei Konsonanten an. Minna. Also hatte bei den Griechen das folgende Wort 176 sogar noch Wirkungen auf das vorhergehende? Diese Sorgfalt für die Vergnügung des Ohrs war gewiß sehr weit getrieben. Aber sie schadeten, mich deucht, ihrer Sprache hierdurch. Denn eine große Anzahl unbestimmter Sylben ist gewiß keine Vollkommenheit der Sprache. Selmer. Doch ist es nur eine Unvollkommenheit in Absicht auf die Prosa und die dithyrambischen Verse. Denn da kann der Leser nicht wissen, wie der Redner oder der Dichter die Sylbe der unbestimmten Dauer ausgesprochen haben wollen. Minna. Und mich deucht auch in Absicht auf die Poesie, die festgesetzten Sylbenmaßen folgt. Denn man muß sich ja das Metrum beständig vorstellen, wenn man bei der Vorlesung nicht fehlen will. Sie haben mir keine kleine Freude durch das gemacht, was Sie mir von den Griechen gesagt haben. Denn nun verliert unser Vers durch die Vergleichung mit ihrem so viel nicht mehr, als man gewöhnlich glaubt. Selmer. Unsre Sprache hat viel einsplbige Worte; aber unser Ohr ist so daran gewöhnt, daß ihm die Art, auf welche wir einigen derselben auch eine zweite Sylbe geben konnten, bei vielen Worten als eine unangenehme Ausdehnung vorkommt. Wir hören lieber geht, als gehet, und einige Ausdehnungen dulden wir gar nicht. Wir sagen niemals laufet, sondern allzeit läuft. Unterdeß hat auch die Ausdehnung das für sich, daß sie die Aahl der Vokale vermehrt. Und aus dieser Ursach, aber nicht bloß den Vers zu machen, darf der Dichter sie sich bisweilen erlauben. Weil wir viele einsplbige Worte haben, und weil zwischen ihnen die Pause unmerklicher wird, als zwischen den mehrsylbigen; so können wir sie oft in drei- und viersylbige Füße zusammendrängen, und sie auf diese Weise zu einem scheinbaren Ganzen machen, das die unangenehme Bewegung der Ein- sylbigkcit wenigstens verbirgt, wenn es sie auch nicht völlig unmcrklich macht. Minna. Cs ist, wie ich sehe, nicht leicht, die einsylbigen Worte gut in der Poesie zu brauchen. Selm er. Das Schwere liegt nicht in ihrem Zeitmaße, denn das ist bestimmt genug; sondern in der Vernachlässigung unsrer Dichter, in welcher sie so weit gegangen sind, daß selbst die prosaische Deklamation ein wenig dabei gelitten hat. Diese Vernachlässigung ist dem Zeitmaße unsrer mehr- sylbigcn Worte weniger nachtheilig gewesen. Daher ist cs nicht die Ungewißheit desselben, sondern die Vertheilung der Längen und Kürzen in den mehrsplbigen Worten, welche macht, daß uns einige Versarten der Griechen immer schwer bleiben werden. Heiners. Also sollte man sich auf diese Versarten gar nicht einlassen. Selmer. Wenn sie schön sind; so müssen sie dem Dichter erlauben, daß er sich auch von ihrer Schwierigkeit reizen lasse. Es gehört nicht zu unscrm Zweck, uns bei der Prosodie unsrer Sprache anfznhalten; gleichwohl will ich doch ein paar Anmerkungen darüber machen. Und diese sind, daß die Stellung der einsylbigen Worte bisweilen ihr Zeitmaß verändert. Sie sprechen: Geh hin, rufs laut. Hin und laut reißen hier das sonst lange Geh und rufs gleichsam mit sich fort. Es bekömmt zwar keine schnelle Kürze dadurch; aber es verliert doch so viel von seiner Länge, daß es im Verse, wenn keine lange Sylbe vorhergeht, als kurz angesehen werden muß. Aber ein folgendes zwcisylbiges Wort Älopsliick, vermischte Schriften. 12 178 hat diese Gewalt nicht mehr. Sie sprechen: Geh unter, rufs lauter. Die Nvthdurft des jambischen und trochäischen Verses hat zwar eingeführt, daß man die kurze Sylbe lang werden läßt, wo eine andre kurze folgt. Allein es muß gleichwohl eigentlich wie: im Bache, so auch: in dem Bache, und nicht: in dem Bache, ausgesprochen werden. Werthing. Aber Sie sprechen doch: In dem Gefilde? Seimer. Zwar besser, als: in dem Bache; aber doch auch nur um der Nothdurft des Hcrameters willen, und solcher Versarten, in welchen nie mehr als zwei kurze Sylben ans einander folgen. Denn die beste Aussprache ist gleich- wohl: in dem Gefilde. Heiners. Also hätte der Hexameter auch seine Noth- durften? Selmer. Was sagen Sie zu diesem Verse des Homer: Aidoios te mor essi, phile hckyre, deines te. Minna. Aber warum ist denn: in dem Gefilde, besser als: in dem Bache? Selmer. Vornämlich deßwegen, weil wir selbst in Prosa drei kurze Sylben hinter einander nicht so oft als zwei hören. 179 Wert hing. Allein: durch die Gefilde! auf lste Gebirge! ans dem Gewässer? Selm er. Wenn Ihr Ohr mehr an drei kurze Sylben hinter einander gewöhnt wäre, so würde es mit: durch, auf und aus noch weniger zufrieden seyn. Ich rede nicht vom Herameter. Denn da erwartet der Zuhörer niemals drei kurze Sylben. Wert hing. Also hätten wir, in Absicht ans gewisse einsylbige Worte, nachdem die Versarten verschieden wären, auch verschiednes Zeitmaß? Selm er. Bei Opitzens Verse ist dieß ganz norhwendig. Denn Sie müssen ihn entweder im Vorlesen zerstören, oder man muß Ihnen die angeführte Erlaubniß geben. Werthing. Vielleicht klänge er besser, wenn ihn der Vorleser, so wie ihn das wahre Zeitmaß dazu veranlaßte, zerstörte? Selmer. Machen Sie das mit Ihren Zuhörern aus. Wenn ich für mich lese, so lese ich diesen Vers niemals anders. Sr verliert dadurch viel von seiner Einförmigkeit, und bekömmt manchmal schöne Wendungen. Was ist daran gelegen, daß er sie durch den Zufall bekömmt? Dem Herameter ist zwar die vcrschiedne Quantität nicht so nvthwendig; allerer kann sie doch gleichwohl nicht ganz entbehren. Heiners. Ich kann Ihnen nicht verbergen, daß mir diese Nothdurft des Hexameters ein wenig lieb ist. Seltner. Und mir ist es nicht unlieb, Ihnen sagen zu können, daß, obgleich die Griechen nicht mit uns in dem 180 gleichen Falle der Nvthwendigkeit oder nicht völligen Entbehrlichkeit waren; sie es doch wie wir machten, nnd das nicht etwa bloß unter der Bedingung, sich auf wenige ein- sylbige Worte einzuschränken, sondern mit viel grvßrer Freiheit. „Der Rhythmus, sagtLongin, braucht nicht allein das „unbestimmte Zeitmaß, wie er will; er macht auch oft die „kurze Sylbe lang." Lesen Sie Homer, nnd sehen Sie, ob er Longin widerlege. Unterdeß glaub' ich gleichwohl von unfern Dichtern nicht zu viel zu fodern, wenn ich behaupte, daß sie in den Oden, in welchen bisweilen drei Kürzen hinter einander stehn, das verschiedne Zeitmaß fast dnrchgehends sollten für entbehrlich halten. Werthing. Aber die Griechen federten das ja selbst in diesen Oden nicht. Minna. Ich sehe ans dem, was Sic bisher gesagt haben, daß unsre Sylbenmessung viel bestimmter ist, als ich bisher geglaubt habe. Aber sagen Sie mir, worin denn hauptsächlich die Schwierigkeit liegt, die Versarten der Griechen in unsre Sprache herüber zu nehmen? Selmer. Ich habe schon erwähnt, daß diese Schwierigkeit, die Sic sich aber auch nicht größer vorstellen müssen, als sie ist, in der Vertheilung der Längen und Kürzen, und nicht in der Ungewißheit des Zeitmaßes liege. Die Griechen hatte» außer vielen drei- und viersylbigen Worten, worin oft zwei kurze oder zwei lange Splben bei einander stunden, noch verschiedne andre von zwei, drei, vier oder sogar einige von fünf Splben, die entweder alle lang, oder alle kurz waren. Wir haben nicht einmal zweisylbige, die so viel kurze, und wenige, die zwei lange Splben hätten. Ein viersplbiges Wort von so viel kurzen, und eins von so viel langen Splben hat freilich zu wenig, und viel Nachdruck der Bewegung. 181 Diesen Fehler, und es ist, in Absicht auf den Aeitausdruck, kein kleiner Fehler, haben also die uusrigcn nicht; cs wird uns aber auch aus dieser Ursache desto schwerer, dem sehr mannichfaltigen Gange des griechischen Verses zu folgen. Heiners. Sie veranlassen mich von neuem, meine Meinung zu behaupten, daß wir die Versarten der Griechen gar nicht aufnehmeu sollten. Selmer- Sie vermnthen doch nicht, daß ich Ihnen jemals zugestehn werde, daß die angeführte Schwierigkeit unüberwindlich sey? Sie ist dieß nur in Absicht auf diejenigen Versarten der Griechen, in welchen oft so viele kurze Sylbeu ans einander folgen, daß ich sie, auch ohne die Hiudrung unsrer Sprache, nicht wählen mochte. Au den schöncrn Versarten der Griechen geben uns kurze Sylbeu genug hinter einander viele einsylbige Worte, die an sich selbst, oder dadurch, daß sie den Nachdruck nicht haben, kurz sind, die meisten Endungen und viele Anfänge unsrer Worte; und lange Sylben genug hinter einander geben uns einige Endungen, viele Anfänge, und die große Anzahl derjenigen einsylbigcn Worte, die nur ein unwissendes oder zu gütiges Ohr als kurz duldet. Werthing. Sie werden auch mit mir vergebens streiten, Heiners. Das, was Selmer angeführt hat, scheint mir die Sache zu entscheiden. Heiners. Das Zeitmaß unsrer Worte wäre also, wie Sie meinen, bestimmter, als ich bisher gedacht habe? Ich zweifle gleichwohl noch sehr daran. Zum Ercmpel, haben wir denn Spoudeen? Selmer. Wir haben einige, selbst in zweisylbigen Worten; aber die meisten, und deren Zahl ist nicht klein, entstehn durch die Folge der Worte. 182 Heiners. Aber spricht denn nicht der Redner diejenigen Spendern, welche zugleich das Wort'ausmachen, als Trochäen aus? Selmer. Ob ich gleich die Deklamation des Redners als die Norm der poetischen angenommen habe, so folgt doch daraus nicht, daß dieser die Längen und Kürzen nicht noch etwas genauer hören lassen dürfe, als jene thut. Der Redner hat unrecht, wenn er denjenigen Spondeus, der das Wort ausmacht, nicht etwas anders, als den Trochäus ausspricht; und der Dichter, wenn er ihn nicht noch merklicher unterscheidet. Werthing. Ich hätte wohl mögen die Griechen ihre Spondeen aussprechen hören. Selmer. Der griechische Musikus verfuhr ans zweierlei Art mit dem Spondeus. Er ließ ihn bald so Horen, daß die eine Sylbe etwas weniger lang als die andre war, und bald so, daß sich beide völlig gleich waren. Vermuthlich richtete er sich hierbei, wenigstens oft (denn es immer zu thun, ließen ihm gewisse Rhythmen nicht zu) nach der Beschaffenheit der verschiednen Spondeen. Nach dieser Idee hätte, wer ihn im Deutschen nachahmen wollte, zum Erempel bei: Schauplatz, ans die erste Art, und bei: Waldstrom, aus die zweite verfahren müssen. Mich deucht, Heiners, ich habe Ihnen Anlaß gegeben, sogar den Griechen die Spondeen abzusprechen. Werthing. Aber ist nicht die kleinere Länge, die neben der größer» gehört wird, eigentlich eine Kürze, weil der Begriff von Länge und Kürze durch die Vergleichung entsteht? Selmer. Denken Sie sich einen Vorleser, (und so muß der gute sepn,) der auf den Längen immer mit einigem Verweilen hält, (denn Kürzen sind gar keines Verweilcns fähig) 183 so wird der Zuhörer die kleinere Länge nicht mit der nächsten größer», sondern mit der ganzen Folge der langen Sylben, die er gehört hat, vergleichen. Heiners. Ließ sollten Sie beweisen, wie Sie schon vorher hier und da hätten thnn sollen. Selm er. Einige Sachen beweist man, und einige nicht. Wenigstens verlangen Werthing und Minna die Schwatzhaftigkeit nicht von mir, durch welche man sich gern das Ansehn eines tiefsinnigen Untersuchers gäbe, und gleichwohl weiter nichts thut, als daß man demjenigen, dem man etwas vorträgt, langweilig aufbürdet, daß er den leichten Beweis nicht würde gefunden haben. Wir wollen jetzt, Werthing, zu den Theilen, aus welchen der Vers der Griechen zusammengesetzt wird, fortgehen. Wenn wir sie in unsrer Sprache finden, so haben wir gegründete Ansprüche, in ihren Sylbenmaßen, oder auch in neuen, von ähnlichem Umfange des AeitausdruckS, zu schreiben. Der Trochäus,-Klage. Eine Benennung, die wir behalten müssen, weil sie eingeführt ist. Einige neuere Griechen, die nicht wußten, daß man ihn vor ihnen Choreus > genannt hatte, bildeten sich, nach der Bedeutung des Worts, ein, daß er eile. Einer von Hephästions Scholiasten, der bemerkte, daß dieser Fuß keine Eile ausdrückcn könnte, half sich auf diese Art aus der Sache. „Der Trochäus, sagt er, „wird methaphorisch nach dem Laufe benannt. Diese fangen „oft einen langen Weg an, und verkürzen ihn bald darauf, „indem sie nicht so weit laufen, als sie sich vorgenommen „hatten." Die Benennung Choreus, wird von Choros hergeleitet. Die Chöre tanzten und sangen gewöhnlich ernsthaft. 184 Werthing. Der Trochäus eilt zwar nicht, wie der Jambus, mit dem er allein verglichen werden kann; allein er geht doch auch nicht langsam fort. Selmer. Nicht das Zeitmaß der Sylben überhaupt, sondern dasjenige, was durch ihre Stellung genau bestimmt wird, kommt hier in Betrachtung. Diese beiden Füße müssen gar nicht verglichen werden, weil sie, durch die Sylbenstellung, einen Kontrast machen. Werthing. So hatten denn die Redner unrecht, wenn sie da, wo sie eilen wollten, den Trochäus oft setzten? Selmer. Haben Sie diese Anmerkung bei Lesung des Jsokrates gemacht? Werthing. Hephästions Schvliast macht sie. Selmer. Ich besinne mich zwar nicht; aber vielleicht benennte der Scholiast den Tribrachys mit dem Namen Trochäus. Denn so hieß der Tribrachys, da man Trochäus, nach der später» Bedeutung, noch Choreus nannte. Werthing. Mir kommt es gleichwohl noch immer vor, daß der Trochäus einige Schnelligkeit habe. Selmer. Fällt Ihnen nicht ein, daß die tragischen Dichter der Griechen nur dann trochäische Verse wählten, wenn eine ihrer Hauptpersonen sehr klagte? Werthing. Aber verbanden sie nicht auch in dieser Versart den langsamen Spondeus mit dem Trochäus? Selmer. Sie wiederholten nur sehr selten denselben Fuß. Dieß war wenigstens die Eine Ursach. Und dann sollte die Klage noch langsamer gehört werden, als es durch den Trochäus allein geschehen konnte. Werthing. Wenn ich nun aber behauptete, daß der Vers, ohne den Spondeus, noch nicht langsam gewesen wäre? 185 Selmer. Nehmen Sie ihm den Trochäus, und setzen für denselben den Jambus, so nähern Sie sich nicht etwa blos der Mitte, wo Langsamkeit oder Schnelligkeit ungewiß werden; sondern Sie bekommen auch einige Schnelligkeit. Und diese hatten Sie ihm durch den Fuß gegeben, der das Gegentheil des Trochäus ist. Was ich von der ungewissen Mitte sagte, müssen Sie nicht nach dem gewöhnlich angeführten Verhältnisse benrtheilen, da die Länge Zwei, und die Kürze Eins macht. Denn die Stellungen der Sylben und der Füße bringen daS Ohr zu einem ganz andern Urtheile. Heiners. Aber dießmal wenigstens müssen Sie mir zugestehen, daß Sie etwas weitläuftig gewesen sind. Selmer. Sie dachten nicht daran, daß der Trochäus der zweite Fuß nnsers Herameters, und derjenige ist, der unfern Vers von dem Verse der Griechen unterscheidet. Aus dem zweiten Gespräche. Minn a. Sie müssen uns nun auch etwas von der Vorlesung sagen. Selm er. Sie denken nicht daran, daß ich bisweilen Stunden würde zubringen müssen, die Regeln zu finden, welche in der Vorlesung einer halben Zeile liegen, die Ihnen völlig gelungen ist, und uns eben so sehr gefallen hat. Und wie schwer würde es seyn, sich bei dieser Untersuchung nicht zu verirren. Aber wenn man sich auch nicht verirrt, und die Regeln durch die leichtesten Zeichen ausgedrückt hätte; welche Schwierigkeit für die Ausführung eines Vorlesers, welcher der Vorschrift folgen wollte. Sokrates sagt bei Plato, daß es vornämlich auf den Enthusiasmus des Rhapsoden ankomme. Ihr richtiges und lebhaftes Gefühl, Minna, ist dieser Enthusiasmus. Ueber das ist Ihre Stimme voller Wendungen, das Gefühlte auszudrücken. Denn ohne diese würden Sie dem Maler gleich seyn, der, mir der schönsten Zeichnung in Gedanken, sich mit zitternder Hand an die Leinwand setzte. Minna. Aber es giebt doch einige allgemeine Regeln der Vorlesung? Selmer. Diese Helsen fast zu nichts. Ich sage Ihnen: Sic müssen sich nach dem Inhalte richten. Aber wie denn? fragen Sie mich mir dem größten Recht. Und so sind wir auf einmal mitten in dem Gewebe der besondern Regeln. Der Künstler, der seine Sache weiß, verwickelt sich niemals darin. Der Kunstrichter hütet sich gewöhnlich davor, sie einzuführen. Und auch der beste sollte es nicht thun wollen. Die Unterschiede sind zu fein. Diese Noten schweben zwischen den Linien. Ich habe Ihnen nur noch ein paar Anmerkungen über den Klang und über das Zeitmaß der Worte zu machen. Es klingt in dem Munde der südlichen Deutschen gesucht, wenn sie die Aussprache der nördlichen, die, wenn sie wollen, fast ohne Fehler scyn könnten, annehmen. Das Vornehmste kommt überhaupt bei unserer Aussprache darauf an, daß wir einige Vokalen und alle Diphthongen voll; die Konsonanten zwar ganz, aber doch auch bei Häufung derselben einige etwas leise hören lassen. Das Zeitmaß anszndrücken, müssen Sie auf den Längen, besonders, wenn sie die Dehnung haben, ein wenig halten. Die Kürzen werden sich alsdann, wenn Sie sie nicht ganz vernachlässigen, von selbst ausnehmen. Derjenige wird alle Füße gut hören lassen, dem es nicht mehr schwer wird, diese anszusprechen: in dem Gesang der Waldstrvm Donnerton hineilte 188 Außer diesem ist es keine kleine Schwierigkeit, viele Längen nach einander auszusprechen. Doch unsre Dichter lassen den Vorleser nicht oft in diese Schwierigkeit kommen. Was man vornämlich zu vermeiden hat, ist, daß man nicht zu zählen scheine. Wenn diese Längen die Dehnung haben, so wird die Schwierigkeit dadurch vermindert, als: DcS MccrstromS Wuth kam; fühlloS flohil aber viel schwerer ist auszusprechen: Der Vcrgwald brcmit, sinkt schnell hin. Es ist nicht genug, wenn Ton und Zeitmaß nur Nichtigkeit und Haltung haben. Der Ton muß verschiedne Fälle und Stärke haben, und Rundung da, wo er kann. Die Haltung muß mit ungleicher Messung abwechseln. Werthing. Aber die Näherung zum Singen beim Borlesen? Seltner. Muß ich deßwegen verwerfen, weil ihrer zu wenige sind, die, ohne ins Gesuchte zu verfallen, diese unvollendete feine Modulation treffen würden. Befürchtete ich dieß nicht; so ließe ich mich vielleicht durch Aristides verführen, von Ihrer Meinung zu seyn. Ich merke, Minna, daß sie den Griechen hören wollen. Er sagt: Wenn man bei Vorlesung der Gedichte die Leidenschaft recht ausdrücken will; so kann dieß nicht anders, als durch eine gewisse Lenkung der Stimme nach dem Gesänge gescheht:. Minna. Wenn die Deklamation nicht etwas sehr Ver- nraltetes unter uns wäre; so könnte man es sich einfallcn lassen, das Gcsangähnliche zu versuchen, und dabei Leute, die Ohr und Geschmack haben, fragen, wie es ihnen gefiele. Seltner. Den Griechen war die Deklamation zur Noth- durft geworden. Denn nur sehr wenige konnten die kostbaren geschriebnen Bücher besitzen. Aber, auch ohne diese mr 189 Nothdurft, liebten sie ihre Dichter und ihr Vergnügen zu sehr, um es, wie wir, zu machen. Wir setzen uns in einen Winkel, sehen den Schall, und fühlen daher das Gedicht kaum halb. Was hatten die Griechen nicht, und was verlieren wir, das Vergnügen der gesellschaftlichen Thcilnehmung des Ohrs und der lebhafter» Empfindung des Gedichts, die von jenem doppelten Vergnügen war verursacht worden. Minna. Könnte man nicht öffentliche Vorlesungen veranstalten? Selmer. Wie leicht wäre das, besonders wenn uns Vorleserinnen, die Ihre Stimme hätten, in freundschaftlichen Zusammenkünften zeigen wollten, wie wir es in Versammlungen machen müßten. Selmer. Sie hörten diese Strophe mir wenigerer Aufmerksamkeit an, als die vorigen. Minna. Ich kann ihnen nicht leugnen, ich dachte an das, was Sie vorher von dem genauen Ausdrucke des Syl- benmaßes in der Musik sagten. Ich möchte mir gerne einen bestimmten Begriff von der Art machen, auf welche die Griechen bei der metrischen Cvmposition verfuhren. Selmer. Ich bin nicht im Stande, auf andre Weise etwas hierzu beizntrageu, als daß ich Ihnen einige Stellen aus den Theorien der Griechen übersetze. Nach diesen wurden componirt: der PyrrhichiuS im kurzen Niederschlage und kurzen Aufschläge; der doppelte Pyrrhichins in zwei kurzen Niederschlägen und zwei kurzen Aufschlägen. 190 Minna. Also hatten sie anch kurze Niederschläge? Selm er. Ohne mich einzulaffen, diese Sache aus einander zu setzen, will ich Ihnen wenigstens sagen, daß ich mir eine Aehnlichkeit zwischen unscrn schnellen! Noten im Niederschlage, Achteln z. E. und den kurzen Niederschlägen der Griechen denke. Und vielleicht waren gar die Niederschläge und Aufschläge bei ihnen nichts anders, als bei uns die langsamer!! und schneller!! Noten sind; ohne noch auf die ueue Bestimmung der Zeitdauer zu sehen, die sie durch ihre Stelle bekommen. Denn, nach Aristides besteht die Rhyth- miisführung in der Schnelligkeit oder Langsamkeit der Zeiten, wenn man nämlich die Zeitgrößen zwar verschieden, aber doch nur nach dem Verhältnisse hören läßt, welches die Niederschläge zu den Aufschlägen haben. Der Daktylus wurde componirt in einem langen Niederschlage und zwei kurzen Aufschlägen. Der Anapäst in zwei kurzen Aufschlägen, und einem langen Niederschlage. Der Spondeus, Niederschlag und Aufschlag beide lang. Der doppelte Spondeus, vier Zeiten (jede lange Sylbe macht zwei Zeiten) im Niederschlage und vier im Aufschläge. Der Jambus eine Zeit (oder die kurze Sylbe) im Aufschläge, zwei Zeiten im Niederschlage. Der Trochäus zwei Zeiten im Niederschlage, eine im Aufschläge. Einige der Rhythmen oder zusammengesetzten Füße wurden so componirt: Der Orthius -- j-vier Zeiten im Aufschläge, acht im Niederschlage. Dieser veranlaßt den tanzenden Minnus zu ernsthaft schönen Bewegungen. 191 Der Trochäus se man tos-! — — acht Zeiten im Niederschlage und vier im Aufschläge. Er braucht künstliche Noten, weil er langsame Zeiten hat, rzud wegen ihrer Folge die Niederschläge verdoppelt. Minna. Dieß versteh' ich noch weniger, als das Vorige. Selm er. Ich auch nicht, und dennoch glaub' ich richtig übersetzt zu haben. Der Päon diojües — ^ — ein langer Niederschlag, ein kurzer Niederschlag, ein langer Aufschlag. Der Päon egibatos -- ! — >-> — Ein langer Niederschlag, ein langer Aufschlag, zwei lange Niederschläge, ein langer Aufschlag. Er hat vier Theile, und ist aus zwei Aufschlägen und aus zwei verschiednen Niederschlägen zusammengesetzt. Minna. Also bestände die Verschiedenheit darin, daß zwei Niederschläge gegen einen gerechnet werden? Selm er. Der Päon egibatos hat eine starke Bewegung, indem er die Seele durch das Verschiedne der Niederschläge erschüttert/und sie durch die Größe der Aufschläge erhebt. Minna. So bald ich einen unsrer großen Componisten zu sehen bekomme, will ich ihm diese Räthsel aufzurathen geben. Sie übersetzen doch richtig? Selm er. Mir kömmt es wenigstens so vor. Noch ein paar Anmerkungen: Die Niederschläge sollen auf eine gefallende Art mit den Aufschlägen abwechseln. Wenn die Rhythmen mit Niederschlägen anfangen, so sind sie ruhig und besänftigen; sie verursachen heftige Bewegungen, wenn die anfangenden Aufschläge die Stimme fortreißen. Füße von vielen langen Sylben drücken Ruhe aus: diese 192 herrschten in den Hymnen, und zeigten, daß der Singende ganz auf ihren großen Inhalt gerichtet war, und durch dieses gleiche und langsame Fortgehn nach derjenigen gesetzten Stille, welche die Gesundheit der Seele ist, strebte. Die zusammengesetzten Rhythmen, die ans andern um gleichen bestehen, sind zur Erregung der Leidenschaften geschickt. Minna. Da einigeTakte hinter einander einen musikalischen Rhythmus ausmachen, so kann ich mir hierbei, in so ferne wir cs anszuführen im Stande sind, nichts anders als die, dnrch llntcrabthcilnngen der Noten gemachte, Ver- ändrung des Taktes und die Wirkung dieser Verändrung verstellen. Selm er. Stellen Sie sich es vor, wie Sie wollen, dlur wünschte ich, daß Sie einen Componisten fragten, und ihn zur Entscheidung veranlagten. Von der Darstellung. Aus den Fragmenten über Sprache und Dichtkunst. Hamburg, in der Heroldschen Buchhandlung 1779. Fra gmcilt. Werthing. Ihre Theorie von der Darstellung. Selmer. Von der Darstellung des Prosaisten und des Dichters zugleich? Werth. Nun von des letzten. Selm. Aber ich werde mit wenigen Worten sagen, worüber Andre bücherlang seyn würden. Werth. Nun Sie werden die Sache denn doch auseinander setzen? Selm. Nachdem Sie es nehmen. Ich werd' alles lieber- flüssige weglassen. Werth. Was nennen Sie überflüssig? Selm. Das meiste z. E. von den poetischen Theorien die wir haben. Werth. Wenn Sie nur nicht zu viel weglaffen. Selm. Ich werde dafür sorgen, daß nichts Wesentliches fehle. KI op stock, vernaschte Schriften. 13 194 Werth. Und wesentlich ist? Selin, Was der gnte Dichter anwendbar findet. Doch wir reden zu lange vor. Von der Darstellnng überhaupt sey dieses genug. Es gicbt wirkliche Dinge und Vorstellungen, die wir uns davon machen. Die Vorstellungen von gewissen Dingen können so lebhaft werden, daß diese uns gegenwärtig, und beinah die Dinge selbst zu seyn scheinen. Diese Vorstellungen nenne ich fastwirkliche Dinge. Es giebt also wirkliche Dinge, fastwirkliche und bloße Vorstellungen. Die Gründe hierzu liegen tiefer, als es dem etwa scheinen möchte, der den Menschen nicht kennt, und nur Philosophie schwatzt. Minna. Wie können Sie von der Darstellung, die mir als eine Zauberei vorkommt, so kalt, und so eintheilend sprechen? Selm. Man ist nicht immer kalt, wenn man es zu seyn scheint. Wir glühen von dem Vorsätze, wahr von der Sache zu sprechen. Wenn wir es mit der Wärme thäten, die Sie zu verlangen scheinen, so würden wir uns durch bildliche Redensarten blenden, und uns der Gefahr aussetzen diese Wechselbälge, denn das sind sie, wo cS auf Untersuchung ankommt, der Wahrheit unterznschieben. Minna. Ich hatte unrecht. Denn ich kann das widrige Geschrei dieser Wechselbälge, das in unfern neuesten Büchern immer lauter wird, auch uicht ausstehn. Selm. Wer sehr glücklich, oder sehr unglücklich, und lebhaft dabei ist, der wird wissen, daß ihm seine Vorstellungen oft zu fastwirklichen Dingen geworden sind. Wie dieser die Gegenstände sich selbst darstcllt, so stellt sie der Dichter Andern dar. Der Zweck der Darstellung ist Täuschung. Zn dieser muß 195 der Dichter den Zuhörer, so oft er kann, Hinreißen, und nicht hinleiten. Wehe jenem, wenn er das letzte ohne Noth thut. Die Darstellung des Dichters ist täuschender, als des zeichnenden Künstlers seine. Der Sinn entscheidet hei der letzten, und dieser untersucht das Gesehene, weil er länger daran haftet, genauer, als der Geist das Gedachte, und kann daher leichter entdecken, daß er getäuscht wird. So weit von der Darstellung überhaupt. „Der Gegenstand muß darstellbar sepn." Cs giebt Gegenstände, die selbst große Dichter auch den fähigsten Lesern nicht darstcllen können. Ihre Zahl ist nickt klein. Wer die unglückliche Wahl trifft, der bringt (er kann das nun nicht ändern) ein Gedicht hervor, dessen edelste Lebenstheile schwach sind. Der Gegenstand ist vornämlich alsdann darstellbar, wenn er erhaben ist, und wenn er viel Handlung und Leidenschaft in sich begreift. Handlung besteht in der Anwendung der Willenskraft zur Erreichung eines Zweckes. Cs ist ein falscher Begriff, den man sich von ihr macht, wenn man sie vornämlich in der äußerlichen That setzt. Die Handlung fängt mit dem gefaßten Entschlüsse an, und geht in verschiedenen Graden und Wendungen bis zu dem erreichten Zwecke fort- Bekommen Handlung und Leidenschaft, jene dadurch, daß sie nicht nur groß, sondern zugleich gut, und diese, daß sie edel ist, auch sittliche Schönheit; so nimmt die Darstellbar- keit des Gegenstandes zu. Auch alsdann nimmt sie zu, wenn, was keiner Handlung und Leidenschaft fähig ist, aber dadurch, daß es in Bewegung ist, sich der Handlung zu nähern scheint, auch sinnliche Schönheit 196 hat. Wirklich handeln darf diese Gegenstände der Dichter nur dann lassen, wenn er glaubt den Zuhörer durch das Vorhergehende schon so entflammt zn haben, daß er sich au dieser Kühnheit nicht stoßen werde. Gleichwohl dürfen sie niemals lange handeln. Denn man bekömmt sonst Zeit sich zn besinnen; und die Täuschung hört ans. Unvermnthetes, scheinbare Unordnung, schnelles Abbrechen des Gedankens, erregte Erwartung, Alles dieß setzt die Seele in eine Bewegung, die sie für die Eindrücke empfänglicher macht. Das Angeführte trägt das Seinige zur Darstellung bei; aber hervorgebracht wird sie durch Folgendes, wovon, seiner Beschaffenheit und dem Inhalte gemäß, mehr oder weniger bei einander sepn kann. 1. „Durch Zeigung des Lebens, welches der Gegenstand hat." Cs ist viel mehr Leben in der Natur, als der, welcher nicht scharf sieht, bemerkt. Hat man's bemerkt (die kleinste Lebendigkeit ist hier nicht ausgeschlossen) so kömmt's dann vornämlich darauf an, es recht zu fassen, und ganz zn nehmen, und ja nichts Lebloses darein zu mischen; dieß letzte besonders alsdann nicht, wenn das Darzustellende nur ein wenig Lebendigkeit hat. Daß man den Gegenstand in seinem Leben zeigen müsse, ist der erste Grundsatz der Darstellung. Denn gezeigtes Leben bringt uns vvrnämlich dahin, daß wir die Vorstellung ins Fastwirkliche verwandeln. Wenn, Schlag auf Schlag, Lebendiges Lebendigem folgt; so nimmt dadurch seine Kraft beinahe so sehr zu, als die Schnelligkeit der fallenden Last durch den größeren Raum zunimmt. 197 Ganz was anders ist es übrigens, wenn der Dichter den angeführten Grundsatz mit einem Geiste anwendet, der es vermag; und wieder ganz was anders, wenn er sich blos lebhaft anstellt. Diese Geberdung verfehlt ihres Zweckes gerade zu. Es ist eins der tollkühnsten Wagstücke, das ich kenne, Leben, das man nicht mitfühlt, ausdrücken zu wollen. 2. „Durch genau wahren Ausdruck der Leidenschaft." Minna. Ach meine Italiener! Selm. Nur dieß ist noch schwerer, als die planmäßige Wahl des Grades, den man der Leidenschaft zu geben hat. Schwer ist jenes genau Wahre, weil der Dichter sich gefreut haben muß, wenn sich der Zuhörer freuen, und geweint, wenn er weinen soll. 3. „Durch Einfachheit und Stärke." Diese muß aber eine wahre, und nicht Anstrengung seyn. Der Unterschied wird in seinen Wirkungen sehr auffallend. Von der Einfachheit ist die Kürze niemals, und von der Stärke nur selten trennbar. Werth. Durch Hülfe der Kürze denkt oder fühlt man schneller. Selm. Und diese Schnelligkeit vergrößert den Eindruck des Dargestellten. Sie ist einer der wesentlichsten Punkte, worauf es ankömmt. Denken Sie sich den, der, sehr glücklich oder sehr unglücklich, sich selbst etwas darstellt, wie dann Alles in seiner Seele fliegt! Doch der Löwe wird nicht nur an der Klaue gekannt, sondern auch an der Mähne. 4. „Durch Zusammendrängung des Mannichfaltigen." Allein dieß muß nicht Ueberfluß seyn, und mit der möglichsten Sprachkürze ausgedrückt werden. Bei der Einfachheit 198 und Stärke kommen Gedankenkürze und Sprachkürze zusammen; hier findet nur die letzte statt. 5. „Durch die Wahl kleiner, und doch vielbestimmender Umstände." 6. „Durch eine Stellung der Gedanken, daß jeder da, wo er steht, den tiefsten Eindruck macht." 7. „Durch Innerlichkeit, oder Heraushebung der eigentlichen innersten Beschaffenheit der Sache." Werth. Aber wenn nnn der Zuhörer diese oft sehr tiefliegende Beschaffenheit nicht kennt? Selm. Sv lernt er sie durch den Dichter kennen. 8. „Durch Ernst. Der Dichter hat eine solche Ueber- zeugung von der Wahrheit und Wichtigkeit seiner Gegenstände, daß man sieht, er rede vielmehr um ihrentwillen, als aus Neigung zu gefallen." Hierdurch entsteht gleicher Ernst der Zuhörer, und der macht, daß der Inhalt ganz auf sie wirkt. 9. „Durch herzlichen Antheil des Dichters an dem, was er sagt." Dieß reizt zu gleicher Theilnehmung. Wer kennt die Folgen der Theilnehmung nicht? Dieß ist cs, wodurch die Darstellung hervorgebracht wird. Wenn der Dichter die Sache besser gedacht hat, als er sie sagt; so hilft ihm dieß bessere Denken zu nichts. Denn auf die Zuhörer wirkt nur das, was gesagt wird. Wenn er sie durch Darstellung täuschen will: so muß er reden; und nicht lallen, oder stammeln. Hier kommt vornämlich zweierlei in Betrachtung: Der genau gekannte Bedeutungsumfang der Worte: und die sorgfältige Wahl der edlen. 199 Zwischen einem eben nicht unedlen Worte, und einem guten ist schon ein großer Unterschied; aber welcher Abstand ist zwischen den unedlen, und den edlen. Die Griechen, die Griechen, wenn wir sie anders verstehn! Werth. Nicht auch die Römer? Selm. Auch sie. Minna. Und die Engländer? Selm. Die Täuschung ist eine so zarte Blume, daß sie von jedem zu kühlen Lüftchen hinwelkt. Ein solches Lüftchen ist z. E. jedes unedle, unschickliche, oder auch nur übelgestellte Wort. Der Wohlklang, und noch mehr das bedeutende Sylben- maß, diese (beseelte Töne, Minna) haben viel Ausdruck; wenn sie zu dem Inhalte passen: und unterbrechen die Täuschung; wenn sie nicht dazu passen. Auch hier kann so manches welkmachende Lüftchen leicht zum Wehen kommen. Der Dichter kann diejenigen Empfindungen, für welche die Sprache keine Worte hat, oder vielmehr nur (ich sage dieß in Beziehung auf den Reichthum unserer Sprache) die Nebenausbildungen solcher Empfindungen, er kann sie, durch die Stärke und die Stellung der völlig ausgedrückten ähnlichen, mit ausdrücken. Werth. Oder auch wohl nur darauf deuten. Selm. Freilich, wenn die ähnlichen nicht stark genung sind, und nicht an der rechten Stelle stehn; wenn beides nicht so beschaffen ist, daß es das Feuer in der Seele Miter ausbreitet. Mich deucht, daß auch das Sylbenmaß hier und da etwas mitausdrücken könne. Ueberhaupt wandelt das Wortlose in einem guten Gedicht umher, wie in Homers Schlachten die nur von wenigen gesehenen Götter. Von der Darstellung scherzhafter Gegenstände (meine Sätze berühren nur wenig davon, und sie hat viel feinere Regeln, als ausgeübt werden) merk' ich in Vorbeigehn an, daß sie ihre Eindrücke blos auf die Einbildungskraft macht. Die Darstellung des Ernsthaften macht die ihrigen auf die ganze bewegte Seele. Wenn man Handlung, Leidenschaft und sittliche Schönheit jede besonders betrachtet (im Gedichte sind sie beisammen, und wirken zugleich), so wird, nach dieser Art die Sache anzusehn, die durch die ersten schon bewegte Seele durch die letzte nur noch mehr bewegt. Aber dieses Mehr ist von großer Bedeutung, weil schon so Vieles da ist. Es trägt nicht wenig dazu bei, daß die Geliebte aufhört marmorn zu sepn, und lebendig wird. Nur noch zwei Bemerkungen; und alles, was Gegründetes und Anwendbares zu sagen war, ist gesagt. 1. Auch die beste Darstellung in diesem und jenem Theile eines Gedichts verliert etwas, manchmal nicht wenig von ihrem Eindrücke, wenn das Ganze nicht durch Wahrscheinlichkeit, Ebenmaß, Abstechendes, gehaltenen Hauptton, und Zwecke, die auch Zwecke sind, ein schönes Ganzes ist. Ein solches Ganzes stimmt die Seele für die Wirkungen des dargestellten Einzelnen, und erhält sie in dieser Stimmung. 2. Wenn der Dichter, die Wagschale in der Hand, und mit reinem Gefühle des Eindrucks, den er Hervorbringen will, von dem Angeführten immer so viel, und dieß, in fo genauen Abstufungen, vereint, als der jedesmaligen Beschaffenheit der Gegenstände gemäß ist; so erhebt er seine Darstellung bis zum Vollendeten. Allein je näher er diesem, oder dem völlig richtigen Umrisse der Darstellung, gekommen ist, und eben dadurch zu großen Forderungen berechtigt hat, desto lebhafter fällt auch dem Zuhörer ein wenig Unerreichtes oder gar Verfehltes auf. Gute Richter sind gelinde: allein hier wissen sie nichts von Gelindigkeit. Denn nun verlohnt es sich ihnen der Mühe streng zu scyn. Eben so verfahren sie, wenn sie einen Sänger hören, der bis zum höchsten Ausdrucke der Leidenschaft gestiegen war; aber nun der so gereizten Erwartung einmal nicht völlig genuug thut, oder den wahren leidenschaftlichen Ton auch nur um Einen Hauch verfehlt. Nur müssen sich die nicht unter die Beurtheiler drängen, und über jenen Umriß mitsprechen wollen, vor denen es überhaupt dämmert. Denn was haben sie mit dem Vollendeten zu schaffen? Von der Sprache -er Poesie. Ans dem N o r d i s ch e n A u f s e h e r 1. Bd. 26. St. Die Sprache meines zweiten Vaterlandes, und diejenige, in welcher ich schreibe, haben so viel Aehnliches mit einander, daß ich mir schmeichle, folgende Anmerkungen werden denen nicht mißfallen, welche die deutsche Sprache lieben, wenn sie gleich ihre mütterliche noch mehr lieben. Vielleicht theile ich ihnen auch über den Ausdruck der dänischen einige Gedanken mit, wenn ich mit ihren Eigenschaften noch bekannter geworden bin. Ich weiß nicht, ob es wahr ist, was man in vielen Büchern wiederholt hat, daß bei allen Nationen, die sich durch die schonen Wissenschaften hervorgethan haben, die Poesie eher als die Prosa zu einer gewissen Höhe gestiegen sep. Soviel ist unterdeß gewiß, daß keine Nation weder in der Prosa noch in der Poesie vortrefflich geworden ist, die ihre poetische Sprache nicht sehr merklich von der prosaischen unterschieden hätte. Die Griechen, und wer wird ihnen den vollkommensten poetischen Ausdruck absprechen? unterschieden diesen von dem prosaischen nicht allein auf alle Arten, ans welche es Nationen von Geschmack immer gethan haben; sie gingen noch weiter, und thaten es selbst durch den veränderten Klang der Wörter. Eben das Wort/ das auch in Prosa gebräuchlich war, wurde, durch eine Sylbe mehr oder weniger, durch Hinzusetzung, Wegnchmnng, oder Veränderung eines Buchstabens, zum poetischen Worte gemacht. Die Römer ahmten den Griechen zwar in dieser letzten Unterscheidung der Prosa und der Poesie nur selten nach; aber wie sehr ist gleichwohl der Ausdruck des Cicero und des Virgil unterschieden? Nach der langen Barbarei sind die schönen Wissenschaften zuerst nach Italien gekommen. Wer weiß nicht, daß die italienische Sprache, diese älteste Tochter der römischen, auf die meisten Vorrechte ihrer Mutter Anspruch macht? Sie hat eine nicht geringe Anzahl Wörter, die der Poesie allein gewidmet sind. Der Vers berechtiget sie, den Klang der Wörter zu verändern; und sie ist ungemein biegsam, jeder Wendung eines poetischen Gedankens zu folgen. Die Franzosen, welche die Prosa der Gesellschaften, und was derselben nahe kommt, mit der meisten Feinheit und vielleicht am besten in Europa schreiben, haben ihre poetische Sprache unter allen am wenigsten von der prosaischen unterschieden. Einige von ihren Genies haben selbst über diese Fesseln geklagt, die sich die Nation von ihren Grammaticis und von ihren Petitesmaitres hat anlegcn lassen. Unterdeß würde man sich sehr irren, wenn man glaubte, daß ihre Poesie gar nicht von ihrer Prosa unterschieden wäre. Sie ist dies» bisweilen sehr, und wenn sie es nicht ist; so haben wir wenigstens das Vergnügen, da, wo wir bei ihnen den poetischen Ausdruck vermissen, schöne Prosa zu finden: ein Vergnügen, das uns diejenigen unter den Deutschen selten, machen, welche an die wesentliche Verschiedenheit 204 ! der poetischen und der prosaischen Sprache so wenig zu denken scheinen. Ich würde den poetischen Ansdruck der Engländer für den stärksten und für denjenigen halten, der sich, den griechischen und römischen ausgenommen, am meisten von der Prosa unterschiede; wenn sie nicht so viele fremde Wörter, und mit ihnen alle Nebenbegriffe derselben in ihre Sprache ausgenommen hätten. Diese Nebenbegriffe bei den aufgcnom- menen Wörtern zu denken, ist mindestens denen unter den Engländern und Fremden unvermeidlich, welche die Sprachen kennen, ans denen jene Wörter entlehnt sind. Ich gebe zu, daß die englische Sprache gleichwohl auch viel Eignes habe, und ich rechne unter dieß Eigne selbst den neuen Schwung, den sie den ausländischen Wörtern manchmal zu geben gewußt hat; allein man wird, auf der andern Seite, auch nicht leugnen können, daß ihr neuer, kühner und glücklicher poetischer Ausdruck, den Nebenbegriffen der aufgenommenen oft sehr prosaischen Wörter, nicht selten unterliege. Cs ist schon lange her, daß Luther die Deutschen durch die Art, auf welche er die poetischen Schriften der Bibel übersetzt hat, von dem Unterschiede der prosaischen und poetischen Sprache hätte überzeugen können. Aber sie haben von diesem großen Manne überhaupt weniger gelernt, als sie von ihm hätten lernen sollen. Opitz hat sie nach ihm an jenen Unterschied von neuem erinnert; Haller noch stärker: allein sie scheinen noch immer daran zu zweifeln. Wenn man alle Stufen des prosaischen Ausdrucks hinauf gestiegen ist, so kömmt man an die unterste des poetischen. Die höchste prosaische und die letzte poetische scheinen sich in einander zu verlieren. Es ist dem Redner, wenn er in seinem stärksten Feuer ist, nicht allein erlaubt; sondern er 205 muß sich auch einige Schritte höher erheben, als er gewöhnlich soll. Auch der Poet darf, nachdem ihm die Personen, die er anfführt, oder die Sachen, die er vorstellt, dazu Gelegenheit geben, sich ein wenig weiter hernnterlaffen, als cs ihm überhaupt zu thun erlaubt ist. Allein niemals dürfen sie auf beiden Seiten zn weit gehn. Doch die Regeln, wie weit sie gehn, und nicht gehn sollen, gehören zn meiner Materie nicht. Um dasjenige, was ich sagen werde, genauer zu bestimmen, muß ich gleich anfangs anmerken, daß ich von dem Unterschiede der Gedanken und Empfindungen nicht rede, die der prosaische Skribent, und derer, die der Poet vor andern ausdrücken soll. Wenn ich dieß thun wollte; so würde ich vor allen fcstsctzen: Daß es Gedanken und Empfindungen, oft nur einen gewissen Grad, eine Wendung, eine Art von Ausbildung derselben giebt, die allein in der Poesie; und andre, die nur in Prosa gebraucht werden müssen. Dieß weiter auszuführcn, würde aus zwo Ursachen überflüssig seyn. Der gute Poet weiß es schon; und Leser von Geschmack finden Wahrheiten von dieser Art lieber in Gedichten selbst, als in Untersuchungen der Kritik. Ich werde daher nur von dem Ausdrucke dieser versebiednen Gedanken und Empfindungen etwas weniges sagen. Ich gebe zugleich zu, daß noch vieles, welches ich unberührt lasse, davon gesagt werden könne. Wenn man den Gedanken hat; so wählt man das Wort, welches ihn ansdrückt. Wenn wir das rechte Wort nicht wählen; so thun wir eben das, was derjenige thut, der durch eine Miene etwas sagen will, und dem die Miene mißlingt. Es ist dem Zuschauer oder dem Leser unangenehm, daß sie uns entweder nicht genung verstunden, oder daß sie die »ergebne Mühe bemerkten, mit der wir uns bestrebten, uns zu erklären. Die Poesie soll überhaupt vielseitigere, schönere und erhabnere Gedanken, als die Prosa, haben. Wenn wir sie ausdrücken wollen: so müssen wir Wörter wählen, die sie ganz ausdrücken. Hier finden wir gleich anfangs eine nicht geringe Anzahl, von denen wir gar keinen Gebrauch machen können. Sie haben in dem Munde des Volkes allen ihren Nachdruck verloren, oder sic haben niemals einigen gehabt. Die Sprache hat also für den Poeten weniger Wörter, und dicß ist der erste Unterschied der Poesie und der Prosa. Wir finden ferner viele Wörter, die zwar, in dieser oder jener Arr der Poesie, noch edel genung wären, die es aber für die Art, in der wir arbeiten, nicht sind; ein neuer Unterschied, mindestens für diejenigen, die in jener Art der Poesie schreiben. Wie werden wir diesen Mangel ersetzen? Denn wir haben nun wirklich eine ärmere Sprache. Noch eine Anmerkung; so ist sie cs noch mehr. Gewisse Wörter sind zwar edel genung; aber wir können sie, wegen ihres Uebclklangs, oder auch wegen des Sylbenmaßes, das wir gewählt haben, nicht brauchen. Die edlen und für die Poesie vorzüglich brauchbaren Wörter sind, fürs erste, diejenigen, die keine niedrigen, oder lächerlichen Nebcnbegriffe veranlassen. Der Richter von der Niedrigkeit, oder dem Lächerlichen der Nebenbegriffe ist allein der Geschmack. Die Franzosen finden vieles lächerlich, das es nicht ist. Wir treffen hier den rechten Punkt, wenn wir ihnen, in einer gewissen Entfernung, folgen. Ferner sind für die Poesie vorzüglich brauchbare Wörter, die wirklich etwas sagen, und nicht nur zu sagen scheinen. Mich deucht, die Deutschen können bei dieser Untersuchung. 207 nie zu sorgfältig seyn. Ihre Sprache hat wirklich noch eine nicht geringe Anzahl von Wörtern dieser Art. Es ist nicht nöthig zu sagen, daß Wörter von ausgemachter Stärke unter die für die Poesie brauchbarsten gehören; allein es mochte vielleicht nicht überflüssig seyn, die Deutschen zu erinnern, daß diejenigen Wörter, die mir Geschmack zusammengesetzt sind, unter die von ausgemachter Stärke zu zählen sind. Es ist der Natur ihrer Sprache gemäß, sie zu brauchen. Sie sagen sogar im gemeinen Leben: Ein g o ttes- vergeßner Mensch. Warum sollten sie also den Griechen hierinnen nicht nachahmen, da ihnen ihre Vorfahren schon lauge die Erlaubniß dazu gegeben haben? Der poetische Ausdruck soll sich nicht immer, besonders in gewissen Dichtarten, durch die Stärke unterscheiden, er kann dieß auch oft, nachdem ihn der Gedanke dazu veranlaßt, durch angenehme und sanfte Wörter thun. Untcrdcß verdient keine von Horazens Anmerkungen öfter wiederholt zu werden, als diese: Ihr sucht angenehm zn sepn; und ihr seyd ohne Nerven, ohne Seele! Die deutsche Sprache, die nun anfängt gebildet zu werden, hat noch neue Wörter nöthig. Ich rechne unter die neuen auch einige wenige veraltete, die sie zurückuehmen sollte. Aber, durch die Neuheit an sich selbst erhält ein Wort keine Vorzüge. Außerdem, daß sein Schicksal sehr von der ungezwungenen Ableitung oder Zusammensetzung abhängt; so befördert, oder hindert auch seine Aufnahme die Güte oder Unbrauchbarkeit des Stammworts, von welchem es entstanden ist. Sogar eine zu nahe Verwandtschaft mit einem andern Worte von niedriger Bedeutung, kann dem neuen Worte schaden. Himmling hätte man nicht wagen sollen, weil dem Leser Himmeln dabei einfallen könnte. Wenn ein 208 Deutscher aus einem alten einen Ausdruck, der ein Bild zeigt, bloß übersetzt und dazu in seiner Sprache ein eben so edles Wort wählt, als Virgil, oder Homer in der seinigen gebraucht hatte; so kann derjenige, der ihn mit Recht tadeln will, nur Folgendes anführcn. Ihm mißfällt entweder das Bild selbst; oder er tadelt den Dichter, daß er sich in seine Stelle nicht so gut schickt. Ist keine von beiden seine Ursache; so ist er verdrießlich darüber geworden, daß kusus im Deutschen hingegossen heißt. Außer den bisher angeführten Eigenschaften guter Wörter, sie seyen neu, oder schon ausgenommen, kömmt es noch sehr, wenn sie gut bleiben sollen, auf die Stelle au, wo sie stehn. Sie sind dem Gedanken, den sie ausdrücken sollen, alsdenn erst angemessen, wenn sie an der rechten Stelle stehn. Der Leser macht besonders hier eine beständige, zwar sehr schnell gedachte, aber dennoch genaue Vergleichung zwischen dem Gedanken und dem Worte. Er fühlt's, was wir haben sagen wollen, was wir gesagt, und was wir nicht gesagt haben. Die Anmerkungen, die ich bisher über die Güte der Wörter gemacht habe, gelten zwar größtenteils auch von der Prosa; allein es ist die Pflicht des Dichters, sie mit noch genauerer Sorgfalt zu beobachten. Wenn er mit der Wahl der Wörter glücklich gewesen ist; so erhebt er sich auch, durch die veränderte Ordnung derselben, über die Poesie. Nur selten sind die Leidenschaften, welche die Prosa ausdrückt, so lebhaft, daß sie eine notwendige Veränderung der eingeführten Wortfügung erfordern. Die Poesie erfordert dieselbe oft. Denn die Abschilderung der Leidenschaften ist dasjenige, was- in einem guten Gedichte herrschen soll. Die Regel der zu verändernden Wortfügung ist die: Wir müssen die Gegenstände, die in einer Vorstellung am meisten rühren, zuerst zeigen. Die Stellen, wo in dem Gedichte die Einbildungskraft herrscht, sollen ein gewisses Feuer haben, das sich der Leidenschaft nähert; eine neue Ursache, die Wörter anders, als nach der gewöhnlichen Ordnung der Prosa, zusammen zu setzen. Doch dürfen wir's hier nicht mit gleicher Kühnheit thuu. Eine fast unmerkliche Veränderung der Wortfügung möchte auch denen Stellen manchmal angemessen seyn, wo wir zwar voruämlich beschäftigt sind, den Verstand zu unterhalten, aber uns auch erinnern, daß wir es als Poeten thun müssen. Bisweilen darf uns sogar der dadurch zu erreichende Wohlklang veranlassen, die Wörter zu versetzen. Ich meine nicht, daß es geschehen soll, den Vers bloß zu machen; sondern ihm durch diese Hülfe eine gewisse glückliche Wendung zu geben. Aber nicht allein die Wahl guter Wörter und die geänderte Verbindung derselben unterscheiden den poetischen Perioden von dem prosaischen. Es sind noch verschiedne von denen anscheinenden Kleinigkeiten zu beobachten, durchweiche Virgil vorzüglich geworden ist, was er ist. Ich nehme an, daß die Wörter des Perioden und die Ordnung derselben, der Handlung, die der Periode aus- drücken soll, gemäß sind. Aber gleichwohl gefällt er noch nicht genung. Hier ist eine Redensart, wo nur ein Wort seyn sollte. Und nichts tödtet die Handlung mehr, als gewisse Begriffe in Redensarten ausdehnen. Cs kann auch bisweilen das Gegentheil seyn. Hier sollte eine glückliche Redensart stehen. Der Gedanke erfordert diese Ausbildung. Dort sind die Partikeln langweilig, welche die Glieder des Perioden fast unmerklich verbinden sollten. Sie sind's unter andern, wenn sie zu viel Sylben haben. Ein: dem ungeachtet, könnte die schönste Stelle verderben. Sie sind's Klopstvck, vermischte Schriften. 14 210 ferner, wenn sie da gesetzt werden, wo sie, ohne daß die Deutlichkeit, oder "der Nachdruck darunter litte, wegbleiben konnten. Das doch, mit dem man wünscht, gehört vvr- nämlich hierher. In einer andern Stelle stand die Interjektion nicht, wo sie stehen sollte. Das Ach fing den Perioden an; und es hätte glücklicher vor den Wörtern gestanden, welche die Leidenschaften am meisten ausdrücken. Ein andermal hat der Verfasser nicht gewußt, von welcher Kürze, und von welcher Stärke das Participinm gewesen seyu würde. Darauf hat er es wieder gesetzt, wo es nicht hingehörte. Wenn in den poetischen Perioden zu diesen Fehlern noch die beiden großen: kommen, daß die Hauptwörter theils nicht gut gewählt, theils nicht nach der Natur der Handlung geordnet sind, so haben wir eine Statue, die weder Bildung noch Stellung hat. Alles ist kraftlos und ohne Charakter. Die eine Hand ist zu groß; der eine Fuß zu breit. Die Gelenke sind geschwollen. Sie hat nichts Fleischiges, kein Leben. Gleichwohl sehen wir, daß der Hauptgedanke des Künstlers gut war. Aber er ist unter dem Ausdrucke erlegen. Die besten Gedanken sind in der Gefahr, auf diese Art verdorben zu werden. In vielen poetischen Schriften, welche die Deutschen noch nicht zu lesen aufhören, sind diese Fehler beinahe gar nicht vermieden worden. Es sind nur wenige, in welchen man nach den Grundsätzen, davon ich einige angeführt habe, gearbeitet hat. Allein diese wenigen haben die Sprache noch nicht völlig so bilden können, wie sie, nach ihrer Natur, gebildet werden sollte. Die Mittel, die zu diesem Zwecke näher führen könnten, scheinen mir folgende zu seyn. Die deutsche Sprache ist reich; allein sie hat nicht selten einen unnützen Ueberfluß. Sie kann nicht zu streng in der Enthaltung von solchen Wörtern und Redensarten scpn, die, wenn man es 211 genau untersuchte, nicht einmal in Prosa geduldet werden sollten. Wenn man diese Wörter wegnimmt, so ist die Sprache dadurch zwar noch nicht arm geworden; aber es würde doch gut scyn, jenen sehr entbehrlichen Ueberflnß durch einen wahren Reichthum zu ersetzen. Ich meine gar nicht, daß sich jeder, dem es nur einfällt, in diese Ersetzung mischen solle. Selbst die wenigen guten Skribenten sollten es mit der behutsamsten Sorgfalt und Beurtheilung thun. Auf die feurige Stunde der Ausarbeitung muß, besonders auch in Absicht auf den Ausdruck, die kältere der Verbesserung folgen. Und nie darf diese ihren Rechten etwas vergeben. Der deutsche Poet, der zu unfern Zeiten schreibt, findet eine Sprache, die nämlich, gedankenvoll, oft kurz, und selbst nicht ohne die Reize derjenigen Annehmlichkeit ist, die einen fruchtbaren Boden schmückt, wenn sie mit sparsamer Ucber- legnng vertheilt wird; und die, wenn man sie zu sehr verschwendet, ein Blumenbeet aus einer schönen Gegend macht. Sie kann gleichwohl, wie mich deucht, auf zwo Arten noch weiter ausgebildet werden. Die eine ist: Ihre Skribenten richten sich nach der Wendung, die sie einmal genommen hat. Siegehen auf dem Wege fort, den Luther, Opitz und Haller (ich nenne diese großen Männer nicht ohne Ursache noch einmal) zuerst betreten haben. Die andre Art ist: Sie ahmen der griechischen Sprache, der römischen und einigen unserer Nachbarn nach: jenen, weil sie durch Meister gebildet worden sind, deren Werke in allen Jahrhunderten Muster bleiben werden; und diesen, in so fern sie theils von jenen ersten Mustern gelernt haben, theils eigne Schönheiten besitzen. Der glückliche Maler, der seine eigne Colorit hat, die ihn nachahmungswürdig macht, wird sich nicht schämen, von andern großen Meistern zu lernen, ob er sich gleich sehr 212 dabei hüten wird, dasjenige, was er entlehnt, auf eine Art anzubringen, die seiner eignen nicht angemessen wäre.' Die Römer ahmten den Griechen auf diese Art nach. Und vielleicht hat die deutsche Sprache noch mehr Verwandtschaft mit der griechischen, als die römische mit ihr hatte. Wie glücklich die Engländer und Italiener in der Nachahmung jener beiden Sprachen oft gewesen sind, weiß jeder, der sie gelesen hat. Daß Ronsard cs nicht war, daran ist weder Homers und Virgils, noch Corneilles Sprache Schuld. Die Gränzen dieser Nachahmung können viel bestimmter bei dieser und jener Stelle gezeigt, als durch allgemeine Regeln festgesetzt werden. Ich werde mich nur auf eine Untersuchung einlassen. Jede Sprache hat ihre Idiotismos. Man nimmt öfters Ausdrücke für Idiotismos an, die es zwar in so fern sind, daß sie wirklich in einer Sprache so oft Vorkommen, daß sie ihr allein eigen zu seyn scheinen; die aber gleichwohl keine grammatikalischen Jdiotismi sind. Ich habe oft gefunden, daß man wider die Uebersetzung eines solchen Jdiotismi am Ende nichts mehr sagen konnte, als daß man diesen Gedanken in dieser Sprache nicht denken wollte. Welches besonders deßwegen lächerlich war, weil mau zugegeben hatte, daß er in der andern Sprache schön wäre. Die Römer gingen so weit, daß sie auch die grammatikalischen Idiotismos der Griechen nachahmten. Meine Meinung ist nicht, daß die Deutschen dieses auch thun sollen; (ob ich gleich nicht zu viel zu wagen glaube, wenn ich die sparsame Nachahmung einiger Wortfügungen ausnehme) ich meine nur, daß sie sich das Geschrei derjenigen, wclcke die platte Sprache des Volkes allein für gut deutsch zu halten scheinen, nicht abhalten lassen sollen, den Griechen und Römern in ihren glücklichen Ausdrücken der Poesie nachzu- ahmen. Viele von diesen Ausdrücken könnten zwar auch, weil sie oft von ihnen gebraucht werden, Jdiotismi heißen; sie sind aber vielmehr, auf der Seite des poetischen Ansdruckes überhaupt, anzusehn, und dieß so sehr, daß dabei gar nicht mehr die Frage von der Grammatik irgend einer Sprache ist, sondern von den Regeln desjenigen poetischen Ausdrucks, der in jede gebildete Sprache ausgenommen zu werden verdiente. Wenn man die hebräische Sprache allein als eine mvr- genländische ansehen wollte; so würde man leicht darauf verfallen können, die Nachahmung derselben, wegen des großen Unterschieds der abendländischen und der morgcnländischen Sprachen, schlechterdings zu verwerfen. Allein man hört mit Recht auf, sie bloß in diesem Gesichtspunkte anzuschen, wenn man anmerkt, daß die Verfasser des alten Testaments, (ich betrachte hier ihre Werke bloß als menschliche) das Uebertriebene der morgenländischen Sprachen, ohne ihrem Feuer und ihren glücklichen Kühnheiten etwas zu vergeben, vermieden haben; daß wir, mit ihrer Art sich auszu- drücken, schon vertraut geworden sind; und daß sie uns Begriffe sagen lehren, die für uns so wichtig sind, und von welchen wir fast keine Spur in den heidnischen Skribenten finden. Diese Umstände znsammengenommen machen den poetischen Ausdruck des alten Testaments besonders denen, die heilige Gedichte schreiben, zu einer reichen Quelle der Nachahmung, die ihnen dann am besten gelingen wird, wenn sie dem morgenländischen Ausdrucke, wo er am kühnsten ist, in einer gewissen Entfernung zu folgen wissen. Gebildete Sprachen haben vieles mit einander gemein, und vieles, das sie von einander unterscheidet. Ich will nur 214 etwas von dem, das einige nachahmungswürdige Sprachen von einander unterscheidet, anführen. Die feurige bildervolle Kürze der hebräischen Sprache; die Fülle und die an- gemeßnen feinen Bestimmungen der griechischen; den Anstand, die Würde und den hohen Ton der römischen; die Stärke und die Kühnbeit der englischen; die Biegsamkeit und die Annehmlichkeit der italienischen; und die Lebhaftigkeit und sorgfältige Nichtigkeit der französischen, wird die männliche und ungekünstelte deutsche Sprache desto glücklicher erreichen, je freier die Art und je reifer die Wahl seyn werden, womit sie nachahmen wird. Es scheint mir, daß eine von ihren gnten Eigenschaften eine gewisse Biegsamkeit scy, etwas von dem Tone andrer Sprachen anzunehmen. Derjenige würde mich falsch erklären, der glaubte, daß ich ihrem Originalcharakter hierdurch etwas vergeben wollte. Sie könnte vielleicht mehr geben, als sie nimmt. Sie ist, wie die Nation, die sie spricht. Sie denkt selbst, und bringt die Gedanken andrer zur Steife. Man wird mir also die Gerechtigkeit widerfahren lassen, und von mir glauben, daß, wenn ich wünsche, daß sie einige angenehme, oder stark gezeichnete Büge der Alten und Ausländer entlehnen möge, um sich vollends zu bilden, daß ich weit entfernt bin, mich dadurch für diejenige sklavische Nachahmung zu erklären, welche die Hälfte Deutschlands angesteckt zu haben scheint, und die es noch dahin bringen kann, daß die Ausländer glauben werden, die Deutschen am richtigsten von andern Nationen zu unterscheiden, wenn sie dieselben Nachahmer nennen. Gedanken über die Natur der Poesie. Aus dem Nordischen Aufseher 2. Bd. 105. St. Es sind so Wenige, die sich einen rechten Begriff von dem machen, was eigentlich die Poesie ist, daß ich glaube, daß es für die Meisten von ihren Liebhabern nicht überflüssig scyn wird, folgende zerstreute Gedanken darüber zu lesen. Ich habe bei weitem nicht alles darüber, und ich habe dieß wenige auf keine Art systematisch sagen wollen, um sie durch die Idee einer langen Abhandlung nicht abzuschrecken. Man hat viele überflüssige Regeln der Poesie gegeben, und bis zum Ekel wiederholt. Man hat viele von den noth- wendigsten noch nicht gegeben. Wenn man eine vollständige Poetik, ohne sie durch Beispiele praktisch zu machen, schreiben wollte: so hätte man nur wenig Blätter dazu nöthig, und man würde gleichwohl noch viel Neues sagen können. In einer Poetik vom Epigramm« handeln, wäre eben das, als wenn man in einer Rhetorik von Bonmots handeln wollte; obgleich ein Bonmot bisweilen mehr als eine ganze lange Rede wcrth sepn kann. DaS Wesen der Poesie besteht darin, daß sie, durch die Hülfe der Sprache, eine gewisse Anzahl von Gegenständen, 2l6 die wir kennen, oder deren Daseyn wir vermuthen, von einer Seite zeigt, welche die vornehmsten Kräfte unserer Seele in einem so hohen Grade beschäftigt, daß eine auf die andere wirkt, und dadurch die ganze Seele in Bewegung setzt. Wenn man mir einwirft, daß dieß eine Definition der höher» Poesie scy; so antworte ich, daß die angenehme Poesie vieles von diesem allen thun müsse, wenn sie nicht den Namen einer versificirten Prosa verdienen will. Ich sage: Eine gewisse Anzahl von Gegenstän- d e n. Weil es einige giebt, die, für die Poesie, in jedem Gesichtspunkte betrachtet, unbrauchbar sind. Unterdeß da einige bloß durch den Gesichtspunkt, in dem sie von den Meisten angesehen werde», ihre Wirkung verloren haben; so kann sie der Poet oft in einem bessern zeigen. Nur ein verzärtelter Geschmack liebt diese Wiederherstellung nicht. Deren Daseyn wir vermuthen. Wenn man der Poesie engere Gränzen setzen wollte; so müßte man ihr keine Erdichtungen erlauben. -Von einer Seite zeigt. Nicht wenige Objekte haben, so gar nur Einen Gesichtspunkt, in welchem sie die Poesie zeigen darf. Beschäftigt. Die tiefsten Geheimnisse der Poesie liegen in der Action, in welche sie unsre Seele setzt. Ueberhaupt ist uns Action zu unserm Vergnügen wesentlich. Gemeine Dichter wollen, daß wir mit ihnen ein Pflanzenleben führen sollen. Batteur hat nach Aristoteles das Wesen der Poesie mit den scheinbarsten Gründen in der Nachahmung gesetzt. Aber wer thut, was Horaz sagt: „Wenn du willst, daß ich weinen soll; so mußt du selbst betrübt gewesen seyn!" ahmt der 217 bloß nach? Nur alsdann hat er bloß nachgeahmt, wenn ich nicht weinen werde. Er ist an der Stelle desjenigen gewesen, der gelitten hat. Er hat selbst gelitten. Wenn mein Freund beinahe eben das empfindet, was ich empfinde, weil ich meine Geliebte verloren habe; und diesen Antheil an meiner Traurigkeit andern erzählt: ahmt er nach? Von dem Poeten hier weiter nichts als Nachahmung fodern, heißt ihn in einen Acteur verwandeln, der sich vergebens als einen Ac- reur anstellt. Und vollends der, der seinen eignen Schmerz beschreibt! der ahmc also sich selbst nach? Wenn der Ausdruck dem Gedanken eben so angemessen ist, als der Gedanke dem Gegenstände, und dieser nicht allein gut gewählt, sondern auch in einem vorzüglich gefallenden Gesichtspunkte angesehen worden ist; so hat der Dichter allen Federungen, die man ihm thun kann, genung gethan. Der Gegenstand ist gut gewählt, wenn er gewisse durch die Erfahrung bestätigte starke Wirkungen auf unsere Seele hat. Er wird in einem vorzüglich gefallenden Gesichtspunkte angesehen, wenn dieser die vorher angeführte Wirkung mehr als die andern hervorbringt, in welchem der Gegenstand auch angesehen werden könnte. Der Gedanke ist dem Gegenstände angemessen, wenn es scheint, als ob man keinen bessern dabei haben könnte; wenn er nicht da bloß Betrachtung bleibt, wo er Leidenschaft hätte werden sollen; wenn er überhaupt ein so genaues Verhältniß zu dem Gegenstände hat, als das Verhältniß zwischen Ursach und Wirkung ist. Der Ausdruck ist dem Gedanken angemessen, wenn er dem Leser besonders dadurch gefällt, daß er völlig bestimmt sagt, was wir haben sagen wollen. Cr ist ein Schatten, der sich mit dem Baume bewegt. 218 Es gicbt eine Anordnung des Plans eines Gedichts, die einem Gebäude gleicht; und sie sollte einer schönen Gegend gleichen. Der Poet ist kein Baumeister; er ist ein Maler. Ich nenne ihn hier in einem andern Verstände einen Maler, als man diesen Ausdruck gewöhnlich nimmt. Ich rede von ihm, als von dem Zeichner seines Grundrisses. Wie wenig Kunst gehört dazu, eine gewisse Svmmetrie gerader Linien zu machen. Durch die Zusammensetzung krummer Linien Schönheit hervorzubringcn, erfodert eine andere Meisterhand. Man sagt, daß die Epopöe alle Schönheiten der Poesie vereinige. Es wäre also überflüssig, von ihr insbesondre zu reden, wenn man eine Poetik schriebe. Mich deucht, jener Satz ist nur alsdann wahr, wenn man ihn auf die Schönheiten der höhern Poesie einschränkt; und ferner den Hauptton bestimmt, der die Epopöe von den übrigen Arten der höhern Poesie unterscheidet. Dcii Sicgcr schützten die Götter; die Ueberwundciic» Cato! Ist das erhabenste Epigramm«, das man machen kann. Es müßte „Cato und die Götter" darüber stehn. Man könnte eine nicht zu kleine Sammlung Epigrammata aus der Henriade machen. Die Materie und die Ausführung verhalten sich gegen einander, wie das Original, und das Porträt. Man erlaubt dem guten Maler gewisse kleine Abweichungen, gewisse feine Verschönerungen; aber man will erkennen, wer gemalt ist. Die besten neuern tragischen Dichter haben oft zwar Cabinetstücke, aber keine Porträts gemacht, wenn sie ihre Materie aus der alten Geschichte genommen haben. Der Haupttvn eines Gedichts besteht nicht allein in der Art und dem Grade der Schönheiten, die einer gewissen Dichtart vorzüglich eigen sind, sondern es kömmt auch sehr darauf au, daß die gewählten Objekte von Seiten gezeigt werden, die mit dieser Art und diesem Grade der Schönheiten harmvnircn. Man nehme an, daß, in einem Gedichte vom Landleben, eine schöne Gegend beschrieben werde; und dann, daß ein lyrischer Dichter, in einem Lobe der Gottheit, sich mit einer ähnlichen Beschreibung beschäftige: werden sie nicht sehr verschieden seyn müssen? Jener muß fürs erste in dem Tone des Lehrgcdichts schreiben, und dann seine Objekte in einem Gesichtspunkte betrachten, die den Eindruck einer sanften Freude auf uns machen. Der lyrische Dichter muß so wohl dadurch, daß er dem Tone der Ode gemäß singt, als auch dadurch, daß er die schöne Gegend, als ein Werk des Allmächtigen vorstellt, uns entzücken. Fast allen neuern Oden fehlt etwas von dem Haupttone, den die Ode haben soll. Ich gestehe zu, daß ich unrecht habe, wenn folgende Anmerkung falsch ist. Horaz hat den Hauptton der Ode, ich sage nicht des Hymnus, durch die seinigen, bis auf jede seiner feinsten Wendungen, bestimmt. Er erschöpft alle Schönheiten, deren die Ode fähig ist. Man wird also den Werth einer Ode am besten ausmachen können, wenn man sich fragt: Würde Horaz diese Materie so ausgcführt haben? Aber man müßte ein wenig streng bei Beantwortung dieser Frage seyn. Denn sonst bekommen wir zu' viel Horaze unsrer Zeiten. Ich erkläre mich hierdurch gar nicht gegen die Ansprüche, die besonders der lyrische Dichter auf einen Originalcharakter hat. Ich rede nur von der Biegsamkeit, mit der sich selbst ein Originalgenie dem Wesentlichen, was die lyrische Poesie fodert, unterwerfen muß. Und dieses Wesentliche, behaupte ich, hat Horaz, durch seine Muster festgesetzt. Es ist nichts gewöhnlicher, als daß man den Ausdruck 220 mit dem Gedanken verwechseln Man sagt: Es ist eben der Gedanke; es ist nur ein andrer Ausdruck. Und der Gedanke wird doch geändert, so bald der Ausdruck geändert wird. Dieser ist a» sich selbst weiter nichts, als das Zeichen des Gedanken. Gleichwohl muß eine genaue Kenntniß aller Bestimmungen dieser Zeichen, die sie haben, und durch gewisse neue Stellungen haben können, zu erlangen, eine von den vornehmsten Beschäftigungen eines guten Dichters und eines Lesers sepn, der sich nicht zu viel schmeicheln will, wenn er seine Urtheile für entscheidend hält. Wenn eine Sprache gebildet ist; so ist eine vollständige Kenntniß derselben einer von den weitläufigsten Theilcn der schonen Gelehrsamkeit. Es kann niemand drei kurze Sylben hinter einander aussprechcn, ohne auf eine gezwungne Art zu eilen. Das Lsso viileatur des Cicero kann so, wie es gezeichnet ist, nicht ausgesprochen werden. Entweder müßte man das v in 08S0 beinahe gar nicht hören lassen, welches hart sepn würde; oder man muß auf das vi einen gewissen Ton legen, der es zu einer langen Splbe macht. ES sind daher eigentlich nur sechs verschiedne Füße, auf deren guten Zusammensetzung die ganze Harmonie der Prosa und der Poesie beruht. Ich verstehe durch einen Fuß so viele Sylben, als das Ohr aus einmal mit einander vergleicht. Es vergleicht eine lange mit der andern langen, in dem es hört: Schutzgeist. Cs vergleicht die lange mit ihrer Hälfte der kurzen auf zweierlei Art, entweder so: Gestalt, oder so: Freudig; Es vergleicht die lange mit zwo kurzen und dieß auf dreierlei Art, als: ewige, oder: unerhört, oderauch: Geliebte. Diese letzte Art ist nicht so gut, als die übrigen fünft. Denn der Umstand, daß die lange Sylbe in der Mitte steht, macht, daß die Vergleichung dem Ohre etwas schwerer wird. Eine gewisse Reihe von Worten kann aus keinen andern, als den angeführten Füßen bestehen, wenn sie harmonisch seyn soll. Die Prosa ist deßwcgen nicht so wohlklingend, als die Poesie, weil sie diese angeführten Worte nicht nach einer so feinen Regel der Harmonie ordnet, als die guten Versarten thun. Wenn sie nun aber vollends zu viele kurze Sylben (und drei sind schon zu viel) hinter einander setzt; so macht sie dadurch einen besonder» Ucbelklang, daß man gezwungen ist, einige von diesen kurzen Sylben, als lange ausznsprechen, und also dem Sylbcnmaße eine Gewalt anzutknn, bei welchem die Harmonie immer verliert. Die deutsche Sprache hat zwar hier einigen Vorthcil, weil sie viele gleichgültige Sylben hat, ich meine diejenigen, welche bald kurz bald lang gebrauchr werden können; aber gleichwohl hilft dieser Umstand demjenigen nicht viel, der zu viele kurze Sylben häuft. Will man zum Stempel diese Worte: Verkündige die unerhörte Thal nach dem Sylbcnmaße aussprechen; so wird man so sehr eilen müssen, daß man nicht verstanden werden kann. Man muß sie daher so anssxrechcn: Verkündige die unerhörte That Aber wie wird hier das Ohr durch die Länge des die beleidigt. Doch der Wvhlklang entsteht nicht allein durch die Verbindung der langen und kurzen Sylben: es kömmt auch sehr auf die Wahl harmonischer Wörter an. Eine gewisse Anzahl 222 Wörter wird durch ihren Uebelklang unbrauchbar. Unterdeß muß man dieses auch nicht zu weit treiben. Die deutsche Sprache muß von Ohren, die an sie gewöhnt sind, beurtheilt werden. Wenigstens müssen die Italiener, die zu viele Vokalen haben, nicht ihre Richter scyn. Wer sich auf die Aussprache versteht, kann das harte der vielen Consonanten, durch eine gewisse mäßigende Leisigkeit sanfter machen: ein Vortheil, den die Italiener in Absicht auf ihre zu vielen Vokalen nicht haben. Und wie wollen sie es machen der Weichlichkeit ihrer Aussprache, und die Franzosen der Flüchtigkeit, mit welcher sie sprechen, Consistenz und Nerven zu geben? Ich irre mich entweder sehr, oder es ist mindstens ein sehr verzeihbares Vorurtheil, wenn ich dafür halte, daß die deutsche Sprache vor allen neuern Sprachen alsdann die größten Ansprüche auf die meisten Arten des Wohl- klängs hat; wenn diejenigen, die sie schreiben, sorgfältig genung sind, gewisse unharmonische Wörter gar nicht zu brauchen, eine Sorgfalt, die so gar Homer und Virgil nöthig hatten. Von der heiligen Poesie. Aus dem ersten Bande der Halleschen Ausgabe des Messias vom Jahre 1760. Das Publikum ist sehr berechtigt, von dem, der etwas den Aussprüchen desselben unterwirft, zu fodern, daß er, wenn er das Gemälde aufgestellt hat, weggehe, und schweige. Ich darf sagen, daß ich diesem Gesetze beinah mit einer Art Gewissenhaftigkeit nachgelcbt habe. Ich habe mich gleich von Anfänge unter die Zuschauer gemischt, geschwiegen, und von einigen gelernt. Ich werde auch itzt nichts anders thun. Ich werde nur einige von den Zuschauern, die mich hören wollen, auf die Seite nehmen, und sie auf eine Stelle führen, von welcher, wie ich glaube, Gedichte von dieser Art, in ihrem wahren Gesichtspunkte, angesehen werden. Meine Absicht ist also nicht, vom Messias; sondern von derjenigen Poesie, die ich die heilige nenne, überhaupt zu reden. Ich weiß sehr wohl, daß ich mich hier doppelter Gefahr aussctze. Die erste ist, daß ich von einer Sache nur etwas sage, von der man ein Buch schreiben müßte, sie ganz zu sagen. Und es ist schwer, von einer wichtigen Sache gennng zu sagen, wenn man sie nicht erschöpft. Die zweite Gefahr ist, daß ich meine Richter an die strengen Foderungen erinnere, die sie, so sehr berechtigt, an denjenigen thnn, der es unternimmt, sie, durch diesen Weg, auf den erhabenen Schauplatz der Religion zu führen. Allein sowohl diese Vorstellung, als auch meine Abneigung, etwas, das zur Kritik gehört, zu schreiben, hat bei mir der Gedanke überwunden, daß ich dadurch vielleicht etwas thäte, das einigen nützen, und andern angenehm se»n könnte. CH ich von der Sache selbst rede, kann ich die Frage nicht ganz unberührt lassen: Ob es erlaubt sey, den Inhalt zu Gedichten ans der Religion zu nehmen? Es können sie einige, ans wirklicher Frömmigkeit, thnn. Diesen antworte ich mit der Ehrerbietung, die ich gegen jedes rechtschaffene Herz habe. Der Theil der Offenbarung, der uns Begebenheiten meldet, besteht meistentheils nur aus Grundrissen, da doch diese Begebenheiten, wie sie wirklich geschahn, ein großes, ausgebildetes Gemälde waren. Ein Dichter studirt diesen reichen Grundriß, und malt ihn nach den Hauptzügen ans, die er in demselben gefunden zu haben glaubt. Angleich weiß man von ihm, daß er diefi für nicht mehr, als Erdichtungen ausgiebt. Cr thut, in seiner Art, nichts weiter, als was ein anderer thut, der aus den nicht historischen Wahrheiten der Religion Folgen herleitet. Sie dachten, auf verschiedene Weise, über die Religion nach. Wenn aber ein andrer aus noch zarterer Sorgfalt, nichts Fremdes in die Religion einmischen zu lassen, einwendet: Der Dichter bringt mich, durch seine mächtigen Künste dahin, daß ich zu der Zeit, da ich ihn lese, oder auch noch länger, vergesse, daß es ein Gedicht ist. Ist es erlaubt, daß Jemand mich und viele zu einer solchen Art zu denken verleite, daß wir unvermerkt Geschichte, von denen wir nicht gewiß wissen, daß sie geschehen sind, für Geschichte von so großer 225 Bedeutung, von solchen Entzweckeu, fürGeschichte der Religion, ansehen? Wenn Jemand diesen Eiuwurf im Ernste machen könnte, würde ich sagen: Die Folgen, die er aus den Geschichten zieht, welche er, in diesem Feuer des Herzens oder der Einbildungskraft, für wahr halt, sind seinem moralischen Charakter nicht schädlich. Sobald die Geschichten von einer Art wären, daß sie dieses sepn könnten, so wird er gewiß, eh er darnach handelt, sich erinnern, daß es Erdichtungen sind. Da ich also, wie ich glaube, die Erlaubniß in der Religion zu dichten annehmen darf; oder mit andern Worten, da ich für erlaubt halte, auch nach poetischer Denkungsart, dasjenige, was uns die Offenbarung lehrt, weiter zu entwickeln: so gehe ich zu dieser viel wesentlicheren Frage fort: Unter welchen Bedingungen man von Materien der Religion dichten dürfe? Diese Bedingungen werden von nichts Geringer», als von dem inner» Plane der Religion bestimmt. Ein Thcil des Entwurfs und der Ausbildung eines heiligen Gedichts hängt zwar von dem Genie und dem Geschmacke des Poeten ab; ein anderer Theil aber, und vielleicht der größte, gehört vor den Richterstuhl der Religion. Es ist hier sogar nicht genung, daß der Verfasser des heiligen Gedichts den Riß der Religion tiefsinnig stndirt habe, ihren großen Umfang, nebst allen ihren Verhältnissen genau kenne; sic muß auch sein Herz, mit derjenigen starken Hand gebildet haben, die an dem rechtschaffnen Manne, der sie versteht, so kennbar ist. Eh ich diese Gedanken weiter aus einander setze, und sie in einigen ihrer beinah unzählbaren und fast immer moralischen Aussichten zeige, muß ich mich in wenigen Anmerkungen auf das bezieh», was in dem heiligen Gedichte von dem Genie und Geschmack allein abhängt. Klvpstrck, vermischte Schriften. 15 226 Einige meiner Leser bitte ich, dies; zu überblättern. Sie wissen, von welchem großen Umfange des Schönen und des Nützlichen die Poesie ist; welche würdige und mannichfaltige moralische Absichten sie haben kann, immer haben sollte, und selten hat. Sie wissen, was die Welt, von dem aufgeklärtesten Richter an, bis ans den letzten Nachsager, von der höhcrn Poesie fodert. Sie haben gelesen, und selbst gedacht. Sie halten nur das durch die Zeit reif gewordne Urtheil des Publici, und nicht den Kritikus, für unfehlbar. Dieser hatte sie oft überzeugt, daß, was er Geschmack nenne, nicht selten Kurzsichtigkeit, Eigensinn, Einseitigkeit, oder gar nur Mode sey. Sie haben festgesetzt, daß in einem kleinen Stücke des Virgils, und derer, die mit ihm genannt zu werden verdienen, mehr eigentliche, und wahre Regel, als in vielen Lehrbüchern sey. Es sind aber noch andre, und eben so verchrungswürdige Leser, die wenig von diesem allen wissen, cs zu wissen verdienen, eine unverdorbne natürliche Empfindung, und ein gutes Herz haben. Sie sind ein sehr würdiger, so schätzbarer, und der größte Theil des Publici, wenn man nicht alle, die sich ins Urtheilen mischen, zum Publiko rechnet. Der Verfasser eines heiligen Gedichts muß besonders auch für sie schreiben. Und für sie mache ich folgende wenige Anmerkungen über die höhere Poesie, welche ich vvraussetzcn muß, um die Frage zu erklären: Ans welche Art man von Materien der Religion dichten dürfe? Ich will jenes in kurzen Sätzen thun. Die höhere Poesie ist ein Werk des Genie; und sie soll nur selten einige Züge des Witzes, zum Ausmalen, anwenden. ES giebt Werke des Witzes, die Meisterstücke sind, ohne daß das Herz etwas dazu beigetragen hatte. Allein, das 227 Genie ohne Herz, wäre nur halbes Genie. Die letzten und höchsten Wirkungen der Werke des Genie sind, daß sie die ganze Seele bewegen. Wir können hier einige Stufen der starken und der stärkern Empfindung hinaufsteigen. Dieß ist der Schauplatz des Erhabenen. Wer es für einen geringen Unterschied hält, die Seele leicht rühren; oder sie ganz in allen ihren mächtigen Kräften, bewegen: der denkt nicht würdig genung von ihr. Man federt von demjenigen, der unsere Seele so zu bewegen unternimmt, daß er jede Seite derselben, auf ihre Art, ganz treffe. Sie bemerkt hier jeden Mißton, auch den feinsten. Wer dieses recht überdacht hat, wird sich oft entschlossen haben, lieber gar nicht zu schreiben. Wem es dennoch glückt, der hat Empfindungen in uns hervorgebracht, die, weder die höchste philosophische Ueber- zengung, noch die andern Arten der Poesie, verursachen können. Diese Eindrücke haben, in Betrachtung der Stärke und der Dauer, einige Aehnlichkeit mit dem Erempel, das ein großer Mann giebt. Die höhere Poesie ist ganz unfähig, unS durch blendende Vorstellungen zum Bösen zu verführen. So bald sie das thun wollte, hört sie auf zu seyu, was sie ist. Denn so sehr auch einige sich selbst klein machen wollen, so können sie sich doch niemals so weit herunterbringen, daß sie etwas andern:, als was wirklich edel und erhaben ist, diese große und allgemeine Bewegung aller Kräfte ihrer Seele erlaubten. Der letzte Endzweck der höher:: Poesie, und zugleich das wahre Kennzeichen ihres Werths, ist die moralische Schönheit. Und auch diese allein verdient es, daß sie unsere ganze Seele in Bewegung setze. Der Poet, den wir meinen, muß uns über unsere kurzsichtige Art zu denken erheben, und uns 228 dem Strome entreißen, mit dem wir fortgezogen werden. Cs muß uns mächtig daran erinnern, daß wir unsterblich sind, und auch schon in diesem Leben, viel glückseliger seyn könnten. Der Mensch, auf diese Höhe geführt, und in diesem Gesichtspunkte angesehen, ist der eigentliche Zuhörer, den die höhere Poesie verlangt. Man kann hier, auch ohne Offenbarung, schon weit gehn. Homer ist, außer seiner Göttergeschichte. die er nicht erfunden hatte, schon sehr moralisch. Wenn aber die Offenbarung unsre Führerin wird; so steigen wir von einem Hügel auf ein Gebirge. Uonngs Nächte sind vielleicht das einzige Werk der höher» Poesie, welches verdiente, gar keine Fehler zu haben. Wenn wir ihm nehmen, was er als Christ sagt, so bleibt uns Sokrates übrig. Aber wie weit ist der Christ über Sokrates erhaben! Vielleicht sind auch noch folgende Anmerkungen, in Betrachtung dessen, was ich von der heiligen Poesie zu sagen habe, nicht überflüssig. Wir haben uns gewöhnt, der Seele Verstand, Einbildungskraft, und Willen, als Hauptkräfte, zu geben. Das Gedächtnis, das immer mit jenen zugleich wirkt, gehört nicht hierher. Wer Werke der höhern Poesie unternimmt, sieht dieß, nach seinem Entzwecke, so an. Die Einbildungskraft ist ihnn öfter eine Malerin des großen und furchtbaren Schönen in der Natur, als ihrer sanftrührenden Gegenstände. Indem er jenes malt, gelingen ihm alsdann die stärksten Züge, wenn er sich, durch das Feuer seiner Abbildung, der Leidenschaft nähert. Dem Verstände legt er am liebsten diejenige Wahrheiten 229 vor, die gewußt zu werden verdienen, und die nur der rechtschaffne Mann ganz versteht. Und in dem Willen, oder dem Herzen, dieser vielseitigen und gewaltigsten Kraft der Seele, sucht er vorzüglich diejenigen Empfindungen zu treffen, die es erweitern, die es groß und edel seyn lehren. Aber sein Zweck geht weiter, als Eine Kraft der Seele, indeß daß die andern schlummern, nur zu erregen, sie sanft zn unterhalten, und ihr einen stillen Beifall abzulockeu. Eine Absicht, welche auch Meisterstücke hervorgebracht hat! Er bringt uns, (welches ihm besonders alsdann glückt, wenn ihn der Schauspieler, oder der Vorleser verstanden hat,) er bringt uns mit schneller Gewalt dahiu, daß wir ausrufen, uns laut freuen; tiefsinnig stehn bleiben, denken, schweigen; oder blaß werden, zittern, weinen. Die Kritik sollte sich fast nicht einlassen, die Ursachen dieser so schnellen und so mächtigen Wirkungen aufzusnchen. Sie sind von so verschiedenen Feinheiten, und diese haben ein so mannichfaltiges Vcrhält- niß unter einander, daß es unendlich schwer ist, sie alle mit Richtigkeit zu entwickeln. Und wenn sie entwickelt sind, so untersucht sie der Leser von tiefsinnigem Geschmacke zwar gern; allein der Poet wußte sie schon, und wußte noch mehr, als diese; oder, wenn er auch etwas Neues lernte, so würde er doch nicht mehr Poet dadurch. Ueberdieß sind diese feinen Entwicklungen, die den Faden durch das ganze Labyrinth ziehen, zn sehr der Gefahr ausgesetzt, unrichtig, durch ihre Feinheit, zn werden. Doch etwas läßt sich davon sagen. Das schwerste für den Verfasser und den Beurtheiler jedes größern Gedichts ist der Grundriß des Ganzen. Das wesentlichste dieses Grundrisses ist, Einfalt und Mannichfaltig- keit auf eine Art verbinden, die großen Cntzwecken angemessen 230 ist; eine gewisse Hoheit in die Hauptidee des Gedichts bringen; die kühne Erfindung eben an ihre Gränzcn, und keinen Schritt darüber, führen; neue Charaktere, aber diese so groß und so liebenswürdig zeigen, daß es uns sonderbar vorkömmt, daß sie dennoch neu sind; die Hauptbegebenheiten Hand an Hand so auf Einem Schauplatz fortleiten, daß die Episode immer um sic und neben ihnen ist, und sich so wenig jenseits der Berge verirrt, daß sie sich vielmehr oft in die Reihe der Hauptbegebcnheiten einflicht. Es ist noch eine gewisse Ordnung des Plans, wo die Kunst in ihrem geheimsten Hinterhalte verdeckt ist, und desto mächtiger wirkt, je verborgner sie ist. Ich meine die Verbindung und die abgemeßnc Abwechselung derjenigen Scencn, wo in dieser Einbildungskraft; in jener die weniger cingckleidete Wahrheit; und in einer andern die Leidenschaft, vorzüglich herrschen: wo sie diese Scenen einander vorbereiten, unterstützen, oder crhohn; wie sie dem ganzen eine größre, unangemerkte, aber gewiß gefühlte Harmonie geben. Wir wollen annehmen, daß sich der Poet vorgesetzt habe, in einer gewissen wichtigen Stelle unser Herz in einem sehr hohen Grade zu bewegen. Vielleicht würde er unvermerkt auf folgende Art verfahren. Vielleicht würde er sich auch den Entwurf gemacht haben, es zu thun. Hier das Herz mit dieser Stärke zu bewegen, saget er zu sich, muß ich immer, und so steigen, daß jeder meiner vorhergehenden Schritte Vorbereitung se». Diesen stummen, erstaunungsvollen Schmerz will ich hcrvorbringcn! Ich muß meine Hörer nach und nach mit wehmüthigen Bildern umgeben. Ich muß sie vorher an gewisse Wahrheiten erinnern, die ihre Seele für diesen letzten großen Eindruck aufschließen. Wenn sie eine Weile bei Gräbern, die noch mit Blumen bedeckt waren, vorübergegangcn sind, dann sollen sie, noch schnell 231 genung, an die tiefste, tvdtenvolle Gruft kommen. Führte ich sie auf einmal dahin, so würden sie mehr betäubt werden, als fühlen. Es gehören diese Vorbereitungen ohncdieß zu meinem übrigen Plane; und jetzt will ich sic, aus dieser Ursache, so anordnen. Einige werden diese Anmerkungen über die Kunst des Plans für zu hoch getrieben halten; aber wohl nur diejenigen, die, wenn sie anderer Meinung gewesen wären, den Satz in der Ausübung übertrieben hätten. Das Erhabne, wenn es zu seiner vollen Reife gekommen ist, bewegt die ganze Seele, und welche Seele am meisten? Die selbst Hoheit hat, die selten bewundert, aber auch mehr bewundert, als irgend eine kleine, wenn sie muß. Mittelmäßige Seelen trifft es nur mit einem gewissen Schlage, den sie nicht ganz fühlen, weil sie mehr durch ihn erschüttert werden als ihn fühlen. Die Kräfte unsrer Seelen haben eine solche Harmonie unter sich, sie fließen, wenn ich cs sagen darf, so beständig in einander, daß, wenn Eine stark getroffen wird, die andern Mitempfinden, und in ihrer Art zugleich wirken. Der Poet zeigt uns ein Bild. Dem Bilde giebt er so viel Ebenmaß und Nichtigkeit, daß cs auch den Verstand reizt, oder er weiß ihm gewisse Züge mitzutheilen, die nahe an die Empfindung des Herzens gränzen. Die uugeschmückte Wahrheit, die allein den Verstand zu beschäftigen schien, hat gleichwohl unter seiner Hand einige Helle Mienen der Bilder angenommen, oder sie zeigt sich mit einer solchen Würde und Hoheit, daß sie die edelsten Begierden des Herzens reizt, sie in Tugend zu verwandeln. Ist cs das Herz, so der Poet angreift, wie schnell entflammt uns dieß! Die ganze Seele wird weiter, alle Bilder der Einbildungskraft erwachen, alle Gedanken denken größer. Denn obgleich einige Leidenschaften eine gewisse ruhige Art zu denken ganz unterbrechen, so feuert uns doch überhaupt das bewegte Herz an, schnell, groß und wahr zu denken. Welche neue Harmonie der Seele entdecken wir dann in uns! Mit welchem ungewohnten Schwünge erheben sich die Gedanken und Empfindungen in uns! Welche Entwürfe! welche Entschlüsse! Aber dieser unserer Erhebung hängt oft noch eine gewisse Mittelmäßigkeit an. Wir fühlen's, wir wollten uns noch höher erheben. Unsre Seele ist noch weiter. Sie kann noch mehr fassen. Uns fehlte die Religion noch. Wir waren nur noch in der Sphäre, wo wir selbst die Wahrheiten erfunden haben. Wie glücklich ist gleichwohl derjenige, der hier viel weiß, viel denkt, und viel empfindet. Aber wie glückselig der, der auch nur angefangen hat, die viel höhcrn Wahrheiten der Religion zu verstehn, und zu empfinden. Die Religion ist, in der Offenbarung selbst, ein gesunder männlicher Körper. Unsre Lehrbücher haben ein Gerippe daraus gemacht. Doch haben sie in ihren Absichten ihren großen Nutzen. Der Verfasser des heiligen Gedichts ahmt der Religion nach; wie er, in einem nicht viel verschiedenen Verstände, der Natur nachahmen soll. Ob gleich die Offenbarung, in Absicht auf die Lehren fürs Herz, nur auf dem Wege der Natur fortgegangen war; so ist doch ihr Mittel uns von neuem glückselig und -tugendhaft zu machen, weit über die Natur erhaben. Das heilige Gedicht ist auf einem viel höhern Schauplatze. Der Plan der Offenbarung ist seine erste Regel. Ein Gedicht, dessen Inhalt aus gewissen Geschichten des ersten Bundes genommen würde, müßte nach einer andern Hauptidee gearbeitet werden, als eins, so das Innere der Religion näher anginge. Jenem wäre, wenn ich so sagen darf, noch in einer Art Weltlichkeit erlaubt. 233 Der Anstand oder die Würdigkeit, sowohl der handelnden Personen als ihrer Handlung, ist vielleicht das schwerste in dem heiligen Gedichte. Diese Schwierigkeit geht so weit, daß man mit vielen Gründen behaupten könnte, Gott gar nicht reden zu lassen. Die Offenbarung selbst führt Gott ans doppelte Art redend ein. Bald redet er ganz kurz, und ganz als der Schöpfer und Richter der Welt; bald so erbarmend, daß er den Menschen die Ursachen seiner Gerichte anzeigt, und die Bedingungen, unter welchen sie Gnade erlangen sollen, oft wiederholt. Diese Würdigkeit soll sich eben so in den menschlichen Bildern zeigen, durch die der Dichter die Handlungen Gottes vorstellt. Er muß hier mit genauer Sorgfalt in den Fuß- stapfeu der Offenbarung bleiben. Man könnte, den höchsten Grad dieses Anstands, Feierlichkeit nennen. Eine Handlung, die an sich selbst wahrscheinlich ist, wird, durch den Mangel der Würdigkeit, unwahrscheinlich. Diese Würdigkeit muß für die geringsten Personen des heiligen Gedichts einige Züge übrig haben. Und um ihreut- willen gehören weder gewisse Personen, noch gewisse Handlungen darein, die in andern epischen Gedichten einen Platz verdienten. Die Geschichte ^der Bibel, besonders die, so das Innere der Religion näher angeht, enthält nur einige der großen Thaten, die geschehn sind, und sie sagt uns selbst in ihren starken Ausdrücken, daß die meisten für uns (gewiß nur so lange wir hier leben) verloren sind. Einige andre entwirft sie mit so wenigen Worten, daß wir nothwcndig Umstände hinzudenken müssen, um sie uns vorzustellen. Dieß sind Gründe für die Wahrscheinlichkeit der Erdichtungen überhaupt. Gewisse Wahrheiten, deren völlige Erkenntniß uns in diesem Leben noch nicht nothwendig ist, sind uns so offenbart, daß sie so viel Winke zu seyn scheinen, weiter über diese Wahrheiten nachzudenken. Entdeckungen, die wir auf diese Art machen, gehören in das heilige Gedicht. Und oft können wir Erdichtungen darauf gründen. Einige Kritici sind viel zu freigebig mit der Erlanbniß gewesen, nach welcher der Dichter, ans die Sage, in Absicht der Geschichte; und ans den Wahn, in Betrachtung der Grundsätze, fortbauen dürfe. Der Verfasser des heiligen Gedichts muß hier vor allen andern Dichtern am behutsamsten seyn. Wenn alles dieß, was der Poet auf diese oder jene Art folgert, oder hinzudichtet, demjenigen, was wir gewiß wissen, nicht allein nicht widerspricht, sondern auch in dem lichtvollen Plane der Religion kein zu dunkler Schatten ist; so hat er sich aufs wenigste bemüht, der Religion nicht unwürdig zu dichten. Dasjenige, was uns die Offenbarung lehrt, besteht, aus moralischen Wahrheiten; aus Begebenheiten; ans Prophezeiungen; ans Geheimnissen; und aus solchen Stellen, wo das Geheimnißvolle mit jenen, besonders mit moralischen Wahrheiten, vermischt ist. Ob gleich überhaupt dieses alles sehr deutlich geschrieben ist; so giebt es doch auch viel tiefsinnige Stücke. Es ist sonderbar, daß die Ansleger eben so oft bei den deutlichen Stellen, als bei den tiefsinnigen, geirrt haben. Ich nenne schon Jrrthum, wenn man zuweilen da hundert Schritte sehn will, wo man nur einige sehn sollte, und wenn man sehn will, wo man nur glauben sollte. Im Gegentheil nenne ich eine Vermuthung, als eine solche betrachtet, noch nicht Jrrthum. Denn wir dürfen, wo wir in der Schrift dazu veranlaßt werden, mit Demnth vermuthen. Aber sowohl in Betrachtung dessen, was wir für eine ver- innthliche Wahrheit, als auch dessen, so wir für eine gewisse halten, scheint cs, daß der Verfasser deS heiligen Gedichts sich Folgendes zur Regel zu machen habe. Die moralische Wahrheit der Bibel, besonders da, wo sie eine Stufe hoher, als die philosophische, steigt, muß in ihrer vollen Stärke gesagt werden; aber nicht mürrisch und trübsinnig. Die Offenbarung ist beides nicht. Sie ist voll Ernst. Einige heilige Begebenheiten lassen eben so wenig eine Ausbildung zu, als sie andre zu fodern scheinen. Die Stelle: „Die Gräber thaten „sich auf, und stunden auf viele Leiber der Heiligen, die da „schliefen; und gingen aus den Gräbern nach seiner Anfer- „stehung, und kamen in die heilige Stadt, und erschienen „vielen." Diese Stelle ist von der letzten Art. Wo eine Anwendung der Prophezeiung nöthig seyn sollte; so hat sie keine andre Regel, als die allgemeine Regel der Schristans- leger, die sie dabei zu beobachten haben. Nur müßte der Dichter die Erfüllung in eben dem Tone beschreiben, in welchem der Prophet die Begebenheit vorher verkündigt hat. Die Geheimnisse sind dasjenige, was mit der meisten Einfalt gesagt werden muß, außer wo sie, daß ich so sage, zu Begebenheiten werden. Alles, was der Messias thnt, ist Geheimnis, weil er der Gvttmensch ist, aber dennoch ist cs zugleich historisch. Bei den vermischten Geheimnissen, zum Erempel, bei der Ordnung, in welcher der Mensch selig werden soll, ist dem Dichter vorzüglich die äußerste Sorgfalt nöthig, seiner großen Wegweisern:, der Offenbarung, zu folgen. Da ich vorher sagte, der Dichter müsse der Religion nachahmen, wie er der Natur nachahmen soll; so meinte ich 236 nicht die Schreibart der Offenbarung. Ich meinte den Hauptplan der Religion: Große wunderbare Begebenheiten, die geschehen sind, noch wunderbarere, die geschehen sollen! eben solche Wahrheiten! diesen Anstand! diese Hoheit! diese Einfalt! den Ernst! diese Liebenswürdigkeit! diese Schönheit, so weit sie sich durch eine menschliche Nachahmung erreichen lassen. Die Nachahmung der Propheten, so fern ihre Werke Meisterstücke der Beredsamkeit in Absicht auf den Ausdruck sind, ist etwas anders. Die Griechen, die Römer, und die Franzosen, haben ein goldenes Weltalter ihrer schönen Wissenschaften, das in kurzer Zeit eingeschränkt ist. (Ich weiß nicht, warum wir vergessen haben, den Engländern auch eins zu geben? Es ist schon lange her, daß sie Meisterstücke haben. Und mindstens haben sie, durch Glover, nicht aufgehört.) Das goldne Welt- alter der Hebräer ist von viel längerer Dauer. Es fängt mit Moses oder Hiob an. Und es sind zwo verschiedene Sachen, die Schreibart der Morgenländer überhaupt, und die Schreibart der Offenbarung. Die höher» Wesen, welche, für unsre philosophische Er- kcnntniß, außer der Schöpfung waren, die wir kennen, sind durch die Offenbarung in dieselbe zurückgekommcn. Aber sie mußten, nach unsrer Art zu denken, auch für die Einbildungskraft gebildet werden. Und daß sie Ließ würden, hat seine guten Gründe. Es ist wahrscheinlich, daß endliche Geister, die sich besonders auch mit Betrachtung der Körperwclt beschäftigen, Leiber haben. Und es ist nicht ganz ohne Wahrscheinlichkeit, daß Wesen, die Gott auch so sehr bei der Seligkeit der Menschen braucht, einen Körper empfingen, der demjenigen ähnlich war, welchen der Mittler dieser Seligkeit annahm. Der Verfasser des heiligen Gedichts ist hier auf 237 eine ganz neue Scene der Einbildungskraft geführt. Hier kann er besonders seinem großen Zwecke am nächsten kommen, den Bildern solche Züge zu geben, daß er zugleich den Verstand beschäftigt, oder die Empfindungen des Herzens in Bewegung setzt. Einfalt und Hoheit sind hier die Züge der letzten Hand. Und welche erstaunungswürdige Wahrheiten legt die Religion dem Verstände vor! Wie bringen diese in unsre Seele diejenige Hoheit zurück, die ihr angeschaffen war! Und wie vielseitig sind sie! Jeder ihrer Zweige giebt dem Wandrer, der von Kleinigkeiten ermüdet war, einen Schatten, unter dem er ausruhn, und sein wahreres Leben athmen kann. Sepd vollkommen, wie Gott! sagte der große Stifter unserer Religion. Wenn der Dichter diese Wahrheiten nicht vergebens sagen will; so muß er sie so sagen, daß sie das Herz eben so sehr als den Verstand beschäftigen. Das Herz ganz zu rühren, ist überhaupt, in jeder Art der Beredsamkeit, das höchste, was sich der Meister versetzen, und was der Hörer von ihm federn kann. Es durch die Religion zu thun, ist eine neue Höhe, die für uns, ohne Offenbarung, mit Wolken bedeckt war. Hier lernen der Dichter und der Leser einander am gewissesten kennen, ob sie Christen sind. Nichts geringers darf derjenige seyn, der hier unser ganzes Herz bewegen; und der, welcher hier den Dichter ganz empfinden will. Denn wird der Dichter, auch mit dem glücklichsten Genie, ohne wirkliche Empfindung der Schönheit der Religion, und ohne eine Rechtschaffenheit des Herzens, die nicht schimmern, noch viel weniger glänzen will, diese Bewegungen in uns Hervorbringen können? Der Freigeist, und der Christ, der seine Religion nur halb versteht, sehn da nur einen großen Schauplatz von 238 Trümmern, wo der tiefsinnige Christ einen majestätischen Tempel sieht. Und wie konnten jene etwas anders sehen? Denn nicht selten verwandeln sogar kleine Züge, die sie verkannten, den Tempel für sie in Trümmern. Und gleichwohl haben sie, wenn mir diese kühnste unter allen Vergleichungen erlaubt ist, die Mythologie studirt, den Homer zu verstehn. Bon dem Nange der schönen Künste und der schönen Wissenschaften. Aus dem Nordischen Aufseher. 1. Bd. 43. Sk. Der Geschmack war schon oft von den schönen Wissenschaften und von den schönen Künsten gebeten worden, ihren alten Streit, nm den Vorzug, zu entscheiden. Allein er hatte dieser Entscheidung noch immer auszuweichcn gewußt. Einst wurde ein Gedicht und ein Gemälde an einem feierlichen Versammlungstage in den Tempel des Geschmacks gebracht, der Vorzugsstreit wurde dießmal heftiger, als er jemals gewesen war. Der Richter konnte die Entscheidung nicht mehr von sich ablehnen. Man sagt, daß die Hitze, mit welcher itzt alles vorgieng, daher entstanden sey, daß der Geschmack zu der Zeit, die er der Untersuchung des Gemäldes zu bestimmen schien, einige begierige Blicke in das Gedicht gethan hätte. Er sah sich endlich gezwungen, beiden Parthcien zu erlauben, ihm ihre Ansprüche auf den Vorzug mit aller der Umständlichkeit vorzutragen, zu der sie die Wichtigkeit des Streits und der Entscheidung berechtigte. Die Malerei, die Baukunst, die Kupferstecherkunst und die Musik trugen's der Bildhauerkunst auf, 240 die Vertheidigung ihrer gemeinschaftlichen Vorrechte zu übernehmen. Die Philosophie, nicht diejenige, die sich in den neueren Zeiten von den schönen Wissenschaften getrennt hat, und in großen Bänden, die nicht gelesen werden, oft Sachen lehrt, die wenig wissenswürdig sind, und wenn sie wisscnswürdigere verträgt, sie auf eine Art sagt, die sich von jeder Kunst zu gefallen mit der äußersten Sorgfalt zu entfernen scheint: Diejenige Philosophie, deren Liebling Sokrates war, wurde von ihren Freundinnen, der Poesie, der Beredsamkeit und der Geschichte gebeten, ihre gemeinschaftliche Sache vorzutragen. Die schonen Wissenschaften ließen es zu, daß sich die Bildhauerkunst hervordrang. Unser Richter, fing diese an, wird uns verzeihen, daß wir der Ungewißheit erwähnen, in der er, nach der Anklage Einiger^, manchmal seyn soll. Wir thun es nur, um ihm zu sagen, daß wir gar keinen Theil an der Anklage nehmen, und daß wir aus dieser Ursache desto zuversichtlicher glauben, daß sein Ansspruch auf unserer Seite seyn werde. Die Gründe, die uns zu dieser Hoffnung berechtigen, sind diese. Wenn deine Lieblinge, die feinsten Kenner des Schönen, große Städte auf ihren Reisen besuchen, so sind wir es, die machen, daß sie sich lange darin verweilen. Unsre Werke suchen sie am eifrigsten auf; diese betrachten sie; zu diesen kommen sie am öftesten zurück. Wie todt wäre die größte, die volkreichste, ja selbst die gesellschaftlichste Stadt ohne uns! Sind eS etwa die Besitzer jener prächtigen Paläste, welche machen, daß sich der reisende Kenner so lange darin aufhält? Wie selten sind cs diese! Die Meisterhand der Baukunst, welche die Paläste aufgeführt, die majestätische Bildhauerkunst, die feurige Malerei, die sanfte Kupferscecherkunst, welche sie mit jeder Schönheit ausgeschmückt hatten, diese sind es, die das Auge des Kenners so lange und so angenehm beschäftigen. Er Hort in einem von der Baukunst dazu eingerichteten Saale unsre Freundin, die Musik. Und nur dieser erlauben wir es, daß sie ihn anfhalten, und ihn nicht so gleich nach der Gallerie oder in die Gärten, welche Venus und die Grazien reizender machen, zurückkehren lasse. Welch ein trauriger Anblick muß es für ihn seyn, wenn er, ans unfern Palästen, in einen Buchladen, kömmt. Was sicht er da? Eine alte, bekannte verdrüßliche Sache, Bücher! Bedrucktes Papier voll Zeilen, die immer ans die vorige Art wieder- kommcn, und welches er, ihm doch einige Zierde zu geben, in gefärbtes Leder einbindeu lassen, und es irgendwo hinstellen kann, daß eine Art von Symmetrie hcranskomme. Jeder kann diese Papiere kaufen, jeder, wenn ihm nichts besseres einfällt, sie lesen. Es ist so was gemeines, so was wiederholtes, so was wohlfeiles, ein Buch! Man würde die Bücher gar nicht mehr haben, gar nicht mehr ansehcn mögen, wenn sie nicht die gütige Hand der Kupferstecherkunst bisweilen ausschmückte. Wie viel vorzüglicher sind unsre Werke! Es ist kein geringer Theil der Ehre einer Nation, uns zu unterstützen, uns mit jeder Aufmerksamkeit zu unterscheiden. Die Baukunst macht daS Leben durch die Bequemlichkeit und durch die Pracht der Werke, die sie errichtet, angenehmer. Die Bildhauerkunst, die Malerei, die Kupferscecherkunst belohnen und verewigen das Verdienst. Wer würde sich der großen Männer, der Lieblinge des Vaterlandes, so oft erinnern, wenn er ihre unvergängliche Bildnisse nicht auf den öffentlichen Plätzen, und in den Gal- lenen sähe? Wie traurig würde das Leben derer ohne Musik Klopsrück, vermischte Schriften. 16 242 seyn, die sie kennen! Und wie wenige sind, die sie nicht, bis ans einen gewissen Grad, empfinden? Wir würden nns durch falsche Bescheidenheit schaden, wofern wir es nicht frei hcraussagten, daß wir uns nicht zu sehr zu schmeicheln glauben, wenn wir uns für schöner halten, als die Wissenschaften, denen man diesen Beinamen auch gegeben hat. Wir ahmen die Natur besser, als sie nach, weil wir, durch unsre Nachahmung unmittelbar auf die Sinne und durch ihre Hülfe zugleich auf die Einbildungskraft und aufs Herz wirken. Unsre Gegnerinnen arbeiten nur für die Einbildungskraft und fürs Herz. Außer dem, daß die Nachahmung, mit welcher wir der Natur folgen, reizender ist, so ist sie auch wahrer. Wir lassen uns in keine philosophische Untersuchung dieses wichtigen Vorzugs ein. Genung daß er da ist. Und überhaupt haben wir uns nicht viel in Untersuchungen einzulaffen, da die Welt eben so von uns denkt, als wir von uns selbst denken. Belohnt sie nns nicht mit gleicher, und oft mit größrer Ehre, als die schönen Wissenschaften von ihr erhalten? Sie werden uns gewiß nicht vorwerfen, daß wir die Ehre weniger als sie suchen, oder daß wir nicht so fein darüber denken: Allein lebt man von der Ehre? Müssen sie nicht ganz andre Beschäftigungen als die, so sie am meisten lieben, übernehmen, um zu leben? Wir leben von unfern Werken; und oft machen sie uns so gar reich! Unsre Gegnerinnen, fing die Philosophie an, haben ihre Ansprüche ans den Vorzug ein wenig lebhaft und mit einem Stolze vorgetragen, dessen eine gute Sache, vor einem Richter, wie der unsrige ist, noch niemals bedurft hat. Ueber- haupt werden sie gestehn, daß sie uns seit je her weniger Gerechtigkeit, als wir ihnen, haben widerfahren lassen. Vielleicht sind das Genie und die Kenntniß, die zureichen, ihre Arbeiten hervorzubringen, nicht von eben der Hoheit, und von kleinerm Umfange, als das Genie und die Einsichten sind, die zu unfern Werken erfvdert werden. Wenigstens können wir diesen Stolz, mit dem ihr euren Vorzug vor uns behauptet, aus keiner andern Ursache herleiten. Wir haben diese eingeschränkte Art zu denken so wenig, daß wir dasjenige, was ihr für eure Sache noch hättet anführen können, hinzn- thun wollen. Der Eindruck, den die Religion auf jeden rechtschaffnen Mann macht, kann durch euch vergrößert werden. Die Bildhauerkunst und die Malerei reizen die Andacht durch die Bilder, die sie auS der heiligen Geschichte nehmen und damit die vornehmsten Meisterstücke der Baukunst ausschmücken. Die Arbeiten der Kupfcrstecher- kunst werden zwar zu dieser Absicht nicht gebraucht; allein dieß benimmt ihrem Verdienste nichts, welches sie um die rührende Vorstellung der Begebenheiten der Religion haben kann. Und zu welchen Empfindungen würde die Seele von der Musik erhoben werden, wenn sie in den Kirchen die wahre Sprache des Herzens und der Andacht zu reden und vornämlich hier ihre Stärke in ihrem ganzen Umfange zu zeigen veranlaßt würde! Wenn wir dieser Unparteilichkeit ungeachtet, dennoch den Vorzug vor den schönen Künsten zu verdienen glauben; so ist die Neigung, ihn zu erhalten, zwar auch Eine Ursache davon: Aber es wird bei unsrer Sache doch vorzüglich auf die Gründe ankommcn, die wir für uns anzuführen haben. Unsre Gegnerinnen glauben schöner, als wir zu seyn. Wir verdanken es dem schnellen Urtheile unsers Richters, daß wir über diesen Punkt unserS Streits kurz sepn können. Dasjenige, so durch die Schönheit hervorgebracht wird, sind 244 gewisse angenehme Vorstellungen und Empfindungen, die nach den Graden der Lebhaftigkeit, der Feinheit und der Stärke, die sie haben, die verschiedncn Grade des Schönen bestimmen. Wenn wir thcils erweisen, daß wir eben die Eindrücke, die ihr macht, sehr oft mit mehr Feinheit, mit mehr Lebhaftigkeit und nicht selten mit größrer Stärke zu machen wissen; theils auch daran erinnern, daß von dem, so schon vorgestellt werden kann, so vieles ist, das eure Sprachen auf keine Art auszudrücken fähig sind: So werdet ihr uns zngestchen, daß wir nicht wenig Recht auf den Vorzug der Schönheit haben. Diejenige unter euch, die nichts fürs Auge arbeitet, kann zwar vieles sagen, was die übrigen nicht sagen können; da sie aber wieder vieles von dem, was die übrigen vorstellen, nicht ansdrückcn kann: So hebt sich's gegen einander auf, und sie bleibt so eingeschränkt, als die übrigen. Ihr arbeitet für die Einbildungskraft und fürs Herz; wir auch. Wir wirken unmittelbar auf dieselben; ihr durch die Hülfe der Sinne. Dieser Umstand, der euch so vortheilhaft schien, ist euch, in einer gewissen Betrachtung, nachtheilig. Die Seele bleibt hier zu sehr an den sinnlichen Vorstellungen hangen, als daß sie sich den Beschäftigungen der Phantasie und der Leidenschaft mit dem Feuer sollte überlassen können, mit dem sie es bei uns kann, da wir unmittelbar auf sie wirken. Aber wenn auch dieß nicht wäre; mit welchen neuen Umständen und Bestimmungen, mit welchem ganz andern Schwünge, wissen wir die Gegenstände der Einbildungskraft, die in eurer Sphäre liegen, vorzustelleu! Könnt ihr uns durch irgend eine Art von Abbildung oder von Harmonie, auf allen den Stufen nachsteigen, auf denen wir uns erheben? Und, in Absicht aufS Herz, wer hat jemals, bei einer Statue oder bei einem Gemälde, geweint? Die Musik allein nähert sich uns hier. Jede Geschichte, die ihr vorstellt, ist, und muß die Geschichte eines Augenblicks seyn. Welche Reihen von ähnlichen, und oft schönen Augenblicken verbindet die Aeneis! Welche Menge von Meistern müßte es seyn, die sie malen wollten! Wie lange müßten sie leben, um es zu thun! Und würde derjenige, der die Aeneis nicht gelesen hätte, sie gesehen haben, wenn er durch diese unendlich lange Gallerie gegangen wäre? Wie viel Neues, wie viel von euren Meistern ungesagtes, würde er finden, wenn er nun den Virgil läse! Wenn wir überdieß behaupten, daß cs euren größten Meistern unmöglich ist, dasjenige, was dem Verstände schön ist, in irgend einer eurer Sprachen zu sagen; so werdet ihr uns zwar antworten, daß es euer Geschäft nicht sey, die Wahrheit auszudrücken: Aber hört der reizende Ausdruck der Wahrheit dadurch auf, ein Verdienst zu seyn, weil es über eure Sphäre ist, sie vorzustellen? Könnt ihr, weil ihr, weder durch Abbildungen, noch durch'Töne, wie unser Uvung zu denken vermögt, deßwegcn leugnen, daß das, was er gedacht hat, nicht von der Nachwelt gedacht zu werden verdiene? Aber wir eilen zu dem wichtigsten von dem, was wir für uns zu sagen haben. Unsre Verdienste um die Ausbreitung der Tugend sind viel größer, als ihr auch denn, wenn ihr es mehr wolltet, hier jemals haben werdet. Wir sind viel nützlicher, als ihr. Die Menschen moralischer zu machen, ist und soll so sehr unsre Hauptabsicht seyn, daß wir unsrer Neigung, zu gefallen, nur in so fern folgen dürfen, als sie uns zu diesem letzten Endzwecke führt. Wir erniedrigen uns und wir sind nicht mehr schön, wenn uns die moralische Schönheit fehlt. Die große Nation, die chmals so viel von der 246 Welt besaß, ist auch durch den Namen merkwürdig, den sie uns gab. Sienannte uns dieWissenschaften der Menschlichkeit. Die Wahrheit dieser Benennung wird durch die Erfahrung ganzer Jahrhunderte bestätigt. Eine Nation, die durch den Ackerbau, durch die Handlung, durch gute Gesetze, und durch diejenigen Wissenschaften groß ist, die man sich augewöhnt hat, die Höher» zu nennen, (die Theologie allein sollte sie genannt werden) ist eine glückliche Nation! Aber ist sie glückselig? Sie ist es nicht eher, als bis sie auch tugendhaft ist! Und wodurch wird sie dieses? Etwa durch den Reichthum? Durch Gesetze, die weiter nichts, als den Schein der Tugend gebieten, und auch nichts mehr gebieten können? Durch die höhcrn Wissenschaften? Wodurch also? Durch die Religion, und durch die moralischen Wahrheiten, welche die Religion dem menschlichen Verstände zu finden übrig gelassen hat. Aber auf welche Art durch diese? Derjenige müßte ein merkwürdiger Fremdling in der Kenntniß des Menschen seyn, der behaupten wollte, es sey überflüssig, die philosophische, und die erhabnere Tugend der Religion dem Menschen liebenswürdig vorznstellen. Es ist dieß so wenig überflüssig, daß es nothwendig ist. Die Religion selbst, in so fern die heiligen Schriften, in welchen sie enthalten ist, als menschliche Werke anzusehen sind, ich meine, in so fern sie sich zu der Denkart der Menschen herunterlassen, um dieselben zu unterrichten, und zu rühren, die Religion ist durch Muster der Poesie und der Beredsamkeit offenbart worden, die sich der tiefsinnigste Kenner nicht reizender, stärker, und erhabner denken kann. Und es ist keine geringe Ehre für uns, daß die Sprache, welche in der Offenbarung geredet wird, unsre Sprache ist. Unsre Lieblinge haben alsdenn die wahrste Hoheit und 'die 2L7 vielseitigste Nützlichkeit erreicht, wem: sie diesen großen Mustern auch nur von fern nachgcfolgt sind. Die Religion hat das wichtigste von dem, was zur Ausübung der Pflicht gehört, theils wiederholt, theilS offenbart. Sie hat der Untersuchung der Menschen fast nichts, als einige Entwicklungen ihrer erhabenen Lehren, übrig gelassen. Auch dies? gehört uns zu, es den Menschen auf eine Art zu zeigen, welche sie reizen kann, eS nicht nur zn denken, sondern auch zu thnn. Die Menschen also zur Ausübung ihrer Pflichten, das ist, zu demjenigen, warum sie leben, und in andern Welten leben werden, anzufeuern, und ihren Verstand, noch mehr, ihr Herz zu der Erreichung dieses letzten und höchsten Zwecks, zu erheben, dieser ist derjenige von unfern Vorzügen, worauf wir am meisten stolz sind, und ohne welchen uns der Vorzug unserer Schönheit, und jeder Anspruch auf Schönheit überhaupt klein Vorkommen würde. Wir leugnen gar nicht, daß die schönen Künste nicht auch einige Reize über die Tugend ausstrcnen können. Sie wissen, wie wir gegen sie gesinnt sind, und wir haben es ihnen im Anfänge unsrer Verhcidigung nicht verborgen. Aber wir sagen es eben so frei heraus, daß ihre Verdienste um die Ausbreitung der Tugend nur gering sind. ES scheint, auf der einen Seite, ihrer Natur gemäß zu sepn, daß sie sich mehr bemühen, schon, als, durch Schönheit, zugleich nützlich zu sepn: Auf der andern Seite, ist das, was sie auszndrücken fähig sind, von so engem Umfange, und so wenig zureichend, jene Reihen mannichfaltiger Gedanken und Empfindungen hervorzubringen, die norhwendig sind, wenn die Menschen für die Tugend eingenommen werden sollen, daß die Einflüsse, die sic auf die Erreichung dieser wichtigsten aller Absichten haben, nicht anders als nur schwach sepn können. Wir wollen eine Nation 248 annehmcn, die auf die angeführte Art glücklich ist. Wird sie/wenn wir ihr über das, so sie schon besitzt, noch die schönen Künste geben, glückselig werden? Cs ist wahr, die Musik, wenn sie ansgcbreitet gennng ist, wird einige rauhe Seelen etwas weniger rauh sepn lehren. Die Bildhauerkunst und ihre Schwestern werden den Geschmack am Vergnügen dadurch feiner machen, daß sie ihn auf schönere Gegenstände richten; eine Eigenschaft, die wir über dieß mit ihnen in denjenigen von unfern Werken gemein haben, in welchen die Neigung, nur zu gefallen, den viel erhabnern Endzweck, durch die Kunst zu gefallen, für die Tugend ein- zunehmcn, verdrungen hat. Dieser feinere Geschmack am Vergnügen ist eine Art von Vorbereitung, die Eindrücke, die ein gutes Herz bilden, leichter anzunehmen; aber er ist auch weiter nichts, als eine Vorbereitung. Man gebe ihn einer Nation in seinem weitesten Umfange; und sie wird doch dadurch nur sehr wenig zur Tugend gereizt werden. Aber man lasse sie unsre auserlesensten Werke besitzen; was fehlt ihr denn noch an Reizungen zur Tugeud? Man wird uns vielleicht einwenden, daß wir das Beispiel, welches große Männer geben, und die mächtigen Wirkungen desselben vergessen. Wie könnten wir unfern Stolz, unsre vorzüglichste Ehre vergessen? Haben wir nicht fast immer zur Bildung dieser großen Männer etwas beigctrageu? Und wer erneut, wie wir, ihr Beispiel für die künftigen Jahrhunderte? Unsre Gegnerinnen haben dieß letzte Verdienst zwar auch: Aber haben sie es in dem Grade, wie wir? Durch wen kennt die Nachwelt den Sokrates am besten, durch sie, oder durch uns? Selbst den großen Männern, deren Beispiele von so ans- gcbreitctem moralischen Nutzen sind, fehlt etwas, wenn wir 249 ihnen fehlen. Sie hören zwar dadurch nicht auf, tugendhaft zu seyn; aber ihnen fehlt doch eine Reizung mehr, es zu bleiben. Allein man nehme uns einmal einer ganzen Nation. Die Sprache, ihr linker Arm, sey, weil wir von ihr nicht geschätzt werden, ungelenkig, mager, nervenlos! Sie sey weder zur Prosa, noch zu der vortrefflichen Poesie fähig. Diese schweige, und schmücke die moralische Schönheit mit keinem neuen Reize; oder, wenn sie redet, so schläfre sie ein. Jede nützliche und wichtige Sache, die in guter Prosa glücklich gesagt werden kann, bleibe unbekannt; oder werde auf eine Art gesagt, daß man sie lieber nicht wissen mag. Die Geschichte, diese so nvthwendige Obcrrichterin, erzähle keine große Begebenheiten, die Wege der Vorsehung, und oft die Vorschriften der Nachwelt; oder verunstalte sich durch den Vortrag. Mich (denn heut darf ich von mir selbst reden) sollen Schul- mcthode, Armseligkeit am guten Ausdrucke, und jene überflüssige Untersuchungen verstellen, die nichts weniger, als die Kenntnis' der Menschen und ihre Verbesserung, angehen. Ich sey nicht mehr die Führerin und die Freundin des gesunden Verstandes, sondern eine Grüblerin, welche die von ihr erhitzte Einbildungskraft vergebens zu fesseln sucht. Diejenigen, so sich durch Unterredungen oder durch Briefe unterhalten, seyen von allem, was der falsche Witz Plumpes oder Spielendes hat, so eingenommen, daß sie dadurch auch ihren Geschmack am moralischen Schönen verlieren. Die Erklärung der Offenbarung, die vorzüglich auf unsre Kenntniß gestützt werden sollte, weil die heiligen Bücher zugleich Muster der Poesie und der Beredsamkeit sind, arte in theologische Spitz- fündigkeiten aus. Die Beredsamkeit des Predigers sey gemein, schwach, witzelnd, ohne Gedanken, ohne Empfindungen, kurz, 250 derjenigen erhabnen Religion ganz unwürdig, durch deren Hülfe sie unterrichten und rühren soll. Die Lieder, die ganze Versammlungen zur Andacht entflammen sollten, sepn, wenn es möglich ist, noch platter, und der entzückenden Religion noch unwürdiger. Es stehen keine rechtschaffnen Männer auf, die in andern Gedichten, aus jener reichen Quelle der Offenbarung schöpfen, und die Seele auf diese Art an ihren ganzen Werth, und an ihre Unsterblichkeit erinnern. Wird einer solchen Nation nicht sehr vieles zu ihrer Glückseligkeit fehlen? Und gleichwohl fehlt ihr nichts, als einige wenige Bücher. Unsre Gegnerinnen sahen in ihrer Vertheidigung die Bücher in einem sonderbaren Gesichtspunkte an. Und gleichwohl können diese Bücher die Seele mit mehr und schönern Bildern anfüllen, und das Herz zu lebhafter« und fcinern Empfindungen fortreißen, als ihr jemals hervorznbringen fähig sepd. Aber vielleicht mißfällt euch an den Büchern am meisten, daß sie länger, als eure Werke, dauern. Es ist mind- stens eurer Aufmerksamkeit nicht ganz unwürdig, daß von der griechischen Nation, die so sehr aufgehört hat, eine Nation zu sepn, daß die itzige ihren Namen nicht mehr sichren sollte, fast nichts wichtiges, als Bücher übrig geblieben ist. Ohne diese würden wir kaum wissen, daß sie da gewesen wäre. Die Werke, die ihr unter dieser Nation hervorgebracht hattet, sind mit ihr vergangen; und nur selten entdecken wir einige Ruinen davon. Unser Horaz sagt, und ihr werdet gestehen, daß er wahr geredet habe, er sagt von seinen Werken: Ich habe ein Denkmal vollendet, das daurender, als Erz, und erhabner, als die königliche Pracht der Pyramiden ist; das weder verzehrende Regen, noch wüthende Winde, nicht die Reihen unzählbarer Jahre, nicht die Flucht der Zeit, zerstören 231 werden. Wenn nnn auch unsre Lieblinge von Werken, die vornämlich durch moralische und denn auch durch andre Schönheiten diese Unsterblichkeit verdienen, wenn sie, wie es wahr ist, von diesen Werken nicht leben können; sind sie deßwegen weniger schätzbar? Wenn wir unsern Uoung selbst eurem Raphael, mit Recht vorziehn, weil der erste der menschlichen Gesellschaft mehr genützt hat, als Verletzte; verdient der vortrefflichere diesen Vorzug deßwegen weniger, weil gewisse Nebenumstände da sind, die den andern durch seine Arbeiten reich gemacht haben? Denn so lächerlich es seyn würde, sich wider die Neigung, Geld zu gewinnen, überhaupt zu erklären; so klein und erniedrigend würde man von euch und uns denken, wenn man unsern Werth mit diesem Maße messen wollte. Als die Philosophie ihre und ihrer Freundinnen Sache auf diese Art vertheidigt hatte, so erwarteten beide Theile den Ausspruch ihres Richters mit einer Unruhe, die Virgil unnachahmbar und unübersetzlich beschrieben hat, wenn er sagt: , ti'epiilkmtiL tiauril Lorcl-r povor pnlsans lauilumqu' ocreem eupiäo. Cs schien, als wenn der Geschmack über die Art, auf welche er sein Urtheil sprechen wollte, nachsänne. Dieß kam nickt daher, daß er ungewiß war, welcher Parthei er den Vorzug derjenigen Schönheit geben sollte, die, so reizend sie auch an sich selbst ist, doch nichts anders, als die Aufwärterin der viel crhabnern moralischen Schönheit seyn soll; da, auf der andern Seite diese Urheberin der wahrsten menschlichen Glückseligkeit nichts geringers als eine Grazie zur 252 Aufwärterin haben kann: ich sage, der Geschmack war, wegen der Entscheidung über jenen ersten Vorzug, nicht ungewiß. Die schönen Wissenschaften haben sogar behauptet, daß er ihre Gegnerinnen mit einem gewissen zärtlichen Mitleid angesehen habe. Sein noch daurondes Stillschweigen entstund am meisten von dem Zweifel, in welchem er war: Ob er sich auch, das mit zu berühren, entlassen wollte: daß diejenige Parthei vorzüglichere Unterstützungen des gemeinen Wesens verdiene, die, durch gpößre moralische Schönheit nützlicher, als die andre sey? Doch sein Zweifel währte nicht lange. Cr sähe bald, daß er diese Entscheidung der Politik zu überlassen habe. Er wollte eben anfangen zu reden, als er durch einen Zufall unterbrochen wurde. Die Tanzku n st, die bisher nicht zugegen gewesen war, erschien auf einmal mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit. Sie erfuhr bald, was vorgegangen war, und worauf man wartete. Die schönen Wissenschaften konnten eine gewisse Freude über die Ankunft der Tanzkunst nicht verbergen. Ihre Gegnerinnen waren auch ein wenig mißvergnügt darüber. Denn ob sie gleich nicht recht einsahen: Was ein moralischer Vorzug eben zu bedeuten haben sollte; so hatte sie doch die Zärtlichkeit, mit der sie der Geschmack angesehen hatte, so furchtsam gemacht, daß sie nicht ganz ohne Ahndung waren, daß jener Vorzug doch vielleicht von einigem Gewichte seyn könnte. Der Tanzkunst kam es sonderbar vor, daß man einer Schönheit, die sie kaum dafür erkennen wollte, nur hätte erwähnen können! Und überhaupt war sie so mißvergnügt darüber, daß sie nicht wäre gerufen worden; bezog sich so lebhaft darauf, wie sie für sich und ihre 253 Freundinnen geredet haben würde; und drang so sehr auf eine neue Versammlung, in welcher sie die gemeinschaftliche Sache führen wollte, daß sich der Richter entschloß, die Partheien ohne sein Endurtheil von sich zu lassen. Eine Beurtheilung der Winkekmamüschen Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in den schönen Künsten. Aus dem Nordischen Aufseher 3. Vd. 150. Sk. Winkclmann ist den Liebhabern der schönen Künste zu bekannt, als daß ich etwas zu seinem Lobe zu sagen nöthig hätte. Untcrdeß wird es nicht überflüssig seyn, einige noch mehr in den Stand zu setzen, ihn richtig zu beurtheiien. Außer diesem Zwecke habe ich noch den, ihm durch Kritiken meinen Beifall zu bezeigen. Ich weiß sehr wohl, daß, um dieser Art des Beifalls einen rechten Werth zu geben, die Kritiken noch strenger sey müssen, als ich sie machen kann; unterdeß werden die meinigcn diesem großen Kenner doch zeigen, wie sehr mich seine Werke intereffirt haben. Der Titel von seiner ersten Schrift ist dieser: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. „Der einzige Weg für uns unnachahmlich zu werden ist die Nachahmung der Alten." Ich würde diese Einschränkung hinznsetzen: In denen Arten der Schönheiten, die sie erschöpft haben. Denn welches Genie würde nicht erschrecken müssen, wenn es sich nicht erlauben dürste, an der Allgemeinheit jenes Satzes zu zweifeln. Haben zum Erempel die Griechen die Vorstellungen ausdrücken können, die wir uns von Engeln machen müssen? Aber wie vortrefflich haben sie nicht oft die Götter vorgestellt. Sollten wir nicht die Engel so machen? Gewiß nicht völlig so. Wir sollten jene Vorstellungen der Götter übertreffen. Bisher zwar sind wir von diesem Uebertreffen sehr weit entfernt gewesen. Wir malen Kinderchen, Frauenzimmer, und wenn wir nnS recht hoch schwingen, schöne Jünglinge, geben diesen Figuren Flügel, und bilden uns ein, Engel vorgestellt zu haben. Sv gar Raphaels Michael ist ein Jüngling; und er sollte doch wenigstens ein Jupiter seyn, der eben gedonnert hat. Wenn nun Raphael vollends einen Todescngel hätte machen sollen, z. E. einen, durch dessen bloßen Anblick der crstge- borne Sohn Pharaos niedersinkt. Michael Angelo also, wird man sagen. Nein der auch nicht. Denn er übertrieb zu oft. Der Contour des wahren Großen ist sehr fein. Wenn die Hand nur ein klein wenig ruckt; so kann es übertrieben werden. Wer also? Vielleicht ein noch nngcborner Künstler, dem es aufbchalten ist, die heilige Geschichte würdig vorzustellen, nämlich die meisten schon oft wiederholten, neu, und dann viele sehr erhabne, die noch niemals gemacht worden sind. Wie würde ich mich freuen, wenn er schon lebte, und dieses läse. Er ist es, der noch viel was anders sagen würde, als die Griechen haben sagen können. Gott vorzustellen, würde er sich niemals unterfangen, niemals! Aber den Versöhner der Menschen einigermaßen würdig abzubilden, würde er alle Kräfte seines Genies anstrengen, und sich den großen Empfindungen, welche die Religion giebt, ganz überlassen. „Die Kenner und Nachahmer der griechischen Werke finden 256 an ihren Meisterstücken nicht allein die schönste Natur; sondern noch mehr als Natur.-" Wenn es noch Natur ist, verschleime zerstreute Schönheiten mit Unheil in Einem Bilde zu vereinigen; so sehe ich nicht recht ein, was diese idealische Schönheit, dieses noch mehr als Natur seyn soll. Doch vielleicht könnte man einen höhern Grad desjenigen Vortrefflichen, das wir gesehen haben, so nennen. Auf diesen Stufen über der schönsten Natur würde ein Künstler auf und niedersteigen, der es unternähme Engel zu bilden. „Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen „Meisterstücke ist eine edle Einfalt, und eine stille Größe „sowohl in der Stellung als im Ausdrucke." „Alle Handlungen und Stellungen der griechischen Figuren, „die mit diesem Charakter der Weisheit nicht bezeichnet, „sondern gar zu feurig und wild waren, verfielen in einen „Fehler, den die alten Künstler Parenthyrsos nannten." Cs kömmt bei den Künsten überhaupt sehr darauf an, daß die Meister in denselben die feine Linie de-s Schöne» finden. Unterdeß ist der Parenthyrsos meistenthcils viel eher zu entdecken, als wenn die stille Größe ein wenig zu ruhig ist. Raphaels Christus am Oelberge hat mich zu dieser Anmerkung veranlaßt. Er hat nichts von dem, was die Schrift so stark ausdrückt, indem sie sagt: Und cs kam, daß er mit dem Tode rang, und heftiger betete. „Die Geschichte der Heiligen sind seit einigen Jahrhunderten der ewige und fast einzige Gegenstand der neuern „Maler.-Hierauf wird vorgeschlagen, mehr allegorisch „zu malen, als bisher geschehen ist." Die beiden Hauptfehler der meisten allegorischen Gemälde sind, daß sie oft gar nicht oder doch sehr mühsam verstanden werden, und daß sie, ihrer Natur nach, uninteressant sind. Man male eine fast gleichgültige Scene ans der Geschichte, und man zeige eine fast auserlesene Versammlung von den abstrakten Ideen, die wir allegorische Personen zu nennen pflegen; die erste wird dennoch mehr gefallen. Ich bin sehr damit zufrieden, daß man endlich anfhöre, die Mythologie zu malen, man hätte schon lange aufhören können; aber die wahre heilige und weltliche Geschichte sey dasjenige, womit sich die größten Meister am liebsten beschäftigen. Welch ein weites Feld! und wie interessant kann man hier besonders alsdann seyn, wenn die rechten Momente gewählt werden. Man kann so gar das Wiederholte wiederholen, und dennoch neu seyn. Zuerst will ich (so mußte der junge Künstler, der sich fühlt, zu sich selbst sagen) zuerst will ich für die Religion arbeiten! Hieraus soll die Geschichte meines Vaterlandes mein Werk seyn, damit auch ich etwas dazu beitrage, meine Mitbürger an die Thaten unsrer Vorfahren zu erinnern, und denjenigen Patriotismus unter uns wieder aufzuwccken, der sie beseelte! Hierauf-doch weder mein Leben, noch vieler andrer, reicht zu, jene Unternehmungen bis zu einer gewissen Vollständigkeit auszuführen. Die heilige Geschichte also, und die Geschichte meines Vaterlandes-Die andern mögen die Geschichte ihres Vaterlandes arbeiten. Was geht mich, wie interessant sie auch ist, so gar die Geschiche der Griechen und Römer an?-- Aber wenn nur die Kupferstecher ihre unermüdete Gütigkeit behalten, und unsre Cvpisten bleiben! denn nur durch ihre Hülfe können unsre Arbeiten einen aus- gebreitcten Nutzen haben. Ein verschloßnes Manuskript, und ein gedrucktes Buch sind zwei sehr verschiedne Sachen. Wenn sie nur nicht aufwachen, und sich erinnern, daß es ihnen niemand wehrt, so wohl wie wir, Erfinder, Zeichner und Alles zu werden.- Älopsiock, vermischte Schriften. 17 258 Wie kann man gewiß seyn, daß sie niemals aufwachcn werden? Und wenn sie erst einmal recht anfgewacht sind, so schlafen sie gewiß nicht wieder ein. Da führen wir dann unser unbemerktes Leben iw dem Erilio irgend eines Kabinets oder einer Galerie! Und dann kömmt noch überdies die grausame Zeit, und wischt uns unsre geliebte Farbe weg. -Wenn ich der Sache recht nachdenke, so sehe ich nicht ein, warum ich denn nvthwendig ein Maler werden muß?-Die Colvrit-- haben nicht die großen Kupferstecher etwas, das derColorit sehr nahe kömmt? Aber die Maler werden mehr geehrt. Vielleicht nicht von allen Kennern. Und wird man denn in diesem Vorurtheile bleiben, wenn die Kupferstecher anfhören, nichts als Copisten zu seyn? — — Mein Entschluß ist gefaßt. Es sey denn! Weniger Ehre; aber mehr Nutzen! Vielleicht würde selbst Apelles so gedacht haben, wenn diese Kunst, deren vervielfältigte Werke so gar länger als der Marmor aufbehalten werden, zu seinen Zeiten erfunden gewesen wäre. Und vielleicht auch nicht weniger Ehre. Begeistre du mich nur, Genie der Erfindung und der Zeichnung, und leite meine Hand, daß ihr die Linie der Schönheit glücke; so-ist dicß nicht zu kühn gedacht? nein, nicht zu kühn, wenn ich cs ausführc! so soll es noch Gemälde geben, die Kopien von Kupferstichen sind.- „Parrhasius hat so gar den Charakter eines ganzen „Volkes ausdrücken können. Er malte die Athenienser, „wie sie gütig und zugleich grausam; leichtsinnig und „zugleich hartnäckig; brav und zugleich feige waren. Diese „Vorstellung ist allein durch den Weg der Allegorie möglich." Außer daß sie undeutlich und uninteressant hat seyn müssen; 259 so har sie auch, um die augezeigte Absicht zu erreichen, nicht anders als sehr gezwungen seyn können. Cs ist wahr, „das Rubens der Vorzüglichste unter den „großen Malern ist, der sich auf den unbetrctneu Weg der „allegorischen Malerei gewagt hat," allein, was wir an Rubens am meisten bewundern, ist gewiß die Vermischung allegorischer Personen mit historischen nicht. Er kann uns hier eben so wenig gefallen, als uns Milton gefallen kann, wenn er die Sünde und den Tod mit den wirklichen Personen, den Engeln und den Menschen zugleich handeln läßt. Solche Zusammensetzungen sind sehr gute Erempcl zu der bekannten Stelle aus dem Horaz: Dolyliiiiui» sUvls appingunt. „Der Künstler hat ein Werk nöthig, welches aus der „ganzen Mythologie, aus den besten Dichtern alter und „neuer Zeiten, aus der geheimen Weltweisheit vieler Völker, „aus den Denkmalen des Alterthums auf Steinen, Münzen „und Gcräthcn, diejenigen sinnlichen Figuren und Bilder „enthält, wodurch allgemeine Begriffe dichterisch gebildet „werden." Die Mythologie gehört hier nicht her. Wenn wir den Homer lesen, so sehen wir seine Götter als Personen an, die von den Heiden für wirklich sind gehalten worden. Sie sind also, in so fern wir uns an die Stelle der Griechen setzen, welches wir bei der Lesung des Homer thun müssen, historische Personen für uns. Sie werden freilich nicht völlig historische Personen für uns, weil wir sie nicht glauben; unterdeß sind sie doch von ganzen Nationen geglaubt worden, und dieß ist zu einem gewissen Grade vvnAn- theil, den wir an ihren Thaten nehmen, zureichend. Nicht allein der Umstand, daß sie von ganzen Nationen als wirklich 260 geglaubt worden sind, hindert, daß wir sie nicht als allegorische Personen denken mögen; sondern sie würden auch meistenthcils sehr gezwungne und unvollständige Bilder von allgemeinen Begriffen seyn. Nun stelle man sich ein Gemälde vor, auf dem wirkliche Personen, allegorische und mythologische wären. I, E. Leoni daö werde vom Mars nach Ther- mopplä geführt. Die Freiheit streue Blumen vor ihm her; und die Unsterblichkeit winke ihm von der Spitze der thermopylischen Gebirge entgegen. Erst Levnidas! Ein sehr ernsthafter und wahrer Gedanke, der unsre ganze Seele intereffirt. Ein großer Mann, der wirklich einmal gelebt hat, und sich nicht etwa nur der Gefahr für sein Vaterland zu sterben ansgesetzt hat; sondern der einem gewissen Tode für dasselbe entgegen gegangen ist. Und nun Mars. Was soll Mars bei ihm? Wir bemühen uns vergebens, ihn in der Gesellschaft des Lconidas gern zu sehen. Er ist ein bloßes Phantom für uns, ob wir gleich wissen, daß ihn die Griechen für einen Gott gehalten haben. Soll er den Krieg bedeuten? Wie viel verderbt uns diese in Panzer gekleidete abstrakte Idee. Eben so ist es mit der Freiheit und der Unsterblichkeit. Sie sind etwas Fremdes, etwas Fabelhaftes, das wir bei dem. wirklichen Leonidas nicht haben mögen. Er steige mit dem Ernste und der Ruhe, mit der er sich für sein Vaterland anfopfert, das jähe Gebirge hinauf. Einige junge Spartaner begleiten ihn voll Ehrfurcht und zurückgehaltnen Ungestüm; einige erwarten ihn oben, und schmücken sich zum Gefechte, oder werfen ihm Lorbeer- kränzc entgegen, die sie in das Blut eines noch rauchenden Opferthiers getaucht haben. Ich bin untcrdeß nicht so sehr gegen die Allegorie, daß ich nicht zugestände, „daß der Geschmack in unfern heutigen 261 „Verzierungen in der Baukunst durch ein gründliches Studium „der Allegorie gereinigt werden, und Wahrheit und Verstand „erhalten könnte." Nicht allein hierzu, sondern auch zu Vignetten und Me? daillcn sind simple und deutliche Allegorien sehr brauchbar. Allein zur Verschönerung des Vortrefflichsten, was die Künste Hervorbringen können, der historischen Werke, müssen sie nichts beitragen wollen. u r t b e i l e über die poetische Composition einiger Gemälde. Aus dem Nordischen Aufseher 3. Bd. 173. S. Man urtheilt von den schonen Knusten nicht richtig genug, wenn man allein bei dem -Vergnügen stehen bleibt, das sie uns machen. Und gleichwohl gicbt eS unten den feinsten Kennern derselben nicht wenige, welche sie bloß von dieser Seite ansehn. Dieses Vorurtheil kann junge Leute, welche bei der Wahl ihrer künftigen Lebensart nicht ihrem Genie allein folgen, sondern auch aus moralischen Gründen handeln wollen, von dem Vorsätze, durch eine der schönen Künste groß zu werden, abscbrecken. Es kann überdieß auch den Einfluß haben, daß die Bemühungen derer, welche die schonen Künste zu kennen und zn befördern suchen, für geringschätzig gehalten werden. Ich will jetzt nicht von der Musik, sondern nur von denen Künsten reden, die fürs Auge arbeiten. Welche Eindrücke kann der Zeichner und derjenige, der den Entwürfen desselben im Marmor, oder durch Farben, oder auf der Kupferplatte folgt, welche Eindrücke können sie auf unser Herz machen. 263 wenn sie (um dieses Nutzens der Künste vornämlich zu erwähnen) die heilige Geschichte würdig vorstellen. Dieß ist eine Erfahrung, welche selbst diejenigen oft gehabt haben, welche, wie sehr sie auch vom Geschmacks verlassen sind, dennoch nicht haben bindern können, daß sie nicht von irgend einem außerordentlich starken Werke eines Meisters wären hingerissen worden. Wer kann z. E. eineüi Nembrandt widerstehen, wenn in einer seiner Arbeiten, der Erlöser in einem weiten und hohen Todtengewölbe mit der Stille und der Majestät der Allmacht steht, und weit unter seinen Füßen der erwachte Lazarus seine Arme (nur diese sieht man) aus einem tiefen Grabe nach seinem großen Helfer emporstreckt. Wenn die würdige Vorstellung der heiligen Geschichte solche Wirkungen in unsrer Seele hinterlassen, und daher so große Einflüsse auf unsre Handlungen haben kann; so kann man nicht sorgfältig, ich möchte sagen, nicht kritisch genug seyn, dieser Würdigkeit, diesem Edlen, diesem Erhabnen einer solchen Vorstellung nichts zu vergeben. Dieß ist die Ursach, warum ich einige biblische Werke berühmter, und auch in ihren Fehlern nachgeahmtcr Künstler, in Absicht auf ihre Entwürfe untersuchen will. Wenn die Liebhaber mythologischer Arbeiten auch diese bcurtheilt sehen möchten; so muß ich ihnen mein Bekenntnis, ablegen, daß ich diese Arbeiten für uninteressant, und durch die öftere Wiederholung noch gleichgültiger halte. Selbst wenn sie von der Hand eines Meisters ansgeführt worden sind, was können wir dabei denken? Sind sie allegorisch? oder historisch? Sie sind weder das eine noch das andre. So bald wir sie uns als allegorisch vorstellen wollen; so erinnern wir uns gleich, daß es Völker gegeben hat, die diese Personen als wirkliche gedacht haben; dazu kömmt noch, daß sie verschiednc Eigenschaften haben, 264 die keiner allegorischen Bedeutung fähig sind. Wollen wir sie uns als historisch denken; so muß uns gleich cinfallen, daß sie Phantomen des Aberglaubens waren. Wir haben also sehr unbestimmte Vorstellungen davon. Und kann man sich für ein unbestimmtes Objekt interessireu? Gleichwohl hangen die Künstler noch immer an der Mythologie. Die vornehmste und fast einzige Ursache hiervon ist ihre Neigung Nacktheiten zu malen. Wenn sie nicht fürchteten, durch gewisse Nacktheiten, verführende Eindrücke zu machen; so sollten sie sich doch wenigstens schämen, daß sie nichts Neues sagen, und Wiederholungen, welche die Griechen schon angefangen, und die Römer und die Neuern so lange fortgesetzt haben, noch itzt wiederholen. Ich kann's nicht genug ausdrücken, wie unbeschreiblich kalt mich diese Vorstellungen lassen. Wenn sie von einer Meisterhand ausgeführt worden sind; so sehe ich zwar einen schönen Leib; aber ich wollte auch eine Seele drin haben. Ich komme zu den biblischen Werken zurück. Sie sollten das Genie und die Hand selbst desjenigen Meisters, der das Unglück hätte, ohne Religion zu scyn, vornämlich beschäftigen, weil sie so sehr interessant sind. Welch ein weites Feld, das aber noch größtentheils ungebant ist. Wenn man die Stücke abrcchnet, die bloße Wiederholungen sind, wie viele rührende Situationen und Zeitpunkte sind noch uuansgcarbeitet. Vielleicht wage ich's in einem der folgenden Blätter einige neue Entwürfe zu geben. Dieses und noch ein künftiges Hab' ich zu einer kurzen Beurtheilnng einiger bekannter Werke bestimmt. In einem Gemälde, das die Familie Jesu vorstellt, beschäftigt Raphael die Elisabeth zu sehr damit, daß sie ihrem Sohne die Arme hält, damit er die Hände gegen das 265 Kind Jesu falte. Sie könnte dieß thnn; es müßte aber nicht ihr Hauptgeschäft, sondern in ihrem Gesichte mehr Aufmerksamkeit auf das Kind und die Mutter feyn. Joseph stützt sich auf den Arm. Dieß so wohl, als seine Miene zeigen ihn zu ruhig. Er sollte mehr Autheil nehmen. Das Kind Jesu selbst hat nicht Edles genug im Gesichte. Sonst ist dieses eins von Raphaels schönsten Werken. In einer Maria von eben demselben ist die Stellung und die Miene Johannes, der das Kind anbetet, vortrefflich. Auch das Kind Jesus hat mehr Edles als in dem vorigen, und eine sehr reizende Ruhe. Nur hätte dieser große Maler seinen Namen nicht ans dem Saume der Maria anbringen sollen. Wenn man erlauben will, daß eine Person eines Gemäldes demjenigen, der cs ansieht, etwas zeigt, so hätte, wie mir es verkömmt, ein junger Johannes in der Wüste von Raphael gar keinen Fehler. Es ist ein Meisterstück von Simplicität und ungeschmückter Schönheit, sowohl in Absicht auf die Person, als auf die Gegend. Johannes weist ans ein Kreuz, das er vor sich hat. Ein Engel Michael von eben diesem großen Maler, der auf einen überwundnen Drachen tritt, ist zwar sehr schön; allein die Nebenfiguren, die ihn umgeben, gehören fast alle zu einem Sabbathtanze und haben etwas komisches. Auch sollte die Hauptperson keinen Zorn, sondern die Ruhe im Gesicht haben, die in einem andern Engel Michael, der auch von Raphael ist, einen so vortrefflichen Effekt macht. Ein Evangelist Johannes von ihm, der ans einem Adler in den Wolken schwebt, und viel Andacht und Heiterkeit hat, sollte kein Dintefaß in der Hand halten, und mit keiner Feder auf eine dicke Tafel schreiben. Noch cm jungcr Johannes in der Wüste von ihm ist fast vortrefflicher als der vorige. Oben an dem Kreuze, auf welches er auch hier zeigt, ist Feuer, das der Wind bewegt, und in seinem Gesichte eine gemilderte Unruh, die sehr für daS Stück interessirt. Jesus in Gethsemane von Raphael. Fürs erste ist die gewöhnliche falsche Vorstellung darin, daß der Engel einen Kelch hält- Der Engel kam, Jefum zu stärken. Der metaphorische Ausdruck vom Kelche, den Jesus in seinem Gebete braucht, würde auch alsdann hier nicht her gehören, wenn es auch erlaubt wäre, Metaphern zu malen. Fürs andre ist in der Stellung und der Miene des Versöhners nichts, gar nichts von dem, was die Schrift mit den Worten zu beschreiben anfängt: Und es kam, daß er mit dem Tode rang. Niemals ist ein großer Maler so weit unter seinem Süjet gewesen, als hier Raphael. Wenn es bei irgend einem Süjet erlaubt ist, unter demselben zu sepn, so ist es bei diesem; aber so weit darunter zu seyu, das war keinem Raphael erlaubt. Ein Gesicht deS Ezechiel von ihm. Die Hauptperson ist edel. Aber die beiden kleinen Engel, die unter Hesekiels Armen schweben! Die Begriffe, die wir uns nach der Schrift von den Engeln machen müssen; und daun sie als Kinder vorzustellcn, welcher Kontrast! Ich kann diese Vorstellungen auch besonders deswegen nicht aushalten, weil sie so viel Aehnliches mit den Genien haben, mit welchen die meisten unsrer neuesten Künstler so verschwenderisch sind. Eine Maria mit dem Kinde Jesus von Raphael. Dies ist das schönste Kind Jesus, das er gemalt, weil er ihm einen gewissen reizenden Tiefsinn gegeben hat. Eine Maria mit dem Kinde Jesu von Benvenuto 267 Garafalo. Die Mutter kniet bei dem schlafenden Kinde, gegen ihr über kniet ein Engel, der eine Dornkrone über das Kind hält. Dieser Gedanke ist nen und schön; aber dadurch zu weit getrieben, daß oben im Himmel eine Menge Engel die Instrumente der Leiden des Erlösers halten. Eine Maria von Andreas Liugi von Assise. Engel bringen dem Kinde Jesus Weintrauben. Wenn es jemals erlaubt werden kann, Engel als Kinder vorzustellcn; so ist es hier. Das Kind JesuS hat viel Edles; die Mutter aber was Gemeines. Zween Engel auf einem Baume spielen zu sehr. Ueberhaupt wäre es ein ganz andrer und würdigerer Gedanke gewesen, wenn das Kind Jesus von Engeln in einer Pracht und Hoheit, wie sie ihnen der Maler nur hätte geben können, augebetet worden wäre. Pfingsten von Gaudentio Ferrari. Wie kann ein Maler, der die Mutter Christi in so erhabner Andacht und mit so feierlichem Ernste vorznstellen wußte, darauf verfallen auf eben dem Gemälde einem der Apostel eine Kardinalskleidung und Ringe zu geben. Eine Auferweckung Lazari von Hieronymus Mn- tien. Christus und die beiden Schwestern sind vortrefflich; aber Lazarus, der, schon ohne Leichentücher, aufgehoben wird, ist zu erschrocken. Die Schlagung des Felsen von Romanelli. Moses steht so und hält sein Kleid auf eine Art znrü'ck. als wenn er nicht besprüht werden wollte. Wie konnte Moses bei einer so großen Begebenheit hieran denken? Eine Anbetung der Hirten von Feti. Man kann nicht leicht etwas gezierteres sehen, als die Stellungen und Mienen der Maria, die sich über das Kind Jesus beugt, und des Engels, der ein Tuch hält, auf welchem das Kind 268 liegt. Kaum ist dieser Maler wcrth ein andres Stück, das der Schutzengel heißt, gemacht zu haben. Der Engel und der Knabe, den der Engel hält, und gen Himmel weist, sind beide sehr edel. Der reiche Mann auch von Feti. Bei der Tafel ist eine Statue einer Pomone, der ein junger Faun einen Fruchtkorb hält. Johannes, der in der Wüste predigt, von Mola. Unter den vielen ernsthaften Zuhörern steht ein Mohr an einem Baume in einer komischen Aufmerksamkeit. Bei Johannes weidet ein Lamm. Es ist wahr, daß es sehr schön weidet; aber dieß kann mich doch nicht mit dem falschen Gedanken aussöhncn, daß man eine Vergleichung malt, die in einer Rede gebraucht worden ist. Christus, der sein Kreuz trägt, von Andreas Sacchi. Es ist wenigen geglückt, unserm Erlöser eine so erhabne Miene zu geben, und ihn auf eine so würdige Art leidend vorzustellen, als diesem Maler. Wenn dieses vortreffliche Stück dadurch nur nicht so viel verlöre, daß die Veronica das auf dem Tuche abgedrnckte Gesicht Christi zeigte. Wenn diese Geschichte auch keine Legende wäre, so gehörte sie doch gar nicht hierher. Paul Veronese hat die Jünger von Emaus, wie sie Christum erkennen, zweimal gemacht. Die Stücke sind in Betrachtung der Hauptpersonen vortrefflich. Allein es ist sonderbar, daß ein so großer Mann beidemal Kinder mit Hunden unter dem Tische spielen läßt, und dieß noch dazu das einemal ans eine so komische Art, daß man in dieser Vergleichung, von der Werft sein völlig ansgemaltes Kaninchen, da Adam und Eva die Stimme ihres Richters im Garten hören, gern verzeiht. 174. St. Fortsetzung. Aus dem Nordischen Aufseher 3. Bd. Ich fahre fort, Anmerkungen über die Composition einiger Gemälde zu machen, welche Stücke aus der heiligen Geschichte verstellen. Ich könnte viel umständlicher bei der Be- urtheilung dieser Arbeiten seyn; aber ich würde alsdann, für diese Blätter zu weitläuftig werden: und cs ist zu meinem Zwecke genug, nur diejenigen Fehler vvrnämlich zu bemerken, welche der Würde und der Hoheit der Materie uachtheilig sind. Die heilige Geschichte muß mit dem Ticfsiun, der Feierlichkeit und dem Ernste der Religion selbst vorgetragen werden. Wo diese fehlen, da fehlt dem besten Zeichner und dem besten Ausbilder der kühnsten und glücklichsten Zeichnung sehr vieles. Wer hier nicht mehr fodert, als gewöhnlich geleistet worden ist, der weiß nicht, wozu er berechtigt ist, und der ehrt die Künstler, zu wenig, indem er nicht genug von ihnen fodert. Ist z. E. derjenige (um etwas Allgemeines zu sagen) nicht viel zu gütig, der nicht eine ganz andre Vorstellung der Engel verlangt, als wir bisher gesehen haben? Die Vorstellung der Engel als Kinderchen, oder als Köpfe in den Wolken, sind zu weit unter der Kritik, als ich davon etwas 270 sagen mag: aber was sind denn die größer» Vorstellungen dieser erhabnen Geister? Sind sie viel mehr, als Frauenzimmer mit Flügeln? Ich wenigstens kenne nur sehr wenige Ausnahmen. Waren denn die Griechen nur allein fähig in den Köpfen und in den Stellungen ihres donnernden Jupiters alles, was erhaben ist zu vereinigen? ES ist einer der sonderbarsten Kontraste, daß wir, die wir keine Engel vorzustellen missen, uns doch unterstehen, Gott den Vater zu malen. Es gehört zwar nicht eigentlich hieher zu bemerken, daß dicß auch der größte Künstler niemals unternehme» sollte; untcrdeß kann ich doch nicht unterlassen zu sagen, daß es beinahe wider die Religion ist, dieß zu thun, und außer dem unmöglich ist, dieser Vorstellung nicht völlig zu unterliegen. Die obige Anmerkung zu bestätigen, daß wir Frauenzimmer mir Flügeln, für Engel, malen, dient im hohen Grade ein Stück von Paul Veronese in einer Heirath der heiligen Catharine. Der Engel spielt auf der Laute. Man nehme ihm die Flügel und den Glanz auf dem Kopfe; so ist er eins von den jüngsten Frauenzimmern. Domini cus Zampicri hat einen Adam und Eva gemacht, die gerichtet werden. Adams Stellung und Miene hat etwas Gemeines, indem er auf Eva weist, daß sie ihn verführt habe. Eben so etwas Gemeines haben alle drei Gesichter auf einem Gemälde von Raphael, das Maria, das Kind Jesnm, und den jungen Johannes vorstellt. Lucas Congiagi hat Christum am Kreuze gemalt, der eben ausruft: (die Worte stehen darunter) Mein Gott, warum hast du mich verlassen? — — Es ist so -vortrefflich gemacht, daß die Worte darunter nicht nöthig wären. Er sieht so gen Himmel, und ruft auf eine solche Art, daß es Niemand mit dem Uebrigen, was der Erlöser sonst am Kreuze gesagt hat, verwechseln konnte. Mir gefällt die Simplicität der Erfindung auch nicht wenig, daß Christus ganz allein ist. Ein Johannes der Täufer von Mola mit den Worten darunter. Johannes sähe Jesum zu sich kommen, und sagte: Siehe daS ist Gottes Lamm.-, Fürs erste ist Johannes viel zu ruhig, für diese Begebenheit; dann hat er etwas sehr Gemeines; und daun hat Christus, der in der Ferne kömmt, nichts von dem, was wir bei der Abbildung desselben zu erwarten berechtigt sind. Eine Tochter Pharaons, die Moses findet, von P oussin. Der Nil mußte hier nicht als ein Flußgvtt vor- gestellt werden. Das Stillschweigen von Carrache, ist eine von den glücklichsten Erfindungen, die man sehen kann. Das Kind Jesus schläft; Johannes berührt leise den Fuß desselben, die Mutter winket dem Johannes, daß er ihn nicht aufwecken solle. Jeder andre Maler, und vielleicht Raphael selbst, würde hier etwas Spielendes hineiugebracht haben, beim Carrache ist alles lauter Ernst. Ein Stück von Valentin. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist." Das Gesicht und die Stellung Jesu sind sehr simpel und sehr würdig. Die berühmte Verklärung Christi von Raphael ist, mich deucht, nicht ohne Fehler. EliaS schwebt nicht mit dem Anstande, wie Moses. Außer den drei Jüngern, die nieder- gefallen sind, kommen noch zwo andre Personen den Berg herauf, die nach der Schrift hier nicht seyn sollten. Ueber- dieß enthält das Gemälde eine doppelte Geschichte. Unten am Berge wird der Beseßne gebracht. 272 Die Jünger zu Cm aus von Titian. Cs ist schon sehr oft von diesem Stücke gesagt worden, daß der eine Jünger kein Mönch seyn, und sich die Katze und der Hund unterm Tische nicht beißen sollten. Ich merke noch an, daß wenn der sehr überflüssige Wirth ja hätte da seyn sollen, er eben nicht so vollkommen wirthsmäßig hätte gekleidet seyn dürfen. Eine Steinigung Stephani von Carra che Paulus, der auf den Kleidern sitzt, ruft und streckt die Hände nach einem Steine ans. Nach der Schrift hatte er nur Gefallen an Stephanus Tode. Eben diese Geschichte, wieder von Carrache. Ich sehe nicht, warum Paulus hier die Arme anseinanderwirft, und mit Erschrecken ruft. Beurtheilung einiger Gemälde aus der heiligen Geschichte. Fortsetzung des Vorigen. Aus dem Nordischen Aufseher 3. Bd. 186 St. Ich fahre fort noch einige Gemälde aus der heiligen Geschichte zu beurtheilen. Ich habe gesagt, der Maler sollte sich schlechterdings enthalten, Gott vorzustellen. Wenn diese Regel auch nicht allgemein wäre; so würde sie doch bei den Schöpfungs- tagen, wegen der vorzüglichen Schwierigkeit der Ausführung, wahr seyn. Wir wollen sehen, wie sehr Raphael dieser Schwierigkeit unterlegen hat. Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht! Hier schwebt Gott im dampfenden Feuer, als wenn er davor erschrocken wäre. Oder man kann cs auch so erklären, als wenn er eben ansriefe: Es werde Licht! ich sage, ausriefe; denn die sehr heftige Bewegung des Schöpfers zeigt ein Ausrufen und ganz und gar nicht jene göttliche Ruhe an, die in den Worten liegt: Gott sprach: Cs werde Licht! Es werde eine Feste """Hier scheint Gott über das, was er gemacht hat, zu erstaunen. Klopstock, vermischte Schriften. 18 274 Die übrigen Schöpfungstage enthalten zwar nichts, das den Eigenschaften Gottes so sehr als das angefübrte widerspräche: sie sind aber doch weit unter der Würdigkeit, die wir von einer solchen Vorstellung, wenn sie ja statt finden soll, erwarten. Gott sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, von der Erde vertilgen "" Hier stellt Bernhard Gott vor, der einem wollüstigen Gastmahle zusieht. Welche kleine Idee in Vergleichung mit dem, was er hätte vorstellen sollen! Welche Scene hätte er malen können, wenn er nur an die Worte hätte denken wollen: Und es waren Tyrannen auf Erden! Raphael läßt Noah die Arche bauen, nämlich, er läßt ihn einigen Arbeitern etwas befehlen. Wie wenig kannte er den Reichthum seiner Materie! Mußte er nicht eine große Anzahl Menschen in solchen Handlungen zeigen, die den Bau der Arche veranlaßen? Die Sündfluth von Raphael. Ein Mann rettet unter andern seine fast todte Frau. Dies; sind zwo vortreffliche Figuren. Aber gleich neben ihm rettet sich ein Alter, der, auf eine fast burleske Art, mehr auf dem Halse des Pferdes, als auf dem Pferde, sitzt. Noah, der nach seiner Rettung opfert, von Raphael. Hier fehlt sehr viel an der feierlichen Andacht, die man erwarten konnte. Abraham wird von Gott eine zahlreiche Nachkommenschaft verheißen, von eben demselben. Gott erscheint in den Wolken, und Abraham kniet. Ich finde es unter einem so großen Künstler, daß er sich hier hauptsächlich damit beschäftigt, den anbetenden Abraham in einer schwer zu zeichnenden Stellung zu machen. 275 Die drei Engel, welche Abraham erscheinen, von Raphael. Hier ist alles in einer sehr würdigen Einfalt. Nur Sara, die sich inwendig an die Thüre lehnt, steht ein wenig zu nachlässig. Lvths Töchter machen ihren Vater trunken, von Membran dt. Dieß ist das einzige Stück, wo ich die Töchter anständig gekleidet gefunden habe. Gewöhnlich sind sie halb nackt. Dieß ist nicht allein unanständig; sondern es steht auch ganz und gar nicht in der Schrift. Unterdeß hat Raphael in einem Stücke, das unser Preisler vor kurzem vortrefflich gestochen hat, diesen Fehler ganz und gar nicht vermieden. Rembrandt hat einen andern begangen. Cr zeigt uns Loth schon ganz betrunken. Isaak auf dem Altäre, von Coppel. Es ist eine vortreffliche Stellung, in der Abraham gen Himmel weist. Le Süeur stellt Pharavns Träume vor, als wenn sie mit einer Art von Rahmen umgeben wären. Mich deucht, er hätte sie in einer offnen Gegend abbilden sollen. Dieser vortreffliche Maler hat unter andern ein Stück gemacht, worin alles, was seine Kunst Ernsthaftes und Würdiges sagen kann, ausgcdrückt ist. Es ist eine Herabnehmung vom Kreuze. Ich kenne keine Vorstellung der Mutter Christi, die dieser gliche. Sie kniet von Ferne. Welcher Ernst, und welcher Schmerz! Und überdies;, welche Bildung zu jenen wesentlicheren Schönheiten! Eine vollkommne griechische Figur! Es ist alles so schön, daß ich cs gerne vergessen möchte, daß Joseph oder Nicodemus der nämlich an der Linken Christi, zu wenig Antheil an der großen Begebenheit nimmt. Joseph, der dem Pharao die Träume erklärt, von Raphael. Die Träume sind wieder in Rahmen. Und hier sollten sie, wie mich deucht, gar nicht seyn, oder wenigstens sollte nur etwas davon, ganz in der Ferne, gezeigt werden. Jacob, der nun auch Benjamin schickt, von Tempeste. Wie viel hätte hier gesagt werden können; und wie wenig ist gesagt worden! Jacob ist hier gar nicht seiner Kinder beraubt. Nur Ein Bruder ist mit Benjamin beim Abschiede, die andern reisen schon fort. Wie viel anders würde dieses Stück geworden seyn, wenn Jacob mit viel mehr Betrübniß, als hier abgebildet worden ist, in der Versammlung aller seiner übrigen Söhne, von Benjamin Abschied nähme. Ich bin Joseph! Lebt mein Vater noch? Niemals haben wenigere Worte mehr edle Leidenschaft ausgedrückt. Ein Maler, der die Empfindungen Josephs und seiner Brüder hierbei völlig ausdrückte, hätte genug gethan, seinen Namen unsterblich zu machen. Unter andern hat Hoet wenig davon erreicht. Voucher, der mythologische, und kleine angenehme Vorstellungen nach unfern Sitten, vortrefflich zeichnet, hat es auch unternommen, Jacobs Ankunft in Egypten zu machen. Cr hat sie nicht wenig enjolivirt. Es giebt eine ernsthafte Grazie der Gemälde. Die ist diejenige, welche in den Werken der Griechen, auch in denen, die am meisten tragisch sind, herrscht. Wenige Franzosen haben dieselbe. Aber Ai-sees haben viele. Diese schicken sich schon für viele ernsthafte Materien nicht, besonders nicht in dem Grade, in welchem sie die Franzosen gewöhnlich anbringen. Diejenigen, die diesen Styl am weitesten treiben, verderben die besten Materien durch Cnjvlivemens, wie man ihren Ausdruck angefangen hat zu nennen. Man hat mir 277 gesagt, daß jetzt in Paris Bvuchardon der einzige scy, der Muth genug habe, sich ans keine Weise von diesem Ge- schinacke hinrcißen zu lassen. Die Ausländer haben gar nicht unrecht, in vielen Stücken den Franzosen nachzuahmen; aber sie müssen es nur mit Urtheil thun, und z. E. in dem Punkte, wovon wir reden, Vouchardon zum Muster wählen. Warum Klopstock fein Leben nicht geschrieben habe. Aus der „Auswahl aus Klopstocks Nachlaß" (Leipzig bei Brockhaus 1821) 2. Th. 3g. S. Am 3ten Scptbr. 1776. Ich kenne wenig Sachen, die schwerer sind, als sein eigenes Leben zu schreiben. Man soll umständlich seyn (denn ein kurz hingeworfenes Leben ist keins) und zugleich selbst den Schein der Eitelkeit vermeiden. Gleichwohl muß ich mich aus verschieduen guten Ursachen dazu entschließen. Eine derselben ist diese: Man hat mir nicht selten dieses und jenes von mir erzählt, das zwar recht schmeichelhaft für mich, aber doch wenigstens zur Hälfte, oder gar völlig falsch war. Solche Erzählungen können mehr von mir herumgehen, als mir bekannt geworden sind. Eine gute Lebensbeschreibung, das heißt nur, die in Hauptsachen umständlich und durch- gehends genau wahr ist, trifft diese Erzählungen auf ihrem Wege an, und macht, daß sie nicht weiter in Betrachtung kommen. Ich wünsche, daß mir meine Freunde bei der meinigen helfen. Ich bedarf diese Hülfe; denn manches von dem, was mich betrifft, habe ich so rein vergessen, daß ich wohl eher, wenn mir Augenzeugen davon erzählten, ziemliche Zeit mit der Unwissenheit eines Fremden zuhörte, bis mir es endlich gewöhnlich kleine Umstände, und die dann sehr lebhaft zurückbrachten. Sogar Briefe, und nicht etwa gleichgültige, sondern Briefe an Freunde habe ich beim ersten Durchlesen bloß an meiner Hand gekannt. Wenn mir meine Freunde von dem, was sie von mir wissen, dasjenige anzeigen wollen, was ihnen in die Lebensbeschreibung zu gehören scheint, so werde ich doppelt Nutzen davon haben. Sie werden mich an manches, das ich nicht mehr wußte, erinnern; und ich werde von ihnen unter dem, was mir bekannter, als ihnen ist, wählen lernen. Es ist ihnen unverwehrt, mich auch zum Aufzeichnen dieses und jenes, das sie wissen möchten, und das ich sonst vielleicht übergehen würde, durch Fragen zn veranlassen. Vorzüglich angenehm werden mir Nachrichten von Eindrücken, die meine Arbeiten auf Ungelehrte gemacht haben, und Erinnerungen an Zeiten seyn, da wir so recht von Grund des Herzens mit einander glückselig gewcjen sind. Ich erkenne es mit inniger Dankbarkeit, daß ich es oft in meinem Leben und im hohen Grade gewesen bin. Auch habe ich mirs manchmal zum eigentlichen Geschäfte gemacht, tief anwendbar darüber nachzudenken, was---- — — Mürz 1800. Nicht Wenige haben mir ihren Wunsch gesagt, daß ich mein Leben schreiben möchte. Wenn ich dieser Erzählung auch nur einige Bildung gäbe und sie nicht ganz ohne Wärme 280 ließ; so klagte man mich dessen an, worüber ich, wenn ich's an andern sah, nicht selten gekachelt oder gelacht habe, des Stolzes oder wohl gar der Eitelkeit. Wer dieses mit mir glaubt, der verlangt keine Lebensbeschreibung von mir: wer es laicht glaubt, der mag wohl mit recht vielen Menschen umgegangen seyn, und nicht weniges über sie gelesen haben; aber kennen hat er sie nie gelernt. Ja, wenn Handschriften für Freunde dieß blieben; so wäre die Sache anders. 1800 . Ich suche ein Blatt umsonst, auf welchem die Ursachen standen, warum ich von meinem Leben nicht schrieb. Ich kann es aus dem Gedächtnisse nicht genau Herstellen; ich schweige daher lieber ganz davon. Wie ich geschrieben habe, wissen verschiedene; und mit der Zeit werden's noch mehre; (wer dieß nur durch andre kennt, kommt nicht in Betracht) wie ich gelebt habe, wissen meine noch übrigen Freunde, auch meine Feinde können's. Ich glaubte einst, daß ich dieser nicht hätte, weil ich es nicht verdiente. -ML« Drei Gebete eines Freigeistes, eines Christen, und eines guten Königs. Ans „Klopstock. Er; und über ihn" von C. F. Cramcr. Dessau 1782. 3. Th. 4«6. S. Des Freigeistes. Ach, wo soll ich mich hinwenden, Erstes der Wesen, daß ich dich finde, daß ich dich kennen lerne, wer dn bist? daß ich lerne, wer ich bin? Dieser stille Wald, diese deine Zahllosen, deine Geschöpfe um mich her, diese Schönheit der Natur, haben in meine Seele jene Ruh' zurückgebracht, die mich, nun seit Jahren schon so selten besucht; haben in meine Seele.. Doch ach! habe ich eine Seele? habe ich eine? O, Grab, Grab! entsetzliches Grab! wird etwas Unsterbliches von mir übrig seyn? Oder nimmst du mich ganz? Ganz, wie ich mich itzt fühle? du fürchterlicher, aufgeworfner Staub! du Verwesung! Und dann sollen jene Sonnen noch rollen? Und diese Lüste noch athmen? Die sind besser, als ich? O, Wesen! Wesen! Erster! Namloser! wer bist du? wer 282 bin ich? ich? Itzt fühle ich mich noch, so ganz, so sanft, so gewaltig, so ausgeschaffen! Und Morgen! Morgen vielleicht! (warum erbarmt sich die Ungewißheit des entsetzlichen Morgens, und läßt ihn halb für mich künftig sepn?) Morgen wird dieses ganze Geschöpf, das sich heute noch so sehr fühlt, dieß Gebäu deiner ungedachten stillen Allmacht, o du, den ich suche, und nicht finde! dieß Meisterstück! (o möchte ich's nicht kennen, noch Namen dazu haben!) morgen wird es ein tvdter Körper, den man kaum würdigt aufzuhebcn, und ihn mit Erde zu beschütten; dann bald ein modernder, geschwollner, abscheulicher Leichnam; dann ein wenig Staub sepu, der un- gesehn verfliegt, bis auch, sein kleines Theilchen, in der Tiefe des unnachgcbildeten Kleinen der Schöpfung verwest, und vielleicht die Bewohner seiner Sterne mit Dünsten der Pest anhaucht! Das alles werd' ich, morgen vielleicht, aufangen zu sepn! Aber dieses Bäumchen, dieser Zweig im Schvoße der Erde, noch schattenlos, mir diesen armen Sprößlingen, er wird den andern Frühling wieder blühn! Ist er zu größren Entzwecken geschaffen, als ich? Wenn er das ist, so will ich ihn ausreißcn, und hinwerfen, daß er verdorre, und keinen Frühling wieder blühe!.. O sUnerschaffncr!) Unerlöster! Unerlöster? Ach, wenn noch ein Schatten jenes goldnen Bildes von Unsterblichkeit über meinem jauchzenden Traume schwebte! Wenn ich noch der nachdenkende Knabe, der sanfte Jüngling mit der stillen rollenden Thräne wäre, die damals noch über meine Wange floß, wenn mein Vater den Namen des Unerschaffnen nannte, und zu mir sprach: Du bist erst sein Sohn, dann meiner! Ach, wenn diese Tage meiner zu gewissen Sterblichkeit wiederkämen! so wollte ich noch einen Blick in dis Gegenden mitternächtlicher Träume thun, wo Gespenster tvdter Wahrheiten herumwandeln, und sich mit 383 wunderbarem Blute färben! Was zitterst du für Gedanken, Nerven! oder Gehirn, oder Lebensgeist! oder wie du sonst heißest! Du Gestern! Du Augenblick! Noch einer vielleicht . du Nichts! Oder, damit ich doch etwas bleibe, du Etwas, das unendlich klein, dicht an's Nichts hin, zertrümmert ist! O, wenn dort erst mein letzter Staub verweste, und den Fluch der Schöpfung, den Tod, weit um sich her, auch dort verstreute! so fühlte ich diesen brennenden Widerspruch, dieses quälende Gezänk zwischen Tod und Unsterblichkeit in mir nicht mehr! Ach, dieses weit ausgewvrfnc Loos aller Gebohrnen, aber nur derer, die gen Himmel sehn, und weinen können; nicht jener, die, begnadigter, über dem Staube kriechen, oder unter der Wolke am touvollen Wipfel hangen, und, vielleicht! dem Schöpfer singen; wenn es anders so etwas ist, als was die Menschen Wahrheit nennen, daß Er Töne, und was nicht vielmehr, als Töne ist, Gedanken dazu, verlangt!... doch ich will meine Qualen hemmen! Ist Ließ die Stunde der Stille? die Stunde der Betrachtung, nach der ich so seufzte, und die so selten zu mir zurück kömmt! Aber, warum seufzte ich nach ihr? Warum kömmt sie itzt so selten wieder? Weil ich so elend bin! Ja, ich empfinde cs! ich empfinde es! Ich bin elend! Hat denn der, der jene Himmel mit diesem Lächeln froher Empfindungen (wenn sie Empfindungen haben!) überkleidete, hat Er mich so elend gemacht? Oder bin ich es selbst, der sich so elend gemacht hat? Ich will es heraus sagen! und es soll nicht mehr in meinem geheimsten Herzen herumschleichen! So wenig ich es mir länger verhehlen konnte oder wollte, daß ich ganz elend bin! so wenig kann ich oder will ich mir den Gedanken ferner verbergen: daß Er anfing! und ich das Werk seiner Hand vollendete! Cr drückte mich gegen die Erde! Ich wurde zu schwer, und 284 stürzte hin! Wenn man erst dort ist, wo Er nicht ist, im Elende, was kömmt alsdann ans einen Schritt oder Sprung oder Flug weiter, an? Diesmal habe ick den weitsten, un- absehlichsten Flug gethan, den ein Mensch thun kann! Ich habe Gott bei mir verklagt, und ihn verdammt. Ach! Wesen der Wesen!.. Das verdient' ich nicht: ich kann noch weinen! Ich darf dich nicht nennen! Ach, ich würde dich, Erbarmer! nennen, wenn ich dich nennen dürfte!.. Was habe ich gethan? Nun klagt er mich bei sich selbst an! Doch .. (denn ich kann noch weinen!) er würdigt mich nicht einmal, daß er mich verdamme! Ich kann noch weinen! Aber das ist ein fürchterliches Weinen!., was durchschauert mich? Fühle ich eine Seele in mir? Und diese Seele das erstemal in dem Augenblicke, da sie gerichtet wird? O könnte ich mich auf- machen, und eilen, und mit diesen Thränen der Vernichtung flehn: Erbarme dich über mich! Denn verflucht sey der Mann, der mich gezeugt! und das Weib, die mich geboren hat! Des Christen. Der Vorige nach einigen Jahren. Heut ist der Tag, da ich wieder zu Gott gekommen bin, der große feierliche Tag der Entscheidung, da ich's gewiß wußte, daß ich unsterblich war, daß Gott sich versöhnen ließe, und daß ich mit ihm versöhnt war. Ich will den jauchzenden Tag vor deiner stillen Allgegenwart feiern, o du, den ich niemals aussprechcn, aber zu dem ich ewig stammeln, mit heißem Herzen, mit lauten Thräncn, und mit Schauern, die jenes Leben hier beginnen, stammeln werde! Wie glückselig bin ich nun! Und wie fehlen mir auch hier die Namen! War' ein Unsterblicher gekommen, und hätte es mir in jener Zeit, da ich vor Gott floh, der mir mir allen seinen Erbar- mungen nachrief, hätte mir ein Engel in dieser dunkeln Zeit gesagt, daß ich es werden würde, was ich nun bin, ich hätte es nicht geglaubt, so elend war ich! O, Dank, Dank! aus diesem ganzen vollen Herzen, der es fassen, und nicht fassen kann, lauter, jubilircnder, ewiger Dank, daß ich geschaffen, und mit Gott versöhnt bin! Nun weiß ich, wer du bist? und wer ich bin? o du Naher! Hier um mich Gott, wie du es in der Unendlichkeit jener Himmel bist, die neue Unendlichkeiten gleich ferner Himmel auch nur mit den Gedanken 286 ersteigen; du hier, und dort, und da, und weiter hin! und weiter hin! (steh hier still, Seele! aber steh jauchzend still!) Du dort überall Allgegenwärtiger! Angebeter! Großer! Ewiger! Aber auch hier ist er um mich zugegen, hier, wo ich vor ihm anbete! Welch ein Gedanke ist dieser! Und wer kgnn ihn ganz hinauf denken, außer dem, der ihn werden hieß, und zu seinem Fluge sprach: Hier sind deine Gränzen! Wie selig bin ich! Hier ist Gott! — Gott war. Da war ich noch nicht! Und lauter Ewigkeit, einsame Ewigkeit ist dort hinter meinem Rücken! Gott ist! Und ich bin! Gott wird seyn! Und ich werde seyn! Er wird seyn, der er seyn wird! Und ich, waS er mich machen wird! Ein vollendeter Gerechter! Vor dem, der ewig ist? Ja, vor dem, der ewig ist! rein, und schuldlos, und einer der Begnadigten, die durch den Tod des großen Gebornen neu erschaffen sind! O du Strom der Glückseligkeit! O du Wonne deines Vaters! und meine! Namlosester unter allen, was die Stimme des Menschen, diesseits der Gräber, nicht aussprcchen, noch der Gedanke des, der den Tod sehn soll, begreifen kann; aber doch hier in meinem überströmenden, schauervvllen, anbetenden Herzen empfunden! Ich bin im Einsamen mit Ihm! Hier liege ich tief unten an seinem Blute, und schaue das hohe Kreuz hinauf. O führt alle Morgensterne vor mir vorüber, und laßt mich alle ihre Wonne sehn, und zeigt mir einen Anblick, wie diesen! O Empfindung! Empfindung! Die Gedanken der Wonne, sie strömen zu Tausenden in meinem Herzen empor, und ich kann sie nicht aussprcchen! Die ihr mit verhülltem Antlitze vorüber geht, Erstgeborne der Schöpfung, Anbeter, Schutzengel, Engel des Todes, und des Gerichts! gebt mir eure Namen, mit denen ihr ihn nanntet, da ihr ihn bluten saht! Ich will dich mit der Stimme des Menschen nennen, o du, 287 den meine Seele liebt! Mein Gebein soll dich noch in der stillen Verwesung nennen, und deinen nicht mehr blutenden Wunden entgegen schauern. Aber wie schön sind sie, deine quellenden Wunden! Mit welcher göttlichen Hoheit schaute dein letzter Blick herab, und brach! Wie neigtest du dein Haupt! O, dein letztes Rufen am Kreuze! Und — nun entschliefst du! O du Liebenswürdiger! Du Schöner! Du Großer! Du Angebeteter! O du volle Wonne meiner ganzen Seele! noch vollere, noch höhere, noch unaussprechlichere der jubili- renden, vollendeten gerechten, wenn sie nun auch über das Grab hin gelächelt hat. Aber auch dann will ich hier stehn! Hier auf Golgatha! hier, wo sein Blut hingequollen ist. Ich eile daun nicht mit zu jenen ewigen Hügeln, welche Erzengel mit Strömen ihrer Halleluja umtönen! Ich will hier auf Golgatha stehn, wo sein Blut hingequollen ist! Und wenn dann die neue Erde zu Eden anfblüht; so soll hier der Baum des Lebens, an meinen Füßen empor wachsen! Ich will seine jungen Sprößlinge entfalten, dann, unter seinen Schatten mit Augen, die Jubellieder weinen, zu dem aufschaun, der für mich geblutet hat! Wo verweilst du? Unter welchen Blumen liegst du verborgen sanftester unter den Freunden, schöner Tod? Du Tod des Christen! Komm, komm! und hülle den müden Wandrer im Staube, zween Schritte tiefer ein! Und du, den meine Seele liebt, du mit den schimmernden Wunden, schau' dann herunter, vom hohen Kreuze herunter, und erbarme dich meiner letzten Thränen, wie du dich meiner erbarmt hast, eh ich geboren ward. Des guten Königs. Nun ist der ermüdende Tag vorüber! Hat der erste schon so viel Schweiß? Aber ich will den Schweiß muthig abwaschen, und auf den großen Lohn schaun! Wie wallte mein Herz diesem stillen Abend zu! Nun ist er gekommen! Ich will alles, was bei meiner großen, unaussprechlichen Glückseligkeit menschliche Kleinigkeiten sind, vergessen, und mich ganz in mich hinein versammeln. Und nun — nun lege ich. Großer! Unaussprechlicher! Ewiger! nun lege ich meine Krone vvr dir nieder, und lasse mein ganzes Herz vor dein Auge hinströmeu! Du bist rund um mich allgegenwärtig. O wie jauchzt meine Seele, daß ich mich auf mein Angesicht werfen, und mit dem, der ewig ist, reden darf! Ich unterwiude mich nicht, die Geheimnisse deiner Vorsehungen, und ihre hundert tausend Tiefen, zu ergrübeln. Aber du weißt es, v du Schöpfer und Richter der Welt, wie meine Seele noch staunt, daß du mich über deine Tausende, der ich Staub, wie sie bin, zum König gesetzt hast. Vielleicht sind Engel, die vor dieser Würde zitterten. Ich zittre mit ihnen! verhülle mein Auge! und werfe meine Krone nieder! Ach! es wird ein großer Tag kommen! Laß mich denn, du furchtbarer Richter, eine beßre Krone mit Freuden niederlegen können! Du hast 289 mich zum Glückseligsten unter tausendmal Tausenden gemacht! Wer bin ich? Staub vom Staube, wie die Zahllosen, über die du mich gesetzt hast! Mein Vater war, was ich bin, und ich bin geworden, was er war! Daß sein Gebein sanft ruhe, und er vor seinem Richter freudig stehn möge! Mir aber sende deine Weisheit, daß ich der Lasten und des Schweißes, und der Ehre würdig sei), die du mir gegeben hast! O sende sie von deinem Himmel herab! Ein Engel führe sie mir zn! Und mein Auge sehe sie in ihrer Schönheit! Sie wollen mir lauter Blumen auf meinen Weg streun, daß die Blumen hoch aufwachsen, und mir die beßre Krone verdecken! Ich .will die Blumen zertreten, und auf die Krone schaun! Cr ist rauh mein Weg, ich kenne ihn wohl! Aber die Krone, die Krone! wie schimmert sie! Wenige Weife wissen wie schön sie ist, und noch weniger Könige haben's gewußt! Laß mich unverwandt auf ihren großen Lohn schaun! Denn mein Weg ist sehr rauh, und ich will der Blumen nicht! Ich weiß meine großen Pflichten. Anbetung, und heißes, ewiges Lob sey dir, mein Schöpfer und Gott, daß mein Herz willig war, sie zu lernen: ich soll deine Tausende glücklich machen! Aber der Weise und der Tugendhafte will auf eine andre Art glücklich seyn, als die Tausende. Laß mich den Weisen und den Tugendhaften nicht umsonst suchen! Ihn zu finden, ist der Anfang meiner Belohnung hier. Aber laß ihn auch seiner würdig bleiben, wenn ich ihn gefunden habe! Ach, zu oft vergaßen Könige im Taumel schlechter Freuden die Glückseligkeit ihres Volkes; und, auch nüchtern, war ihre Seele zu klein, den Weisen zu suchen! Nun sind sie gerichtet! Wenn ich sie dort sehen soll, wo die Krone, aus Hügeln aufgegraben, keine Würde mehr giebt; so laß sie mich mit den Freuden eines Manns sehn, der recht gethan hat. Ja, mein heißes Klopstock, vermochte Schriften. 19 290 Verlangen, meine gerungne, emporgehobne Hand, die Thränen meiner heiligen Pflicht bringen himmlische Freude in mein Herz! Ich bin ganz freudig! Ich fühle es! ich fühle es! hier in meinem schlagenden Herzen fühle ich es, daß ich recht thun will! Und du wirst meine tiefe Anbetung erhören, o du großer Menschenfreund! Du Schöpfer! Du Freund der Erschaffnen! Darum flehe ich dich nicht an, daß du mich vom Kriegsblute rein erhaltest! Du kennst den ganzen Ekel meiner Seele vor dem stolzen Erobrer, und meine Verachtung gegen ihn! Du weißt, wie mein Herz vor dem todtenvvllen Gefilde schauert, und wie ich ihn hasse den Lorbeer, der ans Blute cmporwächst! Aber wenn ein solcher Ungerechter kömmt, und mein theures Volk tödtcn will, denn will ich vor ihnen her- ziehn, und mit ihnen bluten! Und der Ungerechte soll sehn, daß der Gott der Könige und der Menschlichkeit mit mir ist! Das ist die Wonne meiner Seele, daß dein Auge meine Menschlichkeit sehn, und deine Weisheit mich immer lehren wird. Auf diesen Felsen trete ich sicher und jauchzend hin, und bin der Glückseligste unter den Menschen! Und nun soll mein ganzer Jubel vor dich hinströmen, daß du mich so glückselig gemacht hast. Aber mit welchem Namen soll ich sie nennen, alle die Freuden, die meine Seele füllen? Und ich bin (ich werde es ewig in meinem dankenden Herzen wiederholen!) ich bin, vor diesen tausendmal Tausenden, bestimmt, erwählt, auserkoren, von Gott anserkohren, sie alle zu Glückseligen zu machen? ich? — Welch ein weiter, offner Schauplatz! Welch eine Aussicht der Wonne! O, ich lasse dich nicht, mein Schöpfer und Gott! ich lasse dich nicht, du segnest mich denn mit der Glückseligkeit aller, über die du mir diese hohe Gewalt gegeben hast! Einem sterblichen Menschen ist eine solche Gewalt gegeben? Ach, einer, der im 291 Frieden schlummert, ein vollendeter Rechtschaffner, ein ganz Unsterblicher, er würde wiederkehren, und von neuem ein Sterblicher werden wollen, wenn ihm dieses höchste der Geschäfte, zahllose Glückselige zu macheu, gegeben würde! Komm spät, verweile dich lange, ach, komm spät, sanfter Tod, der auf mich wartet! Ich muß erst den Knaben, der itzt im Arme der Mutter weint, oder lächelt, zu einem glücklichen Manne machen! — Wie kann, wie soll ich dich, du großer Ewiger! tief genug für alle die Freuden anbeten, die du mir ohne Maß giebst! das ist der einzige Kummer meiner Seele, daß ich dich nicht genug anbeten kann. Aber du siehst ihre Fülle, ihren ganzen Strom, der sich fortreißen will, und nicht kann! Nun es soll dich, du großer Glückseliger! du Vater aller Wonne! jede meiner Thaten, jeder Gedanke, der die Thaten zeugt, soll dich still anbeten! Wenn ich die trocknende Thräue des Leidenden, wenn ich dieFrcuden- thräne meiner Glücklichen sehn, wenn ich ihren lanten Segen hören werde: dann, dann kann ich mich nicht mehr halten! dann eile ich in meine Einsamkeit! dann falle ich vor dir nieder, und weine vor Freuden! — Laß, v laß mich, mein furchtbarer Richter! in dieser Gesinnung mit dem festen Herzen eines Mannes bleiben, der thut, was er sich vornimmt! Erhöre dieß mein Gebet, und erhöre eS noch, wenn du mich schon oft erhört haben wirst, wenn meine grauen Haare mit allen Ehren eines Manns, der recht gethan hat, gekommen seyn werden! Dieß sey mir ein Zeichen, daß du mich erhört hast: und laß mich jede Schmeichelei, auch die feinste, und verdeckteste, und alle ihre Schlangenwendungen von ferne sehn; die Schmeichelei jedes Eiteln und Stolzen, der haben will, daß ich in meinem Hause unaufhörlich lächle! und nicht haben will, daß ich es wisse, daß der Elende in seiner Hütte 292 meint! Laß sie mich mit Thaten schrecken, die ihrer nicht bedürfen! Ja, selbst die gutgemeinte und sanfte Schmeichelei des rechtschaffnen Manns, der seiner Würde vergaß, laß auch sie mich sehn; aber niemals ahnden, niemals zürnen, daß auch er ein Mensch ist. Denn ich werde es selbst seyn, und ihm vielleicht zu froh vergeben! Erhalte mich in deiner Weisheit, daß ich es selten thue! — Dank! und laute Anbetung! und alle Wonne, die Sterbliche und Unsterbliche empfinden können, sey dem großen, ewigen Könige! Dem Unerschaffnen! Dem Glückseligen! Dem Liebenswürdigen! Dem Furchtbarsten 'der Richter! Dem Väterlichsten der Väter! Dem Wesen der Wesen! Von der Bescheidenheit. Aus „dem Nordischen Aufseher" 1. Bd. 28. St. Die Bescheidenheit ist nicht nur ein richtiges Urthcil, das wir über den eigentlichen Grad unsres Werthes fällen, und, durch unser Betragen, auf eine ungezwungne Art andern zu erkennen geben: sie ist auch eine beinah furchtsame Sorgfalt, daß wir dennoch in diesem Urtheile, wie streng und un- partheiisch wir auch gegen uns gewesen sind, geirrt und uns mehr gute Eigenschaften zugeschrieben haben möchten, als wir wirklich besitzen. Wenn dieses letzte nicht wäre, so würde man einen Bescheidnen zwar hochachten, aber ihm nicht die Liebenswürdigkeit zugestehn, die selbst den Stolzen für ihn einnimmt. Der Bescheidne hat, außer den angeführten Kennzeichen, auch noch dieses, daß er es nicht allein gar nicht zu scheinen affektirt, sondern diesen Schein so sehr vermeidet, daß sich über alle seine Handlungen diejenige Natürlichkeit und edle Einfalt ausbreitet, die auch dann schon, wenn sie nicht von der Bescheidenheit entsteht, und nur die Folge eines offnen und freien Charakters ist, einen Mann von Verdiensten entdeckt. Aber nur derjenige, der mit großen Verdiensten gleiche Tugenden verbindet, oder vielmehr, der durch die Ausübung seiner Pflicht, gegen welche alle andre Verdienste von geringem Werthe sind, groß ist, nur ein solcher kann die Vorzüge der Bescheidenheit in ihrem ganzen Umfange zeigen. Tl5 ^eneraux betitelte. Ich glaubte schon damals die französische Freiheit voranszusehn, und ich sagte es mit der Ergießung einer sehr lebhaften Freude und fast thränendcn Augen. Diese Ode hat Schwestern gehabt. Die Familie ist eben nicht zahlreich, aber dennoch dürfte sie durch den Tod von zwei oder drei nicht aussterben. Am 20. Februar 1792 schrieb ich au Larochefoucauld: (ich werde immer meinen Freunden treu bleiben, sie mögen todt, oder gefangen seyn:) „Da ich, mein verehrnngswürdi- „gcr Freund, nicht das Gluck habe, mit ihnen sagen zu „können: Die Konstitution oder der Tod, so sage ich den- „noch mit der innigsten Ueberzengnng meiner Bcharrsamkeit, „daß ich für die Konstitution bis an meinen Tod seyn werde. „Tief durchdrungen von dieser Gesinnung, glaube ich ein „französischer Bürger zu sepn, so weit ich es werden kann, „und als ein solcher wage ich cs, Ihnen einige Bemerkungen „mitzutheilen, die, wenn sie gegründet sind, vielleicht zum „Wohl des Vaterlandes beitragen könnten. Sie betreffen „eine sehr schwere Kunst, die Kriegskunst. Damit Sie es „aber nicht sonderbar finden, daß ick mich in eine Sphäre „wage, die nicht die meinige ist, so muß ich Ihnen sagen, „daß ich schon in meiner Jugend diese Knust stndirte, um „die Geschichtschreiber, vorzüglich die alten, zu verstehn; „z. B. Veno phon und Cäsar; und im siebenjährigen Kriege, „der für mich ein so gewaltiges Interesse hatte, fing ich dic- „ses militärische Studium wieder an. Seit dem habe ich „vielen Umgang gehabt mit Offizieren, die ihr Metier aus „dem Grunde kannten, und die noch mehr meinen Eifer, es „zu lernen, nährten. Dem ungeachtet so nehmen Sie meine Klepstock, vermischte Schriften. 22 338 „Bemerkungen für das, was sie sind, nämlich für das Schcrf- „lein der Wittwe. Die Franzosen können jetzt den Krieg in „ihrem Lande auf eine Art führen, die man noch nie gesehn „hat, und die-—" Aber ich verschiebe auf eine andere Zeit Ihnen die Abschrift dieses Briefes zn senden, denn jetzt drücken zn viel Arbeiten Ihre Schultern. Nein! cs ist nicht zn viel gesagt, Ir>I)ore5 delli contrn dslluns eenticifles. Die Republik ist noch keine Welt, und diese dellune möchten sie gerne wieder zum Chaos umgestalren. Wenn Sie jedoch einige Augenblicke Ruhe finden, so lesen Sie noch diese wenigen Zeilen, womit ich einen Brief an la Fayette vom 22sten Juni 1792 schloß. (Larochefoucauld hatte meinem Wunsche gemäß zu dieser Korrespondenz Gelegenheit gegeben.) „Hier ist mein zweites Scherflein der Wittwe. Befrachten Sie es, respektabler Mann, den ich wünschte mei- „neu Freund nennen zn können, mit der nämlichen Empfindung, mit der ich es gebe. Ich wußte wohl, daß, indem „ich es darbrachte, ich Laie mit einem Hohenpriester sprach; „dennoch aber konnte ich den Wunsch nicht unterdrücken, es „darzubringen, weil ich so sehr wünschte, meine Pflicht alS „französischer Bürger zn erfüllen, ob ich cs gleich nur durch „meine eigne Bestallung bin. Wenn Sie die Ihrige hinzu- „fügen, so werden Sie fortfahren, mein Alter zn ergötzen; „eine Ergötzlichkeit, die schon seit den ersten Strahlen der „französischen Revolution angefangcn hat." Die letzte Ode, die ich auf die französische Revolution gemacht habe, ist vom Monat April 1792, hier beiliegend *. Ich schickte sie dem Herzog von Braunschweig am 2. Juli. « S. Sämmtl. W. Lxz. b. Göschen isoz. unter der Ucberschrist- Der Freiheitskrieg. 339 Dieß war sehr spät, es ist wahr; aber bis zn seiner Abreise zur Armee glaubte ich noch immer, daß er für sich selbst Achtung genug haben würde, um in diesem ungerechten und zu kühnen Kriege nicht kommandiren zn wollen. Dem ohn- geachtet entschloß ich mich die Ode abzusenden, und sie mit einem Briefe zu begleiten, weil ich, obwohl so spät, hoffen konnte, noch einigen Einfluß ans ihn zn haben. Denn in großen Sachen ist nichts klein; alles macht Eindruck, und man kann immer daraus entspringende Wirkungen von einem großen Umfang erwarten. Hier ist die Ucbersctznng von dem Schluß meines Briefes: „Uebrigens ist es dennoch in Ihrer Macht, was ein anderer Feldherr, der keine Unterthanen zn beglücken hat, nicht „immer thun kann, das Kommando nicderznlegen, sobald Sie „nur wollen. Wenn Sie auch den Muth haben Sich Selbst „zn überwinden, und Sie dann ans den Scheideweg zurück- „kehren, um hier noch einmal zwischen der wahren und „scheinbaren Ehre zn wählen, so wird Ihre zweite Wahl, „wie ich glaube, die Wahl des Herkules seyn." Beklagen Sie mich; denn in meinem Leben habe ich nie so lange von mir selbst geredet. Da ich ein französischer Bürger und kein Fremder bin, so erfülle ich dennoch heute als ein Fremder meine erste Bürgerpflicht. Als ein solcher betrachte ich es als eine unumgängliche Nothwendigkeit, daß die Nation die Ungeheuer in Avignon bestrafe; so wie die, welche sich in Paris am 2. Sept. so sehr als Ungeheuer gezeigt haben. Die Deutschen sehen bloß diese Greuel, und verschlungen in diesen gräßlichen herzzerfleischenden Betrachtungen, vergessen sie alles, was sie in der französischen Revolution zuvor bezaubert hatte. Dieses schreckliche Gewölk hat bei ihnen den Tag in Nacht verwandelt; es ist für sie 3L0 kein Licht mehr, das auf die französische Schöpfung strahlt. Vielleicht werden Sie diesen Augenblick Sich Selbst sagen, daß ich wie ein Dichter rede. Wenn Sie mich aber kennten, so würden Sie es nicht sagen. Meine erste Bürgerpflicht ist also vollzogen. Ich habe eine große Wahrheit an Roland gesagt; aber ich liebe meine Pflichten, und fahre daher fort. Der König von Dänemark (Sie wissen, daß ich von Friedrich, dem Sohne Christian VII. rede) ist, nicht durch Usurpation, sondern durch die Konstitution der unumschränkteste König in Europa, und dennoch ist Er cs, der eine vollkommene Preßfreiheit bewilligt, und dem leibeignen Bauer sein Joch abgenommen hat; der zuerst unter allen europäischen Mächten befohlen hat, daß die Menschen nicht länger wie Waare betrachtet werden, und die Dänen nicht mehr zu ihrer Feldarbeit Neger-Sklaven brauchen sollten. So beträgt sich dieser unumschränkte König gegen eine Nation, die er nach den Gesetzen und wie ein Vater regiert. Sie wissen, wie er sich in Hinsicht unserer Mitbürger betragen hat, durch die Erklärung, daß er der Ligue der gegen Frankreich verbundenen Könige nicht beitreten würde; und wenn ich mich nicht betrüge, indem ich ihn zu errathen glaube, so dürfte er der erste unter den Königen scyn, der die französische Republik anerkennen, und mit ihr die Allianz, die er sonst mit dem Königreich Frankreich hatte, zu erneuern wünschen wird. Sodann wird es meines neuen Vaterlandes (indem ich dieß meinem Mitbürger Roland sage, glaube ich als französischer Bürger pflichtmäßig zu handeln) würdig scyn, mit diesem guten König sich durch eine auch für ihn so nützliche Allianz zu verbinden, daß sie ihn einem Volke, das ihn zum König konstituirt hat, noch theurer machen wird; 341 wodurch denn auch die Uebelgesinnten, deren es vielleicht unter diesem Volke, so wie überall und selbst in der französischen Republik giebt, von ihrem Jrrthum zurückkommen werden. Man hat selbst die Fremden, unter die ich jedoch nicht mehr gehöre, eingeladen, ihre Ideen über die zu machende Konstitution mitzutheilen. Vielleicht werde ich mich unterstehen, Ihnen über diesen so ernsten Gegenstand einige Zeilen, die ick Grundsätze der Konstitution nenne, zuzuseuden. Indem ich darüber nachdenke, so finde ich eine Sache, die mich beinahe erschreckt, und diese ist, daß es nur gar zu viel Franzosen giebt, die einen, wie es scheint, unüberwindlichen Hang haben, da zu befehlen, wo sie gehorchen sollten. Ach! wenn ich doch nur einen Augenblick mit Ihnen sprechen könnte! denn ohne Zweifel sind Sie bereits in diesen Abgrund gestiegen. Noch ein paar Worte, und dann will ich endigen. Nachdem ich recht das Glück empfunden, die Wollust genossen hatte, französischer Bürger zu sepu, so überließ ich mich noch andern angenehmen Empfindungen. Die erste betrifft Sie, den ich erwählt hatte, Ihm über mein Glück zu schreiben, noch eh ich wußte, daß ich Ihnen zu schreiben verpflichtet sepn würde; denn cs war mir unbekannt, daß Sie, vermöge des Dekrets vom 9ten Septbr. den Auftrag erhalten hatten, mir das Gesetz vom Asten August zu übersenden. Die zweite angenehme Empfindung war, daß dieses schöne Gesetz (es ist natürlich, daß ich ein wenig dafür eingenommen bin) mich zum Mitbürger Washingtons gemacht hat. Ilgmdourg, le 19. IXovemlire 1792. I'an rer üe Is ttepupliljue I'ran^oiso. 8alut et couronnes civicpies akolaull, Llinistre 6e I'In- terieur 60 la kepuliliciue l^raneoise, 60 I» part cle Ivlop- stoelr, cit0)eu lraneois. Il est impossilile 6e Meritor l'Iionneur, csue reeoit un etranger, au cjuel l'.^ssemlile Nationale 6e Vranee äetere le litre 6s cito;en. ll.a seule eliose, lpii I'en Luisse renäre 6igue jusciu' ii un eertain poiut, e'ost son eivisme an- tericur ü eette elevation unic>ue, Immortelle. 8'il x a un Iiomme, rpii liait presi^ue 60 parier 6e lui- meme, e'est moi, mais maintenant j'oso ou 6ois plutüt ne garäer plus cv sileuee, clieri 6epuis ma jeuncsse, paree c>u'il m'a toujours paru etre eu Iratornite intime sveo I'amour cle la gloire, et la moclestis. l'ai eommeneö ri montrer clu eivisme vers la liu iant s>as Io dondour Oe pouvoir «liro avoc Vous, man „ros^oetsdlo Vmi: I,a Constitution, on la mort! jo mo „«lis ^ourtaut avoc la porsussion la i>Ius intime clo ma „porsövöranco, quo je sor.ai pour I,-» constitution jnsqu' ä „ma mort. Vönötrö protonclomcnt clo eo sontimont, jo „orois ötro oito^en trau^ois au point, cjuo jo Io puis „clovonir: ol commo toi j'o8o Vous .iclrossor quolciuos rö- „lloxions, yui, si ello8 sont tonäöos, pourroiont t>out- „ötro avoir cxuolc^uo rapport au dien clo la katrio. dllles „rogaräont un art trös-cliMoilo, I'art clo la guorro; mais „pourvn ciuoVous no Io trouvos i>as singulior, quoj'entro „clans uno sildöro, qui n'est pas la mienno, il laut quo „je Vous cliso, quo clojil clans ma jounosso j'ai etucliö cot „art, pour ontenilro le8 distorions, princi,ialomont Io8 „anciens, p. o. Xonopdon et Laesar: ot la Zuorro „clo sopt ans a en pour moi un intöröt si puissaut, c^uo „j'ai res>ris mos ötuclos. ll'ai alors doauooup voeu avoc „«los olliciors prolonäs Oans locir motior, ot ooux lil „out diou uourri inon aräeur cl'appronclro. lVlalgro cela „Vous prouclros mos rollexious pour co, qu'olles sout, „o'ost il «liro, pour Io clouior clo la vouvo. Idos Vran^ois „peuvont iniiiutonkiut kairo la xuorro ödes oux cl'uno ma- „niüro, c>ui n'a jamais oxistö, ot c/ui - —" lUais jo remots I'envoi clo ootto lottro il uu autro toms, csr an- jourcl'dui Vous pösont sur los öpaules trop clo travaux; non, co n'est pas Io mot trop «Io ladoros dolli contra dolluas oontioipitos; la llvpudliciuo n'ost pas oneoro inoncie, ot cos dolluae la vouclraiont faire roclevonir cdaos. 8i Vous trouvös pourtant c)uol^ues 344 momen8 do ropos, 11808 eneoro co8 pou do I1ZN08, czui 1ini88ont uns lottro L la r,->xotto du 22 duin 1792. (I.L li o o k o k o u o k> u I d avoit, L inon soulnnt, donnö oeession L ootto oorro8pondenco.) „Voioi man 8oeond „donior ds 1kl veuve. liegsrdss Is, Hommo ro8pootr>1>Io, „cxuo jo voudr.ii pouvoir nommor ^.mi, svee Io meine „soMimont, »voo locjuol jo Io donno. do 8klvoi8 dien, „hu'on I'odVsnt, mol Ik>1c>uo, jo pgrlois Lun pontilo; msi8 „malgro colrl jo no pouvoi8 pr>8 rö8i8tor r»u do8ir do „I'vtlrir; tsnt simo-jo L ILiro mon dovoir commo oitoxon „krklncoi8, czuoiciuo jo no Io 80>8 quo do ma propre no- „minkltion. 8i Vou8 kijouIvZ Irl Vütro, Vou8 coutiuuö8 do „rooröor mo vioillo88o, c>ui I'kl dejL etö pr»r los prömior8 „rr»>on8 do Irl rvvolution 1r,incoi8o." I.kl derniöro odo, <^uo j'ni skiito 8ur Ik> rövolution frrlneoi86 , 08 t du inois d'.Vvril 1792. (Vou8 Ir» trouvös ci-jointo.) de I'ai onvoieo k>u Ono do 1Irun8uio Io 2. duil- lot. L'ötoit, il L8t vrai, liion tard; m,ii8 riu88i orÜ8-jo jusqn' L 8nn dopsrt pour I'armöo, qu'II 8 68timeroit .-,8808 8oi-inomL, pour no pk>8 vouloir oomingndor dsn8 eotto Auorro iniciuo ot trop Ilardio. Nslgrö cola jo mo 8ui8 dotorminö d'onvoior I'odo, ei do I'-icoompaZner d'uno lottro, parco cius jo pouvoi8 o8pöror d'klvoir, mömo 8i t.ird, oueoro ciuvlciuo intlnoneo 8ur lui. dar dgn8 Io8 8rr>ndo8 eko 808 rion n'o8t potit, tout x Iklit impre88ion, ot on 8'7 pout toujour8 klttendre L dv8 ctlot8 d'uno cor- tklino otendüe. Voi-ei I» trrlduotion do Ir» ün do mrl lottro: ,,.4u ro8to i! 08 t pourtrint dk>N8 Votro pouvoir, „commo c'o8t mömo dan8 oelui d'un OenvrklI, cjui n'r, ps§ „L rondro un peuplo koureux, do U 8 -meino, ot 8 i Vous „rotournö 8 -ilors r>u clcemin bivisiro pour ^ ekoisir on- „oors uno Ioi 8 ontro I'lionnour cxui I'o 8 t, ot eelui, c>ui Io „pciroit; Votro 8 oconc! elioix 8 ora, 8 olon co ciuo jo erc»i 8 , „oolui cl'UercuIe." klaignv8 moi,' ccir clo in» vio jo n'.ii psrlö 81 long- tom8 8 pourtant uujourcl'Iiui man Premier clo- voir clo eito;on, oommo ötr-in^er. L,ir commo toi jo 8e,ii8 gveo certituäo ontiero, c>u'il 68t cl'uno nece88itö at>8c»Iu6, quo Icc Nation puni888 Io mecirtriei8 ä'.Lviznon, ot oeux clo kur^, qui I'ont ötö 8i öminoment Io 2 . 80p- terndro. Le 8 ^IIom,incl 8 no voiont, quo 008 dorreui' 8 , ot <->dimö8 8 ouklient tout 00 cpii I08 svoit memo enolu,nto 8 i8o. 60 nu-i^o otlroi.ilclo lour u ctuinzo Io jour on nuit; il n'x a pour oux plu8 clo lumivro, c^ui lour Iui8o 8ur votro cröstion. Vvu8 vo»8 clite8 pout- ötro äau 8 eo Moment, ciuo jo parlo ou poöto: 81 V0U8 mo eonnoi 88 io 8 : Vou 8 uo Io 6 iriö 8 pc> 8 . Alon prümior clovoir 60 cito^on 08t clcmo fgit; j'si clit uuo voritö trÜ8- vraxo L k o I a n cl. LIcÜ 8 j'oimo mo 8 clovoir 8 , et jo ocmtinuo. I,o Roi clo vanomarlc jVou8 8»vo8, ciuo jo psrlo clo V r 0 8 p»r U8urpcition, mai8 psr lu con8tit»tion, Io koi Io plu8 c>b8olu clo I'Luropo: ot c'o8t pourtnnt lui, c;ui a clonnö lilcertü eutiöro rc la pro88o; c>ui cc vto Io joug su psl8sn 8ort; ci»i, Io promier ontro Ie8 Pui88»neo8 clo I'Luropo, ,1 orclonnö, cjuo äo8 I,ommo8 no 8vroient plu8 clo 8 marekgncli808 , c^uo I08 Oanoi 8 no pourroiont plu 8 346 Iniro Inbouror äo8 o8olnvo8 MZre8. HI 08 t eo koi sd8olu n I'eZarä ä'une Nation, cpi'il gouvorno 8elon Ie5 loix, et psternellemont. Vou8 8nvöe8, c>uol il kt öle n I'öAarä äo no8 Loneitoz'on5', on äeelarant, yu'il n'entro- roit pn8 änn5 Is liZuo äe8 lioi sllie8 contro Is Lrnnoo: et 8i jo ne me trompo PN8, en le eroisnt äevinor, II sors Is Premier enlre Ie8 IIoi8, qui rooonnoitra I--» Ilö- pndlicjne Irancoiso, ei cjui vouärs renonveller avoe In Lrnneo, Ilöpuläiquo, I'allinneo c>n' il n eu avee In Lrnnoo, Loinume. II 8ora äiZno nlor8 äo ms nouvello katrio (en äisant eoln s mon Loneito^en k o I n n ä, jo croi8 Iniro nn äovoir clo eito^on Lran^oi8) äiZno, äi8-js, äs mn nonvelle katrio, äo 80 lier avee oo don Loi pnr uno nllisneo 8i ntilo su88i pour lui, ciu'olle pui8se mems Io Iniro oncoro plu8 elrörir ä'un pouple, i^ui In con8tituo koi, et Iniro revenir äe leur erreur Io8 mnlvcillan8, 8'il ^ en nurn peut-vtro pnrmi eo peuplo, commo il x en n psr tont, et memo änns In köpndlicine Irsncoi8e. ÜIvmo Ie8 etranger8, et jo ne Io 8ui5 plu8, ont öte invites a communic^uor Ienr8 iäeo8 8nr In eon8titntion n Iniro. I'o8eroi8 peut-etro Von8 näre88vr c;uolc(uo8 Iigno8, c>no jo nommerni kriueipe8 äo Is Lomtitution, 8»r eot odjet 8i 8erieux, et 8i Zrnvo. Ln ^ pen8»nt, jo trouvo nno elio8o, pnr Ia<;ueIIo jo 8UI8 pro8c>no ellrniö; e'v8t, czn' il x n tant äo Lrsnooi8, qui ont un poneknnt, eomme il psroit, invineidlo, äo eommnnäor In, on i>8 äovroient odeir. 8i je Vou8 pouvoi8 psrlor un Moment! cnrVou8 eto8 8»N8 äoulo äöjn äo8eenän änn8 eet nlnmo. Lnoore c;uel^no8 mot8, ot j'ni Iini. ,4pre8 svoir dien senti Io Iionkour, 8nvouro In volnpte, ä'etro oito^on Lraneoi8, je me 8ui8 Iai88ö »Iler ä äoux 8cutimen8 eneore 347 Kien doux; le prämier: L'etoit Vous, que j'avois ekoisi pour Vous eerire sur mon konkeur, avsnt quo je savois, que je Vous en devois eerire; csr j'ignorois que, selon nn deerol du 9. Semptemkre, Vous sories ckarge de m'a- dresser la loi du 26. Vortt; le second: Lette belle ioi (jo suis nslurellement un peu prevenu pour eile) m'L t'ait Loneitoxen de ^VsskinZton. Das nicht zurückgeschickte Diplom. Aus der „Berlinischen Monatsschrift. 27. Vd. 1796. Endlich hört auch der Geduldigste auf es zu seyn, wenn man nicht aufhört, falsche Nachrichten von ihm zu verbreiten. Ich bin in diesem Falle. Denn vor kurzem noch fand wieder Einer für gut, (dießmal war's ein Engländer, Namens Playfair) daß er mich an die französische Nationalversammlung schreiben, und ihr mein Bürgerdiplom zurückschicken ließ. Ein Franzose, dessen Namen mir nicht einfällt, hat mir vor einiger Zeit in einem gelesenen Journale denselben Dienst gethan; und noch verschiedene Andre haben, wie man mir erzählt, mich ihnen auf gleiche Art verpflichtet. Der Urheber von diesem nun doch wirklich zu oft wiederholten Gerücht ist ein Deutscher, welcher, nicht völlig so stark im Dichten, als im Andichten, eine Ode in meinem Namen machte (die unter den Händen der beiden Ausländer zu einem Briefe wurde), und dabei kund und zu wissen that, ich hätte die Ode mit dem Diplom an die Nationalversammlung geschickt. Wer sich an die Stelle eines Andern setzen will, der sollte sich, deucht mir, vorher erst fragen, ob er diesen Andern auch 349 kenne. Meint er, daß die Frage überflüssig sei); so ist er in der Gefahr, daß er, indem er die Stelle verfehlt, nicht zu sitzen, sondern zn liegen kommt. Die Zurückscndnng des Diploms konnte mir nicht einfallen, und ist mir nicht eingefallen. Aber gesetzt, es geschah; so verwarf ich den Einfall. Denn ich hielt es gewiß für ungerecht, mich durch die Zurücksendung deßwegen wider die ganze Nation zu erklären, weil unter ihren Stellvertretern, den gewählten und den ungewählten (den Klubisten), nicht wenige Buben waren; ich hielt es ferner, auch darum, für undankbar gegen die Nation, weil ich durch sie Mitbürger von Washington geworden war; und es kam mir überdieß auch noch lächerlich vor, wenn ein Einzelner sich gegen eine ganze Nation erklärte. Warum ich dieß nicht gleich nach Lesung jener Ode, und jener Kundthuung, gesagt habe? Ich habe es nicht gesagt, weil mich ekelte von der Sache zu reden; und weil ich glaubte, man würde emsehen, daß ich die Ode nicht gemacht hätte, und würde daher auch an der gemeldeten Zurückscndnng zweifeln. (In dem Diplom wird anch der „renoneiation a topies eonquül.08" erwähnt.) Diejenigen, welche nicht gezweifelt haben, glauben vielleicht jetzt, da ich sie über die Sache verständige, (denn was kann der nicht alles glauben, der dort nicht zweifelte?) sie glauben, daß ich zn gelinde von den Verbrechern urtheile, die meine französischen Mitbürger in so hohem Grade elend gemacht haben. Dieß ist die Ursache, warum ich noch fortfahre. Folgende Stellen aus Oden, die ich in Zeitschriften drucken ließ, werden zeigen, wie ich von jenen Verworfnen denke. 350 An La Rochefoucauld's Schatten. (Im Fcbruar, 1793.) -So starbest du denn vergebens, dn Guter, Für dein Vaterland! waltet auf immer die Wuth Jener Empörer! tritt ihr Fuß auf immer die große Nation, mit des Hohns bitterer Lach' in den Staub! Duldet auf immer, daß sie gehöhnt daliege, die große Nation in dem Staub', unter der Wüthenden Fuß! Kehret sie (die Freiheit) nie zurück, die gen Himmel wieder emporstieg. Und versöhnen sie die, welche sie lästerten, nie! Die Verwandlung. (Im September, 1793.) Aber sie hatt' ihn (die Freiheit das Gesetz) kaum geboren, selber gehuldigt Ihrem lieblichen fröhlichen Sohn; Da entstand.. Gern nennt' ick's; (den Elendstiftern am liebsten!) Doch der Sprache fehlet daö Wort Für dieß Scheußliche. Ha! es beschloß zu verwandeln die Göttin; Und die Verwandlung gelang. Zwillingshöhlcn dampfen auf einem Crobererschlachtfeld, Werden bewohnt, Die von der Raubsucht, die von der wilderen Wilden, der Herrschsucht. Dreimal heulten sie, sprengten sie Blut, Schlugen dreimal ans ein Hohngelach; und das Namen- Lose war itzt von den Schwestern geweiht, 351 Hatte Beschwörung gelernt: die schrien sonst Zaubergesänge, Schreierin war die Beredsamkeit jetzt; Und ES verwandelte. Das Denkmal. (Im Scptcmbcr, 1794.) Wahrheit dn, und du, v Geschichte, wenn ihr vereint seyd: Schreibet Flammen der Griffel, mit welchem ihr zeugt von erhöhten Buben; und die Stimme, mit der ihr das Zeugnis; aussprecht. Spricht, ihr Rächenden! Donner aus. Rächet sie jetzt, die Menschheit, an Frankreichs Oligvkraten, Ernste Vergelterinnen! Zu schonend rügt der Verbrecher Tod; Europa will das warnende Schandmal, will die Ewige Pyramide sehn! Ich habe jetzt etwas gethan, was ich, weil ich es hasse, noch nie that; ich habe mich selbst angeführt. Und hiezn bin ich denn von Deutschen, von dem Andichter der Zurücksendung, und von denen die ihm glaubten, veranlaßt worden. Solchen Deutschen verbiete ich die Ode „Mein Vaterland" zu lesen, weil ich, da ich dieß Gedickt machte, sehr entfernt davon war, an ihres Gleichen zu denken. — Wie ich das verbieten könne? Sollte denn, antworte ich, Ho- razens Verbot: Ocki prolänum vuIZus, et areca! ganz ohne Wirkung gewesen seyn? Ich schrieb (den 16. Nov. 1794) an den Konvent. Ich ließ den Brief ins Französische übersetzen; denn er sollte in beiden Sprachen überschickt werden. Aber ich habe ihn zurückbehalten. Ich mache ihn jetzt bekannt; und das auch in 352 der Nebenabsicht, damit, wer mir etwa wieder die Ehre erweist meine Stelle einzunehmen, der Welt die Ursachen sage, warum ich den Brief nicht übcrschickt habe. Der Bürger Klopstock an den Bürger Präsidenten. Frankreich hat mich durch die zweite Nationalversammlung zu seinem Bürger gemacht. Die Freude über diese Ehre war nicht größer, als die über die neuen Pflichten war, zu denen jenes erhabene Bürgerrecht mich auffordcrte. An dem Thun der Pflicht gehört Gelegenheit, welche man entweder finden, oder wenn man vergebens sucht, schaffen muß. Ich fand nicht; und von der Unternehmung des letzten hielten mich zu viele Schwierigkeiten zurück. Ich that daher etwas, das in meiner Gewalt war; von dem aber wohl nur wenige einsehen werden, warum ich es mir zur Bürgerpflicht machte. Ich sagte sehr ernsthafte Wahrheiten über verabscheute Handlungen in einigen Oden (ach einst machte ich andere); die, wenn die Grazie mir günstig gewesen ist, welche die Griechen die furchtbare nannten, nicht untergehen werden. Ich rede von Handlungen, die zu der Zeit da sic geschah:,, die Nation verabscheute; und die jetzo alle ihre Stellvertreter verabscheu», wenn anders der ganze Eisberg zu einem blühenden, einst fruchttragenden Thale geworden ist. Ich nannte erst jene Handlungen den Abscheu der Nation. Ein nichts vergessender Freund hat sich hierüber vor kurzem so gegen mich erklärt: „Ich überschaue Frankreich. Die Zahl „der Mordgebieter war nicht groß: aber welche war denn die „Zahl der gehorchenden Mörder, und oft sogar aus Lust gehorchenden? welche der Gegenwärtigen, die hindern konnten, „sollten, nicht hinderten? welche der Zuschauer, die mit Bei- „falle, mit Kälte, ans Neubegierde, hinblickten? Und welche „ist die Zahl derer, die, wenn sie mit jenen in gleichem „Falle gewesen wären, auch gehorcht, nicht gehindert, mit „Bcifalle, mit Kälte, aus Nenbegierde, hingeblickt hätten? „Ich zähle jetzt. Ich habe gezählt. Ich fühle, daß ich blaß „werde. Gleichwohl spreche ich den Namen der Nation nicht „ans; ich darf nicht, mag nicht: allein die schreckende Zahl „zwingt mich, daß ich von einem gewissen weit ansgebreitetcn, „schon durch die Geschichte ruchbaren, Charakter der Franzosen nicht schweigen kann." So erklärte sich mein Freund. Ich hoffte nicht mehr zu der Ausübung von Bürgerpflichten Gelegenheit zu finden; aber ich habe sie, wie es mir vorkommt, in folgender Erklärung lFrimaire 30, Mcssi- dor 1) gefunden: „Die Konvention giebt dem eine Bürgcrkrvne, welcher die beste Abstufung von den Verbrechen macht, die allgemeines, und eigenes Elend zur Folge haben." Eh ich hievon mehr sage, muß ich etmaö erwähnen, das von nicht kleiner Bedeutung ist, und mit dieser Aufgabe in naher Verbindung steht. Ein Jahrhundert ist nur in so fern die Nachwelt der vergangenen, als cs, was in diesen geschah, mit historischer Gewißheit kennt. Aber unser Jahrhundert, diese Mitwelt der Revolution, ist für sie schon Nachwelt, weil wir keine Begebenheit mit so unwiderleglicher Gewißheit kennen als sie. Ich gebe Einiges als zweifelhaft zu; allein ich verliere dadurch nichts. Denn die Hanptzüge des großen schrecklichen Gemäldes sind unauslöschlich da. Wer durch sie zur Schau gestellt wird, den rettet nichts. CS helfen hier keine Verhüllungen; alle Schleier, wie sie auch immer gewebt fepu Klepstock, vermischte Schriften. 23 354 mögen, sind Spinnwebe. Die Mitwelt, oder die Nachwelt (man darf diese Namen hier das erstemal verwechseln) sie wird als Richterin sitzen, und den Ausspruch thun; oder sie ist vielmehr schon aufgestanden, und hat den Ansspruch ge- than. Bei diesem gehaltenen Gericht, hat man wenige Ursachen des Geschehenen nicht zu den einzigen gemacht; sondern man hat alle Ursachen ausgesucht, und sie ans die Wagschal gelegt. Ich glaubte erst, daß ich mich entschließen würde, bei jener Abstufung der Verbrechen Mitarbeiter zu sepn. Aber ich bin jetzt, nach genauerer Ueberlegung, so entfernt von diesem Entschlüsse, daß ich meine Verwunderung nicht verbergen kann, theils darüber, daß ein Preis, und zwar kein geringerer als die Bürgerkrone, dem bestimmt wird, welcher weiter nichts zu thun braucht, als daß er Auszüge aus einem guten moralischen Buche macht; und thcilS darüber, Laß nur daS Volk an die Folgen seiner Verbrechen erinnert werden soll, da es doch gewiß sehr aufmerksam auf alles ist, was die thun, welche durch das Gesetz über ihm sind. Aber sollte eine von Frankreichs Urversammlungen durch Preise belohnen wollen; und stünden diese auf den besten Beantwortungen der Fragen, die ich gleich «»zeigen werde: so würde ich Mitarbeiter um alle Preise seyn. Die Fragen sind: 1 . Darf man Hochverrat!) nennen, was die Stellvertreter dadurch oft wider die Nation thaten, daß sie sogar die Rechte des Menschen nicht als Gesetz beobachteten? 2 . Wodurch, und in welchem Grade, kann das Bose (zu diesem gehört auch die gerichtliche Ermordung nicht weniger 353 edler Männer, die durch Verdienst um die Freiheit hervor- ragtcn) das Böse wieder gut gemacht werden, welches die Stellvertreter als Gesetzlose in Beziehung auf die Rechte des Menschen, theils stifteten, und theils ans Furcht vor dem Tode nicht hinderten? 3 . Ist es nicht nothwendig, wir sagen nothwendig! daß für jedes Departement Aufseher eruaunr werden, die dort, wenn es möglich ist, noch nnermüdeter als die lacedämonischen Ephoren, darüber wachen, daß die Machthabenden, Richter und Andere, nach den Gesehen handeln? 4 . Müssen nicht die politischen untersuchenden Volksgesell- schaften dann gleich aufhören, wenn sic in handelnde ausarten ? 5 . Die Jakobiner (man sollte sie, bei ihrem rechten Namen, Jesuiten nennen) sind nicht Staat im Staate; sie sind Staat über dem Staate. Und sogar dieses ist ihrer Herrschsucht nicht genug. Denn sie strecken ihre langen Hände auch in andere Länder ans. So haben sie vor kurzem selbst in den amerikanischen Republiken Feuer zur Empörung angelegt. — „Durch welche Mittel der Entschlossenheit, und der Klugheit, kann es dahin gebracht werden, daß die jetzt nur dem Scheine nach überwundenen Jakobiner bei der Wahl einer neuen Nationalversammlung ohne Einflüsse sepn?" 6 . Durch welche feierliche Handlung muß das entweihte Pantheon, nach der Zertrümmerung von Marats Denkmale, wieder eingeweiht werden, eh darin das Denkmal der Arria 356 Cordai, deren That nicht Mord, sondern Nothwehr im Namen des Vaterlandes war, aufgestellt werden kann? Oder auch das eines Anderen? Denn Frankreichs Arria bedarf so wenig eines Denkmals, als es Roms bedurfte. Uns liegt es nur an der Wiedereinweihung des Pantheons. 7. Der höchste Gipfel der Größe, (wir reden nicht von der kleinen Größe, welche, ohne das Gute seyn kann) jener höchste Gipfel, welchen die Nation erreicht hatte, war, daß sie beschloß keinen Eroberungskrieg zu führen. Dieses ist das erhabenste, und das heiligste aller Gesetze, die jemals gegeben sind. Aber die Nation wurde dahin gebracht, daß sie .... „Was muß sie thnn, daß sie sich zu einem gleichen Gipfel der Größe erhebe?" Cs lebt vielleicht Niemand, der so innigen Antheil an der Revolution genommen, und der durch das, was die eben gesagten Wahrheiten voraussetzen, so viel gelitten hat, als ich. Die Konvention wird mir dafür, daß ich diese Wahrheiten gesagt habe, keine Bürgerkrone geben, ob ich sie gleich verdiene (durch Auszüge aus moralischen Schriften konnte sie nicht verdient werden); aber ich bin so froh, als wenn ich sie empfangen hätte, weil ich sie verdiene. N a ch sch r i f t. Eine Frage habe ich mir selbst gethan; und ich beschäftige mich jetzt mit ihrer nicht leichten Beantwortung: „Wodurch können (vorausgesetzt, daß es möglich sey) die jetzigen Stellvertreter das Zutraun der andern Nationen wieder erlangen. 357 welches im Anfänge der Revolution die frühem hatten?" Jene haben die Nation in einen Abgrund, (Selbst der stärkste Ausdruck hier bleibt hinter dem Geschehenen; man muß daher den, welcher sich nur richtig ansdrückt, der Uebertreibung am wenigsten beschuldigen) die Nation in einen Abgrund gestürzt, der noch tiefer ist, als der Gipfel hoch war, auf den sie einst geführt wurde. Jene goldene Zeit verging bald: und nicht seit kurzem ist, ich sage nicht die eiserne, sondern die bleierne gekommen. Ich leugne indeß nicht, daß Eisen mit dem Bleie vermischt sey; denn die Franzosen sind jetzt durch den Krieg groß. Es fehlt viel, daß das Zutrauen, von dem ich rede, durch das, was jetzt geschieht, wieder könne erhalten werden. Denn die Stellvertreter fürchteten den Tod noch mehr vor dem Volke, welches durch die allgemeine Zerrüttung, dieses Schooß- kind des Mordens, elend war, als sie ihn von den Oligarchen fürchteten. Daher der erzwungene Entschluß, durch Stür- zung der letzten (die Gefahr war hier kleiner) das Volk zu gewinnen, und sich zu retten. Die Stellvertreter haben jetzo den Schein, daß sie als Bürger Bürgern vorstehn wollen. Aber wie kann das zuschanende Europa diesem Scheine trauen, den die Noch gebar; da es möglich gewesen ist, daß sich der Glanz der beginnenden Revolution verdunkelt, und so sehr verdunkelt hat? An den Herrn Präsidenten des französischen National-Jnstituts (in Paris). (Antwort auf die Nachricht von seiner Ernennung zum Mitglieds des National-Jnsiituts.) Aus dem Jntelligenzbl. der Allgem. Litt. Zeit. Nr. 162 des Jahrg. 1802. S. 1303. ' Hamburg, drn 23 . Zull 1S02. Ich antworte Ihnen, mein Herr, in meiner Sprache, weil ich die Ihrige nicht genug kenue, um darin zu schreiben. So angenehm cs mir auch war, daß mich das National-Jnstitnt zum auswärtigen Mitglicde wählte: so nahm dieses Vergnügen doch dadurch nicht wenig zu, daß die Wählenden in mir einen Mann belohnten, der von wichtigen Begebenheiten der Revolution mit eben dem Tone der genau treffenden Wahrheit, in seinen Oden, geredet hat, mit welchem darüber die völlig wahre Geschichte einst das bleibende Endurtheil fällen wird. Jedes Mitglied einer Gesellschaft ist verpflichtet, etwas zu dem beizutragen, was ihre Aufmerksamkeit verdienen kann. Ich denke hierzu im Stande zu seyn. Ich habe Stellen aus den Dichtern der Alten, (auch laccdämonische Reden aus Thucydides) indem ich sie in meine Sprache übersetzte, verkürzt. Ich habe dabei die griechischen Sylbenmaße, 359 bis auf kleine, beinah unmerkliche Abweichungen, behalten. Aber ich habe zugleich auch, welches das Wesentlichste war, den Originalen weder etwas genommen, (wenn ich dieses that, so kamen die Verkürzungen nicht in Betracht) noch etwas gegeben, und selbst keine Schattirungen unberührt gelassen. Daß ich dies; alles thun konnte, verdanke ich nicht mir, sondern meiner Sprache; und wenn ich irgend ein Verdienst bei der Sache habe, so besteht es bloß darin, daß ich das Genie der Sprache, ohne daß ich wider seinen Freisinn handelte, ein wenig zu lenken wußte. Ich werde der berühmten Gesellschaft, die mir die Ehre erwiesen hat, mich zu ihrem Mitgliede zu wählen, einige der erwähnten Ucbcrsctzungen in dem Falle zusenden, daß sie geneigt ist, dies, Neue kennen zu lernen. Sie wird sich alsdann vielleicht darüber erklären, ob ihr noch eine europäische Sprache bekannt sey, die mit gleicher Kürze (um nur hierbei stehen zu bleiben) übersetzen könne. Welche Farben eine Nation, die eine solche Sprache hat, den eigenen Werken zu geben vermöge, brauche ich nicht zu berühren. Ich ersuche das National-Jnstitnt, die Erklärung meiner Dankbarkeit und Verehrung mit Güte anfzu- nchmen. K l o p st v ck. 1 . Ue Versetzung (aus der Isis). Klopstock an B o d m c r. Langensalza, lo. Aug. 1748. Schon lauge würde ich au Sie geschrieben haben, mein thcurer Bvdmer, hatten mich nicht immer die großen Lobeserhebungen abgeschreckt, mit denen Sie mich hi einem Briefe an Gärtnern überhäuft haben. Ich sah, wie Sie mich, Neuling, auf die Schwelle des Olympus setzten, und errvthete. Der Dank, den ich schuldig war, hätte mich verrathen; es hätte geschienen, als ob ich mich dessen würdig hielt. So wie ich Sie für aufrichtig halte, und glaube, daß Ihnen alles, was Sie gesagt, von Herzen geht, eben so mvcht' ich Sic bitten, auch mich dafür zu halten, und versichert zu sc'vn, daß die Bescheidenheit, mit der ich von mir selbst rede, nicht geheuchelt ist. Und nun kein Wort mehr davon! Ihr Urthcil über mich mögen Sie vor dem Richtcrstuhle der Kritik rechtfertigen. Jetzt — hören Sie mich an, wie ein Vater seinen Sohn — muß ich Ihnen sagen, daß ich Sie nicht nur verehre, sondern daß ich Sie liebe, und daß Sie, so wenig Sie es selbst wissen mögen, die größten Verdienste 361 um mich haben. Ich war ein junger Mensch, der seinen Homer und Virgil laS, und sich schon über die kritischen Schriften der Sachsen im Stillen ärgerte, als mir Ihre und Breitingers in die Hände fielen. Ich las, oder vielmehr ich verschlang sie; und wenn mir zur Rechten Homer und Virgil lag, so halt' ich jene zur Linken, um sie immer nacbschlagcn zu können. O, wie oft wünscht' ich damals, Ihre versprochne Schrift: Vom Erhabnen, schon zu besitzen, und wie wünsch' ich cs jetzt noch! Und als Milton, den ich vielleicht, ohne Ihre Uebersetzung, allzuspät zu sehen bekommen hätte, mir in die Hände fiel, loderte das Feuer, das Homer in mir entzündet hatte, zur Flamme auf, und hob meine Seele, um die Himmel und die Religion zu singen. Wie oft Hab' ich das Bild des epischen Dichters, das Sie in Ihrem Critischen Lobgedichte aufsicllten, betrachtet und weinend angcstaunt, wie Cäsar das Bild Alexanders; wie oft ergriff nicht -das wallende Herz mir Aengstliche Furcht und auf's höchste gespannt des Lobes Begierde. Das sind nun Ihre Verdienste um mich, freilich noch schwach genug dargcstellt. Doch, wenn Sie wollen, können Sie noch Größeres an mir thun. Der Messias ist kaum angefangen. Hab' ich so gesungen, dap ich Ihren Beifall verdiente, so werd' ich fernerhin noch Größeres singen; — denn mich erwartet der Thaten nun größere Reihe, Größeres Werk beginn' ich. Aber es fehlt mir an Muße. Und da ich von gebrechlichem Körper bin, und, wie ich vermuthen kann, mein Leben nicht hoch bringen werde, so ist meine Hoffnung, den Messias vollenden zu können, sehr klein. Cs wartet meiner irgend ein lästiges Amt; wie wollt' ich unter seinem Drucke den 362 Messias würdig singen können? Mein Vaterland bekümmert sich nicht um mich, und wird sich auch ferner nicht um mich bekümmern. — Aber hören Sie meinen Plan, nach dem ich, unter Ihrem Schutze, mein Mißgeschick zu überwinden hoffen darf. Es war vor einiger Zeit ein Dichter in der Schweiz, den Sie ohne Zweifel gekannt haben: der Herr van Haaren. Derselbe steht in großer Gunst bei dem Prinzen von Oranien, und der Prinz soll sehr großmüthig und freigebig seyn. Wie, wenn der mir eine jährliche Pension aussetzte? Wenn Sie mir hierin etwas helfen können, bester Bo dm er, so thun Sie es doch; aber ich möchte durchaus nicht, daß bei der Bitte mein Name gebraucht würde. Ich möchte mein Glück nicht Fürsten, ich möcht' es Bod- mern zu verdanken haben. Und nun führ' ich Sie noch, unter dem Versprechen des tiefsten Stillschweigens, in das innere Heiligthum meiner Angelegenheiten — Ich liebe das zärtlichste und heiligste Mädchen (au welches meine dritte Ode gerichtet ist) auf's zärtlichste und heiligste. Sie hat sich noch nie gegen mich erklärt, und wird sich auch schwerlich gegen mich erklären können, weil unser Stand sehr verschieden ist. Aber ohne sie kann ich durchaus nicht glücklich se»n. Ich beschwöre Sie demnach, bei den Schatten Miltons und Ihres seligen Knaben, bei Ihrem großen Geiste beschwör' ich Sie, machen Sie mich glücklich, mein Bvdmer, wenn's Ihnen möglich ist! Leben Sie wohl! Grüßen Sie mir Brcitingern, Hirzeln, und jenen Freund, an den Sie die Ode geschrieben haben, auf's freundschaftlichste. N. S. Ich unterrichte hier des Handelsmannes Weiß Sohn, welcher ein Dichter werden wird, der meinem Unterrichte keine Schande macht; auch hält sich hier der größte 363 Theil meiner Verwandten auf, die besser stehen als meine Eltern; hier endlich wohnt das göttliche Mädchen, das ich liebe, und das die Vruderstochter meiner Mutter ist. — Was nun immer, Ihrer Vermuthung nach, geschehen kann, sepen es Hoffnungen oder keine, das schreiben Sie mir doch, ich bitte Sie, sobald als möglich; befreien Sie mein von mächtiger Liebe ergriffenes Herz — könnt' ich's doch in der Ode nur andcuten, nicht völlig ausdrücken — von seinem Kummer, oder drücken Sie es ganz nieder. Dieß Aeußerste wird mir noch erträglicher scyn, als das stürmischwogende Meer unstäter Gedanken. Denn Sie müssen wissen, daß die Liebe mich, der ich sonst gleichmüthig und von festem Charakter war, bei ihrem plötzlichen Anfalle so erschüttert, daß ich kaum zu athmen vermag. Wahrlich, noch niemand hat so geliebt, wie ich, oder seiner ist noch nirgends Meldung geschehen. Leben Sie noch einmal wohl, und lieben Sie mich! 2 Klopstock an Bodmer. Langensalza, 27 . L-ept. 17 !>S. Hochedelgebvrner Herr, Thcuerster Freund! Das ist eine schöne Belohnung für meine Lieder, daß ^ ! ich's ans dem Mund eines der rechtschaffensten Männer gehört habe, daß er mein Freund scp. Wie zärtlich sind Sie ^ wegen meiner Unruhe bekümmert gewesen! Ich war sonst ! groß genug, nicht unruhig zu seyn; da ich's aber werde. 3 64 so finde ich einen Freund, der mich wieder in mich selbst zurückruft. Aber ich gehe gleichwohl mit langsamen Schritten in mich selbst zurück, und sehe mich noch immer nm. Die Schmerzen der Liebe (denn diese sind meine Hanptnnrnhe) sind so was Großes, daß sie es verdienen, so viel Gewalt über mich zu habein Diejenige, die ich liebe, ist jetzo am härtesten gegen mich; harter, als da ich das erstemal an Sie schrieb. Ihr Brief, die Empfindung, daß ich so edel und heilig liebe, und alle meine Religion, machen, daß ich hiebei nicht ganz unglücklich bin. Die wenigsten von diesen Empfindungen weiß sie; oder wenn sie einige davon entdeckt, so läßt sie mich nicht wissen, daß sie sie entdeckt hat; sie ist aber fähig, sie alle zu fühlen. Wie würde sie Ihren Brief empfinden, wenn ich ihn ihr lesen dürfte; und wenn sie mich liebte, wie würde sie mich mit ihren seelenvollen Augen ansehn! Sie hat eine gewisse Schönheit, die sie von allen andern unterscheidet. Ich kann Ihnen das jetzt nicht anders sagen, als daß sich diese Schönheit völlig zu meinen Liedern auf sie schickt. Vielleicht war ihr Laura ähnlich, die so sehr nach der Unsterblichkeit dürstete. Die Rad ikin, von der ich diese Aeilen in meiner Ode gesagt habe: Ach, warum starbst du, göttliche Radikin! Schön wie die junge Morgcnröthe, Heilig und still wie der Sabbath Gottes! gehört in diese Ordnung von Schönheiten, ob sie gleich von andrer Bildung war. Sie ist jugendlich schön; nicht wie das leichte Volk Rosenwangichter Mädchen ist, Die gedankenlos blühn, nur im Vorübergehn Von der Natur, und im Scherz gemacht; Leer an Empfindung und Geist, leer des allmächtigen Triumphirendcn GötterbUcks. Sie ist jugendlich schon, ihre Bewegungen. Sprechen alle die Göttlichkeit Ihres Herzens; und werrh, werth der Unsterblichkeit, Tritt sie hoch im Triumph daher, Schön wie ein festlicher Tag, frei wie die heitre Lust, Voller Einfalt, wie du, Natur. Ich weiß nicht, ob derjenige, dessen Schicksal mir so viel Schmerz ordnet, hier keine Glückseligkeit für mich sieht, wo ich so viel Glückseligkeit sehe; oder, ob er vorher sieht, daß ich die Freuden der ersten Umarmungen auszuhalten noch nicht fähig seyn werde, und daß er mich also erst ruhiger werden lassen will. So viel weiß ich, daß ich auf seinen ewigen Tafeln nicht den leisesten Zug hindern kann, und daß ich viel Beruhigung, insonderheit jetzt, da ich dieses schreibe, darin finde, daß ich mich ihm unterwerfe; und daß ich derjenigen, die ich so unaussprechlich liebe, die allerreinste Glückseligkeit, auch wenn sie mich nicht wieder liebt, ans vollem Herzen wünsche. Sehen Sie, ich mache Sic zum Vertrauten meiner geheimsten Gedanken. Meine übrigen Freufide wissen gar nichts von meinen Schmerzen. Selbst meinem liebsten Schmidt habe ich sehr wenig davon geschrieben. Ihren Vorschlag mit der Subskription habe ich meinen Freunden nach Leipzig mitgetheilt. Ich getraue mich, ans Ostern mit dem IV. und V. Gesang fertig zu seyn. Die ersten fünf Gesänge konnten einen Band ansmachen. Aber haben Sie nicht bei Ihren Zweifeln selbst noch ein zu gütiges Vorurtheil für unsre Nation's Ich glaube, daß man sie oft aufwecken müssen wird, eh sie nur merken, daß ein Messias 366 da ist. — Sie wollen den Messias in der Sprache des Ta sso recensiren. Es ist mir ein großes Vergnügen, den Verehrern des Tasso nnd den Bewunderern des Angelo bekannt zu werden. Ich habe in meiner Jugend den Namen des Tasso nie ohne Ehrfurcht nnd Unruhe nennen hören; und das Gemälde des Angelo vom Weltgericht zu sehen, möcht' ich allein nach Rom reisen können. Schicken Sie mir diese Reccnsion, sobald sie gedruckt ist. Jede Zeile Ihres Beifalls ist mir ungemein schätzbar. — Ein vielleicht zu eigensinniger Widerwille wider die Zuschriften ist Ursache, daß ich Ihnen noch zu überlegen gebe, ob es nicht besser sey, dem Prinzen von Wallis mit einem Privatschrciben den Messias zuzuschicken; nnd vielleicht wird dieß auch ein Fremder auf eine bequemere und mehr fruchtende Art thun können, als der Verfasser. Eröffnen Sie mir hierüber Ihre Gedanken so frei, wie ich Ihnen die mcinigen schreibe, und melden Sie mir, ob Sie vielleicht daö letzte übernehmen wollten? Das Sylbenmaß des Messias wird noch vielen anstößig sepn. Ich sehe, cs wird eine ziemliche Zeit dazu gehören, ehe man ausgemacht haben wird, daß brutsche Heramcter vor sich, und besonders zu einem langen Gedichte harmonischer und klingender sind, als deutsche Jamben. Die Fremdlinge im Homer werden sich darein nicht finden können, und man verlangt doch nichts weiter von ihnen, als daß sie eben den Ton auf die Worte eines Herameters setzen, den sie auf die Worte klingender Perioden einer Rede setzen. Einige Leser des Homer, die etwa dem Grammatikus Christ in Leipzig gleichen, werden der deutschen Sprache übelnehmen, daß sie nicht die griechische Sprache ist, und dem deutschen Hexameter eben die Regel verschreiben, bieder h omerische hat. Der Vers: Uedcr die Fclscn, üc krochen und donnern und tönten von ferne- 367 besteht nach deutscher Regel aus lauter Spondeen, bis auf die einzige letzte Sylbe in Krachen, die sie noch kurz zu- gcbeu. Diese Leute geben allgemeine Regeln von der Länge und Kürze der Sylben, und zwar nach der griechischen Sprache, anstatt daß sie dicß nach unsrer Sprache thun, und hauptsächlich auf das Verhältniß der länger» und kürzer» Sylben unter einander sehen- sollten. Man weiß es und giebt es gerne zu, daß der Vers der Alten vollkommener ist; ob man gleich auch sagen könnte, daß die neue Mannichfaltigkeit, die durch die verschiedenen Daktylen und Spondeen entsteht, eine Vollkommenheit mehr sey, die der Vers der Alten nicht habe. Der Gebrauch der Trochäen statt der Spondeen gehört auch hieher, und das Verhältniß ist beinahe eben das, welches zwischen den verschiedenen Daktylen ist. Meine Liebe zu einem harmonischen Verse hat mich zu dieser Ausschweifung verleitet. Äieß ist auch die Ursache, warum ich noch verschiedene von meinen Versen ändern, und künftig noch mehr auf den Wohlklang sehen werde. Ich sende Ihnen hier wieder eine Ode, die meine Liebe hervorgebracht hat. Diejenige, die sie am besten belohnen könnte, hat sie noch nicht gesehen; so furchtsam macht mich ihre jetzige Hartnäckigkeit. Ich habe mir niemals vorgenommen, Oden zu schreibe», und gleichwohl ist es so weit gekommen, daß ich welche gemacht habe. Dieß möchte aber noch zu verzeihen seyn, wenn ich mich nur nicht der Gefahr auSgesetzt hätte, mit Langen auf Einem Schauplatze zu erscheinen. Divmedes sagt beim Homer zu Glaukus: -so weit bist du in deinem Erkühnen Vorgeschritten, und hältst vor meinem langschattichten Speer still! Meiner Stärke begegnen nur Sohn' unseliger Väter: Bist aber du der Unsterblichen Einer vom Himmel gestiegen, O, so vcrmcß' ich mich nicht, mit ewigen Göttern zu kämpfen! 368 Sie handelten sehr edel, daß sie sich nach ihrer Unterredung umarmten, und ihre Waffen umwechselten. Verzeihen Sie mir diese kleine Ausschweifung. ES ist mir sehr gewöhnlich, wenn ich gegen meine Freunde recht vertraut bin, über meine Chrbegicrde zu scherzen. Diese Verse, die unter der Ode stehen, sind auS dem fünften Buche deS Messias. Sie scheinen mir deßwegen merkwürdig, weil ich sie meiner lieben Richterin einigemal hinter einander verlesen mußte. ES wäre hier zu weitläuftig, die ganze Verbindung zu sagen, in der sie stehen. ES sagt sie der Vater eines unsterblichen Geschlechts von Menschen, zu seinen Kindern, da er Gott zornig vorübergeheu sieht, und vermuthet, daß Gott vielleicht hinginge, die sterblichen Menschen zu tödten. Seine Kinder hatten vorher noch nichts von unS gewußt; vorher hatte er den Tod beschrieben. Was macht denn der vortreffliche H. vo n Kleist? Haben ihm die wenigen Stunden seiner Muße nichts mehr entlockt? Ich liebe ihn recht sehr. Ich erinnere mich derjenigen Stunden noch sehr wohl — es war ein schöner Herbstnachuüttag — da mich die Vorlesung seiner Gedichte so tiefsinnig machte. Ans diesen Nachmittag folgte ein Abend voll heiterer Freude. Ich habe viele solcher Abende mit meinen Freunden durchlebt. Und dieser bin ich nun aller beraubt, und statt ihrer den einsamen Schmerzen der Liebe ganz überlassen. Ich war den Abend recht voll Freude, und die Bekanntschaft eines neuen Freundes verdiente eS auch. Dr. Hirzel hat mich doch nicht bei Ihnen verklagt, daß ich bei diesen Versen, die gelesen wurden: Der Liebling wärmet die Hand im warmen Pelze dcK Mädchens; Es lacht daS Mädchen, nnd hindert ihn falsch — zu laut und zu jugendlich in die Hände klatschte? Ich bin deswegen recht in Sorgen gewesen. Bei diesem Abend fällt mir der Abend ein, da Gärtner von uns Abschied nahm, als ich ihn und mit ihm seine Freunde kaum hatte kennen lernen. In einer Ode auf meine Freunde, stehn diese Strophen davon: Die letzte» Stunden, da du uns Abschied nahmst, Der Abend soll mir festlich und heilig sehn! Da lernt' ich, Freund', wie sich die Edlen, Wie sich die wenigen Edle» liebten. Viel Abendstunden fasset die Nachwelt noch. Lebt sie nicht einsam, Enkel, und heiligt sie Der Freundschaft, wie sie eure Väter Heiligten, und euch Cxempel wurden. Er wird wohl nicht über Zürich nach Genf gehen. Er ist von den Grafen getrennt, mit denen er reisen wollte. Er ist ein freier Mann, und in der Religion unsklavisch, und sich selbst zu leben sehr gewissenhaft. Denen werthen Herren, die so viel Mitlcidcn mit Ab- badona haben, sagen Sie, daß ich selbst so wehmüthig über sein Schicksal bin, daß ich kaum so viel Gewalt über mein Herz habe, mich dem strengen Ernste der Religion, die über unser Herz ist, zu unterwerfen. Doch soll seine Geschichte, wie ich glaube, ihre Zärtlichkeit niemals zu gewaltig augreifen. Er ist zur Verherrlichung des Messias da. Bald wird er weinen, daß der Messias nicht auch sein Messias ist! Und beim Weltgerichte wird er so gewaltig um Gnade stehen, daß vor dem lauten Weinen des Menschengeschlechts und der Seraphim die Stimme der Donner nicht mehr wird gehört werden. Wie glücklich werde ich sepn, wenn ich bei Vollendung Klopstock, vermischte Schriften. 24 370 des Messias etwas zur Verherrlichung unsrer großen und ganz göttlichen Religion werde beigetragen haben! Wie süß und entzückend sind diese Vorstellungen meinem Geiste! Das ist meine große Belohnung, und die zeigen Sie mir, mein thencrster Freund, von ferne! Ich muß hier abbrechen; denn die mitternächtlichen Stunden kommen, und ich will mich meiner stillen Schwermut!) und meinen Thräncn ganz überlassen, daß meine göttliche Freundin vielleicht den Antheil, wovon Sie mir geschrieben haben, noch daran haben wird. Leben Sie wohl. Fr. Gvttl. Klopstock. 3. Klopstock an Bodmer. Langensalza, is. OkU-r. i7'w. Hochcdelgcborner Herr, Theuerster Freund! Wie sehr haben Sie mich durch alle Ihre großmüthigcn Bemühungen für mich gerührt! Und wie sehr gehört Ihnen das volle Herz meiner ganzen Freundschaft zu! Wenn Sie empfinden, daß Sie edel handeln, wenn Sie das Glück meinetwegen würdigen, sich nach ihm unter den Glücksclig- scheinenden nmzusehn, so empfinde ich eben so sehr, daß ich Sie zärtlich liebe, und daß ein Glück mir sehr anständig sepn wird, welches Sie, wenn Ihnen Ihre Unternehmungen gelingen, von der Hand der Vorsehung nehmen, und es mir zuführen werden. Der göttliche Poet, Uvung, sagt an 371 einem Orte in seinen Nachtgedanken, so viel kch davon mich erinnere: „Du hast die Welt sehr herrlich um dich her ge- gemacht, und die Sterne in ihren wunderbaren Kreisen dahergeführt, Gott! Aber eine Thräne eines Tugendhaften, die er über einen Unglücklichen weint, ist viel was Größeres, als dieß Alles!" — Ich weiß, Sie kennen mich so, daß Sie mir hier keinen Mangel des männlichen Muths im Unglücke vorwerfen. Mein Unglück besteht auch nur darin, daß mich einige äußerliche Umstände in dem Besitze desjenigen, was ich eigentlich Glück nenne, beunruhigen. Hievon nehme ich die Schmerzen meiner Liebe aus. Mein Ange ist schon an diese Aussichten gewöhnt, und ich rühme mich noch keines großen Muthes, wenn ich sage, daß ich, seitdem ich ein Jüngling bin, frei und standhaft meinem Schicksal in die Augen gesehen habe. Meine Eltern, die sehr rechtschaffen sind, haben Vermögen gehabt, und sind ohne ihre Verschulden unglücklich geworden. Seit der Zeit, da sie nicht mehr haben für mich sorgen können, hat mein theuerster Freund — Schmidt — unter meinen Verwandten, auf die edelste- Art für mich gesorgt. Ich habe die Fußtapfen der himmlischen Vorsehung mitten in meinem Unglücke oft bemerkt, und sie hintennach angebctet. Ich will hier abbrechen. Mich überfällt ein Schauer, daß ich diese Vorsehung kenne, und noch von Unglück rede. Aber das darf ich wohl noch sagen, daß ich mich sehr oft nach der heiligen Muße sehne, die ich der Ausarbeitung des Messias gern ganz widmen möchte. Diese Muße wünschte ich, um Gedanken, gleich nach ihrer Entstehung, und so zu sagen in der ersten Hitze ihrer Jugend ausbilden zu können, die ich mich, weil ich gestört werde, begnügen muß, nur mit einigen unvollkommenem Zügen, und nur mit wenigen kennbaren Merkmalen ihrer vornehmsten 372 Seite aufzuschreiben, damit ich sie künftig einmal wiederfinden kann, aber sie vielleicht oft nicht auf derjenigen Seite, wie ich sie zuerst dachte, und in der ganzen Eröffnung ihrer Aussichten wiedcrfindcn werde. Sie sehen leicht, daß noch viele andre Dinge meines Gedichts von dieser Muße abhängen. Doch ich will dieses auch der Vorsehung überlaffen. 4 . Klopstock an Bodmer. Langensalza, 5. Nov. 1746. Ich habe bis hierher gewartet, Ihnen etwas Entscheidendes von meiner Liebe entdecken zu können. Aber dieß geht bis jetzt noch nicht an. Ihren Brief an Madm. Schmidt, den ich immer zum Andenken meiner vielleicht unglücklichen Liebe heilig aufbehalten werde, habe ich ihr nicht gegeben. So sehr er mich entzückte, so sehr ich's wünschte, ihr ihn geben zu können, und so sehr sie ihn selbst würde geschätzt haben, so wagte ich's gleichwohl nicht. Ich habe ihn ihrem Bruder, dem ich mein ganzes Herz offenbart habe, geschickt. Er hatte schon vorher einen sehr zärtlichen Brief an mich geschrieben. Er hat mir geschrieben, daß diese Liebe dasjenige wäre, was er schon lange heimlich gewünscht. Er sagt unter andern: Freund, ich kannte dein Herz, des Mädchens Zärtlichkeit kannt' ich; Siehe, drnm bat ich sie dir heimlich vom Himmel herab. Er erzählt mir hierauf eine kleine Fabel, worin steht, daß ich zu furchtsam wäre. Das angenehmste dabei war, 373 daß seine Schwester meine Briefe, die an sie eingeschloffen waren, neugierig genug gewesen war zu erbrechen. Cr hat mir, da ich ihm Ihren Brief geschickt, einen ungemein zärtlichen Brief geschrieben. Es ist ein recht göttlicher Jüngling! Meine seiner Schwester so kostbaren Thränen, die ganze Nachwelt, die sich für mich interessirte, hätte ihn mit einem ehrerbietigen Schauer vor meine Liebe erfüllt. Ich will Ihnen hier keinen weitläuftigen Auszug ans seinem langen Briefe machen. Ich will Ihnen nur noch sagen, daß er an seine Schwester ohne Hülle schreiben will, und ihr Ihren Brief schicken. Ich weiß nicht, ob ich's wagen werde, ihr in dieser Zwischenzeit die hier bcigebogene alcäische Ode zu geben. Wie glücklich wäre ich, wenn ich alle Empfindungen meines Herzens darin hätte ansdrücken können! Ach, das göttliche Mädchen, wie sehr hat sie meine ganze Seele eingenommen! Ich will Ihnen nichts mehr von ihr sagen, aus Furcht, ich mochte es schwächer sagen, als es in dieser Ode steht. Ebert hat den Leouidas übersetzt. Die Geschichte von dem Te- ribazus und dcr Ariana hat mich so angegriffen, daß ich mir wie das marmorne Bild vorkomme, das über dem Grabmale eines tobten Helden steht. Sie werden in den letzten Stücken der Beiträge eine Elegie finden, in der ich meine F. schon damals im Sinne hatte. Um die Zeit, nämlich beinahe vor Einem Jahre, habe ich auch die inliegende Ode an Ebert gemacht, bis auf die an Sie gerichteten Zeilen. Ich will hier mein Schreiben noch einmal abbrechen, so ungern ich auch meine Antwort aufschiebe; vielleicht währt es nicht zu lange mehr, daß ich Ihnen etwas Entscheidendes schreiben kann. Wenn Sie mich lieben, mein theuerster Freund, so bitten Sie mir diese Liebe von dem Himmel herab. Ich würde ohne sie so unglücklich seyn, als ich zu seyn fähig bin. 37L 5. Klopstock an Vodmer. Langensalza, s. Dec. i7',S. Ich schreibe Ihnen von neuem, und melde Ihnen, daß mir das endliche Schicksal meiner Liebe immer räthselhafter verkommt. Was für eine Geschichte von aneinandcrhängenden Kleinigkeiten, die aber für mich nichts weniger als Kleinigkeiten sind, müßte ich Ihnen schreiben, wenn Sie nur einigermaßen etwas Gewisses daraus bestimmen sollten! Ich habe ihr diese letzten Alzäen nach einem Besuche beim Weggehn gegeben. Ich habe sie seitdem auch wieder gesprochen. Wenn ich eine kleine Verwirrung, eine kleine Röthe, und einige beinahe zärtliche Blicke ausuehme, so weiß ich nicht, was die Ode für einen Eindruck gemacht hat. Wenn ich nicht wüßte, wie ungemein zärtlich alle ihre Empfindungen wären, und wenn ihr nicht bekannt wäre, wie genau ich dieß weiß; wenn mir nicht alle kleine Wendungen ihres Urtheils über Gedichte von gleichem Inhalt bekannt wären — doch ich will hier abbrechen. Ich bin geneigter, lieber gar zu schweigen, weil ich Sie von diesen lieben Sachen nicht iliadenmäßig lang unterhalten kann- Ich muß mein Schicksal erwarten, ob mir gleich in der Welt noch nichts schwerer angekommen ist. <>ugll5 popules moerons plulomola 8ud umdra Viel noetem. Sie verlangen die Wirkungen der Ode von Salem zu wissen? Meine Furchtsamkeit hat es versäumt, sie ihr zu geben, und nun wollte ich dieselbe ihr nicht gern nach einer viel stärkern Ode geben. Ich schicke Ihnen hiemit eine Abschrift von Hallers 375 Brief. Das Original habe ich zu meinem Gebrauche, den Sie leicht errathen werden, zurückbehalten. Den Brief desto besser zu verstehn, müssen Sie wissen, daß ich mit Hallern vorher schon im Briefwechsel gestanden, und daß er sich meines Glücks wegen schon vorher, auf eine Weise, wie es einem so edeln Manne anständig ist, Mühe in Hannover gegeben. Die Sache betraf ein Amt für mich. Weil ich mich erklärt hatte, lieber einer Schule als einer Gemeine vorzustehcn (denn die Natur hat mir die Stimme eines Redners versagt), so war die letzte Nachricht, daß ich mich deswegen an Gefincrn wenden müßte, der mich bei dem Werlhof unterstützen wollte. Allein ich will einem Manne nicht das geringste schuldig sepn, der nicht crröthet ist, Hallern zu beleidigen. Bei dem Prinzen von Wallis kann vielleicht der Messias mein Glück machen, wenn er den Herren Glvver und Mailet bekannt werden sollte, welche bei dem Prinzen viel gelten. Weil ich einmal so glücklich bin, daß ich Ihnen alle meine Kleinigkeiten eröffnen darf, so muß ich Ihnen sagen, daß man mir hier von ferne zu verstehen geben lassen, daß man's nicht ungern sähe, wenn ich nach Ostern meine Hofmeisterstelle anfgeben würde. Dazumal, da mir die Liebe zu einer Hanptursache wurde, hieher zu gehn, hielt ichs nicht für so nöthig, dergleichen Verrichtungen zu übernehmen, als ich es haben würde, wenn ich ohne eine andre Zuflucht hier weggehn müßte. Die Veränderung meines Glücks durch den Prinzen und die Prinzessin ist ungewiß. Darf ich Ihnen also eine neue Bemühung meinetwegen Vorschlägen? Ich habe von einem hiesigen Buchführer vernommen, daß sich ein erlangischer Buchführer bei ihm nach mir im Namen der Akademie erkundigt hätte. Sic kennen M. le Maitre in Erlangen. Ich weiß nicht, was die Absichten der Akademie sepn könnten. Ich will Ihnen meine Absichten entdecken. Ich wünschte mir eine außerordentliche Profession irgend einer der schönen Wissenschaften, am liebsten aber der Beredsamkeit oder der Poesie, mit einem Gehalte, das mich nicht der Nothwcndigkeit anssetzte, den größten Theil meines Unterhalts selbst zu verdienen, welches mir insonderheit ans einer Akademie schwer fallen würde, deren Numerus noch nicht sehr groß ist. Ich könnte eine solche Stelle so lange übernehmen, bis sich meiner Muße eine günstigere Gelegenheit zeigte; denn ich bin ein wenig besorgt, daß vielleicht meine poetischen Jahre viel eher vorüber seyn werden, al-s andrer ihre. Zum mindesten werden dieselben nicht bis dahin reichen, da Miltons seine erst recht anfingen. Ihren Entwurf vom Erhabnen habe ich schon ehmals gelesen. Mein Verlangen, das ich Ihnen entdeckt habe, ist ans eine weitere Ausführung dieses mehr als louginischen Entwurfs gegangen. Mich deucht, es ist Ihrer würdig, den hohen Longin zu übertreffen. Aber wie würde cs Ihnen mit den Erempeln gehen, wenn Sie die unnachahmbaren Propheten nicht hätten? Wenn Sie des H, von Kleist Gedichte von dem Frühling einem Abschreiber anvertrauen dürfen, so weiß ich, daß Sie mir das Vergnügen, diese Gedichte nach so vielen Schmerzen zu lesen, nicht abschlagen werden. Ob der Verfasser des Noah, Der den Schlüssel hat, der mir mein Herz »mdreht. sein Gedicht ausführcn werde, und von wem, und wann der MoseS, dessen in den freundschaftlichen Briefen gedacht wird, werde geschrieben werden, wünschte ich auch zu erfahren. Komm, golduc Zeit, komm, die du die Sterblichen Selten besuchest, komm, last dich, Schöpferin, 377 Lav, besteö öund der Ewigkeiten, Dich über uns mit verklärtem Flügel. Ich würde Ihnen dasjenige, was ich noch von dem Messias fertig habe, übersenden, wenn ich's schon von Leipzig zurück erhalten hätte. Ebert ist nach Braunschweig zu Gärtnern gegangen; der hat es wahrscheinlich mitgenommen. In Leipzig ist niemand mehr von unfern Freunden als Geliert und Raben er. — Das Weltgericht wird ans diese Weise in den Messias eingetragen. Adam ist mit den anfersteheuden Heiligen. Dieser wird sich beim Messias sehr genau nach den Schicksalen seines Geschlechts erkundigen, und auf sein Anhalten ein Gesicht vom Weltgerichte sehn. — Die Religion der Herren Katholiken hat sich von mir alle Ruhe zu versprechen. Urtheileu Sie, ob dieß Gleichnis? dem, was ich gesagt, widerspricht? Ich kann es allenfalls weglaffen. Also sprach er (Satan). Sein Herz war voll der schwärz'sten Gedanken, Ungestalt und abscheulich daö Innerste seiner Seele, Und des ewig sündigen Geist's verborgenste Tiefen. Also liegen vorm Angesicht Gottes die tiefen Gewölke DeS iberischen Religionsgerichts, Mauer an Mauer, Abgrund an Abgrund, im Schooste der Erde, voll starrender Ströme Des vergossenen VlutS. Jetzt.winkt der tödtende Richter Seinen Mördern um sich; gleich tönen die eisernen Thüren In die Tiefen lnnab, das Winseln der Unschuld gen Himmel. Sah' ein Christ die Gewölke des Vluts, er ergrimmt' auf den Richter, Schlüge die Hände zusammen, und weint' um Rache zu Gott auf. Darf ich Sie wohl noch um etwas bitten, das Ihnen vielleicht eine kleine Ehrbegierde zu verratyeu scheinen wird? Wenn dieses wäre, (denn wenn konnte sie mehr zu entschuldigen seyn?) so würde ich's Ihnen frei gestehen. Sie ist es aber nicht, sondern es ist die Liebe. Diese heißt mich Sie bitten, wenn es ohne zu große Störung Ihrer Muße 378 geschehen kann, mir die italienische Recension des Messias noch dei meinem Hierseyn zu übersenden. Vielleicht daß das liebe, göttliche Mädchen diese Trophäen anlächclt. Aber noch eine wichtigere Bitte besteht darin, daß Sie mir-die Herren Waser, Künzlin und Heidegger, welche ich noch nicht kenne, bekannt machen. Ich verharre rc. Fr. Gottl. Klopstock. 6 . Klopstock an Bo dm er. Langensalza, 26. Januar 1749 . Hochedelgeborner Herr, Theuerster Freund! Zn einer Zeit, da sich der Minister in Hannover sehr nachdenkend besinnt, ob es auch den Erblanden Ihrer Großbritannischen Majestät wirklich zuträglich sep, wenn man mir eine anständige, nicht so arbeitsvolle Bedienung gäbe; da der Messias vielleicht in der Antichambre, wo doch Popens Bildniß steht, und wo Glover öfters durchgeht, liegen bleibt; da er vielleicht, weil er noch nicht schön gedruckt ist, von einer Prinzessin auf die Seite gelegt wird, deren Mutter doch ein Frauenzimmer allein deswegen glücklich machte, weil sie Miltons Tochter war; zu einer solchen Zeit sind Sie, mein theuerster Freund, so großmüthig, und laden mich nach Ihrer freien Schweiz ein! Wenn das einigermaßen eine Belohnung für Ihre Edelmüthigkeit sepn kann, daß ich Sie in Ihrem ganzen Umfange empfinde: Wohlan, 379 so nehmen Sie die Kleinigkeit dieser Belohnung an! Lassen Sie mich Ihnen noch was Zärtlicheres sagen. Ich will kommen, Sie bei den Gebeinen Ihres Sohnes zu sehen. Ich will kommen, Ihnen Ihre Thränen, die ich Ihnen vielleicht von neuem erregt habe, abzutrocknen; Sie müssen mir aber auch die meinigen abtrocknen; denn ich muß Ihnen sagen, daß sich das Schicksal meiner Liebe noch nicht entwickelt hat. Bald erklärt sich die Hoffnung mit einigem Lächeln für mich; bald ist alles räthselhaft. Ich weiß nicht, wie Ihnen die Sgche Vorkommen wird. Sie würde Ihnen vielleicht anders Vorkommen, wenn ich sie Ihnen ganz umständlich erzählen konnte. Ich will Ihnen nur zweierlei sagen; wider meine unvergleichliche Fanny müssen Sie deßwcgen nicht das geringste haben; und wider meine Furchtsamkeit auch nicht zu viel. Denn ich erzittre nur vor dem Gedanken, wenn sie meinen Charakter darin auch nur einigermaßen verkennen sollte, daß ich sie, auch in den geringsten Theilcn der Glückseligkeit, nur einigermaßen unglücklich zu machen nicht entschlossen bin. — Was ich sonst bisher von Ruhe genossen habe, ist meistens eine Folge dieses Gedankens gewesen: Wenn wir durch einigen Geschmack an tugendhaften Thaten, und durch einige kleine Edelmüthigkeiten, die uns nicht schwer ankommcn, ob sie gleich dem Pöbel schwer scheinen, einmal Miene gemacht haben, als wenn wir wohl tugendhaft seyn wollten, so kömmt die Vorsehung, greift unser ganzes Herz an, und thut eine große Frage an uns: Ob wir uns auch hier wohl unterwerfen, ob wir auch hier wohl tugendhaft seyn wollen? Sie sehen, daß dieser Gedanke von weitem Umfang ist. Aber ich wuudre mich gleichwohl, wenn ich meine Liebe dagegen messe, daß er mich aufrichten kann. Ich muß Ihnen aber auch frei bekennen, daß cr's nicht allein 380 rhut. Einige kleine Hoffnungen kommen mir bisweilen so lächelnd vor, daß ich noch nicht weiß, ob ich gewiß, oder wann ich zu Ihnen kommen werde. Wie würden mir Ihre schönen Gegenden, das heiterste Gesicht Ihrer und, wenn ich es sagen darf, auch meiner Freunde, die freie, und sonst so süße Muße, ohne meine Fan ny Vorkommen? Ich kann es nicht leugnen, ich bin bisweilen über die mir selbst ganz außerordentliche Zärtlichkeit zu diesem göttlichen Mädchen selbst erstaunt. Ich will Sie aber damit nicht weiter und nicht eher wieder unterhalten, als bis ich Ihnen etwas Gewisses sagen kann. Eine Ode an Gott, die noch niemand gesehen hat, will ich Ihnen künftig schicken. Sie schließt sich so: Das Lied des Sohnes, trunken in ihrem Arm Von süvcr Wollust, will ich erhabenen Enkeln, die, gleich uns, lieben, gleich uns Christen sind, seligen Enkeln singen! Ich weiß sehr wenig Italienisch. So viel habe ich aber doch sehen können, daß mich die überschickte Uebersetzung gut ausgedrückt hat. Von wem ist sie? — Die Minnelieder habe ich schon flüchtig gelesen; die schöne einfältige Natur darin hat mir ungemein gefallen; gleichwohl bemühen Sie sich nicht, sie mir zu übersenden; ich bin itzt nicht aufgelegt, die Sprache dieser edcln Alten, welches doch, sie recht zu verstehen, nölchig ist, zu stndiren. M. le Maitrc hat an mich geschrieben. Eine Profession daselbst ist so wenig erheblich, und noch dazu mit so vielen Schwierigkeiten umgeben, daß ich mich nicht darum bemühen würde. Sie haben mir diesen redlichen Mann auch zum Freunde gemacht. Mit welcher zärtlichen Freundschaft will ich Sie umarmen, wenn ich Sie einmal sehen sollte! Die französische Recension bitte ich mir bald zu schicken; MW 381 nicht meinetwegen, ob ich gleich dem Herrn Verfasser vielen Dank schuldig bin. Fanny pflegt zu lächeln, wenn man von mir spricht, und bisweilen entfährt ihrs gar, daß sie mich bei solchen Gelegenheiten mit den Britten vergleicht. — Ich kann mit meinen itzigen häuslichen Umständen ziemlich zufrieden seyn. Mein kleiner Weiß ist ein Genie; er will aber, oder muß, die Handlung lernen. Er liebt mich itzt sehr. Haller (weil er weiß, daß ich einmal in den Umständen bin) hat sich durch Werl Hof von ferne her erkundigen lassen, ob ich wohl den Unterricht seines Sohns in den schönen Wissenschaften übernehmen wollte? Und gleich itzt giebt man mir einen Brief zu lesen, den er deßwegcn an einen hiesigen Freund selbst geschrieben. Sie wissen es, was es für Unruhen sind, die mich in allen Sachen itzt so unschlüssig machen. Wenn Sie mir gelegentlich, statt der Minnelieder, die ^museinens de lliscxlems, nach denen ich mich lange vergeblich bemühet habe, schicken können, so wird es mir sehr angenehm seyn. Ich will Ihnen bald den Messias, so viel ich davon fertig habe, zur Kritik schicken. Wenn ich meinen Unruhen entwischen können, so arbeitete ich bisweilen einige kleine Fragmenrchen aus. — Eva, die mit dem Heiland von den Tobten aufersteht, errichtet eine besonders zärtliche Freundschaft mit der Maria. Maria mußte ihr die Geburt Jesu erzählen; sie schloß also: Und ein Schauer voll Ohnmacht befiel mich, da wurd' er geboren'. Wie aus einer tiefen Entzückung erwachend, sprach Eva: Und da wurd' er geboren, Maria, da wurd' er geboren! Ach, Maria, der Sohn deS Vaters! So sprach sic, und beide Sahen einander erstaunungövoll an, und konnten nicht reden, Sahen einander mit himmlischem Lächeln und thranendem Blick an. Ich bin Ihr Freund Fr- Gottl. Klvpstock. 382 7 . Klopstock an Bodmcr. Langensalza, 12, April i 7 w. Mein liebster Herr Bodmer. Wahrhaftig, es ist nöthig, daß ich zu Ihnen komme, wenn ich Ihnen die ganze Heftigkeit der Freundschaft, die ich gegen Sie empfinde, ausdrücken soll! Wie ungemein edel und wie manuichfaltig sind alle die verschiedene» Bemühungen, die Sie meinetwegen unternehmen! Doch ich will meinen Fuß von diesem großen Schauplatze zurückziehn. Ich müßte ein Buch voll Zärtlichkeit an Sie schreiben, wenn ich Ihnen alle Empfindungen meines Herzens gegen Sie schreiben wollte. Diese Meffiade will ich Ihnen einmal singen, wenn ich zn Ihnen komme; denn ich komme gewiß einmal zu Ihnen, mein Glück mag sich wenden, wohin es will. Der kleine Klopstvck, wie mich mein Schmidt immer nennt, wenn sein Herz am vollesten ist, kommt gewiß zu Ihnen, und verweint bei Ihnen vielleicht „Seufzer süßer Lust." Itzt hält mich die allmächtige Fanny zurück, aber auch sie nur allein konnte mich zurückhalten. Aber warum haben Sie meine Liebe an M. le Maitre und vielleicht auch an den H. von Hagedorn verrathen? Warten Sie nur, dafür will ich erst in meinem künftigen Briefe von Fanny schreiben. Also schreibe ich erst in meinem künftigen Briefe von Fanny, und in dem itzigen mache ich eine Sache mit Ihnen aus, die auch aufs Verrathen hinausläuft. Sie haben eine Ode, wie ich gehört habe, in die Freim. Nachr. drucken lassen, der ich gern erst noch ein Bischen von ihrem Stolze benommen 383 batte, und in der wirklich auch meine Liebe schon steht. Wie wird mir's geben? Was wird Fanny sagen? Giseke hat mir's noch viel arger gemacht; der hat Sie vielleicht verführt. Cr hat in dem dritten Stück der Neuen Sammlung die Ode: Wenn ich einst todt bin —drucken lassen. Rechtfertigen Sie sich ja dieser wichtigen Kleinigkeiten wegen. Sie müssen sich recht weitläuftig rechtfertigen. — Haller hat mir einen Brief von einem Engländer, Wetstein, zugeschickt, worin steht, daß dem Prinzen der Messias übergeben worden; daß er ihn, besonders in Betrachtung Hallers, wohl aufgenommen, und daß er sich ohne Zweifel nach dem Verfasser erkundigen werde. Ich habe mich nach reifer Ueberlegung entschlossen, selbst an Glov er n zu schreiben, der bei dem Prinzen viel gelten soll. Ohne die Liebe würde ich diesen Einfall unterdrückt habe». Was halten Sie davon? 8 . Klopstock an Bodmcr. Langensalza, 17. Mal I7',9. Fanny ist zu ihrem Bruder in die Messe gereist. Von daher erfahre ich, daß Sie an Nabener ein Packet an mich geschickt haben. Im Vorbeigehn will ich nur sagen, daß Raben er nur die Messen gewiß zu Hause ist. Zu einer andern Zeit würde, was Sie an mich schickten, oftmals lange liegen bleiben. Demjenigen Freunde, zu dessen Seele der Messias so genau angemessen ist, sagen Sie, daß er besser daran wäre als ich, weil mir die Neuheit und die erste Hitze 38-4 des Lesens gänzlich fehlte. Ein Jüngling, der ein liebenswürdiges Mädchen sähe, und es ans einmal für sich geboren fühlte, wäre glücklicher als die Mntter des Mädchens, die cs geboren und auferzogen hätte. Sagen Sie ihm ferner, daß ich von ihm besonders zu wissen verlangte, ob er den Abbadona selig haben wollte? — Mit Meistens Gedichte haben Sie mir eine rechte Freude gemacht. Fauny hat es auch gelesen, und es so lieb gewonnen, daß ich ihr das Manuskript habe schenken müssen. Die Stelle von der Nachtigall und von der himmlischen Doris haben meine ganze Seele bewegt. Kleist muß nothwendig sein Gedicht vollenden. Der König konnte wieder zu Felde gehn. Nach dem Gedanken, daß Kleist bleiben könnte, wäre mir nichts trauriger als die Vorstellung, daß auch seine Landlust unvollendet wäre. — Wie hoch ehren Sie mich, daß Sie der Evangelist meines Messias sepn wollen. Wissen Sie aber auch, daß Sie Ihre Lehre mit Wundern bestätigen müssen, und zwar mit keinen geringen Wundern? Sie verstehen mich, was Sie aus den deutschen breiten Köpfen machen müssen. Wenn Sie das werden gethan haben, so werden Sie nur halb so viel Beredsamkeit brauchen. 9 . Klopstock an Bodmer. Langensalza, 7. Juniuö. 1749. Ich habe nunmehr Ihre neuen kritischen Briefe erhalten. Fahren Sie fort, mich zu unterrichten. Es ist mir 385 ein ungemeines Vergnügen, mich von Ihnen auf die Spur neuer Gedanken dringen zu lassen. Mit dem jungen Menschen, auf dessen Angesicht alle Scenen aus dem Milton so lebhaft sich vorgestcllt haben, stehe ich auch in einiger Bekanntschaft; er läßt Ihnen sagen: Dann sollen erst meine Freunde und die Engel mein Grab mit Lorbern und Palmen umpflanzen. — Wie sehr wünschte ich. daß Ihr Freund den Dante übersetzte. Ich habe schon lange ein großes Verlangen gehabt, diesen Poeten zu lesen. Den Ceva kenne ich, und suche ihn, seitdem ich Ihre poetischen Gemälde gelesen, vergebens. Maria wird Even in meinem Gedichte die Geburt und Jugend Jesu erzählen. — Ich bitte mir von Ihnen und Herrn Breitingern, dem ich für die überschickte Schrift danke, Kritiken über meine drei ersten Gesänge aus; ich bin entschlossen, sie mit noch zwei neuen Gesängen, als einen ersten Band, auf Michaelis drucken zu lassen. Was halten Sie itzt von Ihrem ehmaligen Vorschläge einer Subskription? Und wie ist die Einrichtung derselben zu machen? Verschiedene Bnchführer liegen mich an, ihnen die Fortsetzung zu lassen. — Ich wünschte auch von Ihnen zu erfahren, ob die Juden keine Bildsäulen haben durften? Haller hat mir in diesem Gesichtspunkte eine Kritik wider die Bildsäule Hesekiels gemacht. Ferner, ob es Ihnen wahrscheinlicher ist, daß die Leiber der Heiligen zur Zeit des Todes Jesu aufcrstanden, oder ob dieß erst nach seiner Auferstehung geschehen? — Ich schicke Ihnen hier eine Ode, die noch niemand, die weder Fanny noch ihr Bruder gesehen hat. Ich habe sie noch vor Anfang dieses Jahrs gemacht. Sie ist oft die Gespielin meiner Einsamkeit gewesen. Ans dem Inhalte werden Sie leicht sehen, warum sie Fanny und Ihr Bruder nicht zu sehen bekommen haben. Nun wollen Sie auch das Klopsrock, vermischte Schriften. 25 Schicksal meiner Liebe wißen? Ich kann Ihnen nichts weiter sagen, als daß es mir itzt wahrscheinlich verkömmt, daß ich geliebt werde. Sie werden leicht sehen, daß bei mir nicht wenig zu dieser Wahrscheinlichkeit gehört. Wie glücklich wäre ich, wenn ich erst mit völliger Gewißheit sagen könnte: Wie stolz war ich, sie zu gewinnen; Auch dieser Ruhm verewigt sich! Veneider sie, ihr Königinnen! Und Könige, beneidet mich! Sehr viel kömmt hiebei darauf an, daß ich mein Glück mache. Wie groß wird itzt das in meinen Augen, was sonst so klein in denselben war! Ich weiß von Ihnen gewiß, daß Sie hiebei thun, was Sie thun können. Und welch ein theurcr Freund werden Sie mir dadurch! Von ihr geliedct will ich dir feuriger Entgegen wallen — Den Engländern bekannt zu werden, kann mir vielleicht einen Weg bahnen. Der H. von Hagedorn hat gemeint, ich müßte durch van den Hoek in Göttingen ein Exemplar an den Verfasser der Uebersetzungen aus dem Haller in Oentlsmsns Alnzarin besorgen lassen. Wollten Sie wohl deßwegen an Hallern schreiben, doch so, daß Sie Ihren Brief nicht an mich einschlügcn? Ich weiß nicht, ob ich meine Entschließung, an Glover zu schreiben, nicht ändern werde. Bestrafen Sie mich nicht, und antworten so langsam,.als ich meine Antwort lange anfgcschoben habe. Ich bin Ihr Fr. Gottl. Klvpstock. 387 10 . Klo pflock an Bodmcr. Langensalza, iz. Septbr. i?4s. Hochedelgebvrner Herr, Theuerster Freund! Ich bin jetzt beinahe von einer Krankheit ganz wieder hergestellt, die etliche Wochen hinter einander gewährt, und die, ob sie gleich nicht eben außerordentlich gefährlich war, mich doch sehr oft mit jener Welt beschäftigt hat. Ich habe zu dieser Zeit diese Verse gemacht, die ich Ihnen anvertraue, und die kein Freund von geringerm Mnthe als Sie und ich lesen darf. Sie heißen: Sey nur gegrüßt! ich sehe dich schon, dem Gvttmensch erlöste Himmel, mein ewigeS Land, der du mich im Schooße deS Friedens Unter den Schlafenden GotteS empfängst; indeö deckt die Erde Meine Gebeine, schon ißt (so wolle eS mein hoher Erlöser!) Da noch nicht mein heiliges Lied zu Ende gebracht ist. Jßo sollten die Lippen sich schon, die ihn zärtlich besangen, Ißt schon sollten die Augen, die seinetwegen vor Freuden Oftmals weinten, sich schließen, ißt sollten schon meine Freunde Und die Engel mein Grab stilllächelnd umgeben, und denken: ES sind GotteS Gedanke» nicht unsre Gedanken, sein Weg ist Unser Weg nicht! So beweint will ich schlummern, biS ich erwache^ Ein Gott würdigcrS Lied der neuen Erde zu singen. Ich bin jetzt so ziemlich in diese Welt zurückgekehrt, und da ich in meinen vorigen Gedanken an Sie gewohnt war, so ist es mir in dieser Welt sehr natürlich mich mit Ihnen zu beschäftigen, und zwar auf eine Art, die Sie vielleicht nicht vermuthet hätten. Ich stelle mir Ihren freundschaftlichen 388 Umgang, Ihre Freude, Ihre Wohnung, Ihre Aussichten und noch tausend andre Sachen vor, die ich Ihnen itzt nicht alle schreiben kann. Ich kann mich auch bei diesen Vorstellungen wieder freuen, ob ich gleich vor einiger Zeit von der Freude glaubte, daß sie nicht mehr für mich da wäre. In Betrachtung meiner Liebe geht mir's, wie den Königen, die man für glücklich hält, und die es doch nicht sind. Sic, und mein liebster Schmidt hielten mich für gewiß glücklich; aber ich bin es nicht. Ich kann jetzt davon weiter nichts sagen, als daß ich Sie recht zärtlich bitte, ja Fanny nicht anzuklagen. Ich werde also Ihre großmüthige Freundschaft annehmen, und zu Ihnen kommen. Ich habe Ihr Packet zwar noch nicht erhalten, aber des H. Heß Schrift ist mir von dem hiesigen Buchhändler zugeschickt worden. Was für Rcichthümer des Lobes hat er über mich ausgeschüttet, und wie freundschaftlich hat der liebenswürdige Mann dieß alles gethan! Aber wenn das inonstrsri cügito hier eine gewöhnliche Sache wäre, so würde ich mich nicht getrauen, auszugehn. Es wohnt in unsrer Nachbarschaft ein alter Lizent. der Medicin, der hat einst in einer Gesellschaft gesagt; Cs wäre eine große Ehre für die Stadt, daß sie mich in ihren Mauern hätte. Seit dem zufälligen Gedanken gehe ich hinten durch den Garten, daß mich nur der Mann nicht sieht. Wenn ich nach Leipzig komme, werde ich mich wohl incognito daselbst aufhalten. Hier kann ich mich noch so ziemlich öffentlich sehen lassen. Vor nicht langer Zeit, da Meiers Veurtheilung hier bekannt wurde, haben (zu meinem großen Vergnügen wegen des sichern Ausgehns!) eine ziemliche Anzahl Advokaten auf dem Gerichtssaale behauptet, daß Meiers Schrift eine Satyre wäre, und sie haben unter sich einen Einzigen armen 389 Märtyrer sehr lächerlich gefunden, daß er sich's einfallen lasse, das Gegenthcil zu behaupten. Meine Freunde, denen die Buchhändler bekannt sind, widerrathen mir alle die Subskription, weil sie, wie sie sagen, ihr geliebtes Vaterland kennten. Sie, mein liebster Herr Bodmer, haben mir hierzu ein Geschenk von einer großen Anzahl von Büchern gemacht. Aber erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie nicht gar zu gütig seyn müssen. Ich werde, wenn ich zu Ihnen komme, Ihnen dieses weitlänftiger ausführen. Lassen Sie mich's noch einmal sagen, wie freue ich mich auf Ihren Umgang! Was für ein himmlisches Leben wollen wir zusammen führen: Uns nur und Ihren Freunden bekannt, wie wollen wir uns, dem sterblichen Auge unsichtbar, freuen, unterdeß daß man mich in Ihrer Stadt für einen Reisenden hält, der gekommen ist, in Ihrer öffentlichen Bibliothek ein Manuskript abzuschreiben, oder für einen wunderlichen Menschen, der bisweilen stumm wird, und sich oft auf eine seltsame Art beklagt, daß er nicht auch die Gnade hat, unterweileu taub zu werden. Denn Ihre Stadt wird ja vermnthlich nicht ganz rein von Leuten seyn, die man Schwätzer nennt, und deren Gesellschaft, wenn man sich auch noch so klug zu- rückzuziehn glaubt, man doch nicht allezeit entkommen kann. Mich deucht, ich drücke Ihnen meine Freude nicht so lebhaft aus, als ich sie fühle, und sie auszudrücken wünsche. Vielleicht ist der jetzige Zustand meines Körpers daran Schuld. Ich will also hier abbrechen, und Ihnen bald wieder einen Brief schreiben, wenn ich im Stande seyn werde, mein Herz mehr sagen zu lassen. Ihr Klopstock. 390 Ich habe mich beinah entschlossen (wiewohl mir dieser Entschluß sehr schwer angegangen ist) mein Gedicht dem Prinzen von Wallis zu dediciren. An Glovern habe ich nicht geschrieben. 11 . Kl op stock an Bo dm er. Langensalza, 2 S. Noobr. i7»g. Mein liebster Herr Bodmer! Ich würde nicht so lange gesäumt haben, Ihnen zu antworten, wenn nicht mein Schmidt die Zeit her bei mir gewesen wäre, und ich nicht von neuem zweifelhaft geworden wäre, was ich Ihnen wegen meiner Reise zu Ihnen zu antworten hätte. Ich habe viel goldne Tage mit ihm gelebt. Gleichwohl habe ich das Vergnügen, Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen auf den Frühling dieß Alles selbst erzählen will. Ich freue mich den süßen Namen Bodmer, Vreitinger, Heß, Muße, Freundschaft entgegen, und horche, wie Schmidt sagt, diesen hohen Gedanken zu. Aber Horen Sie die Bedingungen, unter denen ich zu Ihnen komme. Meine körperliche Gegenwart muß in Ihrem Hause beinahe unmerklich sepn; sie muß da auch nicht die mindeste Veränderung Hervorbringen. Dieß vorausgesetzt, und als wenn Sie mir's mit dem Handschlage der Freundschaft im golduen Weltalter versprochen hätten, komme ich zu Ihnen. Ich bin schon in Gedanken sehr bekannt mit einer gewissen Gegend, die ich 391 die Zürchische nenne. Vielleicht irre ich sehr; unterdeß kenne ich doch nun eine reizende Gegend mehr in der Welt. Zn einer schönen Gegend gehören bei mir zwar anch Berge, Thäler, Seen, aber viel vorzüglicher die Wohnungen der Freunde; wie weit und in welcher Situation wohnen Brei- tinger, Hirzel, Waser, Tscharner, um Sie her? Und noch eine Frage, die anch einigermaßen bei mir mir zur Gegend gehört; denn Mein Leben ist nun zum Punkt der Junglingsjalire gestiegen — wie weit wohnen Mädchen Ihrer Bekanntschaft von Ihnen, von denen Sie glaubten, daß ich einen Umgang mit ihnen haben konnte? Das Herz der Mädchen ist eine große, weite Aussicht der Natur, in deren Labyrinth ein Dichter oft gegangen seyn muß, wenn er ein tiefsinniger Weiser seyn will. Nur dürften die Mädchens so nichts von meiner Geschichte wissen, denn sie möchten sonst vielleicht sehr ohne Ursache zu zurückhaltend werden. Dieß ohne Ursache ist gar kein Tadel dieser liebenswürdigen Unbekannten. Wenn sie auch wie Fanny wären, so würde es doch statt finden; denn ich werde wohl in meinem Leben nur einmal geliebt haben. — Hcnzi's Tod ist mir sehr nahe gegangen; nur hat mir das Scherzen bei so nahem Tode niemals gefallen. Ich bin vielleicht in diesem Falle zu ernsthaft. Wer zu dieser Zeit gezwungen scherzt, dem verzeihe ich noch eher, weil sein gezwungener Scherz anzeigt, daß sein Gemüth nicht in völligem Gleichgewicht ist. Wer aber so natürlich scherzt, wie Henzi, der sollte die Gegenwart seines Geistes zu was Größerem brauchen. Es müßte denn seyn, daß die Sachen der Zukunft ihm so ungewiß verkämen, daß er allenfalls entschlossen wäre, seinen Scherz in kurzem über die üble Stellung Petri an der HimmelSthüre fortznseken. Ich meine es gar nicht böse mit dem sei. Henzi. Ich lobe ihn gleichwohl wegen seines ge- setzre» Wesens. Ich würde ihn aber noch mehr und noch herzlicher loben, wenn er wie Lord Kilmarnok gesagt hätte: „Ach, Fester, es ist dennoch sehr schrecklich!" — Die Ode im sechsten Stück vermischter Sammlungen: Wie in einsamer Nacht — ist von Schmidcen. Wie gefällt Ihnen im vorigen Stücke LIiev^-LImsse-Jagd, und ihre Nachahmung? die Auferstehung? Ich werde künftig Cramern nicht mehr Cr amer, sondern den Verfasser der Auferstehung nennen. Die beiden ersten Strophen, und die: „Wie herrlich ist der Leib voll Narben" — scheinen mir ganz unnachahmlich zu seyn. Solche Oden nenne ich Psalmen. Ich habe mir schon ehmals vorgenvmmen, auch einmal Psalmen zu schreiben. Ihre französische Ucbersetzuug der Ode: Wenn ich einst todt bin hat meine alte Liebe zur griechischen Sprache wieder aufgeweckt, und in dieser habe ich in dieser Hitze einliegende Strophen übersetzt. Vielleicht dünkten sie Vielen nicht wohl griechisch; vielleicht hätte Alcäus selbst nicht anders geschrieben, wenn er in gleichen Umständen gewesen; vielleicht -Weil ich die Zeit meiner Abreise von hier noch nicht feststellen kann, so werde ich Ihnen von hier aus oder von Leipzig nochmals schreiben. Es ist mir sehr angenehm, H. Schultheß zum Reisegefährten zu haben. Ich habe an Werlhof in Hannover einen braven Freund gefunden, der suchen wird, den an den Prinzen dedicirten MessiaS durch einen Herrn von Schräder, der die tem;,oru s.'mcli beim Prinzen kennt, überreichen zu lassen. Ich bin sonst ein so großer Hasser der Zuschriften, als ich von ganzem Herzen bin Ihr Freund Fr. Gottl. Klvpstock. 393 N - Mi Nachschrift von Klopstock aus einem Briefe von Schmidt an Glei m. Lpzg. 9. Mai 1750. Ich kann Ihnen das jetzt nnr sehr kurz sagen, mein lieber Herr Gleim, was ich Ihnen bald in einem langen Briefe schreiben werde. — Ich habe Sie so lieb, daß ich, Ich wage es zu sagen, bald mit Kleist um Ihr Herz streiten werde. 13. Klopstock an Gleim. Laiigcnsalra, am Tage vor Pfingsten (den 17. Mai) i7so. Mein liebster Herr Gleim! Wie glücklich bin ich, daß die Zeit so nah' ist, daß ich Sie sehen werde! Da sollen Sie sehen, was ich für ein Herz habe, und mit was für einer unhomerischen Miene ich Sie umarmen will. Wären Sie nicht in Leipzig gewesen, und hätten da meine Reise in Ihre Gegend erfahren, so hatte ich es mit Ihnen ganz anders vor. Ich wollte ein Reisender seyn, der Sie und mich kennte, ich wollte bei mir schon gewesen seyn, und zu Kleist erst noch reisen wollen. Mich lobte ich nun ein Bischen, sonderlich von der Seite des Herzens, das versteht sich! Da hätte ich Sie nun ausforschen, da hätte ich Ihnen die ersten Winke herauslocken wollen, wie weit man es wagen dürfe, sich mit Kleist um Ihr Herz einzulassen. Es sind schon bald dritthalb Jahr (da ich seinen Frühling zuerst las), daß ich gegen Kleist einen viel bestimmteren Hang meines ganzen Herzens empfinde, als man sonst gegen noch ungeschne Freunde, wie edel man auch gegen sie gesinnt ist, empfindet. Ich liebe ihn so sehr, daß ich beinahe schüchtern werde, wenn ich mir vorstelle, daß Sie ihm hiervon etwas sagen könnten. Und welch ein neuer Wink des Himmels, daß wir Freunde werden sollen! Wir haben in einer Sache, deren Namen ich mich nicht mehr getraue anszusprechen, nur mit dem Unterschiede einerlei Schicksal, daß ich viel unglücklicher bin, als Ihr unvergleichlicher Freund. Wenn ich das Wort Lesen in recht eigentlichem und würdigen Verstände nehme, und Kleist einige meiner mitternächtlichen Zeilen gelesen hat, so ist er mein einziger Leser, der mich versteht. 14 . Klopstock an Bodmer. Quedlinburg, den s. Juni 17»!> * (17S0). Ich habe Ihnen gleich schreiben wollen, so bald ich hier angelangt senn würde. Aber Schmidt ist mit mir gereist; * So sieht in den „Briefen berühmter und edler Deutschen" ic. Der Inhalt des Brieses aber, nämlich Klopsiocks Entfernung von Langensalza, welche im Frühling 17S0 geschah, sein Versah, zu Vedmer zu reisen, die Unterredung mit dem Abt Jerusalem, der Antrag VernsierffS re. läßt bermuihen, daß er im I. I7so geschrieben scy. wir sind bei Gleimen gewesen. Schulthcßen habe ich auch hier und in Halberstadt gesprochen. Jetzo bin ich allein und da schreibe ich an Sie. Morgen wird Schmidt und Gleim wieder zu mir kommen. Sie sehen eine kurze Geschichte von mannichfaltiger Freude. Wenn Sie so oft nicht zu Hause gewesen sind, als wir Ihren Namen genannt haben, so müssen Sie recht vermißt worden seyn. Manchmal glaubte ich Ihren Schatten über dem Bilde des jungen lächelnden Ramders schweben zu sehen. Dort sah ich langsam heilige Schatten gehn, Nicht jene, die sich traurig von Sterbenden LvShüllen, nein die, welch' im Schlummer Geistig vom göttlichen Trinken duften. Wenn Sie hätten die Freude, wie einen jungen Proteus unter uns sehen sollen! Wie oft habe ich das gewünscht! Gleimen und mir ist Schuld gegeben worden, wir wären die verlornen Schildwachen des guten Geschmackes, oder nach Gottscheds Aussprüche die poetischen Herrenhuter, weil die dem Blocksberge so nahe wohnten. Gleim sagte, man wohne am nächsten und könnte wohl gar, wenn die Gefahr groß würde, ein Ueberläufer werden. — Warum haben Sie mir anS ihrem „Noah" ein Geheimnis' gemacht? Wissen Sie wohl, daß ich Sie nunmehr noch mehr liebe? ob ich mir gleich keine Bedingung vcrmuthet hätte, unter welcher Daher hat er auch hier seine Stelle. — D e Unrichtigkeit dieser Angabe gewinnt noch mehr Wahrscheinlichkeit, weil auch die übrigen drei Briefe, welche Sta'udlin ausgenommen hat, in der Jsiö, wo sie sich ebenfallö befinden, falsche Angaben deS Tagcö und Jahreö an ihrer Stirn führen. So ist der Brief Nr. 8 von Sta'udlin vom 12. April, in der Jsiö vom 17. Mai 1749 ; der Brief Nr- 9 von Sta'udlin vom 17. Mai, in der JsiS vom 7. Junius 1749 datirt. A. d. H. 396 dieses geschehen könnte. Ich habe den dritten Gesang auch schon gelesen: .,0 quoties el ciurrnlit miki Lalalea Ioeul3 68l! t'arlem 3liljur»m venU (jivüm reseralis 3ure5." Aber mit welcher zärtlichen Unruhe der Freundschaft muß ich Ihnen sagen, daß ich meine Reise zu Ihnen noch aufschieben muß. Ich habe keine Vorrede, keine Umschreibung gebrauchen wollen. Wenn dieser Verzug Ihnen so nahe gehr, als mir, wie glücklich bin ich nicht. — Ich will Ihnen die ganze Sache sagen, welche Hindernisse ich beinahe ganz aus dem Wege geräumt hatte; und welche neue (welch ein Glück für mich, daß Ihnen diese neuen so angenehm seyn werden), meine Reise diesen Sommer nicht zulassen.-Abt Jerusalem bot mir eine Hofmeisterstelle am Karolino an. Die Sache schlechtweg hätte mich nicht einen Augenblick in meinem Entschlüsse wankend gemacht. Aber er wollte mir mehr Muße (als den übrigen Hofmeistern geben), zweitens hatte es viel Wahrscheinlichkeit, daß ich in Braunschweig mein Glück und zwar nach meinem Geschmack machen könnte. Ich hatte Eberts Erempel vor mir; der ist mit einem guten Gehalt Professor des Erbprinzen geworden. Die Nähe meiner Vaterstadt und deren Freunde in Braunschweig, war auch von starkem Gewicht. Ich war lange zweifelhaft, zuletzt aber entschlossen, zu Ihnen, mein liebster Bodmer, zu kommen; hierauf habe ich nun vor wenigen Tagen, einen Brief mit dieser Nachricht bekommen. Der Herr Baron von Bernstor ff, ehemaliger Gesandter des Königs von Dänemark in Paris, geht von Paris zurück, die Stelle eines Staatsraths in Kopenhagen anzunehmen. Er kehrt in Hannover bei seinem Bruder ein, und sagt daselbst, er wolle mir bei seinem König eine Pension auswirken, und wenn mein 397 „Messias" vollendet wäre, könnte ich eine Hofpredigeroder Professvrstelle bekommen. Wenn ich nach Braunschweig ginge, sollte ich mich nicht auf lange Zeit einlaffen, oder sollte mich sonst nicht weit entfernen, weil meine Gegenwart vielleicht bald in Kopenhagen nöthig wäre. — Ich will nur eine Hauptanmerkung hiebei machen. Ich werde eben nicht immer in Kopenhagen seyn müssen; und dann weiß ich schon, wer derjenige ist, zu dem ich auf den Flügeln der Winde kommen werde. Schreiben Sie ja bald an mich, mein liebster Herr Bvdmer, es ist zu meiner Ruhe nvthig zu wissen, was Sie dazu sagen. — Ich habe meine Eltern und Geschwister in sieben Jahren nicht gesehen. Denken Sie diese Freude! Meine Eltern denken mit Hochachtung und Bewunderung an Sie, und meine kleinen Brüder horchen hoch auf, uud bewundern den Schall eines Namens, den sie mit dem großen Manne begleitet hören. Und was hätte ich Ihnen nicht noch mehr zu sagen, wenn mir nicht hiebei unser vielgeliebter Herr H eß einfiele, dem ich diese Scene zu sehen wünschte. Was macht der edelgesinnte Mann? liebt er mich noch? und wie lauge wird er noch zürnen, daß ich meine Worte so schlecht halte? Ich weiß, Sie lieben mich beide noch, wie ich Sie liebe. Kl opstvck. 15 . Klopstock an Schmidt. Winterthur, den 1Z. August 17 S 0 . Ich bin hier, Sulzer, Schuldheiß, Waser und Künzli zu besuchen, und die ersten beiden wieder mit 398 zurück nach Zürich zu nehmen. Bodmer ist auch mit hier, und ich nehme ihnen eine schöne Morgenstunde, an Sie zu schreiben. Ich hätte Ihnen sehr viel zu schreiben; ich will mich aber nur bei der Fahrt auf dem Zürchersee aufhalten, die mir ehcgestern ungemein viel Vergnügen gemacht hat. Ich kann Ihnen sagen, ich habe mich lange nicht so ununterbrochen, so wild, und so lange Zeit auf einmal, als diesen schönen Tag, gefreuet. Die Gesellschaft bestand aus sechzehn Personen, halb Frauenzimmer. Hier ist es Mode, daß die Mädchen die Mannspersonen ausschweifend selten sprechen, und sich nur unter einander Visiten geben. Man schmeichelte mir, ich hätte das Wunder einer so außerordentlichen Gesellschaft zu Wege gebracht. Wir fuhren Morgens um fünf Uhr auf einem der größten Schiffe des See's ans. Der See ist unvergleichlich eben, hat grünlich Helles Wasser, beide Gestade bestehn aus hohen Weingebirgen, die mit Landgütern und Lusthäusern ganz voll besäet sind. Wo sich der See wendet, sieht man eine lange Reibe Alpen gegen sich, die recht in den Himmel Hineingränzen. Ich habe noch niemals eine so durchgehends schöne Aussicht gesehen. Nachdem wir eine Stunde gefahren waren, frühstückten wir auf einem Landgute dicht an dem See. Hier breitete sich die Gesellschaft weiter aus, und lernte sich völlig kennen. D. Hirzels Frau, jung, mit vielsagenden blauen Augen, die Hallers Doris unvergleichlich wehmüthig singt, war die Herrin der Gesellschaft; Sie verstehn es doch, weil sie mir zugefallen war. Ich wurde ihr aber bei Zeiten untren. Das jüngste Mädchen der Gesellschaft, das schönste unter allen, und das die schwärzesten Augen hatte, Dem. Schinz, eines artigen jungen Menschen, der auch mit zugegen war. 399 Schwester, brachte mich sehr bald zu dieser Untreue. Sobald ich cs das erstemal auf zwanzig Schritte sah, so schlug mir mein Herz schon: Denn es sah derjenigen völlig gleich, die in ihrem zwölften Jahre zu mir sagte, daß sie ganz mein wäre. Diese Geschichte muß ich Ihnen nicht auserzählen. Ich habe dem Mädchen dieß alles gesagt und noch vielmehr. Das Mädchen in seiner siebzehnjährigen Unschuld, da es so unvermuthet so viel und ihm so nene Sachen hörte, und zwar von mir hörte, vor dem es sein schwarzes schönes Auge mit einer so sanften und liebenswürdigen Ehrerbietung niederschlug, öfters große und unerwartete Gedanken sagte, und einmal in einer entzückenden Stellung und Hitze erklärte, ich sollte selbst bedenken, wie hoch derjenige von ihm geschätzt werden müßte, der es zuerst gelehrt hatte, sich würdigere Vorstellungen von Gott zu machen,-*. Wir hatten zu Mittage etliche Meilen von Zürich auf einem Landhause gespeist. Wir fuhren hierauf dem See gegenüber auf eine mit einem Walde bedeckte Insel. Hier blieben wir am längsten. Wir speisten gegen Abend an dem Ufer. Da wir abfuhren, stieg meine Untreue gegen Madam Hirzel auf den höchsten Grad: denn ich führte Dem. Schinz statt ihrer ins Schiff. Wir stiegen unterwegs verschiednemal aus, gingen an den Ufern spazieren, und genossen den schönsten Abend ganz. Um zehn Uhr stiegen wir erst wieder in Zürich aus. Mad. Müralt, von der Familie des bekannten Müralt, ist diejenige, bei der ich künftig Frauenzimmcrgesellschaften antreffen werde. Ich habe Ihre Apotheosis und die Ueberzeugung ' Ich muß hier noch die Anmerkung machen, daß ich dem guten Kinde auch sehr viel Küsse gegeben habe; die Erzählung mochte Ihnen sonst zu ernsthaft erscheinen. Kl. 400 den Mädchen öfters vorgelesen. Sie können leicht denken, daß die Mädchen wohl noch mehr Lieder von Ihnen sehen möchten. Schicken Sie mir welche! Die Mädchen sind Ihnen hier, nach mir am meisten gut, und das Hab' ich gemacht. 16 . Klopstock an Gleim. Zürich, den 8. Oktbr. 17S0. Ich habe Ihren Brief vom 22sten September erst heute erhalten. Sie haben mich mit den vielen, neuen, vortrefflichen Freunden, und mit Ihren Zweifeln, ob ich Sie noch, wie vorher liebe, ein Bischen erschreckt. Sv gewiß ich Sie liebe und immer lieben werde, so gewiß ist es nur eine sehr kleine Anzahl neuer Freunde, mit denen ich hier auf unsre Art lebe. Das ist Schuldheiß, den ich nun ganz kenne; das ist Rahn, den ich Ihnen einmal näher beschreiben will, und sein redlicher Vater; das sind meine hiesigen Freunde, die ich, wie Gleim, Schmidt, Cramer und Schlegel, (Sie kennen unsre Freunde) liebe. Uebrigeus wissen Sie, daß es die Höflichkeit erfordert, darüber nicht böse zu werden, wenn es ganz gute Leute giebt, die sich um die Wette bestreben, uns Vergnügen zu machen. So gewiß Sie, mein lieber Gleim, sind, so wenig bin ich zu vielen neuen Freundschaften gemacht, und so gewiß weiß ich, daß ich wenige machen kann. Ich weiß nicht, was Ihnen Sulzer gesagt haben mag; schreiben Sie mir darüber umständlicher. Auch Breitinger ist ein Mann, der denkt und mit dem ich nicht ungern umgehe. 401 Beneiden Sie überhaupt die hiesigen Herrn Republikaner nicht; es sind fast durchgehend» Leute, die sich schrecklich tief bücken: denn fast alle, die ein Bischen von Familie sind, wollen ins Regiment. Und Bo dm er-ich will noch gegen Sie, mein Gleim! schweigen; Ich habe mir in Betrachtung seiner ein System von Großmuth gemacht, von dem ich, wenn ich nicht aufs Aenßerste getrieben werde, nicht abgehn will. Schuldheiß hat ein würdiges Mädchen; sie ist meine Freundin, wie Rahn und Schuld heiß meine Freunde sind. Ich kam eben von ihr zurück, da man mir Ihren Brief gab, und ich hatte etliche Tage in ihrer Gesellschaft zngebracht. Sie ist schön, recht schön, nach meinem Geschmacke, auf die feinste Art witzig, satyrisch und hat ein edles Herz. Was macht Schmidt? Was seine Schwester? Ich habe noch keine Briefe von ihnen. Versöhnen Sie mich wieder, mein liebster Gleim! Ihr Brief war nicht so freundschaftlich, als ich ihn haben wollte. Ich bleibe nicht ohne wichtige Ursachen diesen Winter hier. Es kann dieß einen großen Einfluß auf unsere künftigen desto öfteren Zusammenkünfte haben. — 17 . Klopstock an Gleim. . Zürich, den iz. Januar 1751 . Ich habe zeither oft, wenn ich einen Brief von meinen Eltern empfing, und einen von Cramer und Schlegel Klopstock, vermischte Schriften. 26 -L02 fand, vergebens nachgcsncht, ob nicht einer von meinem liebsten Gleim dabei wäre? — Soll ich Sie, oder wollen Sie sich selbst anklagen? — Sie sind überzeugt, daß ich Sie so sehr liebe, daß ich Sie, wegen Ihres Stillschweigens, endlich bei Ihrem Herzen anklagen muß. Ich fordere hiermit mit dem zärtlichsten Ungestüm der Freundschaft einen Brief von Ihnen. Und Sie müssen, sobald Sie diesen Brief erhalten, alles, auch die nothwendigsten Geschäfte bei Seite setzen, und, wenn es gleich nicht Posttag ist, den Augenblick an mich schreiben. Sie müssen mir von sich selbst und auch von Schmidt Nachricht geben; denn der schreibt auch nicht an mich. Sein Stillschweigen sängt mir beinahe an ein -Räthscl zu werden, das ich nicht ergründen kann. Ich weiß gar nicht, wie ihm dieß möglich ist, da er weiß, wie sehr ich ihn liebe. Ich bitte Sie, an ihn zu schreiben, und sich das Räthsel anflösen zu lassen. Habe ich ihm von Sachen geschrieben, über welche er mir nichts sagen kann, so weiß er ja, wie biegsam mein Gemüth ist, und daß er mit mir gerade zu, offenherzig reden, oder mit eben der Offenherzigkeit sagen darf, daß er hierüber schweigen müßte. Wahrhaftig, mein liebster Gleim! wenn ich zuweilen in der sanften Melancholie der Freundschaft meinem Herzen nachdcnke, und damit einige Scencn vergleiche, wie sich manchmal mein Schmidt, der mich gewiß doch auch liebte, kleine Wendungen seines Herzens gegen mich hat entwischen lassen, so wird mir mein Herz, das oft, glücklich zu seyn, zu empfindend ist, ganz schwer. Wenn Sie bei diesen Worten denken, daß ich ihn anklagen will, oder daß ich ihn nicht eben so sehr, als vorher liebe, so habe ich mich gewiß nicht richtig genug ausgedrückt. Ich rede mit Ihnen ganz offen, wie Sie selbst sind: denn meine Freundschaft gegen Sie und 403 unsere Freunde ist, wie das anakrcvntische Mädchen, Sie werden bei meinen Eltern einen Brief an Bo dm er finden, und zugleich die Ursachen, warum der Brief nicht au Bodmer selbst überschickt ist, erfahren. Sie werden mit mir die Anmerkung machen, daß er nicht einmal ein edel- müthiger Feind zu seyn weiß. Wenn wir einander wieder sehen, wollen wir wcitläuftigcr darüber reden, daß ich einen nicht geringen Theil meines Lebens damit zubringen mußte, meine liebsten Freunde zu verlassen, eine weite Reise zu thun, um einen andern, von dem wir glaubten, daß er ein Freund, wie wir, seyn konnte, aufzudecken. Sie werden zugleich bei meinen Eltern den vollendeten vierten und fünften Gesang des Messias finden. Ich habe mir vorgenommen, nun an der Episode vom Weltgerichte zu arbeiten. Ich habe diesen ganzen Abend den Thomas Jones gelesen und die Sophie hat mich in so tiefsinnige Betrachtungen verleitet, daß ich dem allerliebsten Mädchen noch einmal die Hand drückte, und mich ihr empfahl, um an meinen lieben Gleim zu schreiben. Jetzt bin ich ganz müde. — Schlafen Sie künftige Nacht so wohl, als ich zu schlafen denke, ob ich gleich nicht augenblicklich werde einschlafen können. Was cs doch für eine süße Sache ist, die Freundschaft, daß man solche Kleinigkeiten an seine Freunde schreiben darf, und der Freund sie liest, als wenn es etwas wäre!- 404 18. Klopstock an Gleim. Kopenhagen, den iz. Juli i?si. Warten Sie nur, mein liebster Gleim! mich so lieb zu Haben, und doch so lange nicht zu schreiben! Mein Vater - schreibt mir vom 12tcn des vorigen Monats, daß Sie nach M s Thüringen gereist wären. Wissen Sie wohl, daß Sie mir vor Ihrer Reise hätten schreiben können? — Nun, ich will '! nicht zanken. Vielleicht ist jetzt ein Brief von Ihnen unter- ! Wegs. Ich will das Vielleicht nicht fortsetzen, denn ich weiß es gewiß, was Sie mir von Ihrer Reise schreiben werden. Ich weiß, daß Fanny mich nicht liebt. Ich bitte Sie, liebster G l e i m! mich einmal ein Bischen weniger zu lieben, und mir es ja nicht zu verschweigen. Ich vermuthe von Ihnen, daß Sie, sobald Sie hiervon, wie ich, werden überzeugt worden seyn, nachgeforscht haben, wie Fanny überdieß von mir denkt? Ob sie auch meine Freundin in dem Grade seyn will, wie ich es für so viele Liebe verlangen kann? — Ach, himmlische Vorsehung! wie sehr habe ich geliebt! — Schmidt hat mir einen großen Theil der Briefe an ihn zurückgegeben; die schreibe ich jetzt, nebst den seinigen, ab, weil sie fast unleserlich geworden sind, und ich die traurige Geschichte meines Herzens gern bisweilen mit einem Blicke übersehen möchte. Non liio äo nitülo nsseilur distoria!— Ich bitte Sie, mir Kleists, Ramlers und Spaldings , eigentliche Adresse zu schreiben; zugleich aber, wenn Sie an jene schreiben, sie meines zärtlichen Herzens gegen sie zu versichern. Wie ich jetzt hier lebe, werden Sie von meinen Eltern, denen ich's heute geschrieben habe, erfahren. ä05 Trösten Sie Sucre und die kleine Sucre mit der Sv- lennitat eines ernsthaften Kusses, und dann sprechen Sie diesen Spruch aus dem heiligen Uoung dazu! Nein glücklich sind die, die nicht mehr erwachen! Oder wenn es Mitternacht ist, so sagen Sie ihnen auch dieses; aber Sie müssen auf einem Dreifuß sitzen: Einst am Tage des -Herren, als auf der Mitternacht Schwingen Uebcr mein -Haupt die einsamen Stunden des Sabhaths vorbeiflohn, Und ich betete, kam die heilige Muse von Tabor Zu mir herab, — So war mir noch nie die Prophetin erschiene»! So viel Ewigkeit hatte noch nie ihr Antlitz ertragen! Und ste sang mir Adams Gesicht, Sie selber verstummte Ost, da ste sang, — Die Wange glüht' ihr. Dann sastte zusehenö Schnelle Blasse die glühende Wange, Die schauernde Lippe Bebte stammelnde Donner herab, Ihr Auge sah tief her, AuS der starrenden -Hand sank ihr die -Harfe; die Krone Von dem fliegenden Haar!-Dann erhub ste sich wieder, dann kamen, Alle Reize der ewigen Ruh' in ihr Antlitz herunter. Den» mit hundert Flügel» geflügelt, mit Schwinge» des Sturmwinds Stiegen die Erstgebornen der Seele», die vollen Gedanken, Hoch zu Gott auf.-So sah ste mein Aug' und starrt' in die Nacht hin. Mit der eine» Hand faßt' ich die Erde, mein Grab! mit der andern Betet' ich zu dem Himmel empor,-DeS GrabeS Bewohner Oder die Erde! doch auch unsterblich und mehr, als die Erde, Und die Himmel, — Was ich verstand, das will ich euch singe», Tausend Gedanken erflog mein Geist nicht! zu tausenden fehlt mir Stimm' und Gesang, sie mit Namen zu nennen! Und tausendmal tausend Sind dem Seraph auf Tabor von dem, der seyn wird, verborgen.- 19. Klopstock an Gleim. Kopenhagen, den 19, Februar 17 S 2 , Meine Eltern schreiben mir, daß mein lieber Gleim wieder von Berlin zurückgekvmmen sey. Sie wissen cs wohl, 406 mein liebster Gleim, daß Sie auch von dort aus nicht an mich geschrieben haben; und Ihr Herz wird Ihnen schon ein Paar kleine-Vorwürfe deswegen gemacht haben. Ob es mir gleich schwer ist, Ihr Stillschweigen völlig zu erklären; so verstehe ich es doch, was das in seinem Umfange bedeutet, daß Sie auch oft an Ihren Kleist lange, lange nicht schreiben. Aber lassen Sie mich's heraussagen, (und o wie glücklich wäre ich, wenn ich hierin Unrecht hätte!) wie viel lieber würden Sie mich, aller freundschaftlichen Ursachen ungeachtet, haben, wenn Sie schrieben. Sie werden denken: Das ist recht gut, mein liebsterGleim! aber denken Sie denn nicht, daß mein Herz mehr verlangt? Soll denn Ihr und vielleicht auch noch mein Schmidt eben den ersten Platz in Ihrem Herzen haben? Und argwöhnen Sie denn nicht mindstens, daß ich hier wohl Jemanden neben mir, aber Niemanden über mir haben will? Habe ich unrecht, sehen Sie, so mochte ich Sie lieber geküßt, als dieses geschrieben haben- Wir wollen sehn, wie Sie sich da heraushelfen werden. Ich bin noch immer Ihr Klvpstock, wie ich es gewesen bin, Ihr Klop stock, der Ihr edles Herz ganz, wie es ist, kennt und empfindet. Wenn Sie mir erst Ihr eignes Räthsel aufgelöst haben; so lösen Sie mir's auch auf, warum mir Schmidt auf solche Briefe nicht antwortet? Warum seine Schwester auf zwei Briefe, darin nur Freundschaft steht, auch da ewig stillschweigt? Gewiß! es ist recht traurig, daß ein Herz, das so wie meines zur Glückseligkeit gemacht ist, nicht allein durch diejenigen, durch die es am glücklichsten werden konnte, eS am wenigsten wird; sondern, daß ebendieselben auch verursachen, daß e-s andre Glückseligkeiten, zu 407 denen es fähig war, weniger genießen kann. Ist es mir denn möglich, wenn auch dieß die Pflicht, glücklich zu seyn, geböte, daß ich mich ganz von dem Andenken derselben losreißen kann? Sie sehen, mein Gleim, wie ich Ihnen mein Herz ganz nackend eröffne, Sie schcn's und ich bin überzeugt. Sie wollen mir hierüber mindstens so viel Ruhe geben, als Sie können. Schreiben Sie mir von Ihrem Aufenthalte in Berlin einen langen oder kurzen Brief. Folgen Sie hierin dem Geschmacke Ihres Herzens völlig, den es zu der Zeit hat, wenn Sie zu schreiben aufgelegt sind. Aber schreiben Sie mir nur. Schreiben Sie mir von sich, von Schmidt, von seiner Schwester, von Kleist, von Ramler, von Sack; auch wenn Sie wollen, von dem Könige. Cs wird dieses in den Stunden, die ich arbeite, und denen, die ich unter einigen Bekannten von Geschmack znbringe, angenehm seyn. , Ich habe nun einen nicht unbeträchtlichen Theil vom Weltgerichte vollendet, auch einige Oden gemacht, davon Sie eine durch meine Eltern erhalten werden. Um die Ernsthaftigkeit meines Briefs ein wenig, anfzu- heitcrn, will ich Ihnen von einem, der, ohne sich zu nennen, an mich geschrieben hat, ein Paar Epigrammen schicken, die mir gefallen. Mein Korrespondent sagt mir zugleich, daß er noch viele Pfeile in seinem Köcher habe; und dieß sagt er mit der bekannten Stelle des Pindar. An die Franzosen. Zu stolze Gallier, schweigt NU», und fleht um Gnadei Sonst brechen wir nun euch den Stab, Und sprechen euch den Geist gebietrisch abl WaS habt ihr? Eine Henriade l — 408 Was aber haben wir? — Wir haben die Nimrodiade! .Die flinke Friederichiade! Die holde Schülerin, Hermanniade! Und schließlich die Thereßade! Und ewig Schade! Wir hatten auch die Hengst- und Horstiade, Wenn Schwabe — ! doch vielleicht-Gnug, jene haben wir, Und können, das versprech' ich mir! Durch unfern Fleiß und schnelle Gaben, Leicht übermorgen mehr noch haben! An die Engländer. Weil ihr dann, Britten, uns den Geist nicht aberkennt, Und unS wohl gar Landsleuto nennt! So wollen wir'S auch euch, als guten Freunden, sagen, Was sich mit nnserm Geist, seit Kurzem, zugetragen. Ihr habt das Paradies und den Leonidas! Das ist nn» ungefähr so anch etwas! Allein wir haben, Fük's erste: nicht gemeine Gaben! Fnr's andre: -Herrmann, Friedrich, Nimrod, Und dann auch die Theresias! Drum fehlt unS gar nichts mehr, als eure Dnncias! Sollten Ihnen diese Stucke so gefallen, daß Sie sie Jemanden zeigen wollten; so bitte ich Sie, es zn verschweigen, daß Sie sie von mir haben. (Es versteht sich, daß ich Cra- mer und * * * davon ausnehme.) Sie wissen, daß viele Leute leicht vermnthen, und nach wenig Minuten, es mit ihren Vermuthnngen zur Gewißheit bringen. Leben Sie wohl, mein Gleim, und denken Sie ja daran, daß es Ihr Klopstock ist, der Ihnen schon so oft geschrieben hat! -409 20 . Klopstock an Gleim. Kopenhagen, den g. April 17 S 2 . Ihren liebsten, lange, lange erwarteten Brief vom 2. Marz empfing ich erst den 4. dieses. Ich war, da ich ihn bekam, noch im Bette. Und da auf einmal schwatzte mein liebenswürdiger Gleim so fein viel mit mir, und das war mir unvergleichlich süß. Sündigen Sie nur nicht mehr und schreiben mir künftig so oft, als es sich für einen so braven allerliebsten Mann schickt, so soll Alles vergeben seyn. Aber wo soll ich nun anfangen, mit Ihnen auch ein Bischen lange zu schwatzen? Wenn ich's nur wüßte, wo? Davon, daß ich ganz und gar nicht mehr unglücklich bin? Ja, davon will ich immer anfangen. Denn ich weiß, daß es meinem Gleim sehr lieb ist, dieses zuerst zu wissen. Wie aber dieß alles zugegangen ist, sag' ich Ihnen jetzt noch nicht ganz. Um sb ovissimo anzufangen, muß ich Ihnen etwas von meinem Charakter sagen, das Sie vielleicht schon wissen. In so wichtigen Sachen der Glückseligkeit, als die Liebe und die Freundschaft sind, kann ich unmöglich halb glücklich, oder nur halb unglücklich seyn. Daher bin ich so lange traurig gewesen, und daher, da ich aufgehvrt habe, traurig zu seyn, habe ich auch ganz und gar aufgehört. „Aber ist dieß allein, werden Sie vielleicht sagen, durch die Länge der Zeit und durch Ueberlegungen gescheh'n?" Ich weiß es nicht, mein liebster Gleim, ob cs allein dadurch gescheh'n ist. Genug, ich bin itzt unter Allem, was ein ehrlicher Mann seyn kann, nichts weniger als unglücklich. Grübeln Sie nur nicht weiter nach, denn ich kann Ihnen doch itzt nichts weiter sagen. Das war eins, mein liebster Gleim. Und Sie sind doch auch ein Bischen freudig mit mir?- Sie sagen mir von — soll ich seinen Namen in dieser Verbindung nennen? ich will es nicht thun/ Sie sagen mir von ihm etwas, das ich mir nicht gern auch von ihm sagen wollte, aber beinahe muß! Oder, irren wir uns? Wenn er mich liebt, wie ich ihn liebe, so muß es ihm schwer seyn, mir zu schreiben. Und das beruhigt mich aber doch nicht ganz. Der Gedanke wäre beinahe fähig, mich wieder halb unglücklich zu machen, wenn ich ihm nachhinge. Ich kann itzt nicht anders thun, als stillschweigen. Schreiben Sie mir von Zeit zn Zeit, wenn er Ihnen etwas von mir schreiben sollte. Ich will hinter der Scene stehn und warten, bis sein langer Monolog aus seyn wird. Für so viel Freundschaft! — Sagen Sie mir nur, mein lieber Gleim, ob Sie's begreifen? Was Hab' ich gethan? Das ist ja alles, daß ich unglücklich gewesen bin! Und ich habe ja aufgehört, zu sündigen. — Wie gern wollte ich, und wie sehr könnte ich mich ihm hier als seinen Freund zeigen, wenn er hier Herkommen wollte. Aber das wird er nicht thun wollen, und so muß ich ganz stillschweigen. — Um Eins ersuche ich Sie. Eine von meinen Oden an ihn ist verloren, wenn er oder sonst Jemand sie nicht mehr hat. Ich erinnere mich, daß unter andern darin stehet: Schau, Freund, mit mir auf unsrer Jugend Zärtliche Freundschaft zurück und fühle Was du da fühltest, als in Umarmungen Die, uns zusegneud, der im Olympus sah. Dein grußeö Herz mehr deinem Freunde AlS nur gesungene Freundschaft weihte. Ich werde Ihnen sehr danken, wenn Sie mir diese Ode, mit der an die Freunde bald schicken können. Sie haben 411 so recht, als man haben kann, daß man sonst vielleicht, was " ich geschrieben und nicht geschrieben habe, nach eignem Ge- ^ fallen, unvermnthct heransgeben wird. Von der Ode an -i Gott werden Sie eine richtige Ausgabe durch Bahn erhalten. — Sie wissen, daß Pope große Männer erst lobte, wenn sie in Ungnade gefallen waren, oder sich sonst vom Hofe ent- ^ fernt hatten. Das ist eine nicht von den geringsten Ursachen, ^ warum Pope so sehr mein Liebling ist. Meine Ode an den König war eine sehr natürliche Folge von der Liebenswür- i digkeit der Königin und von der Betrübnis; über ihren Tod. ^ Und Herr Sack hat diesmal ein Bischen unrecht. Jch fürch- ^ tete einen Vorwurf von dieser Art so sehr, daß ich beinahe die Neigung meines Herzens unterdrückt, und der allgemci- ^ nen Erwartung entgegen gehandelt hätte, um diesen Vorwnrf ^ zu vermeiden. Ich sagte diese Besorgnis auch dem Herrn ^ von Bernstorff. Cr überließ mich meiner Neigung, übersah die Besorgnis; in ihrem ganzen Umfange, und ohne ihr etwas zu vergeben, bestritt er sie. Lieben Sie diesen großen Mann, er verdient es recht sehr. Welche Rechtschaffenheit in allen seinen Handlungen! welch ein Verstand! und welche angebornc Bescheidenheit bei diesem Allen! Cr hat sich diesen Winter mit einer jungen holsteinischen Dame verheirathet, die die Sevignö liest und versteht. Ich speise gewöhnlich die Woche einmal bei ihm, bin öfter in seiner Bibliothek, die an seinem Kabinette ist, und dann auch bei ihm so lange und so kurz, als er eben Zeit hat. Er hat auch sehr schöne Ausgaben von den englischen Poeten; und ich habe, vor einigen Wochen, aus dem Young englisch zu lernen angefangen. — Bei dem kaiserlichen Gesandten, Graf Rosenberg, der L12 noch jung ist, und den bestimmtesten Geschmack an den Alten und Engländern hat, und bei dem sächsischen, der ein braver Mann und sehr gesellig ist, bin ich untermeilen. Ich bin auch bei Häseler gewesen, und kenne den französischen. Cs wurde mir nicht schwer fallen, sie alle kennen zu lernen, wenn ich diese Bekanntschaften nicht vielmehr erwartete, als suchte. Sonst bin ich auch oft bei einem Grafen Ranzow, der ungemein viel Geist hat, sogar englisch spricht, und mit uns so sehr in die Engländer verliebt ist, daß ihn Uouug, weil er ein Engländer ist, bekehren soll. Die Familie der Ranzow ist überhaupt wegen ihres Geistes, der bisweilen fast zu unique ist, seit langen Zeiten berühmt. Und ein Ranzow ohne Esprit wäre ein sonderliches Geschöpf. — Ohne den Tod Ihrer Schwester zu berühren, (welchen Antheil ich an einem Tode nehmen muß, der Sie so nahe angeht, wissen Sie ohnedieß) gehen Sie ja gleich zu der kleinen Sucro; und küssen sie in meinem Namen dafür, daß sie noch lebt. Denn so zu sterben, das wäre doch sehr unartig gewesen! Sie ist ja sonst so ein süßes Kind: daß sie ja dergleichen Miene nicht wieder macht! Ich soll Ihnen Fragmente aus dem Weltgerichte schicken. Und wenn ich sie Ihnen nun diesen Sommer selbst brächte, wäre das nicht viel artiger? Und wenn dann Kleist und Rain- ler zu uns kämen, wie süß wäre das vollends? Und das könnte sich doch Alles wohl zutragen. Unterdeß, der gute alte Freund von dem guten alten Mäcen sagt: tzuicl sit futurum er:>s, fuge c;u»eroro. Den ri. April. Warum schreiben Sic mir denn Spaldings Adresse nicht? Soll ich denn diesen glücklichen Mann nicht in den 413 ! Armen seines Mädchens mit einem kleinen Briefe besuchen? -Ach, mein lieber, lieber Gleim, wenn ich mir's nicht so sehr untersagt hätte, mich in Wünsche einzulassen; v wie sehr würde ich da itzt wünschen, daß ich itzt, itzt diesen Augenblick bei Ihnen seyn möchte! Aber ich bin's nicht. So schrieb unser aller Verhängnis auf eheren Tafeln Der ini Olympus, und schwieg! — Der Gedanke ist traurig genug, zu machen, daß man ihm nicht weiter nachhängen mag. Leben Sie wohl, mein lieber Gleim, leben Sie wohl, und finden Sie ein Mädchen, wie Spalding. 21 . Klopstock an Gleim. Lingbyn, den 14 . August 1723. Ach habe Ihnen bisher nicht schreiben mögen, mein lieber Gleim, weil ich Sie und mich nicht gern daran erinnern wollte, daß Ihre Liebe *, worüber ich mich so freuete, auf- * Zn einem Briefe, von Hamburg aus, den 5. Mai t?6Z datirt, schreibt Meta Möller: „Werden Sie es mir auch glaube», da ich cö Ihnen so spat sage, dag ich mich sehr darüber freue, daß Sie endlich ein Ihrer Liebe würdiges Mädchen gefunden haben? — DaS habe ich wirklich recht sehr gathan und ich würde Ihne» schon lange zu dem Besitze Ihrer Maycrin Glück gewünscht haben, wenn nicht Klopstock den Einfall gehabt hätte, daß wir zusammen Einen Brief schreiben wollten," In einem andern Briefe an Gleim von derselben unter dem Datum: Hambnrg, den r, September 17SZ, heißt es: „Giseke hat mir Ihre Geschichte erzählt. Ich will Ihne» »ichtS darüber sagen, -414 gehört hat. Sie werden aber gleichwohl nicht loskommen, mir künftig einmal umständlich davon schreiben zu müssen. Jetzt bitte ich Sie, ob ich es gleich gern so bald wissen möchte, moch nicht darum, weil Ihre Wunde noch so frisch ist. Eins befürchte ich nur, (aber überzeugen Sie mich ja bald, daß ich dieß nicht zu fürchten habe,) nämlich, daß Sie auf das künftige zu sehr abgeschreckt seyn möchten. Denn ich muß meinen lieben Gleim noch durch die Liebe glücklich sehen, das muß ich! Hören Sie, das leid' ich nicht anders. Und, wenn ich nach Deutschland komme, und Sie haben keine Frau, so komm' ich nicht nach Halberstadt! Merken Sie sich das! Auf den Gränzen können wir wohl wo zusammenkommen, aber nach Halberstadt komm' ich nicht; das ist gewiß. — Ich muß doch scheu, ob ich Sie durch eine Kommission, die ich Ihnen geben will, ein wenig zerstreuen kann. Aber ich hätt' es nicht Vorhersagen sollen, daß ich es thun wollte. Nun wird's nicht angehen. Vielleicht glückt es doch. Wenn ich Ihnen sage, daß es itzt auf Buchhändler ankömmt, ob ich die neuen Stücke des Messias früher oder später herausgeben soll, so werden Sie freilich sehr lachen, aber Sie werden sich auch ein Bischen ärgern. Sie haben vergangene Ostermesse Subskriptionsnachrichten von mir bekommen. Das weil Ihnen alle Erinnerung daran unangenehm seyn muß, da Sie selbst am liebsten davon schweigen wollen. In den Verdacht werden Sie bei mir niemals kommen, daß Sie von der Unbeständigkeit eines Mädchens, daS Sie nicht einmal Zeit genug hatten, kennen zu lernen, um von ihrer Beständigkeit versichert zu seyn, daß Sie davon auf die Unbeständigkeit »nserS Geschlechts schließen wollten. Ich will vielmehr glauben, daß diese Geschichte Sie von dem kleinen stolzen Grundsätze zurückgcbracht hat, daß man ein Mädchen in der ersten Viertelstunde könne kennen lernen."- A. d. H. 415 war der einzige Weg, wenn ich hier selbst eine Ausgabe machen wollte. Und ich hatte viel Ursache, dieses zu thun. Die Buchhändler, denen ich die Kommission für lO Prozent überließ, schienen einen allgemeinen Bund gemacht zu haben, nichts für die Sache zu thun. Ich bin itzt mit der Entdeckung beschäftigt, wie das recht zugegangen ist. Bvhn in Hamburg, der die Hauptkommission hat, ist von Jemanden aus Frankfurt am Main sehr bei mir verklagt worden. Es kömmt itzt darauf an, daß ich es durch meine Freunde dahin bringe, daß die Herrn Buchhändler sich umsonst bemüht haben. In dieser Absicht bitt' ich Sie, mein lieber Gleim, bei Ihnen herum, besonders aber in Berlin die Nachrichten, so die Buchhändler nicht austheilen, so viel möglich ist, sammeln und bekannt machen zu lassen. Denjenigen, denen Sie und unsre Freunde in Berlin die Kommissionen besonders auftragen, geb' ich gleichfalls 10 Prozent für ihre Bemühung. Da ich aber viel Zeit verliere, so muß ich den Subskriptivns- termin ein wenig verlängern. Nämlich, ich gedenke, auf künftige Ostcrmesse noch mit dem Drucke fertig werden zu können, wenn ich, spätestens acht Tage vor Weihnachten, die letzten Nachrichten von der Zahl der Subskribenten bekomme. Vielleicht ist es nöthig, daß einige den Umstand wissen, daß das Format noch größer, als die gedruckte Nachricht, und daß keine Zeile gebrochen werden soll. Es wird gut seyn, wenn die Nachricht auch in der Berliner Zeitung abgedruckt wird. Schreiben Sie mir es bald, mein liebster Gleim, was Sie davon halten, wie dies; gehen werde. Einen Nachdruck, (den ich noch dazu erlaubt habe, und den ich wegen derjenigen, die mich anklagen möchten, mit dem Messias etwas gewinnen zu wollen, »othwendig Hemmerden erlauben mußte) diesen Nachdruck muß ich nothwendig befürchten. 416 Ich muß daher vorher mindstens einige Gewißheit haben, ob ich die Ausgabe, ohne dabei zu verlieren, machen könne. So viel ich weiß, mein lieber Gleim, habe ich Ihnen noch nie einen Brief mit einer so langen Kommission geschrieben. Ich weiß, Sie lieben mich so sehr, daß Sie mir es dießmal verzeihen. — Meine Möller wird alle Tage runder. Sie hat sogar Grübchen an den Händen bekommen, und die Taille (ganz unxartheisch würde ich sagen, daß es die schönste ist, die ich gesehen habe), diese süße Taille hat nichts bei dem Rundwerden verloren. O es ist kaum aus- znstehcn, daß das süßeste unter den Mädchen noch nicht mein kleines Weibchen ist. — Merken Sie sich das. Ich wiederhol' es. Sie müssen eins haben, wenn ich zu Ihnen kommen soll. 22 . Klop stock an seine Eltern. (Aus emcm von seinem Vater an Gleim geschriebenen Briefe vom 9. April I7S5.) -und da ich hierin noch etwas Anderes, neben dem Messias zu unternehmen gewissermaßen die Wahl habe, so bin ich beinahe entschlossen, aus einer Neigung, die ich immer gehabt habe, einige Aeit in England zuzubringen, dort Gesandtschafrssekretär zu werden. Ich bitte mir Ihre Meinung und Rath hierüber ans, geliebteste Eltern! England hat sehr viele Reizung für mich, und der Umgang verschiedener großer Leute, die ich schon lange zu kennen wünsche, kann mir sehr angenehm und nützlich werden. Im Januar i?S6. -Die Dlinciade ist endlich auch hier angekom- men, sie ist stark! Ernst hat mir geschrieben, daß Lcssing sür den Verfasser gehalten würde. Ich glaube es nicht, daß er's ist. Ich habe eine starke Vermnthnng, daß der Verfasser in der Schweiz ist. Cramer sagt: wenn der Held der Dnnciade (ich vermeide, so viel ich kann, seinen Namen zu nennen, nicht aus Zorn, sondern aus Verachtung) wenn er noch einige Empfindung übrig hätte, der nächste Strick ihm der beste sepn müßte. Zachariä's beide Gedichte erwarte ich mit nächstem von Hamburg; es ist verdrüßlich, daß wir die neuen Sachen hier so spät haben. Ich habe Hoffnung, dieses"Fest, oder doch bald darnach dem König den ersten Theil der neuen Ausgabe des Messias zu überreichen. Das große europäische Erdbeben, so kann man es wohl nennen, hat hier, wie Sie wohl denken können, auch viel Eindruck gemacht. Doch die Meisten betrachtcn's in Absicht auf die schlimmen Folgen, die für den Handel daraus entstehen; und sie sollten es doch vielmehr als ein überaus merkwürdiges Gericht des allmächtigen Regierers der Welt ansehen. Da kein Sperling ohne unfers Vaters Willen vom Dache fällt, so-Dieser Gedanke hat mich oft und lange beschäftigt. Es ist eine fürchterliche Warnung für Europa — Unser Cramer hat eine starke Predigt darüber gehalten, die mir einer nicht minder starken Predigt über Klop stock, vcrmischte Schrlslcn. 27 L18 die hiesige Schwelgerei auf Befehl des Königs besonders gedruckt wird. Im neunten Gesänge kommt ein Gleichniß von einer im Erdbeben versammelten großen Stadt vor. Die Meisten werden denken, daß mich Lissabon zu dieser Stelle veranlaßt hat. Es ist aber doch ein Paar Monate früher gemacht. — -- Klopstock an seine Eltern. Hamburg, den 20. Juni 1756 . ^ Ich will endlich einen Brief an Sic mindestens anfangen; cs haben mich viele, oft angenehme Zerstreuungen davon abgehalten. Aber selbst die angenehmen sind oft von der Vorstellung unterbrochen worden, daß ich Sie, die ich so sehr liebe, dießmal nicht sehn kann. — Mein Leben ist ruhig, oft glückselig — allein es ist doch immer nur diese Welt, in welcher ich bin. Wie viel fehlt mir nicht jetzt, da ich Sie nicht sehen kann! Doch Dank sep unserm Gott, der Sie, mein sehr geliebter, innig geliebter Vater, vorzüglich deswegen so geliebter Vater, weil Sie Gott fürchten, wieder gesund gemacht hat. Cr wolle Ihnen Ihre Kräfte völlig wiedcrgeben! — -Ich will fortfahren, Alles, wie es mir einfällt, durcheinander zu schreiben. Der König, der von Allen aufrichtig geliebt wird, die ihn sehn, hat, bei seinem Hierseyn- von Neuem erfahren, wie süß es ist, so menschlich zu seyn, als er ist. Er kam 419 nach Hamburg, um die vornehmsten Straßen der Stadt zu besehn. Die Leute drängten sich so sehr zu ihm, daß seine Garde mehrcntheils hundert und mehr Schritte von ihm entfernt blieb. Die wenigsten von diesen Leuten waren seine Unterthanen; gleichwohl konnte sein Pferd kaum fort. Er mußte oft völlig still halten. Sein Läufer, der sich unter den Hals des Pferdes rctirirt hatte, wurde beinahe erstickt. Die Leute faßten das Pferd, faßten zuweilen gar den Steigbügel und die Füße des Königs an; sahen ihn unaufhörlich an, riefen ihm unaufhörlich zu: Vater, König! Vivat! Hurrah! — Komm bald wieder, Vater! — und taufend andre Sachen wurden immer fort gerufen. Der König, der alles sah, allen dankte und oft denen verbot, die das Volk abhalten wollten, setzte seinen Hut beinahe nicht auf; obgleich ein starkes Gewitter mit Regen kam. Den 2g. Zum. -Sie wollen gern, daß ich an Gl ei nr schreiben soll; ich sehe nicht ein, warum er nicht an mich schreibt. Grüßen Sie ihn von mir. Das Epigramm, das er auf den König von Preußen hat in Kupfer stechen lassen, würde mir noch mehr gefallen, wenn die beiden unbeschriebenen Bücher, die beim Antimachiavcll stehen, gar nicht da wären; dann würde es noch mehr sagen. -Wenn Giseke Lust hat, sich mit meiner Frau auszusöhnen, so steht ihm jetzt noch der Weg dazu offen; wenn aber noch einige Zeit vorüber sepn wird, so werden zwei Briefe nicht ausrichten können, was jetzt noch Einer thun kann. Ich küsse alle meine lieben Geschwister und bin :c. 420 25 . Klop stock an seinen Vater. Kopenhagen, den 8. November 4756. Der Zustand Ihrer Gesundheit, liebster Papa, den ich gestern durch den Brief der lieben Mama erfahren habe, hat mich sehr gerührt. Das einzige, was mich dabei einigermaßen aufgerichtet, ist, daß ein Blntsturz in Ihren Jahren nicht so heftig sepn kann, als er in jüngern Jahren ist. Unser Gott erhalte Sie mir noch; denn es geht mir doch durch die Seele, wenn ich denke, daß ich Sie in dieser Welt nicht wieder sehen sollte. — Ich hoffe zu unserm Gott! Cr wird es machen, wie es am weisesten und besten für uns seyn wird. Er wird es machen! Ich habe es immer sehr, sehr gefühlt, wie sehr ich Sie liebe, mein sehr, sehr thenrer Vater; aber wie habe ich's bei dem letzten Briefe gefühlt! — Ich will mich von den Gedanken der Gefahr, in der Sie sind, lcsreißcn. Ich will es Gott überlassen! Ach, was wäre dieses Leben, wenn jenes nicht wäre! Er, der größte Angebetete, wird eS nach seiner Weisheit und nach seiner Liebe machen. Ich will also nichts weiter davon schreiben. — Ich habe Olden bitten lassen, Ihnen seine Meinung über Ihren Zustand mit diesem Briefe zu überschicken. Noch will ich Ihnen erzählen, womit ich mich itzt hauptsächlich beschäftige. Ich habe ein Trauerspiel, Adam, und einige kleine prosaische Stücke, die ich zugleich mit demselben drucken lassen will, von neuem durchgesehen. Dann habe ich eine Sache angefangen, die ich für meinen zweiten Beruf L21 halte. Ich habe Lieder für den öffentlichen Gottesdienst gemacht. Ich halte dieß für eine der schwersten Sachen, die man nnr unternehmen kann. Man soll, wo nicht dem gemeinen Hänfen, doch den meisten verständlich seyn, und doch der Religion würdig bleiben. Jndeß scheint es mir, daß mir Gott die Gnade gegeben und mir diese Arbeit hat gelingen lassen. Ich habe schon Lieder auf alle hohe Feste (Weihnachten ausgenommen) in der Melc-die: Herr Gott, dich loben wir. Ich habe noch mehrere von unfern besten und am häufigsten gesungenen Liedern verändert, nur verändert; nicht u m g e a r b e i te t. Ich werde Ihnen bald einige Stücke, sowohl von meinen eigenen, als von den veränderten überfchicken. Ich empfehle Sie insgcsammt der Vorsehung unsers Gottes! 26 . Klopstock an Gleim. Quedlinburg, den es. Juli 1763 . — — Aus dem elften Gesänge des Messias kann ich nicht klug werden. Ich würde cs für das Werk eines Einfältigen halten, wenn es die von Ihnen genannte Gräfin (hieß sie Reuß?) nicht hätte verbrennen lassen. Also soll es eine Satyre sc»n, gegen die Religion? — Sv ist sie sehr schwach. Die Religion hat, und kann viel stärkere, ja die stärksten aushalten. Also unterrichten sic mich, was das eigentlich für ein Werk ist? — Vom Salomo sind in Magdeburg noch ein Paar kleine 422 Scenen fertig geworden; seitdem aber nichts. Was ich habe, will ich ich Ihnen mitbringcn. Hat Ihnen Bachmann gesagt, daß Ihr König und ich einander ein Kompliment sehr in der Nähe gemacht haben? Er fnhr dicht unter dem Walle weg, und ich stand mit Rolle im Thvre, wo man heruntergeht. — Nun leben Sie wohl, bis zum Wiedersehn. 27 . Klopstock an Gleim. Quedlinburg, den rs. September 17 SZ. -Ich wäre einmal zu Ihnen gekommen, wenn nicht mein Magen zu zwei verschiedenen Malen, für gut gefunden hätte, seine Capricen, die er einmal auf dem Garten bei Ihnen hatte, zu bekommen. Gleichwohl bin ich mit dem Salomo, ich wurde sagen, bis über die Hälfte des fünften Akts fertig geworden, wenn dieser fünfte Akt nicht von einer unerlaubten Größe würde. Nun da ich so weit bin und fortarbeite, so müssen Sie warten, bis er ganz fertig ist. Ich erwarte meinen Bruder Ernst alle Tage. Ich habe Ihnen, mich deucht, gesagt, daß er für gut gefunden hat, sich mit feinem Herrn in Merseburg zu entzweien. Glauben Sic bei Nicolai, oder durch ihn, mir eine Kondition für ihn schaffen zu können? Vielleicht, doch ich kann mich hierin auch leicht irren, würde ihm Nicolai seine eigensinnigen Einfälle, die er bisweilen hat, in Betrachtung meiner, eher 423 verzeihen. Schicken Sie mir durch die Frau den Crcbillon und den Theil von Corneille, worin Nico »rede steht. 28 . Klopstock an Gleim. Quedlinburg, den 4 . Oktober 1765. Da ist der Salomo! und damit er desto eher komme, schreibe ich nicht dabei; nberdieß arbeite ich auch eben am Messias. Sie müssen mir Anmerkungen machen, liebster Gleim. Sie wissen wohl, daß ich Ihre Anmerkungen gern habe. Machen Sie auch im Dnrchlesen einige Kommata, oder wenn so etwas fehlt. Schicken Sie mir ihn, sobald Sie können, wieder. Mein Magen sagt schönen und großen Dank für den Wein. 29 . Klopstock an Gleim. Quedlinburg, den 5. November 1765. Es ist ziemlich sonderbar, wenn man, fast in dem Augenblicke, da man etwas, und noch dazu Angenehmes bekommen hat, noch mehr fordert; und es ist auch dies) sonst eben meine Sache nicht; aber heute fällt's mir nun eben so 424 ein, und ich will und muß nun auch eine Schnepfe haben. Und hierzu ist die Ursach, wie folget: Für den ersten Akt des David-1 Rebhuhn richtig erhalten, wird hiermit bescheinigt. Für den zweiten Akt-i Rebhuhn gleichfalls hiermit bescheinigt. Für den dritten Akt---^ --r Schnepfe, die ich noch nicht empfangen, und also nicht bescheinigen kann. Dieser dritte Akt ist zwar erst diesen Morgen angefangen, aber auch gleichwohl großentheils fertig. Und dieß ist so zu verstehen. Ich sing gleich nach meiner Znrückknnft von Ihnen, diese meine dritte Tragödie (Sie erstaunen doch auch, wie ich, über die Zahl!) mit großen Fragmenten zum dritten Mt an. Hierauf fing ich sie ordentlich von vorn an, und habe bis heute alle Morgen arbeiten können. Weil ich mit Ihnen rede, so kann ich fast der Versuchung nicht widerstehen, den David ein wenig zu rühmen; aber ich will's doch lieber bleiben lassen. Denn eigen Lob stinkt doch immer ein wenig, und mit welcher Wendung man cs auch immer sagt. Ihr Bote eilt, und mein Pferd ist auch schon gesattelt, weil ich,'nach einem ganzen Morgen Arbeit, nothwcndig ansreiten muß. Doch, daß Sie nicht denken, daß ich Ihnen allein für die Magenspeise, die Rebhühner danke; so geschieht's hiermit auch für die Review. Weder die Ocdipns, noch den Philoktet Hab' ich nachahmen wollen; und Sie werden im David selbst nichts vom Tyrannen Oedipus finden: sosehr auch Sophokles mein Liebling ist. Ich umarme unsre Freundin ic. 425 30 . Klopstock an Gleim. Bcriisivrff, den 2». Juli 176 ». Ich bin den 5tcn Abends von Hamburg vereist und den 12ten Mittags in Kopenhagen angekommen. Ich würde Hamburg vier Wochen früher verlassen haben, wenn nicht theils ein kleines Fieber meine Schwester, thcils der Umstand, dasi das Packetbovt einen Posttag aussetzte, mich aufgehalten hatte. Ich habe zwei sehr angenehme Wasserreisen gehabt. Erst die auf der Trave, wo wir uns (mein Bruder und mein AevLu Dpiupfel waren mit mir) unterwegs badeten, und daun auf der Ostsee, wo wir wegen des sanften Windes, von Montag früh bis den Donnerstag Mittag zubrachtcn und das Gemälde der Insel Mön fünf Stunden laug, nur in der Entfernung einer Meile sahen. Ich habe Ihren Brief noch in Hamburg bekommen.- Ich nehme einen wahren Antheil an allen Unglücksfällen, die Ihre Augen und Ohren in Leipzig erlitten haben. Sie sind noch nicht so kalt als ich, weil Sie sich die Mühe genommen haben, böse zu werden. Hier will ich Ihnen eine Strophe hinschrciben, die in Hamburg sehr gut, dem Inhalte und dem Gauge des Verses gemäß, kompvnirt worden ist, und die Sie, mich deucht, noch nicht kennen. 426 Selbstständiger, Hochheiliger, Allseliger! tief wirst, Gott! Von dem Thron fern, wo erhobt du der Gestirn Heer schufst, Sich ein Staub dankend hin, und verstummt über sein Heil Daß ihn hört Gott in deS GebeinthalS Nacht! 31 . Klop stock an Gleim. Kopenhagen, den i. März I7os. Ich vermnthe nicht, daß Sie von mir verlangen, liebster Gleim! daß ich mich viel oder wenig auf die Nachrichten einlasse, die man Ihnen von mir geben zu können geglaubt hat, wenn ich Ihnen sage, daß ich mich diesen schonen Winter wohl befunden, fleißig ans Schrittschnhen gegangen bin, und fast eben so fleißig gearbeitet habe. Aber intercssiren Sie sich im Ernste für meine Abhandlungen vom Sylbcnmaßc? * Mir ist es nicht immer so vorgekommen, wenn ich oft Neigung hatte, mich mit Ihnen davon zu unterhalten und Sie mir dann nicht gleiche Neigung zu haben schienen. Sie wissen, daß so etwas ein wenig empfindlich zu scyn pflegt; besonders, wenn man sonst eben nicht verschwenderisch mit solchen Gesprächen ist, und diejenigen, mir denen man sie halten möchte, sich recht dazu * Schon früher, in einem Briefe vom 27 . Januar 176-'», hatte Gleim Folgendes an Kl. geschrieben: ,,Jch las Ihre Gedanken vom griechischen Sylbenmaöe noch einmal. Wenn Sie vom jambischen Vers vor Ihrem Salomo, und vom lyrischen Vers vor Ihren Oden nur eben so viel sagen, so werden Sie wenigstens die Kenner klug Machen/' A. d. H. 427 ausgesucht hat, weil man seiner alten Kenntniß und seinem richtigen Uctheile bei neuer zutrant. Sie sehen wohl, daß ich nichts so sehr wünsche, als unrecht gehabt zu haben; und wenn Sie es mir nur halb sagen, daß ich sehr geneigt bin, es ganz zu glauben. Ist das nicht Ihr Freund Krause, der in Ihrer Stube unter andern tobten und lebendigen Freunden wohnt, der Ramlers vorenico komponirt hat? Ich habe lange nichts gehört, das mir so vortrefflich vorgekommcn und so sehr nach meinem Geschmack gewesen wäre. Ich bin, in Ramlers Namen ganz demüthig bei dieser Komposition geworden, ob ich gleich hiermit gar nicht sagen will, daß er mir wenig gefallen habe. Ich glaube, Krause hat, die Nacht vor dieser Komposition, geträumt, er wäre in einem griechischen Mnsiktempel und hörte Alcäns eine Ode vorlesen. Stellen Sie sich einmal vor, wir hätten diese Ode in Herkn- lannm oder sonst wo, in den Ruinen, mit dem Terte gefunden; welchen Lärm der Freude würden wir darüber gehabt haben! — Gerstenberg und seine Frau sangen mir den neuen Griechen und ich dachte: Aunc pöäö lidoro ?ul 83 n 6 s Lellus! — und beinahe wäre ich thöricht genug gewesen, den Gedanken anszuführen. Welche einfache und gleichwohl reiche Schönheit, und welche Neuheit dazu wenigstens für mich! —Doch man kann sogar, bei einem solchen Anlasse, scherzhaft werden, und ich bin's, mich deucht, geworden. Aber das muß ich Ihnen nothwendig noch sagen, daß Sie es, ohne alle Einwendung und Widerrede, veranlasse» müssen, daß ich mit Krause unvermerkt in eine Korrespondenz über die Komposition meiner Strophen komme. Meine Absicht ist, daß L28 er die Strophen komponire; doch will ich's ihm nicht anftra- gen, und erwarten, ob er selbst Lust dazu bekommt. Ich stelle mir vor, daß Krause vielleicht in Umständen ist, die machen, daß er vorzüglich die Arbeiten wählt, durch die er etwas verdienen kann. In dieser Betrachtung werde ich mich bemühen, es dahin zu bringen, daß mir der König ein Geschenk sür ihn macht. — Veranlassen Sie die Korrespondenz nur bald; denn: ars lonA.i, vita Urvvis, wie Hippokrates sehr wahr sagt.- Es ist doch ewig Schade, liebster Gleim! daß Sie, wenn Sie kränkeln, sich nicht durch Schriftschuhlaufen kuri- ren können. Es ist diese eine von den besten Kuren: Itccipo, dcn a. März 1706. Drei Helle Stunden des Vormittags, Zwei deS Nachmittags, Gute Gesellschaft! Viel Frühstück. Itam ein wenig Nordwind zum Trünke bei der Arzenei. Treib dieses acht Tage hinter einander! 1'robntum asl! — Doch, armer Gleim! von was für Farben sprech' ich mit dem Blinden? — Will Herr Grillo den ganzen Pindar übersetzen? Mich deucht, er sollte nur die schönsten Oden wählen. Wenn auch Pindar immer schön wäre, so ist es doch unmöglich, daß er uns für seine Materien so intcressirt, als wir es gewesen seyn würden, wenn wir Griechen wären. Herr Grillo's Uebersetzung gefällt mir von vielen Seiten; von andern aber nicht. Er ist zu getreu und zu pindarisch in den Beiwörtern; und ich weiß nicht, ob er dithyrambische Verse oder Prosa hat machen wollen. Ich sage Hrn. Grillo ohne Einkleidung meine Meinung, und das kommt daher, weil ich die Ausführung seines Unternehmens wünsche. Ich würde durch einzelne Stellen mein Urtheil zu rechtfertigen suchen, wenn ich das Fragment nicht ausgelieheu hätte. Wenn Tante Nichte die Nägel fein abgeschnitten hat, und' also den Gedanken des Augenauskratzens nicht allzuwvhl haben kann, so glaube ich, können Sie ihr von meinetwegen ins Ohr sagen, daß der Herr Onkel eben so wenig geschrieben hat, als derjenige, den sie mit so tapferu Unternehmungen bedrocht. Und sich selbst können Sie bei der Gelegenheit sagen, daß wir beide unrecht hatten. Was meinen Sic, wenn wir künftig solchen Vorwürfen, solchen gerechten, ans beiden Seiten verdienten Vorwürfen dadurch znvorkämen, daß wir uns öfter schrieben? - Ich sehe da noch Raum zu einer Strophe, und bei der Gelegenheit kommt mir meine alte Lust, mich mit Ihnen von diesen Sachen zu unterhalten, von neuem an: Lisple mit sinkendem Gewässer, du, o Silberbach! Rausche, kühler Wald'. Sängerin des LenzeS, o sing' In mein Lied und in der Ferne des Gebirgs > Rufs der gelehrigere Wiederhall! — 32. Klopstock an Gleim. Kopenhagen, den io. Dezember 1707 . Der Freund und der Dichter dankt Ihnen für den versi- ficirten Adam; aber Sie wissen ja wohl, daß Sie ein wenig kricklich sind, und daß man sich daher kaum getraut, Ihnen ein Vicrtelwort zu sagen; denken Sie nicht etwa, daß ich ein Haides zu sagen habe. Mein Vicrtelwort ist, daß Sie an ein paar Stellen den Gedanken ein wenig ausgedehnt haben, und ich hatte ihn doch so, nicht kürzer und nicht länger haben wollen.- Aber, vergeßlicher Mann, Sie erinnern sich also nicht, daß ich Sie, in Ihrem Durchgangs-Kabinet, da wo die weichen Kanapec's und die sanften Bücher sind, vielleicht zu ernsthaft bat, den Adam nicht zu versificiren, denn Sie antworteten mir ja: „Nun fahren Sie mich nur nicht so an, es ist ja ohne dieß zu schwer." Doch kein Wort mehr davon. Ich erkenne gewiß Ihre Freundschaft, die Sie dadurch gegen mich gezeigt haben, und danke Ihnen auch dafür, daß Sie ihn haben aufführen lassen. Wie haben Sie das gemacht, daß Sie Schauspieler nach Halberstadt, wo man erst seit gestern angefangcn hat, Sic zu kennen, hingczaubcrt haben? Das wird wohl Tante Nichte befohlen haben; meinen gar schönen Gimß an sie. — Literarnachrichtcn von uns wollen Sie haben? — Fürs erste müssen Sie wissen, daß wir hier weder Schüler sind, noch sepn wollen. Kein Lehrling! kein Schulmeister! oder Herr Schulhaltcr, wenn etwa Schulmeister eiu wenig zu stark ist! — Wir leben hier so in der alten Künstlernnschuld weg und haben so unsre Schlafrocksmeinungen, die wir aber eben nicht drucken lassen, sondern sie nur manchmal, wenn's uns etwa einfällt, an einen Freund, wie Gleim oder AI- berti sind, schreiben, z. B. daß es mit den Formen der Gestalt eine ganz andre Bcwandniß habe, als mit der Regel- gebung von der Gestalt überhaupt. Manchmal fallen unter uns auch wohl ein paar Worte von diesen und jenen Umrissen, dieser oder jener Gestalt vor; aber bis zur Erhabenheit 431 des Allgemeinen schwingen wir uns nicht. Wollte man uns etwa Schuld geben, das wäre nur etwas für uns, so werden wir auch hierzu stillschwcigen und den Einfall bald aufgeben, um den Vorwurf dadurch zu widerlegen, daß man allenfalls noch ein wenig höher hinaufginge, als gegangen worden ist. — Doch das war viel zu viel hiervon. Gerstenberg hat einen Ugvlino gemacht, der trefflich, und, mich deucht, nicht zu schrecklich ist. Ich habe das kleine Verdienst dabei, ihn aufgemuntert zu haben. Der Ugolinv ist schon nach Lessing znm Druck abgegangen. Hermanns Schlacht, ein Bardiet für die Schaubühne, liegt auch zum Drucke fertig. Weil ich mit Ihnen eben so schwatze, so kann ich Ihnen wohl davon sagen, daß ich sie ein wenig lieb habe, und daß sie sehr vaterländisch ist, und weil mir's mit diesem Vaterländischen sehr von Herzen gegangen ist, und ich mich dabei weder auf einen kritischen Dreifuß, noch Vierfuß hinsetzte, und nach Herausbringung des viellehrenden Satzes: Ein Nativnalgedicht iuteressirt die Nation, die es angeht! geschrieben habe, so denke ich, daß jenes Vaterländische wieder zu Herzen gehen soll. Hermanns Schlacht wird auch bald eine Awillings- schwester haben: Hermann und Ingo mar. Ich kann nicht sagen, daß Kopf und Arm schon da sind; denn ich arbeite nach meiner, wie ich glaube, löblichen Gewohnheit, sehr stückweis; aber zwei Dritthcil sind fertig. — Und meine Oden, die Sie sonst so lieb zu haben pflegten, werden auch bald entweder gedruckt oder in Manuskript zu Ihnen kommen. Wo Mythologie vorkommt, da ist es die keltische, oder die Mythologie unsrer Vorfahren. Die lange Ode an meine Freunde ist daher, was die Ausbildung aubetrifft, jetzt ganz anders. Sie heißt Wingolf (ist der Tempel der L32 Freundschaft; — Sie haben doch Malletö Auszug aus der Edda gelesen? —) Die jünger» Schwestern (ich glaube, es sind ihrer über zwölf) machen hiermit einen tiefen Knicks vor Gleim, und bitten sich von ihm ein hübsches, frisches, hellgrünes Eichenblatt aus. Denn Lorbeeren mögen diese deutschen, dummen Dinger nicht. — Gleim: „Mädchen, wie heißt ihr?" — Ich (daß sie einen Knicks macht, versteht sich ja) ich heiße: der Hügel und der Hain. — Gleim: „Und was hast du denn statt der in der Hand?" — Die celtische oder altdeutsche, oder auch wenn Sie mir das erlauben wollen, die neudentsche Tclyn. — Gleim: „Und dein Name?" Der Bach. — — Ich heiße Bragar!- Ich die Kunst Tialfs. --Ich, Terna-- Ich, unsre Fürsten.-Ich, unsere Sprache.-Wir und Sie, heiße ich. (Glosse des Briefschreibcrs, Sic: die Engländer.) Ich, Hermann. — — Aber nnn merke ich erst, daß die Mädchen antworten, ohne daß sie gefragt waren.- Nnn, mein lieber Cherusker! denn Sie sind reines Chcrus- kerblut, wie ich. (Ich denke doch, daß Sie es wissen, daß die Cherusker cs eigentlich und vornämlich sind, die durch Varus Schlacht unter andern verursacht haben, daß wir jetzt nicht halbrömisch, wie die Franzosen reden?) ja mich deucht, daß ich das Eichenblatt von ihnen fordern wollte, da ich den Perioden aufing. Ich muß Ihnen doch noch einen Übeln Streich sagen, den ich mir in dem Bardiet von Hermann gespielt habe, freilich ganz versteckt, und nur für einen, der dicht an dem hohen Cheruskerwald wohnt, kenntlich; aber gespielt habe ich ihn mir doch. Ich habe nämlich Hermann ans eben dem Felsen geboren werden lassen, auf dem Heinrich der Vogler begraben liegt. — Es versteht sich, daß dicß ganz unter uns ssWKMMMUMKLM l» ä33 bleibt.-Es kann nur von Ihnen und mir recht geschmeckt werden, und soll auch gewiß unter uns bleiben, wenn Sie mir es etwa mit der Zeit sagen können und wollen: was Namler, der bisher immer so still von mir geschwiegen, oder auch wohl dieß und jenes gesagt hat, von meinen Oden urtheilen wird, wenn sie nun heraus sind.- Lassen Sie sich nicht von mir verführen, ein so nnfleißiger Korrespondent zu sepn, als ich bin. Bose Srempel verderben gute Sitten; aber ich hoffe von Ihnen das Beste! — 33. Klopstock an seine Mutter. Kopenhagen, den 8. April 1709. Sobald Sie den Messias von Hemmerde bekommen, so werden Sie beurtheilen können, ob er richtig bezahlt hat. Cr soll sür den Bogen 12 Thalcr in Louisd'or (die Einleitung mitgezählt) bezahlen. Gleim hat mir geschrieben, daß er Ihnen Hermanns Schlacht vorlesen wolle. Wollen Sie sie aber auch von ihm leihen, so thun Sie es; nur daß sie nicht aus den Händen gegeben werden muß. — Sagen Sie mir doch nächstens, ob Sie glauben, daß es Gleims Ernst ist, daß er uns Dänen diesen Sommer besuchen will.- Sie wissen vielleicht ans den Zeitungen, daß der Kaiser am 4ten März nach Nom gereist ist, und ich kann nun daraus, daß ich noch keine Nachricht habe, urtheilen, daß vor der Abreise noch nichts beschlossen gewesen ist. Sv Klopstock, vermischte Schriften. 28 434 ungeduldig ich auch bin, welchen Ausgang die Sache baben wird, so hüte ich mich doch wohl, dadurch etwas zu verderben. Jene Verzögerung ist mir ein Beweis, daß man es mit der Sache in Ernst meint. Ich habe mehr als einmal gesagt und geschrieben, daß der Kaiser entweder nichts, oder etwas thnn müsse, das seiner würdig ist. Und bei solchen Hauptsätzen meiner Sache bleibe ich unbeweglich; dieß weiß Graf Wellsperg auch wohl, daß ich in den.wesentlichen Punkten meines Entwurfs keinen Schritt weiche, so wenig ich auf der andern Seite Schwierigkeiten mache, wenn es auf Nebendinge ankvmmt; denn die Sache kann auf vielfache Art ansgeführt werden, wenn nur die Grundsätze bleiben. Mein Projekt ist jetzt nämlich überhaupt, ohne daß man das Umständlichere davon weiß, in Wien nicht unbekannt. Es ist schon lange her, daß ich in Wien viel gute Freunde gehabt habe, und man ist jetzt dort, wegen dieser Negotiation, wie man cs nennt, von neuem sehr wohl mit mir zufrieden. Der Erzbischof ist unter andern mein sehr guter Freund. — Gott sey gedankt, daß es steht, wie es steht. Es wird schon gehn, wie Gott will, daß cs gehn soll. 34. Klopstock an Gleim. Kopenhagen, den si. Znni r 70 g. In einem Briefe meiner Mutter, den ich vor kurzem erhalten habe, steht: „Gleim sagt, Klopstock ist mein 435 Freund nicht mehr." * — Und ich sage, daß ich mich verwundere, wenn Sie so etwas auch nur mit einem halben Gedanken haben denken können. Ein Beweis meiner immergleichen Freundschaft sollte es nun zwar nicht sepn; aber auch nicht das Gegentheil, daß ich, gleich nach dem Empfang des Briefs, nach Hamburg und nach Halle schrieb, man möchte Ihnen, was von der Hermannsschlacht und vom Messias abgcdruckt ist, sogleich schicken. Ich könnte Ihnen, liebster Gleim, allerhand, das mit der Hermannsschlacht Verbindung hat, erzählen; aber ich unterlasse es, gewiß nicht aus Mangel der Freundschaft, sondern aus andern Ursachen, die recht gut sind. Ich habe die Neigung jenes zu erzählen, und es früh genug für die Freundschaft zu thun, überwinden müssen. Aber ich will mein jetziges Schweigen künftig schon wieder gut machen. Und nun eine kleine nicht üble Nachricht von meinen weidmännischen Lustwandlungen in den Wäldern unsrer alten Sprachen, nach gethaner Arbeit nämlich. — Makpherson, der Netter des Barden Ossi an (Offiau war deutscher Abkunft, weil er ein Kaledonier war) wird mir, und wie ich hoffe nun bald, die eisgrauen Melodien zu einigen lyrischen Stellen des großen Dichters schicken. Mit Hülfe dieser Melodien denk' ich das Sylbenmaß der Barden herauszubringen. Und diese kleinen Entdeckungen sollen meiner Abhandlung ' Klopstocks Brief an Gleim vom is. Dccember 1767 batte letzteren sehr verdrossen. Er schrieb den s. April 176 S an Kl. „So einen Brief, wie den vom 10. Decembcr 1767 , schrieb mir mein Klopstock noch nicht," nnd findet darin besonders den Vorwurf der Kricklichkeit beleidigend. Auch meint er, Kl. wolle durch die Ausdrücke: Lehrling, Schulhalter auf Kunstrichter-Sckten hin- dcute», an denen er Thcil nehme; und entschuldigt sich deßhalb. A. d. H. 436 vom Splbenmaß gar nicht übel lassen. Meine Weidmännern anbelangend, so habe ich hiermit die Ehre zu vermelden, daß ich hcrausgebracht, gefunden nnd entdeckt habe, daß der Angelsachse Käd mvn, der größte Dichter nach Ossian unter unsern Alten, in den Gedichten, die seinen Namen haben, nicht wie einige, nnd sogar Hikes (was nennt er mir da für unbekannte Namen?) meinen, bloß nachgeahmt ist; sondern, daß cs wirklich seine Gedichte sind, in denen nur einige Töne, nicht Worte, seiner altern Sprache in neuere verwandelt sind. Wenn Sie, liebster Gleim, nicht gar sehr unwissend in diesen Sachen wären, so würde ich Ihnen nun auch meine herrlichen nnd köstlichen Gründe zu schmausen geben. Aber wer kann sich über so etwas mit Leuten einlassen, die nur in dem ausländischen Tempe umherhvrchen, und niemals ein Laub der vaterländischen Haine haben wehen hören? — Die Weidmännern ferner anbelangend, so habe ich noch weiter entdeckt (freilich hätte es der ganzen deutschen Welt, seit dem Anfänge dieses Jahrhunderts durch Hikes gar wohl und füglich bekannt sepn können) daß es einen sächsischen Dichter gicbt, der unter dem Titel herausgegeben zu werden verdient: „die Geschichte des Erlösers, von dem Sachsen, einem christlichen Dichter bald nach Wittekinds Barden." Er ist edel und so poetisch, als es die schöne Einfalt des Originals zuläßt. Hikes setzt ihn bald in Karls des Großen Zeiten, bald hält er ihn noch für älter. Ich glaube sein Zeitalter in einer Stelle eines Geschichtschreibers unter Ludwig dem Frommen gefunden zn haben. Dieser redet von einer poetischen Uebersetzung der Bibel, die dieser Kaiser von einem sächsischen Dichter hätte machen lassen. Das Fragment fängt von Christi Geburt an und geht bis 437 auf das Gespräch mit dm Jüngern von Cmmaus. Es ist vornämlich viel alte Kernsprache darin und unter andern manches vielbedenrende poetische Wort, das wir armen Neulinge verloren haben; außerdem viel schönes lyrisches Syl- benmaß. Ich denke es mir einer fast ganz wörtlichen Ueber- setzung und mit kurzen, aber bedeutenden Anmerkungen her- anszugeben. Ich besitze schon etwas davon, das mir einer von des Königs Begleitern abgeschrieben hat (wenn Mylord Morton nicht eben darüber gestorben wäre, so hätte ich den Loclox;) und ich hoffe bald eine ganze Abschrift zu besitzen. Der König läßt sie machen. Sie sind doch mit meinem Patriotismus zufrieden, der mich, welches ich ohne eine solche Ursach, nicht eben hätte seyn mögen, zum Scholiasten macht? — Meine Hauptabsicht ist, die fernere Bildung unsrer Sprache. In diesem Betracht ist das Gedicht unsers Sachsen ein reicher Fund. Wir müssen ihre Bildung, ihren alten Original-Genius gleichsam warm aus dem Herzen nehmen. Außerdem ist es auch nicht gleichgültig, zu sehen, wie wir nördlichem Deutschen von der Religion bald nach der Zeit dachten, in welcher Karl der Große durch Schwert und Vehmgcricht bekehrt hatte. Wissen Sie auch, Gleim, daß Sie, der Sie immer über das Nichtschrciben klagen, mir auf einen laugen, eben so umständlichen Brief als dieser ist, nicht geantwortet haben? — Es ist doch, deucht mich, eben keine Unfreuudschaft, wenn man in solchem Falle einen zweiten schreibt. — Und jetzt schreiben Sie mir doch bald? — N- ! i Ät- Ä 438 35 . Klopstock an seine Mutter. Kopenhagen, den 25. Jnli 1769. Ich hoffe, daß Sie nunmehr, und auch Gleim die Anschrift zur Hermannsschlacht bekommen haben. Vorigen Sonnabend übergab mir der Kaiserliche LIuai-Av (l'.Vlluiros das Geschenk des Kaisers. Es ist eine goldene mit Brillanten umgebene Medaille; nämlich um das Brustbild des Kaisers ist Laubwerk und eine Krone über demselben. Beides zusammen ist größer, als die Medaille selbst. Ernst hat Ihnen eine falsche Nachricht gegeben. Was die Ausführung meiner Sache betrifft, so könnte ich Ihnen davon Vieles erzählen, wenn ich bei Ihnen wäre. Ich mag es nicht gern Briefen anvertranen. Ueberhaupt hoffe ich nicht wenig davon und danke der Vorsehung, die cs bisher so geleitet hat. Gleim, erbitt' ich Sie, zu sagen, daß ich ihm nächstens einen umständlichen Brief schreiben wolle, ihm, meinem alten Freunde, von dem ich unter andern erwartete, daß er sich eben nicht für verpflichtet hielte, den neuen Freunden zuviel davon anzuvertrauen. 36 . Klopstock an seine Mutter. Vernstorff, de» 10. August i7so. — --Ich habe au den Fürsten Kaunitz ausdrücklich geschrieben, daß ich nichts für mich suchte, sondern mich für glücklich halten würde, wenn ich etwas für die thun könnte, denen es in den Wissenschaften gelungen wäre. Auch hierzu habe ich wichtige Gründe. Von der ganzen Sache hoffe ich Sie einmal mündlich zu unterhalten. — Gleim hat zu uns kommen wollen, aber er ist nach Berlin gereist. Sagen Sie ihm gleichwohl, daß ich dem bösen Mann noch immer recht gut wäre. — 37 . Klopstock an Gleim. ^ Vernstorff, den 2. September 1789 . Ich hatte zwar vor, Ihnen einen umständlichen Brief über gewisse uns interessante Sachen zu schreiben; allein auch nur die Möglichkeit, daß der Brief auf der Post verloren gehen, oder in Ihrem Hause verlegt werden könnte, hält mich davon ab. Ich will indeß alles einbringcn, wenn wir einander Wiedersehen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr mich diese gewissen Sachen freuen. Ich kann meinen Dank gegen die Vorsehung, die sie nun so weit geleitet hat, nicht oft genug wiederholen. Wenn Sie auch den Kopf des Kaisers * nicht sogleich gemalt bekommen, so will ich es doch schon so einrichten, daß « Glcim schrieb am 17 . August 17 SS: „Ganz warm von der Zuschrift an unser» erhabenen Kaiser, erhaben, weil er meinen Friedrich und meinen Klopstock liebt, ganz warm, mein thcuerster Freund! bitte ich Sie um daS Portrait deS Kaisers, nicht um daS mit Brillanten besetzte, waS sollte mir daS? sondern um eine gute getreue Kopie davon, in meinen kleinen Muscntcmpcl!" A. d. H. 4-LO er nicht zu lange ausbleibt. — Also weil er Ihren Friedrich und Ihren — liebt? — Das erste an seinen Ort, wegen des zweiten schmeichle ich mir zwar ein wenig; besonders, weil man mir erzählt, daß ich noch viel besser beim Kaiser stünde, als ich dachte; allein ich will doch den weitern Hergang der Sache (nicht in Beziehung auf mich) abwarten. Ich setze zu Ihren beiden WeilS noch ein drittes, das gewiß auch bei Ihnen eine kräftige Bedeutung hat: weil sein Charakter deutsch ist. Wie vieles möchte ich Ihnen vorplaudern, wenn ich bei Ihnen wäre; aber wir müßten ans dem Tempel ins Kabinet gehn und die Thüren vorher znmachen. Ihre zu freundschaftliche Aufnahme des Hermanns freut mich nicht wenig; denn der Cherusker an der Bude hat sich den Beifall des Cheruskcrs an der Selke vorzüglich gewünscht. Hier fällt mir etwas ein, worüber ich schon manchmal gelacht habe. Ich hatte einmal, bei der Untersuchung unsrer Mterthümer, einen, zwar bald vorübergehenden, aber nicht kleinen Schrecken, indem ich eine Stelle antraf, die mich zwcifeln machte: ob ich ein Cherusker wäre? — Freilich sah ich meinen Irrthum bald; aber den Schrecken hatte ich leider! einmal weg. — Gluck in Wien, ein Komponist, der nach dem Ausspruch eines großen Kenners, der einzige Poet unter den Komponisten ist, hat einige Strophen aus den Bardengesängen mit dem vollen Tone der Wahrheit ausgcdrückt. Ich habe zwar seine Komposition noch nicht; aber alle, die sie gehört haben, sind sehr dafür eingenommen. Dusch hat schon vor ziemlich langer Zeit, wegen des Portraits an Ger freuberg geschrieben. Die Schwierigkeit liegt darin, daß man den Maler nicht finden kann; denn 441 unser großer Portraitmaler Als ist zu sehr beschäftigt, malt sehr langsam, und ist überdieß sehr theuer. Ich bin seit kurzem in eine deutsche Malerin in London, Angelika Kaufmann, beinahe verliebt. Sie hat einen Briefwechsel mit mir angefangen, und will mir schicken: einen Kopf Ossians nach ihrer Phantasie, ihr Portrait und ein Gemälde aus dem Messias. Außer dem allen will sie mich auch in Kupfer stechen. Wie stark dieses junge schwarzäugige Mädchen in der Kunst ist, werden Sie sehen, wenn ich Ihnen sage, daß ihr die Herrn Großbritannier fünfzig Guineen für ein Portrait bezahlen. Also die Geschenke des Mädchens von der Seite des Geldwerthes zu beurtheilen, betrügen, wie es mir vorkommt, nicht weniger, als dreihundert Guineen. — Noch etwas, das meinem lieben Gleim auch nicht mißfallen wird. Ein reisender Hamburger hat die Geschichte Sammas in Verona sehr schon gemalt getroffen. Ihre Schriften bitte ich jetzt noch nicht herauszngeben. Wenn Sie sie aber alsdann, wenn ich Sie darum bitten werde und zu dieser Zeit ohne langen Aufschub hcransgeben wollen, so soll Ossi an eine Reise zu Ihnen thun und sich bei Ihnen Jahr und Tag anfhalren. Branchen Sie mir ja Namlers Feile nicht zu viel und bringen Sie mit Ihrer eignen hier und da ein wenig Politur weg. Ich schlage Ihnen hierdurch nichts vor, als was ich selbst thue. Sorgen Sie dafür, daß die besten Stücke der Karschin nicht verloren gehn; aber ändern muß sie daran, sie mag können oder nicht. Vieles von den unaufhörlichen Lobpreisungen muß weg. Ich muß Ihnen doch wenigstens eine Stelle aus einem gewissen Briefe abschreiben; aber verbrennen Sie diesen, damit er der Gefahr, verlegt zu werden, schlechterdings nicht aus- gesctzt scp. Es versteht sich, daß diese Stelle ohne alle Ausnahme allein für Sie ist. „-und ich bin dabei über die Ehre der Gelehrsamkeit, alles allein zu thnn, immer traurig — geworden- Erlauben Sie mir, Erhabenster und Edelster des Vaterlandes! daß ich mich in Ihrer Gegenwart nun auch meiner Freude überlasse. Ihre Deutschen, die nicht aufflammen, aber glühen, werden von nun an, von dem Tage an, da Sie ihnen winken, keinen später, um den Vorzug in den Wissenschaften mit den Franzosen und Engländern, einen heißen und. dauernden Wettstreit halten, den Sieg endigen wird. Hierauf werden sie die Griechen, die bis jetzt unüberwundenen, auf dem Kampfplatze antreffen. — Ich kann nicht hoffen, länger zu leben, als noch den ersten Staub dieses Kampfes zu sehn! —" Nun, Sie schreiben mir doch bald einmal wieder? — Sie wissen ja, wie lieb mir Ihre Briefe sind. Von Tanluln Nichte (freilich Tantnla in meiner Abwesenheit, aber Tanta, wenn ich, der Schutzherr, da bin) von Friederici, Cra- m er, der Bothmer und dem Dvmdechant möcht' ich doch auch wohl einmal Nachricht haben. — 38 . Klo pflock an Gleim. Vernstorff, dcn 7. Sextembcr 176g. Ihr Geschenk hat mir keine kleine Freude gemacht. Die Oden sind mehr nach Ihnen selbst, als nach dem Horaz, und es freut mich, daß der Titel nicht Wort genug gehalten hat. Aus dem Französischen oder sonst Ausländischen sollen Sie mir nichts mehr übersetzen. So schön Sie cs auch machen, Sie sollen doch nicht. Das einzige Uebersctzen, das ich nun den Deutschen noch zur Noth erlaube, ist aus dem Griechischen. — Doch genug! ich werde zu warm, wenn ich nur an eine Jochkriecherei denke! — Freilich, liebster Gleim! hätten Sie eine bessere Reise thun sollen; aber Herder hätten Sie bei mir nicht angetroffen. Ich weiß nicht, wie es sein Schiffer mit ihm gemacht hat. Vielleicht hat er bei Kopenhagen anlegen wollen und nicht Wort gehalten. Ich kann aus dem Kabinet, in welchem ich jetzt schreibe, vier Meilen in die Ostsee hinaus sehn. Ich bin oft an meinem Fenster, aber ich habe den kritischen Berg, der ja der (denn ich muß es doch nur heranssagen) Mäuse und Eichhörnchen, wenn jene Ihnen zu klein sind, geboren hat, nicht entdeckt. Wenn Ihnen das zu streng vorkommt, so denken Sie sich meinen unwiderleglichen Satz noch nicht so wahr, als ich und als er wirklich ist, nämlich daß kein Kritikus mehr als eine Stimme hat. Und von dieser einen Stimme fordereich außerdem noch, daß sie von nicht kleiner Bedeutung sei), wenn sie sich will öffentlich hören lassen.— Von (I. G.) Jacobi kenne ich noch nichts, als die Briefe und was ich in den Journalen und Zeitungen von ihm finde. Cr versteht die Sprache und hat Geschmack, aber noch zu viel fremde Bildung. Ich sage dies; nur Ihnen. — Warum ist er denn schon wieder von Ihnen gereist? Sagen Sie mir, weiß es Ramle r, daß die seine schönste Ode ist, in der er am wenigsten oder vielmehr gar nicht nachgeahmt hat? — Und wenn er es weiß, hat er nicht Lust, daraus zu folgern, was wirklich daraus folgt? — 444 Was sagen Sie von dem Fragmente vor dem dritten Bande des Messias? — So wird meine Abhandlung werden. Ich schriebe sie freilich lieber ans vier Bogen, als daß sie nun wohl zwanzig haben wird; aber alle meine hiesigen Freunde wollen, daß ich so ausführlich scpn soll, weil die Sache noch zu wenig bekannt scp. Wenn sie dieß mehrern seyn wird, so kommt denn einer, der sehr recht darin hat, und macht vier Bogen daraus; dann bleibt nichts weiter, als die neuen Sylbenmaße, und die Bildung der griechischen, die man nicht ganz kennt, auch, wegen Mangel der Bestimmung in den griechischen Kritikern, nicht ganz kennen kann. — Und mehr braucht ja auch nicht übrig zu bleiben. — Zwischen dem Kaiser und dem Könige von Preußen scheint es wirklich bis zur Freundschaft kommen zu wollen. Wenn sie nur mehr von der Pflugschaar, als von der Lanze mit einander abhandcln. Bei der Vorstellung von dem ersten wünsche ich die Zurückknnft des Kaisers mit weniger Ungeduld. Erst nach seiner Znrückkunft kann ich die Entscheidung über gewisse sehr interessante Sachen erwarten. Dcn 9. September. Es ist mir sehr angenehm, daß Sie meine Mutter bisweilen sehen. Ich hoffe von Pfutsch, daß er für ihre Gesundheit sorgt. Ich fürchte den Winter, nickt wegen ihres Lebens, aber wegen ihres Befindens. Schlagen Sie doch Pfutsch vor, daß er ihr viel China giebt. Wenn er es gut findet, so will ich ihm China, und rechte gute schicken. China können Sie auch einnehmen, liebster Gleim! anstatt Brunnen und andre Tränklcin zu trinken. Ick habe sie, bei Gelegenheit des Fiebers, so lieb gewonnen, daß ich ihr auch bei allen andern Veranlassungen zuspreche und mit gutem 445 Erfolg. Ich bin eben kein Einnehmer; also lassen Sie sich meine Empfehlung nur immer empfohlen sepn. Start der China manchmal Quassia und viel Bewegung: diefi ist alles, worauf ich mich in Absicht auf die Medizin cinlasse. Onnars, Ouassiare, ensuila ex Spaliere: IHt. lli^nus, liiLnus es inlraro ' In noslro 6oelo corpore! Nun leben Sie recht wohl und lassen Sie mich bald wieder etwas von Ihnen und meiner Mutter hören. 39 . Klop stock an seine Mutter. Vcrnstorff, den ss. Septcml'er 17 S 9 . — Ich habe gestern einen sehr angenehmen Brief von Wien erhalten, worin unter andern steht, daß ich dort viele Freunde habe, und daß mir die Medaille zum Tragen gegeben ist. Nur vau der Swieten, der erste Leibmedikus der Kaiserin und ein alter Liebling von ihr, besitzt auch eine solche Medaille, und pflegt sic zu tragen. Dieser Umstand, daß nur van der Swieten eine solche besitzt, ist von keiner kleinen Erheblichkeit. — Gleim wird Ihnen umständlicher davon sagen können, wie gut jener bei der Kaiserin, und so viel ich weiß, beim Kaiser steht. — Gott lenke den Hergang dieser Sache ferner. — Ich denke Ihnen noch in diesem Jahre wieder etwas Gutes davon schreiben zu können. — L46 40 . Klop stock an Glci in. * Bernstorff, den 28. August 1770 . Sie konnten mir, liebster Gleim! kein angenehmer Geschenk machen, als Sie mir durch das Portrait meiner Mutter gemacht haben, und mich zugleich nicht unvermu- theter überfallen. Wissen Sie aber auch, zu welcher Bitte Sie mich dadurch verführen? — Ich zanke mit Ihnen, wenn Sie nicht errathcn, daß ich Ihr Portrait meine. Ich weiß nicht, warum die Maler nichts unter ihre Werke setzen, da die Kupferstecher so vernünftig sind, es zu thun? — Also lassen Sie den Maler fein etwas darunter schreiben. Bald nach Ihrem, bekam ich ein Gemälde (mich deucht, ich habe Ihnen schon einmal ein Wort davon gesagt, daß ich cs bekommen sollte) von Angelika ans London. Es ist vortrefflich; daS Mädchen hat den Raphael studirt. Drei Personen: der tvdtblciche Samma, der die Urne Bcnvnis sitzend, mit daran gelehntem Kopfe umfaßt; Joel, der Johannes thränend bittet, und Johannes, ausnehmend schön und sanft, der sich über ihn beugt, und ihn mit voller Aufmerksamkeit Hort. — Und nun bekomme ich noch Ihr Portrait und das der Angelika. Ich habe sie gebeten, sich als * Gleim schrieb au Klopstock von Halbcrstadt ans den is.Jnlii 770 . „Zwei Worte, mein nlter liebster Freund! — DaS Blldulß Ihrer „Frau Mutter, von dem ersten Maler unsrer Gegend gemalt, empfangen Sie hierbei. Die Mutter Homerö, dacht' ich, wäre wohl „nicht dab lepte Stuck, daö irgend ein Apollo seiner Vildergallerie „zu schaffen sich bemüht; da kam Kal au zu mlr, da lieb ich die „Mutter KlopstockS malen. Vollkommen ähnlich werde» Sie'ö „finden; wer cö sah, fand cö getroffen." A. d. -H. Thusnelda zu malen, nämlich einen Köcher an der Schulter, in Leinen mit Purpuraufschlägen gekleidet, die Arme fast ganz bloß, einen Feldblumenkranz mit etwas langem Eichenlaube untermischt. (Ich hoffe ja, daß Sie wissen, daß Thusnelda blaue Augen hatte; gleichwohl Hab' ich die Angelika gebeten, ja ihre schwarzen Augen bei dieser Gelegenheit nicht in blazie zu verwandelin) Aber endlich zur Hauptsache: diese schwarzen Augen, die ganze Miene sieht freudetrunken auf einen römischen Adler herunter, Len Thusnelda mit beiden Händen angefaßt hat. — Verboten Hab' ich dabei der Angelika, sehr ernsthaft verboten, mir nicht auch einen Ossianskopf, wie sie thun wollte, zu malen: denn wie wär' es möglich, daß ich so viel von ihr annähme! — Nun lassen Sie mich einmal nachrcchnen, was ich theils besitze, theils bald besitzen werde. Ich besitze 1) meiner Mutter Portrait von Gleim, 2) Samma an den Gräbern, von Angelika; ich werde besitzen 3) Gleims Portrait von Gleim, 4) Angelika Thnsnelda von Angelika. — Was ich für ein reicher Mann bin! Ich rechne nämlich das Sei)nw erden schon zu dem bin. Außerdem hat mir auch Glover die neue Ausgabe seines Leoni das geschickt. Und nun möcht' ich eine Sache, wenigstens heute lieber nicht berühren. Aber ich muß es doch thun, weil ich Gerstenberg zu lieb habe, und weil er meine Freundschaft zu sehr verdient. Was hat Gersten berg * doch immer gethan, - ' In GleimS oben angeführtem Briefe befindet sich folgende Stelle - „Was macht unser Gerstenberg? Sie, mein lieber Klop- „st o ck, wissen die Ursache: mit Jacobi, dem sanftesten Menschen, „einem Klopstoek dem Herze» nach, fing Gerste nberg einen „Zank an! — CS kostet meinem Herzen zu viel, davon zu sprechen. daß cr Jacobi gelobt und auch getadelt hat? — Doch ich mag nicht umständlicher darüber werden. Ich habe vielmehr Lust, Ihnen für das Vergnügen zu danken, das Sie meiner Mutter und dadurch auch mir, bei ihrem letzten Besuche in Halberstadt gemacht haben. Lassen Sie mich doch, wenn Sie mir wieder schreiben (und thun Sie das fein bald), ein Wort von Fricderici Horen. Ich verschiebe auf meinen nächsten Brief, denn es wird zu spät, daß ich aus gar nicht schlechten Gründen überzeugt bin, daß die Roßtrappe das einzige druidische UcberbleibscI in Deutschland ist, und daß ich Lust habe, Ihnen den Vorschlag zu thun, daß der Barde der Selke und der Bude (die beiden Harzbäche, aus denen chmals geweissagt wurde) eine Inschrift in den Fels der Roßtrappe hauen lassen sollten. — Wie gesagt! künftig umständlicher hiervon! — 41 . Klo pflock an Gleim. Hamburg, de» IS. April 177 t. Ich hätte Ihnen längst schreiben sollen, mein liebster Gleim, ich weiß es wohl, und es ist auch eben keine sonderliche Entschuldigung, zu gestehen, daß mau ein Nichtschreiber ist. — Ich hatte recht gute Ursachen, Sie zu bitten, „Rrttrli Sic, vertheidigen Sic, wenn cS möglich ist, Jhrc» und „mcinrn Gersten borg; ich will Sie dafür besonders lieben." A. d. H. daß Sic die Ausgabe Ihrer Werke aufschiebcn möchten. Aber wer weiß wie lange Zeit mm noch hingehet, eh' ich Ihnen diese Ursachen sagen kann. — Und so lange sollen nnd müssen Sie nicht warten. Machen Sie die Ausgabe, nnd je eher und schneller je lieber. Ich freue mich recht sehr auf Ihre Gedichte, nur Eins dauert mich, daß mein lieber deutscher Gleim griechische Götter in seinen Gedichten hat. Was ich lange vermnthet habe, scheint itzt wahr zu sepn, nämlich, daß ich mein Gehalt verlieren werde. Denn ich Hab' ein Schreiben von der Partikulier-Kammer erhalten, in welchem man, vermöge einer Königlichen Kabinctsordre, mich fragt: 1) Wie alt ich sep? 2) Nach welchen Verdiensten, und aus was für Ursachen ich eine Pension hätte? 3) Wie mein Vermögen beschaffen sei)? Meine hiesigen Freunde wollen es nur nicht, sonst hätt' ich nicht wenig Neigung, in einem Nr. 4 hinzuzusctzen, daß sich meine Wünsche auf keine fernere dänische Pension erstreckten. Was sagen Sic dazu? Sollt' ich nicht auch da-s Ungefragte beantworten? oder darf ich dieß Zutrauen zu meinem Vaterlandc nicht haben? — Ihr Rath würde zwar für jetzt zu spät kommen; denn ich muß künftigen Dienstag antworten; aber damit ist nicht gesagt, daß ich nicht noch künftig Meister und Herr sep, ihm zu folgen. — Sagen Sie meiner Mutter nichts von diesem Hergänge; sic wird eö ohne das früh genug erfahren. Klopstvck, verniischte Schriften. 29 450 42 . Klop stock an seine Mutter. Hamburg, dc» 4, April 1772, Victor hatte mir gesagt, daß er Ihnen geschrieben und auch von mir Nachricht gegeben hätte. Es wunderte mich daher, als mir Lcssing sagte: er hätte einen Brief von Ihnen, worin Sie ihn um Nachricht von uns bäten; ich will Ihnen daher jetzt selbst welche geben. Freilich hatte durch die Traurigkeit über den so unerwarteten Tod des seligen Gehcimenraths von Bern stör ff meine Gesundheit etwas gelitten; aber es ist Gott sey Dank, schon einige Zeit her, daß ich es überstanden habe. Ich bin bei der Geheimenräthin geblieben; denn sic hat dicß auf eine recht freundschaftliche Art gewollt. Sie wohnt jetzt in einem andern Hause, in einer Gegend der Stadt, wo recht frische Luft, und eine schone Aussicht über das nahe Alsterbassin ist, welches dicht vor dem Hause liegt. Ich habe dem Prinzen Karl von Hessen, der die zweite Prinzessin von Dänemark zur Gemahlin hat, vorgcschlagen, zu machen, daß man dem seligen Gehcimenrath in Rothschild (die Könige von Dänemark sind da begraben) ein Begräbnis' gebe. Die Sache ist neu und deshalb schwer, und sie wird auch wohl nicht zu Stande kommen; indes, hoffe ich von dem Prinzen, daß er sie noch nicht anfgegcben, und mit dem, was man thun will, zufrieden seyn wird, nämlich ein Denkmal in der deutschen Kirche in Kopenhagen zn setzen. — Die Wiener Sache habe ich bisher aus vielen Ursachen liegen lassen müssen; aber aufgcben werde ich sie nicht, und zu seiner Zeit schon wieder treiben. — 451 In kurzem wird David gedruckt erscheinen und Sic und Gleim sollen dann gleich Ercmplarc haben. 43 . Klop stock an Gleim. -Hamburg, den so. September 1772. Ich hatte eben vor, Ihnen zu schreiben, als ich Ihren Brief empfing. Ich wollte Sie unter andern Jacobi's wegen fragen, wie seine Versicherungen (die in der Note wäre mir schon genug gewesen) mit der Anführung sogar meiner Ausdrücke übercinstimmten? Nachahmer sollten gemeint sepn; aber wo sind denn diese? Wenigstens kenne ich keine von Hermannsschlacht. Die künftigen also? — Diese werden also alles, bis auf meine Ausdrücke brauchen? Hierüber wollte ich Sie unter andern fragen. Ich werde mich freuen, wenn Ihre Beantwortung von der Befürchtung Ihres Briefes an Jacobi unterschieden sepn kann. Doch ich bin von andern Sacken viel zu voll. Wann habe ich denn aufgehört Ihr Freund zu sepn? und warum fahren Sie denn immer fort, mich dessen zu beschuldigen? — Wenn ich nicht der standhafte Freund wäre, der ich bin, und mit dieser Gesinnung besonders der Ihrige, so würden cs just solche unverdienter Weise oft wiederholte Anklagen sepn, die mich wankend machen würden. Aber ich bin gleichwohl immer Ihr Freund geblieben.- 452 44 . Klopstock an Gleim. Hamburg, den 14 . Mai 1773 . Vor allen Dingen, mein Gleim, müssen Sie mir bald schicken, was Sie mir gesungen haben. Halb grausam war es, daß Sie mir, wenn es noch nicht fertig ist, nicht das, was fertig ist, beilegten. — Meine Freude, den Messias vollendet zu haben, ist mir alle Tage neu. Sie können sich vorstellen, mit welcher Ungeduld ich erwarte, die Ihrige darüber zu lesen. Schicken Sie mir ja etliche Eremplare von dem, was Sie für die armen Mädchen drucken lassen; ich denke sie schon anzubringen. 45 . Klopstock an Klamer Schmidt.* Den 25 . September 177 Z. Wie sehr bin ich Ihnen für die nicht kleine Freundschaft, die Sie mir auf so vielfache Weise gezeigt, verbunden! — Ich werde Ihnen einen Auftrag thun, der Ihnen ein Beweis fepn kann, wie hoch ich Sie schätze. — Auf den Landtagen " Dieser hatte damals, wo Kl. mit der Gelchrten-Republik beschäftigt war, die SubskriptionSangclegenheil in Halberstadt übernommen. Klopst. sammelte zu dieser Zeit die Stimmen der Aldermänncr über daS Wohl und Wehe seiner Schöpfung. A. d. H. L53 der Gelehrten-Republik werden die Geschäfte des Morgens vorgenommen! am Abend wird in verschiedenen Zusammenkünften über Vieles, die Wissenschaft betreffend, geredet. Die Geschichtschreiber haben Befehl, das Nene (durch Neues verstehe ich nicht nur, was es von Grund aus ist, sondern auch was es durch andere Bestimmungen des Bekannten ist) ,das sie gehört haben, aufzuzeichncn. Nun zu meinem Aufträge: Ich bitte Gleimen und den Kammerrath Cramer in Blankenburg, (es sind nur noch Wenige, an die ich eben die Bitte gethan habe) mir dasjenige Nene, was Sic über irgend einen Theil irgend einer Wissenschaft gedacht haben, es mögen nur erste Gedanken, oder völlig bestimmte und ausgebildcte seyn, mitzutheilcn, und mir dabei zu sagen, ob die Geschichtschreiber ihre Worte brauchen sollen, oder cs vertragen dürfen, wie sie wollen? — Cs wird, denk' ich, wohl nöthig seyn, daß Sie eine kleine Reise zu Cramern thun, und ihm ja nicht gleich Quartier geben, wenn er nicht will. Suchen Sie nur auf seiner Stube kosto zu fassen! Wenn Sie da erst einmal sind, (es ist schwer, in dieß bezauberte Schloß zu kommen) so setzen Sie sich hin und sagen: Er sollte nur reden: Sie wollten schreiben; und so war' es nun einmal, Sie gingen gar nicht eher wieder weg, als bis Sie etwas hätten. — Sie können doch, im Nothfall, ein wenig barsch seyn?- il'^7, i'is > L5L L6. Klopstock an Gleim. Hamburg, den 25. November 1782. Es ist sehr lange her, liebster Gleim, daß wir einander nicht geschrieben haben. Zuletzt blieben wir, glaub' ich, dabei stehn, daß Sie ans mich Unschuldigen böse wurden, daß ich nicht nach Braunschweig gekommen war. Ich litt wohl damals doppelt; erstens, daß Sie mich anklagten, da ich doch nicht kommen konnte, weil Stolberg nicht kam; und dann daß ich Sie nicht sähe. — Ich habe seit kurzem etwas sehr Angenehmes und etwas sehr Trauriges erlebt. Einer der würdigsten Männer des Vaterlandes hat mich besucht. Ich habe ihn sehr lieb gewonnen. Er will Hermannen ans der Höhe von Winfeld ein Denkmal sehen. Ich mache die Inschrift. Sobald Sie fertig ist, schicke ich sie Ihnen. Oben auf der vierzig Schuh hohen Pyramide eine Kugel und daran die Jrmensäule. Aber sowohl hiervon, als von der Aufschrift, die Sie bald haben sollen, kein Wort gegen irgend Jemand. Die Gräfin Bernstorff, die älteste Schwester unsers Stolberg, die ich von ihrem zwölften Jahre an gekannt habe, deren Heirath ich zwar nicht gestiftet, aber bei welcher ich doch gleich anfangs mehr als ein bloßer Vertrauter gewesen bin, ist, selig, durch Kindergcbären, gestorben. Dieß hat mich sehr tief verwundet.-Auch ist mir es herzlich nahe gegangen, daß unser Vvß seinen ältesten Sohn, einen recht lieben Jungen, verloren hat-- Manchmal hörte ich, Sie wollten uns besuchen, und ich hoffte auch darauf, weil Sie nach mir die meisten freundschaftlichen Reisen gethan haben. Aber es ist nichts daraus geworden. Was halten Sie vom künftigen Sommer? Ich habe auch für diesen den Garten, auf dem ich den vorigen war, gemiethet. Da wohnten Sie dann, wie sichs versteht, bei mir. Sagen Sie: Ja! Gleim, oder ich schicke Ihnen keine Oden wieder. Sie haben die letzten doch bekommen? — Ich umarme Sie mit meiner ganzen alten Freundschaft. 47 .' Klopstock an Gleim. Hamburg, den 7. Novbr. 17SS. Mein zu langes Stillschweigen, bester Gleim, ist durch nichts gut zu machen!- Hierauf macht also auch die Vergeltung keine Ansprüche. Jndeß hat diese Ode (außer meiner Frau) noch Niemand gesehn; wenn dieser Umstand mir bei Ihnen nützlich seyn kann, so ist mir's lieb: denn ich habe allerhand Beistand bei Ihnen nothig. — Die beigelegren gedruckten (Oden) habe ich nach langem Suchen unter meinen Papieren gefunden. Die eine hat das kleine Verdienstchen der beigeschriebenen Aenderungen. Nikolovius bot mir tausend Thaler für die Oden. Hiemit war ich zufrieden. Die Verzögerung des Drucks hatte eine andre Ursach, die jetzo aufgehört hat. — Aber, Gleim, warum unterstehn Sie sich denn, daß Sie so lange leben, da Sie doch nicht reiten? — Dieses Kunststück hätte ich Ihnen nicht nachmachen können. Dieß will unter andern sagen, daß ich Sie bitte) das Reiten wieder anzufangcn. — Damit müssen Sie mir nicht kommen, daß Sie mir sagen, Sie wären zn alt dazu! — Sie erinnern sich, daß Juda noch in seinem 95stcn Jahre ritt, nur daß er sich anfs Pferd helfen ließ. Unser Eb ert lebte noch, wenn ihn nicht seine übertriebene Gefälligkeit (die, der langsamen Leichenbeglcitnng in einem ' solchen Winter) in das Grab gebracht hätte. Jener Götzin hat er sein ganzes Leben geopfert. Sein Tod machte aus dieser Ursach einen besondern Eindruck ans mich. Erst fühlte ich tiefen Schmerz über seinen Verlust, und hierauf war ich beinahe wider ihn aufgebracht, daß er sich durch jene Gefälligkeit hingeopfcrt hatte. -- Wenn Sie das Berliner Archiv lesen, so haben Sie auch meine zwei Worte über die kantische Philosophie gesehen. Ich hatte sehr ernsthafte Ursachen, dieses zn schreiben. In Berlin und Weimar ist man sehr zufrieden damit gewesen. Was sagt man bei Ihnen davon? — Ich frage nicht: Was Kantianer davon sagen? — Ich habe Ihnen doch die grammatischen Gespräche zugeschickt? — Ja, ich habe. — Sie wissen also, daß unsre Sprache mit der griechischen und lateinischen einen nicht unglücklichen Wettstreit, in Ansehung der Kürze, gehabt hat. Wenn Ihnen das Freude macht, so sollen Sie, zur Belohnung, etwas von den ferneren Hergängen dieses Kampfes, vor dem Drucke, zn sehn bekommen. — Wie viel Schlafröcke und Mützen haben Sie jetzt an und auf? — Salzen Sie Ihre Speisen jetzt, oder salzen Sie sie nicht? — Wollen Sie Ihre Tollkühnheit des Nichtreitens fortsetzen? — — 457 48 . Hamburg, den so. Januar Ich habe aus Würzbnrg ein Gemälde von einer Ungenannten mit einem Briefe erhalten, der noch schöner ist, alS das schöne Gemälde. Dieß ist aus Hermanns Schlacht genommen, und zeigt den Sieger in dem Augenblicke, da Thusnelda vor ihm kniet. Der Name der Unbekannten soll mir, wie Sie sagt, ein Geheimnis bleiben. Ließe Sie sich doch von mir erbitten und änderte einen Vorsatz, der mir gar keine Freude macht. Ich verliere zu viel durch Ihre Beharrlichkeit. Denn ich kann Ihr alsdann durch Briefe nicht „bezeugen, was Sie mir scy" und ich entbehre zugleich das Vergnügen, Ihren Namen vor eine meiner Oden zu setzen. Ich bin, was die Wahl der Ode betrifft, noch zweifelhaft. Der Zustand des Zweifelnd ist unangenehm. Die liebenswürdige Unbekannte muß mich da Herausreißen, und nach Brechung des Worts, das Sie sich gegeben hat, die Ode wählen. Thut Sie es nicht, so räche ich mich, und glaube dem Wunsche nicht, der Beziehung auf den Kranz hat, welchen der Retter des Vaterlands ans Thusnelda's Hand empfing. Klop stock. * Eigentlich kein Brief, sondern eine 'öffentliche Aufforderung. Da sie jedoch einer Antwort auf einen empfangenen Brief ähnlich ist, so finde sie hier ihre Stelle. — Das; die Ungenannte die Erbprinzessin von Thurn und TapiS, geh. Herzogin von Mecklenburg-Streliy war, erhellet aus der zu der Ode: Das Denkmal, von Kl. gegebenen Anmerkung in d. Göschensch. Au§g. v. I. 1825 . 2. Th. 259 S. A. d. H. 458 49 . Klop stock an Bö ttig er. Den s. Mai 1707 . Ich habe den altern Humboldt zn meinem nicht kleinen Vergnügen kennen gelernt. Sie sind nahe Nachbarn, und so sehen Sie sich wohl. Ich bitte Sie, ihm die überschicktcn Zusätze zu den grammatischen Gesprächen zn schicken. Fragen Sie ihn, den scharfen Forscher in jeder Sprache zugleich: ob er etwas in der griechischen Sprache kenne, welches dem zu vergleichen sey: daß unsere Sprache durch das Wörtchen ans und seine Stellung, sagen kann, daß der Hund und der Hahn mitlachen. Wieland ist also Gärtner geworden. Ich bin's auch ein wenig. In dem Falle also, daß bei euch, auch etwa-s nördlichen Leuten, die Weintrauben nicht genug, das heißt, nicht völlig süß werden; und in dem zweiten Falle, daß Wieland mit Leidenschaft die Trauben liebt (ich müßt' ihn ja das erstemal der Barbarei beschuldigen, wenn ich das nicht von ihm glauben wollte); thne ich ihm einen Vorschlag, durch dessen genaue Ausführung er sich bis zn reifen Trauben emporschwingen kann. Eine Mauer von Backsteinen (ja nicht von Feldsteinen) gegen Mittag, und etwas über eine Viertcl- ellc dick. In die Mauer kommen Vertiefungen, welche die Breite einer kleinen Hand in die Mauer hineingeheu. Der Weinstvck wird außer der Vertiefung so weit von der Mauer in die Erde gepflanzt, daß die Wurzel durch die Mauer nicht am Wüchse gehindert werde. Vor die Vertiefungen kommen Fcnsterthüren mit kleinen Scheiben (wir Landleute müssen 459 auch auf Ersparung sehen). Oben wird eine Scheibe angebracht, die man öffnen kann, und zur Zeit großer Hitze zwischen 11 und 3 Uhr öffnen muß, am längsten, wenn es schwül ist. Die gewöhnlichen hölzernen Behältnisse mit Fenstern taugen ans zwei Ursachen nichts; die Trauben werden darin nicht so reif, wie an den heißen Mauern, und dann muß man jedes Holzwerk auch alle Augenblicke neu machen lassen. Was ich da sage, ist nicht Theorie; es ist haarkleine Erfahrung. Ach, einst aß ich mit den beiden Bernstvrffen, Oheim und Neffen, durch diese Hülfe reif gewordene Trauben. Wissen Sie schon von der Ausgabe von Ossi ans Gesängen, die jetzt in seiner Sprache in England gemacht wird? Ist die Uebersetznng getreu? Sind Anmerkungen über das Celtische dabei? Ich schicke diesen Brief sogleich heute fort, denn ich kann, wofern ich auch einen von Ihnen bekomme, ihn doch nicht beantworten, weil ich in Gesellschaft bin. 50 . Klopstock an Gleim. Hamburg, im Sommer 1707 . Diese Ode schicke ich Ihnen allein in der Absicht, daß Sie daraus sehen, wie einige Franzosen von den Deutschen jetzt urthcilen. Ein andrer Franzose jclo In Tresnej hatte fünf Gesänge des Messias übersetzt; diese Uebertragung würde selbst die italienische übertroffen haben, aber der Verfasser mußte, als französischer Husarenoffizier, nach England reisen. — 460 51 . Klopstock an Wieland. Hamburg, den 7. August 1797. Ich erfuhr vor einigen Tagen, daß sich ein junger braver Mann (ein Däne R....z) in die kantische Philosophie vertieft und erstochen hatte (er stürzte sich in den Degen und wurde gleichwohl gerettet.) — Wenn mir zuweilen Reisende, die mich besuchen, durch zu viele Fragen nach meiner Meinung von dieser traurigen Sekte zu lästig werden und mit mir disputircn wollen, so lese ich ihnen dieses Blatt vor. Wenn sie dann stutzen und ein wenig merken, was das für ein Philosoph sep, der so etwas sagen könne; so ist es gut, und ich überlasse sie dem Eindrücke. Wenn sie nichts davon merken; so lasse ich es auch gut seyn, und rede ihnen von ihrer Reise, ob sie in den schlimmen Wegen ein Rad zerbrochen hätten? — Vielleicht mögen Sie von diesem Blatte einen gleichen Gebrauch machen; und deßwegen schicke ich es Ihnen. Man muß wirklich thun, was man kann, um besonders brave junge Leute aus dieser Barbarei herauszuziehn. Dieß war mein einziger Zweck, als ich das grammatische Fragment über die Kunstwörter schrieb. Frage. „Man findet in einer unsrer neuen philosophischen Schriften eine von beiden folgenden Stellen: 1 . Eine Einheit der Idee muß sogar als Bestimmungsgrund a priori eines Naturgesetzes der Kausalität einer (gewissen) Form des Zusammengesetzten dienen. 2 . Die Kausalität einer (gewissen) Form des Zusammengesetzten muß einer Einheit der Idee sogar als Bestim- mnngsgrund a priori eines Naturgesetzes dienen. Welche von diesen beiden Stellen steht in dem Buche?" 52. Klopstock an Gleim. Hamburg, den is. Jul. i7gs. Ihr letzter kleiner Brief vom 13ten dieses Monats war mir besonders deßwegen lieb, weil er mich, Ihres Befindens wegen, außer Sorgen setzte. Einer meiner letzten Besuche, die mir zwei Halberstädter machten, (der eine hieß Hecht)* hatte mich ein wenig beunruhigt. Sie sagten mir, daß Sie ein wenig Flußfieber hätten, und ich liebe nun einmal die Flnßfieberchen der Achtzigjährigen nicht. Doch diese Nachricht würde mich gleichwohl nicht beunruhigt haben, wenn ich nicht aus Ihrem Briefe sähe, daß Sie nicht bei unsrer "In einem späteren Briefe Gleims an Kl. vom S5. Jul. i7gs steht: „Der Halberstädter Hecht sagte zu Ihnen Klop stock! Gleim sey krank; aber er ist so gesund, wie der Hecht, als er's sagte, gewesen seyn mag." A. d. H. -462 Dorfquelle,* wo der Steinmetz arbeiten sollte, gewesen sind. Dahin müßt Ihr nun reisen; der Achtzigjährige und die Jüngern, die Ihr beweisen wollt, daß Ihr im Monat Julius nicht kränkelt. (Klamern glaubte ich für seine liebe Ode** dadurch gedankt zu haben, daß ich ihn zu dem Quellen-Besuche mit einlud.) Ihr reist also bald dahin, hauet die Namen ein, laßt dort tanzen, und mir Fluß und Quelle, sollte es auch nur mit den ersten Zügen seyn, abzeichncn; denn hier wollen aller Augen diese Gegend sehen. Man ist ganz verwundert, daß cs in einer Ebene solche Quellen, und solche gleich große Bäche giebt. Wir wohnen ja auch, sagen sie, in einer Ebene. — Ich sey, behaupten sic ferner, in der Ode mehr Erdichter gewesen, als ich scheinen wolle. Kurz, liebster Gleim, ich muß, außer der Nachricht von den Tänzen, auch eine Zeichnung haben. Sie haben mir von den Oden schon sehr viel, aber zuviel * In demselben Briefe heißt es: ,,DaS Quellmvnument ist noch nicht gesetzt! Nächstens- aber gcschicht'S und steht'S, dann sag' ich: Lxegi! und sende meinem Klopstock die Zeichnung." — Ein anderer Brief GlcimS an Kl. vom s. Dccember t79S lautet so: „DaS Denkmal ist errichtet! Ein harter Stein auS dem Sleiubruchc, der zum uralten Dom die Bildsäulen der Heiligen geliefert hat! — Am harten Steine steht aufeiner hlankenlmrgischen sehr dicken und ganz schwarzen Marmorplatte mit goldenen Buchstaben die Inschrift: Klopstock trank auS dieser Quelle, Saß bey Gleim auf dieser Stelle, Sprach mit Gleim bis in die Nacht, Und gewann die Wasserschlacht! — , A. d. H. ** Wahrscheinlich die, welche Älamer Schmidt, nachdem er durch Gleim Klop stockt, Oden erhaltet: hatte, den so. April 17SS an Gleim schickte. Sie befindet stch in K l. Schmidts „Klo p sto ck und seine Freunde" o. Th. sio. S. A. d. H. -463 Gutes gesagt; aber meine Frau sagt es nicht, sonst hätte sie Ihren Brief nicht in ihr Eremplar geheftet. Gleichwohl werde ich nichts dawider haben, wenn Sie mir noch etwas. Einzelnes meine ich, davon sagen. Der junge Gerning ans Frankfurt am Main (er ist, wenn ich mich recht erinnere, bei Ihnen gewesen) ist anS Italien zurückgekommen und hat eilf Kisten Antiken mitgebracht. Cr bietet mir davon an; ich habe mir auch für Sie etwas ausgebeten. Füger in Wien (er ist aber kein Wiener) hat mir vortreffliche Zeichnungen zum Messias geschickt. Er ist leider! unser größter Maler; leider, sage ich, weil er meine sehr geliebte Angelika übertrifft. — Hier meine herzliche Umarmung und meine Bitte, mir bald zu schreiben, daß Sie gesund und an der Quelle gewesen sind. Aber fangen Sie mir ja dort keine neue Wafser- schlacht an; die würde Ihnen jetzt nicht so gut bekommen, als vor Alters. 53. Klopstock an Füger. Hamburg, den is. August I7ss. Ihre vortrefflichen Zeichnungen hangen, seitdem sie unter Glase sind, und das ließ ich schnell machen, in dem Zimmer, in welchem ich Fremde sehe, und worin ich jetzt öfter als sonst bin. Ich gehe da nicht selten von der einen zu der andern; und eben die Wanderschaft müssen auch Reisende, wenn sie cs wert!) sind, mit mir antreten. Eins habe ick bisher noch nicht gethan; ich werde es aber künftig thnn. Ich werde dem Fremden kein Wort von den Zeichnungen sagen, oder aufstehcn, und mit ihm in der Stube hin und her gehn. Nun kann er sein Gluck bei mir machen, oder auch verunglücken. Wenn er dann Nichts, oder Unbedeutendes sagt, so hat er es mit mir verdorben, und ich nehme cS dann mit ihm auf den Fuß, wie ich e-s mit denen nehme, die mich besuchen, nicht um mich zu sehn, sondern zu be- sehn. — 1) Christus, der den: Vater schwort, kann von Ihnen selbst durch nichts übcrtroffen werden. Aber, kühner Mann, Sie haben auch den Vater gewagt. Raphael und Angclo haben cs, sagen Sie, gethan. Ihr habt alle drei gesündigt! Auch grosse Künstler dürfen den Vater nicht bilden; keiner darf's. Hierdurch sage ich nichts wider Ihre Vorstellung des Vaters; ich rede nur von der Unternehmung. — Portia ist auch vortrefflich, auch die beiden Griechinnen sind's. Aber denken Sic sich die Verse darunter: (dich ist der von mir angegebene Augenblick) Vergasi sie beinah in ihrer Entzückung, Daß sie. Sterbliche noch, bei einer Sterblichen stände. Denn die Schönheit der Abendröthe glänzt' auf der Wang' ihr, Und ihr Lächeln im Blick — und entscheiden dann selbst: Ob Jemina nicht ein wenig Schimmer im Gesicht haben müßte? Doch vielleicht wird sich der im Gemälde zeigen. Von den Gemälden werde ich denn also nichts zu sehen bekommen, wenn Sie mir nicht eins davon leih'::. — Einige meiner Freunde prophezeien mir achtzig Jahre, und drüber. In diesem Falle würde es denn mit der Zurücksendung des Gemäldes, ein wenig lange dauern. — Wenn Sie cs mir erlauben; so werde ich 465 Ihnen Anmerkungen, nicht über die Ausführungen, sondern über die Komposition der Zeichnungen machen. Denn ich mache Meistern, wie Sie sind, nie Anmerkungen, wenn Sie es nicht verlangen; und andern mache ich auch die verlangten nicht. Ich hätte ja, sagen Sie, doch eine in Ansehung des Vaters, gemacht. Dieser konnte ich mich nicht enthalten. — Ich wünschte, daß Sie mir eine Beschreibung (sie braucht nicht lang zu seyn) von den Zeichnungen schickten, deren Inhalt Sie in dem Briefe an Meyer kurz angezeigt haben. 2) Satan auf seinem Thron und Abbadvna. Vermuthlich der Augenblick, da Abbadvna Satan widerspricht. Ihre Kühnheit gefällt mir nicht mehr nur hier, sondern auch in verschiedenen andern Zeichnungen. 3) Judas Traum. Sieht er seinen Vater? und was sieht er sonst noch vom Traume? Raphael faßt Pharao's Träume als Gemälde sogar in Rahmen. So etwas haben Sie gewiß nicht gemacht? 5) Christus, Gabriel und Abbadvna. Sie unterscheiden doch G. und A. auch dem Leibe nach? 11) Gabriel, der die Seelen der Väter zu ihren Gräbern führt. Die Seelen haben ätherische Leiber; diese sind von den Leibern der Engel verschieden. Die Frage an Angelika, wie sie hier unterscheiden würde? war eine von denen, die sie von der Unternehmung abschreckte. Ich freue mich, daß Sie solche Schrecken nicht kennen. 16) Der Messias, der den Thron der Holle zerstört. Sehr kühne Wahl. Also, nach dem Wahne der gefallenen Geister, ein Gefilde voll Todtengerippe. Dieß ist im Gemälde noch schrecklicher als im Gedichte. Abbadvna allein hält sich nicht für verwandelt. Cs sind auch Seelen der Verdammten da, welche sich nicht für verwandelt halten. Mich verlangt sehr nach der Beschreibung dieser Zeichnung. 18) Christus als Klvpstock, vermischte Schriften. 30 466 Weltrichtcr und Stephanus f. f. Hierüber werde ich Ihnen künftig etwas sagen. Ich muß erst im Messias Nachlesen; und das kann ich jetzo nicht, weil der Brief sonst nicht fortkäme. Sagen Sie Herrn John, daß ich ihm die Ode: „Die Jüngste" vorlesen würde, wenn ich in Wien wäre. 54 . Klopstock an Beckcr. (Herausgeber des Taschenbuchs znm geselligen Vergnügen.) Hamburg, den IS. April 1799. Ich kann Ihnen nichts andres als beigelcgte Ode* schicken. Gleichwohl würde sie jetzt noch mehr zur Unzeit erscheinen als damals, da ich sie zurückbchiclt. Ich bin nichts weniger als eilig mit der Herausgabe dessen, was ich gemacht habe; und dennoch gäbe mir die jetzige Bekanntmachung der Ode den bösen Schein, als ob ich dazu einen spätern Band meiner Schriften nicht hätte abwarten können. Aber warum schicke ich Ihnen denn die Ode? Weil mir es schwer wurde, einem Mann, den ich so hoch achte wie Sie, etwas abznschlagen. Wollen Sie sic nach dem, was ich Ihnen gesagt habe, in das Taschenbuch anfnchmcn, so widersetze ich mich zwar nicht: aber ich bitte Sie doch auch, daß Sie an die Leser der Minerva denkend, die Schuld der Unzeit ans sich nehmen. « An dir rkeiuischcn Republikaner. S. diese Sammlung a. Vd. 179 f. S. 467 55 . Herr Klopstock an Herrn Hcimbach. (Rektor in Schul-Pforte.) Hamburg, den so. Mar; isoo. Die Erinnerung, in der Pforte gewesen zu scyn, macht mir auch deßwegeu nicht selten Vergnügen, weil ich dort den Plan zu dem Messias beinah ganz vollendet habe. Wie sehr ich mich in diesen Plan vertiefte, können Sie daraus sehn, daß die Stelle vom Anfänge des 19. Gesanges bis zu dem Verse, der mit „um Gnade!" endigt, ein Traum war, der wahrscheinlich durch mein anhaltendes Nachdenken entstand. Wäre ich Maler gewesen; so hätte ich mein halbes Leben damit zngebracht, Eva, die äußerst schön und erhaben war, so zu bilden, wie ich sie sähe. Das Ende des Traums fehlet indeß in der angeführten Stelle. Es ist: Ich sah zuletzt mit Eva nach dem Richter in die Höhe, mit Ehrfurcht und langsam erhobnem Gesicht, erblickte sehr glänzende Füße, und erwachte schnell. Sic empfangen hierbei die große Ausgabe des Messias, die Herrn Göschen nicht wenig Ehre macht. Ich bestimme sie für die Schulbibliothek, und überlasse Ihnen, bei Verschweigung meines Wunsches, einen Platz für sie zu wählen. Sollten Sie finden, daß dies; irgend einen guten Einfluß auf die Alumnen haben könnte; so lassen Sie das Buch auf folgende Art in die Bibliothek bringen. Sie wählen den unter Ihren Jünglingen, welchen Sie für den besten halten, ich meine nicht nur in Beziehung auf seinen Geist, sondern auch auf seine Sittlichkeit, zu der, wie ich glaube, auch der -L68 Fleiß gehört. Bitten Sie diesen in meinem Namen, das Buch zu tragen, und cs dahin zu stellen, wo Sie's ihm befehlen werden. Vielleicht mögen Sie ihm auch die wenigen zu Begleitern geben, die gleich nach ihm die besten sind. Machen Sie dieß alles, wie sich von selbst versteht, nach Ihrem Gutbefinden; oder unterlaßen Sie es auch ganz, und nehmen mein Andenken in aller Stille in die Schulbibliothek auf. Aber Eins, warum ich Sie bitte, werden Sie, weiß ich, gewiß nicht unterlassen. Der Konrektor Stübel war mir der liebste meiner Lehrer. Cr starb zu meiner Zeit. Ich verlor Ihn mit tiefem Schmerze. Lassen Sie von einem Ihrer dankbaren Alumnen irgend etwas, das der Frühling zuerst gegeben hat, junge Zweige oder Blüthenknospen, oder Blumen mit leiser Nennung meines Namens auf sein Grab streuen. 56 . Herr Klopstock an Herrn Heimbach. Hamburg, den so. April isoo. Sie haben mir bei dem Grabe meines unvergeßlichen Stübel, und in der Bibliothek, worin die Alten stehn, die meine Lehrer waren und sind, so viel Ehre erzeigt und erzeigen lassen, daß ich einen Theil davon nicht annehmen kann, ob ich gleich für den nicht angenommenen eben so dankbar, als für den andern bin. Dieß mußte ich Ihnen nothwcndig erst sagen, ehe ich Ihnen durch gleich folgende Fragen die Wärme und daö Vergnügen zeigte, womit ich Ihre Erzählung mehr als einmal gelesen habe. Sie wissen wohl, man mag nur von dem noch mehr hören, was man gern gehört hat. 1) Ausweiche Art wurden Küttner und Rüger gewählt? 2) Haben Sie unter den jüngern Alumnen noch einige, die, wenn sie älter gewesen wären, wie K. und R. hätten können gewählt werden? 3) Sie sagen: ein sanfter Gesang ertönte, welcher? 4) Angenommen, daß man vom Altäre nach der Kirchthür der Eingepfarrten gehe, auf welcher Seite liegt S tü b els Grab? und wie weit von der genannten Thür? Verschweigen Sie den Alumnen die Freude nicht, die mir ihr Betragen bei der Feierlichkeit gemacht hat. Ich wünschte einige in meinem Briefe, wegen des vermuthlichen guten Einflusses auf die Jünglinge. Sie haben eine viel größere veranstaltet, und dadurch gezeigt, wie sehr auch Ihnen jener Einfluß am Herzen lag. Ein würdiger Reisender hat mir einige Oelblätter vom Oelberge mitgebracht. Ich werde Ihnen eins davon schicken, sobald ich Jemanden finde, dem ich zn- traucn kann, daß er cs Ihnen unversehrt überbringe. Ich habe nichts wider den Druck meines Briefs. Wenn Sie in Naumburg drucken lassen, so haben Sie die Güte, mit der ersten Post ein Exemplar an die Crbprinzcssin von Thurn und Taris, geb. Herzogin von Meklenburg-Strelitz nach Rcgensburg zu schicken. Die Pforte bekommt, wie ich höre, noch 6 Lehrer und ein neues Schulgebäude. Werden jene in den Nepctirstnnden vorgeschriebnen Unterricht geben? Oder wird den Schülern, wie sonst, frei stehen, nach eigner Wahl zu arbeiten, sollte eö auch zuweilen nur wenig seyn? Wenn im ersten Falle das Lehren in Einem fortgeht, und dann die Repetirstunden eingehen, so wird die Pforte ein Pädagogium, L70 und es ist, fürchte ich, dann bald ans mit ihr. Vcrmuthlich können Sie mir non der Anordnung des Reskripts bald Nachricht geben. Ich umarme Sie von ganzem Herzen. 57. Herr Klopstock an Herrn Heimbach. Hamburg, den 14 . Mai isoo. Ich habe Ihnen etwas zu sagen, das Ihnen Vergnügen machen wird. Ein Freund von mir hat jedem von vier Pförtnern, die aus dem Messias vorlesen werden, eine kleine goldne Medaille bestimmt. Jeder liest dreimal vor, und jede der drei Vorlesungen geschieht an einem andern Tage. Der Ungenannte (mein Freund will unbekannt bleiben) wünscht folgende Einrichtung der Sache: Sie selbst fetzen den Tag der Vorlesungen, und bestimmen von ungefähr auch ihre Dauer. Sie nennen die Stelle, wo gelesen werden soll. Vielleicht gefällt es Ihnen, diese zuweilen im Freien, in dem Schulgarten, oder im nahen Walde, anzuweisen. Die Alumnen wählen unter sich (die Obersekundaner sind auch wahlfähig) den jedesmaligen Vorleser. Dieser har die Wahl der zu lesenden Stellen. Der Lehrer, welcher die Woche hat, giebt die Medaille. Ich denke daß die Wählenden nicht übel thuu werden, wenn sie sich von denen, welche sie für wählbar, oder auch wohl von denen, die sich selbst dafür halten, vor der Wahl, manchmal verlesen lassen. Non der Deklamation, oder wie wir es, mich dünkt, nennen sollten, von der Sprechung, hätte ich zwar nicht ganz wenig zu sagen, 471 aber ich schränke mich auf folgende Bemerkungen ein: 1)Den Ton nach Beschaffenheit des Inhalts nicht selten verändert. (Ich drücke mich bloß der Kürze wegen als Gesetzgeber ans, der ich doch auf keine Weise seyn will.) 2) Nichts Gesuchtes oder Uebertriebncs in der Sprechung. Diese se» so, als wenn das Gehörte eben jetzt erst gedacht oder empfunden würde. (Die Franzosen, Italiener, und selbst die Engländer, haben eine gemachte, künstliche, oft »erkünstelte, und dadurch zugleich eingeschränkte, beinahe nichts erschöpfende Deklamation, die...) 3) Nach dem Schluffe des Perioden unterweilcn eine nicht ganz kurze Pause. 4) Ja keine Aktion, außer etwa der, welcher man sich im Feuer der Sprechung nicht enthalten kann. 5) Richtige Anssprache des Deutschen. 6) Die lange Sylbe nicht vernachlässiget. Alsdann kommt der nicht zn skandirende Vers von selbst heraus. Wie vielbedentend mir die gute Sprechung überhaupt vorkomme, sehen Sie aus folgendem Epigramm: Das Entscheidende. Wenn ich die schöne Sprechung dir nenne, so mein' ich nicht jene, Die durch erhebenden Ton, künstelnden, Schmeichlerin ist. ' Lberrichtcrin ist des GedichtS die Sprechung. WaS ihr nicht, Ganz sie selber zu seyn, mächtiger Reiz ist, vergeht. Die erwähnten zwölf Vorlesungen werden binnen Jahresfrist gehalten. Das Jahr fängt mit dem nahen August (Julius) 1800 an. Sie empfangen die Medaillen, sobald man solche gefunden hat, die man schicken mag. Wenn Sie uns, meinem zu bescheidnen Freunde und mir bisweilen etwa eine kleine Nachricht von einer Vorlesung geben wollen; so wird uns dicß, wie Sie sich leicht verstellen, nicht gleichgültig sepn. Wir haben auch nichts dawider, wenn einer der Wählenden 472 den Auftrag dcr Nachricht bekommt. Ich umarme Sic von ganzem Herzen. 1 '. 8 . Sie sind Vorredner einer Ode gewesen, die mir auch dcßwegen gefiel, weil sic keine amlütiosn orimmenta hat. Liebt unser Küttner vielleicht das Verlesen? 58 . Klop stock an Gleim. Hamburg, den 28. Septbr. 1801. Ich hoffe, Vater Gleim! (Ich Pflegte Ebert, der nur fünf Vierteljahre älter war, auch so zu neunen) daß Sie dieser Brief wenigstens etwas sehend ankrcffen wird. Lassen Sie mir Ihren Großneffen bald Nachricht hiervon geben; auch davon, wie weit er mit der Ausgabe Ihrer Werke gekommen ist. — Sollte Ihr Ange der Operation* ein wenig ungehorsam gewesen seyn, so lassen Sie sich von Körte meine Ode, das Gehör, vorlesen; ich würde, wenn ich die traurige Wahl thun müßte, keinen Augenblick zweifelhaft seyn, und « Gleim halte in einem Briefe vom 8 . August 1801 von Halbcrstadt aus geschrieben: „Da ich, seit einiger Zeit, nicht mehr recht sehen, und weder „lesen, noch schreibe» konnte, so habe ich mir das eine Auge gestern „operiren laste», nämlich daö linke. Mein Großneffe, der Profcst. ,,Himlh in Vrannschweig, hat cs mir operirt, so schnell, als „schonend und glücklich! — Ich befinde mich, nach der Operation, „sehr wohl, und wünsche sehnsuchtsvoll, meinen Älop stock im „neuen Lichte wieder zu sehn, che ich ihn im ewigen umarme." A. d. H. 473 meine Augen, ob sie gleich noch in die Ferne sehn, fahren lassen.- Ich umarme Sie von ganzem Herzen. 39 . Klopstock an Gleim. Hamburg, den t. Dezbr. 1801. Nun, lieber Gleim! ist es schon ziemlich lange Zeit her, daß Sie mir schrieben, Sie hätten nur Hoffnung, mit dem Auge, an dem man Ihnen Schmerzen gemacht hat, wieder zu sehen. Wenn diese Hoffnung auch nur einigermaßen erfüllt ist, so lassen Sie es mich ja bald wissen; denn ob ich Ihnen gleich Tapferkeit bei dem Nichtschn zutraue, so wünsche ich doch sehr, daß Sic dieser Tapferkeit nicht bedürfen. Vvß schreibt uns, seine Frau will zu Ihnen kommen. Das wird Ihnen beiden Freude machen und macht auch mir Freude. — Sie werden meine neuste Ode: Kaiser Alerander, in dem nächsten Stück der Minerva finden. Ich würde sie gleichwohl für Sie abschreibcn, wenn mir nicht allerlei Gichtereien das Abschreiben unangenehm machten. Klopstock, vermischte Schriften. 3l 474 60 . Klopstock an Gleim. Hamburg, den 12. Mai 1S02. Ich bin, liebster Gleim! nach einem Fieber wohl genug, um wenigstens diese Zeilen an Sie zu dikliren. (Ich, Hannchen, schreibe.) Die Aufschrift des Brunnens * und der Umstand, daß er nun eine Aufschrift hat, haben mir nicht wenig Freude gemacht. Wie gern käme ich zu Ihnen, und brächte Sie zu der Quelle; der Lahme führte dann den Blinden! Die Bauern, welche uns sähen, würden sagen: Diese halten das Wasser auch wohl für einen Gesundbrunnen? denn durch ihn soll ja der Mann, der den wunderlichen Namen Klopstock hat, gesund geworden seyn. Man weiß nur nicht recht, wie es damit zngegangen ist, ob er das Wasser getrunken, oder ob er sich damit begossen habe? Mein Großvater hat mir wohl * Gleims Worte in einem Briefe vom 11. April 1S02, auf den dieser die Antwort ist, sind: „DaS Denkmal zn ASpcnstädt ist gesetzt. Die Aufschrift ist: „Klopstock hat aus dieser Quelle getrunken. Zum Andenken von Gleim." „Der erste Vorübergehende fragte, was daS bedeute? — Die Ant- „wortwar: Ein Kranker, NamensKlopstock, hat aus dieser Quelle „getrunken und ist gesund geworden. Also wird sie nun wohl ein „Gesundbrunnen werden." „Hierbei die Zeichnung des kleinen Monumcntö, so gut sie zu erhalten war; eine bessere folgt, so bald sich ein guter Zeichner in „unsre Gegend verirrt." A. d. H. 475 ehr davon erzählt; ich will ihn doch danach fragen; sie sollen ihn mit Eimern begossen haben: aber das kann ich nicht glauben. Unser Fritz Stolberg kommt ja nach Wernigerode zur Hochzeit; er stört die Freude seiner protestautischeu Geliebten gewiß nicht; er vermehrt sie vielmehr durch sein Betragen. Er ist also in dem katbolischen Glauben nicht rein orthodor. 61 . Windheme Klopstock an Gleim. Hamburg, de» 1. Juni 1S02. Klopstock siegelte seinen letzten Brief so schnell zu, daß ich verhindert ward, noch .einige Zeilen hinzuzusetzen. Ich wollte es Ihnen noch etwas umständlicher sagen: wie große Freude Klopstock über das Monument hat, wodurch sein lieber alter Gleim die Freuden eines Tags verewigt hat, dessen Andenken ihm noch immer so lebhaft in der Seele ist. Cr findet die Form des Monuments sehr hübsch; aber besonders gefällt ihm die kurze, schöne Inschrift. Wie viel Vergnügen es ihm macht, sehen Sie daraus, daß ein jeder seiner Freunde, die zu ihm kommen, es gleich sehen muß; die Zeichnung liegt in der Absicht auf seinem Schreibtische. Cs war das erste, wovon er mit mir redete, als sein böses rheumatisches Fieber etwas nachließ. Das Erste, was er unternahm, war, mir den Brief an Sie zu diktiren, ob er gleich noch nicht einmal im Bette sitzen konnte. Wie gern, bester Gleim! reisten wir zu Ihnen und L76 machten mit Ihnen und der Tante Nichte eine Wallfahrt nach der schönen Gesnndheitsguelle! Aber das ist nun unmöglich. Dafür schickt Ihnen jetzt Klopstock einige seiner liebsten Freunde zu; Madame Siev eck ing, die Tochter des Dvctor Reimarus, Herr Poel und seine Frau, die Tochter des Professor Büsch, in Begleitung ihrer unverheiratheten Schwester. Diese Freunde bringen die wärmsten Grüße von ihm und seiner Pflegerin; diese sollen Alles genau hören und sehen und ihm dann ganz genau wieder sagen, was sie hörten und sahen. Meinem Klvpstock wird's viele Freude machen, wenn sein lieber alter Gleim diese Freunde recht sehr in seinem Namen grüßen wollte, und Ihnen viel Liebes und Gutes von ihm sagte. Und nun noch eine Bitte: Klvpstock wünscht noch eine kolorirte Zeichnung von dem Denkmal, in welcher auch die Farbe des Felsens, der die Grotte macht, ausgedruckt seyn muß. Cr wünscht dieses, um sich das Denkmal noch genauer verstellen zu können. Nun leben Sie wohl, bester Gleim, und fahren Sie fort, sich wohl zu befinden. Kurze Nachricht über Klopstocks Werke Klopstock trat als Dichter zuerst mit seinem Messias vor das Publikum. Dieser erschien, wider des Dichters anfänglichen Vorsatz, nicht eher damit hervorzutreten, als bis er ihn völlig vollendet hätte, nach und nach in einzelnen Gesängen in einem Zeiträume von 25 Jahren. Die Erscheinung der ersten drei Gesänge wurde durch seine Freunde, namentlich durch Gramer, veranlaßt. Sie wurden in die von denselben herausgegebenen: Bremischen neuen Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes (Bd. 4. St. 4 f.) im 1.1748 ausgenommen. Gleich darauf, im I. 1749, veranstaltete Hem inerde in Halle, zwar ohne Wissen des Dichters, aber mit Bewilligung des Verlegers der Bremischen Beiträge, eine besondere Ausgabe dieser drei ersten Gesänge, die jedoch sehr viele Druckfehler hat. Mit Hemmerde vereinigte sich Klopstock und ließ bei ihm dieselben drei Gesänge als zweite verbesserte Auflage erscheinen, welcher er die beiden folgenden beifügte. Diese fünf Gesänge erhielten den Titel: Der Messias. Erster Band. Halle bei Hemmer de 1751. Dieser Ausgabe wurden Kupfer beigegeben, zu denen Kl. selbst den Entwurf gemacht hatte, die aber so schlecht ausfielen, daß sie schon beim Erscheinen des dritten Bandes wegfielen. Einige Nachrichten nnd Erklärungen dieser Kupfer für die ersten zehn Gesänge findet man in Cramers: Klopstock, Er und über ihn- Th. 5, S. 312 ff. Als Kl. die ersten zehn Gesänge vollendet hatte, veranstaltete er in Kopenhagen im I. 1755 eine nene verbesserte Ausgabe des ersten Bandes (5 Gesänge) in groß Quart mit einem Titelkupfer, deren Kosten der König von Dänemark, Friedrich V., übernahm. In derselben Gestalt erschien zu gleicher Zeit der zweite Band (6—10. Gesang), welchem im I. 1768 der dritte (11 — 15. Gesang) nachfolgte. Für diese Ausgabe, die zunächst nur für Dänemark bestimmt seyn sollte, wurden nur 400 Exemplare abgezogen. Sie ist unvollendet geblieben, indem derselben der vierte Band (16 — 20. Gesang) fehlt. Ein dadurch mit dem Halle'schen Verleger entstandenes Miß- verhältuiß wurde bald beseitigt, nachdem dieser im I. 1756 ebenfalls den zweiten Band (6 — 10. Gesang) beigefügt, den ersten aber ohne die in der Kopenhagner Ausgabe von Kl. gemachten Verbesserungen von neuem hatte drucken lassen. Doch erhielt dieser erste Baud schon 1760 eine neue Auflage. Der dritte Band (11 — 15. Gesang) erschien bei Hemmerde im I. 1769 und der vierte (16 — 20. Gesang) im I. 1773. Diese nun vollständige Ausgabe erhielt den Titel: Der Messias. Erster Band. Zweite verbesserte Auflage. Halle im Magdeburgischen. 1760. Zweiter Baud. Ebendas. 1756. Dritter Band. Ebendas. 1769. VierterVand. Ebendas. 1773. gr.8. (mit Kupfern 3 Thlr. 2 gr., ohne Kupfer 2 Thlr. 14 gr.). Vor dem ersten Band dieser Ausgabe steht die Zueignungsode an den König von Dänemark (jetzt in die Odcnsammlung ausgenommen, unter der Ueberschrift: An den König, mit den Anfangsworten: Welchen König der Gott über die Könige rc.), nebst einem Vvrbericht zu dieser Ode und einer Abhandlung von der heiligen Poesie (welche sich bereits auch vor dem ersten Bande der Kopenhagner Ausg. befand); vor dem zweiten die Abhandlung von der Nachahmung des griechischen Sylbenmaßes im Deutschen (ebenfalls in der Kopenhagner Ausgabe); vor dem dritten die Abhandlung vom deutschen Hera me rer (vollständiger und gründlicher in den Fragmenten über Sprache und Dichtkunst); vor dem vierten die Abhandlung vom gleichen Verse. Den Schluß macht die Ode au den Erlöser: Ich hofft' es zu dir rc. Jedem Gesänge sind in dieser Ausgabe Jnhaltsanzeigen vorgcsetzt. — Es erschienen nun mehrere Nachdrücke des Messias. Den letzten veranstaltete Schmiedcr in Karlsruhe sogar zum zweitcnmale. Da veranstaltete Kl. im I. 1779 eine Ausgabe letzter Hand nach der gewöhnlichen und seiner neuen Rechtschreibung, welche 1780 zu Altona in 2 Bdn. in kl. 4. und in gr. 8. erschien. Der Inhalt blieb unverändert; nur einzelne Stellen wurden darin in Rücksicht auf Ausdruck, Wohllaut, Sylben- maß rc. verbessert. Kurz darauf, als die ersten drei Gesänge des Messias in den Bremischen Beiträgen erschienen waren, trat in derselben Zeitschrift Kl. auch als Odendichter auf. In demselben Jahre 1748 erschien darin seine Elegie: Dir nur, liebendes Herz rc. Und so traten nach und nach fast in jedem Jahre eine und mehrere Oden und Elegien, thcils auf einzelne Blätter gedruckt (z. B. au B »inner und der Zürchersee 1749; Au Gott 1751), theils in Zeitschriften, vorzüglich in den Bremischen Beiträgen, in der Sammlung vermischter Schriften (von den Verfassern der 480 Bremischen Beiträge), im Nordischen Aufseher, im Deutschen Museum, in derGöttingischen poetischen Blumenlese, im Deutschen Merkur rc. bald mit, bald ohne Wissen des Dichters vor das Publikum. Er hatte nämlich die Gewohnheit, seine Oden, so wie er sie gedichtet hatte, seinen Freunden znzusenden, welche oft nicht erwarten konnten, sie dem Publikum mitzutheilen. Dies, und daß dieselben bald mit, bald ohne Unterschrift seines Namens gedruckt wurden, verursachte, daß Gedichte von ihm bekannt wurden, die er nicht für das Publikum bestimmt hatte und lieber zurückgenommen hätte, und daß man ihm wiederum andere unterschob, deren Verfasser er nickt war; ja man hatte sogar die Dreistigkeit, unter diese letzteren bisweilen ein K. oder Kl. zu setzen, um das Publikum damit zu täuschen. Daher kam es, daß dergleichen auch in die vom I. 1771 an ohne Wissen Klopstocks erscheinenden Sammlungen seiner Oden mit aufgenommen wurden. Die erste Sammlung derselben wurde von der LandgräfiuCarolina von Hessen-Dar m stadt veranstaltet und führte den Titel: Oden und Elegien. Darmstadt 1771. 8. Sie wurde nur in 34 Eremplaren abgezogen und für Freunde bestimmt, wcßhalb sie jetzt zu den seltensten Büchern gehört. Sie enthält eine ziemliche Anzahl der älteren Oden des Dichters mit den ersten Lesarten, aber oft nach fehlerhaften Abschriften, mehrere unächte und einige, die Kl. nicht gedruckt wissen wollte. Gleich darauf gab Chr. Fr. D. Schubart eine gleiche Sammlung heraus unter dem Titel: Fr. G. Klopstocks kleine poetische und prosaische Werke. Frkf. und Lpzg. 1771. 8. (1 Thlr.). Sie enthält unter 41 Gedichten und 22 prosaischen Aufsätzen 13 von Klopstock nicht herrührende Oden (nämlich Nr. 4, 6, 10, 13, 15, 16, 19, 20, 22, 26, 27, 28 und 29) und einige, welche er späterhin unterdrückte. Sie sind ebenfalls mit den ältesten Lesarten und Ueberschriften abgedrnckt, welche Kl. später bedeutend änderte und verbesserte. Eine dritte Sammlung erschien durch den Dichter selbst unter dem Titel: Oden, bei Bode iuHam- bürg 1771 in kl. 4. (1 Thlr. 4 gr.). Sie enthält in 3 Büchern 73 Oden und 3 Elegien, welche früher zerstreut erschienen waren und hier rücksichtlich des Inhalts, des Ausdrucks und Sylbenmaßes bedeutend verbessert gegeben wurden. Diese Ausgabe wurde 1787 in Leipzig in 8. (8 gr.) wiederholt. Eine Nachlese dazu veranstaltete C. G. von Zangen unter dem Titel: Einige Oden von Klopstock. Wetzlar 1779- Sie enthält die in der Darmstädtcr Ausgabe befindlichen, aber von Kl. in die Hambnrgische nicht aufgenom- mencn 14 Oden, z. B. An Gott; Nachahmung des Stabat Mater; An Fanny; Petrarch und Laura ic. Im I. 1757 erschien Klopstocks Trauerspiel: Der Tod Adams in drei Akten, zuerst in Kopenhagen und Leipzig in 8., dann ebendas. 1758 und noch einmal ebendas. 1772; beidemal ebenfalls in 8. (4gr.). Es erntete besonders Beifall bei unfern Volksnachbarn, namentlich den Franzosen. Zehn Jahre nach Erscheinung der ersten drei Gesänge des Messias gab Kl. auch geistliche Lieder heraus. Die erste Sammlung erschien unter dem Titel: Geistliche Lieder. Erster Theil. Zürich 1758. 8. Sie enthält 35 neue und 29 bedeutend veränderte und verbesserte alte Kirchenlieder, unter welchen auch 4 von Luther sich befinden. Der zweite Theil, welcher 32 neue Lieder enthielt, erschien zu Kopenhagen 1766 in 8. Eine neue Auflage beider Theile trat 1786 zu Kopenhagen wieder in 8. hervor (1 Thlr.). Die Vorrede dazu enthält eine vortreffliche Theorie des Kirchengesangs. 482 Des Dichters Trauerspiel: Salomo erschien zuerst zu Magdeburg 1764; dann mit neuem Titel ebendas. 1771, in gr. 8. (8 gr.). Ihm folgte im I. 1769: Hermanns Schlacht, ein Bardiet für die Schaubühne. Hamburg und Bremen 1769, kl. 4.; dann ebendas. 1784 in 8. (20 gr.). Das Werk wurde in Karlsruhe nachgedruckt, 1776, und 1784 von Joh. Gottfr. Dyk für die Bühne bearbeitet. Hierauf ließ Kl. das Trauerspiel: David, zu Hamburg 1772 in kl. 4. (12 gr.) erscheinen, welchem 1784 Hermann und die Fürsten in gr. 8. (8 gr.) und 1787 ebendas. Hermanns Tod, ein Bardiet für die Schaubühne in 8. (10 gr.) nachfolgteu. Unterdessen hatte Kl. auch mehrere Sinngedichte oder Epigramme in verschiedenen Zeitschriften erscheinen lassen, deren bei den sämmtlichen Werken Klopstocks gedacht werden wird. Seine prosaischen Schriften erschienen in folgender Ordnung. Zuerst drei Gebete eines Freigeistes, eines Christen und eines guten Königs. Hamburg 1753, in 4. Hierauf: Die deutsche Gelehrtenrepublik. Erster Theil. Ebendas. 1774 (der zweite Theil ist nicht erschienen). Dann: Ueber die deutsche Rechtschreibung. Leipzig 1778. 8. (2 gr.). Sie enthält eine eigenthümliche Erfindung über die deutsche Orthographie, welche wohl hie und da nachgeahmt, aber nicht eingeführt worden ist. Dieser Abhandlung folgte eine andere: Ueber Sprache und Dichtkunst. Fragmente. Hamburg 1779. kl. 8., für welche eine Fortsetzung ebendaselbst in demselben Jahre heranskam und eine zweite im I. 1780 daselbst nachfolgte (1 Thlr. 8 gr.). Sie enthält die in den von Back und Spindler gesammelten Supplementen zu Klopstocks Werken 483 enthaltenen und in die Stcrevtypausgabe zum Theil auf- genommenen Abhandlungen: vom deutschen Herameter; über die deutsche Rechtschreibung; von der Darstellung; von der Wortfolge; von abwechselnden Verbindungen und dem Worte: verstehen; zur Geschichte unserer Sprache; neue Sylben- maße; von der Schreibung des Ungehörten; vom edlen Ausdrucke; von einer lateinischen Uebersctzung des Messias; Nachlese über die deutsche Rechtschreibung. Hierauf erschienen: Die grammatischen Gespräche. Altona 1794. kl. 8. (1 Thlr.). Kl. hatte eigentlich 11 grammatische Gespräche entworfen, wovon dieser Band ungefähr die Hälfte ausmachte. Einige der hier fehlenden sind späterhin in Zeitschriften erschienen. Sie enthalten die Resultate seiner tiefsinnigen Sprachforschungen. Mehrere andere kleine prosaische Schriften erschienen hie und da zerstreut in den damals gangbaren Zeit- und andern Schriften und sind größtenthcils von Back und Spindler in den erwähnten Supplementen gesammelt worden. Noch Anderes hat Clodius in seiner: Auswahl aus Klopstocks Nachlaß, Leipzig bei Brockhaus, 2 Thle. 1821, veröffentlicht. Von diesen Werken stellte Klopstock selbst die Oden und den Messias in einer und zwar einer Prachtausgabe zusammen. Ihr Druck und Verlag wurden von dem für die deutsche Literatur als Buchhändler vielfach verdienten Göschen in Leipzig übernommen. Sie erschien in ausgezeichneter Eleganz auf geglättetem, starkem Velinpapier unter dem Titel: Klopstocks Werke. Leipzig bei Göschen. Oden, Ister und 2ter Band, 1798; Messias, 3ter bis 6ter Band, 1799. Sehr corrcct und für jeden Band des MeffiaS mit einem von Füger gezeichneten und von John gestochenen Kupfer versehen. Jedem Bande der Oden, welche nach der Zeit 484 ihrer Entstehung geordnet sind, wurden Anmerkungen und dem vierten Bande des Messias (6ter Band) ein Register zum Nachschlagen am Schlüsse von Klopstock beigegcben, welche in den nachfolgenden Ausgaben beibehalten worden sind. Dieser Ausgabe wurde nach Klopstocks Tode im I. 1809 ein 7ter Band beigesellt, enthaltend Oden aus den Jahren von 1796—1801, geistliche Lieder nebst Einleitung und Epigramme. Ihm ist Klopstocks Brustbild, gestochen von Böhm, beigegeben (mit den ersten 6 Bänden zusammen 46 Thlr. 16 gr.). Zu gleicher Zeit wurde von Göschen ein Abdruck ebenfalls aus geglättetem Velinpapier in groß Lctav besorgt (angefangen 1798 und vollendet 1800), welchem die obenerwähnten der Quartausgabe nachgestochenen Kupfer beigegeben wurden (3 Thlr. 16 gr.). Ein anderer Abdruck in groß Octav wurde auf Schreibpapier (9 Thlr. 8 gr.) und ein dritter in demselben Format auf Druckpapier (7 Thlr. 16 gr.) in eben so viel Bänden zu gleicher Zeit gegeben. — Diese enthalten die letzten Verbesserungen von Klopstocks eigner Hand und sind nicht nur deßhalb, sondern auch wegen ihrer Correctheit allen folgenden Auflagen zu Grunde gelegt worden. Bald nach Klopstocks Tode nahm eine neue Ausgabe in gr. 8. bei demselben Verleger ihren Anfang. Sie sollte nun auch die übrigen poetischen Werke enthalten und erschien in folgender Ordnung. Als Grundlage dazu nahm man die Octavausgabe vom 1.1798—1800. Hierauf folgten: Vd. VII., enth. Oden, geistliche Lieder und Epigramme, 1804; Bd. VIII., enth, den Tod Adams nnd Hermanns Schlacht, 1804; Bd. IX., enth. Salomo, und Hermann nnd die Fürsten, 1806; Bd. X., enth. David, und Hermanns Tod, 1806; Bd. XI., enth. hinterlassenc Schriften von Margaretha Klopstock (??), 1816; Bd. XII., die deutsche Gelehrteurepublik, 1817. Auch als Taschenausgabe wurden Klopstocks Werke verbrechet. Die erste erschien in kleinem Duodezformat auf Subscription unter dem Titel: Klopstocks sämmtliche Werke. Leipzig bei Goschen. 1823. Sie enthalt in 12 Bändchen dasselbe, was die letztgenannte giebt, und zwar in derselben Ordnung. Ihr fügten im I- 1830 Back und Spindler sechs Supplementbändchen bei, welche bei Friedrich Fleischer in Leipzig erschienen. Sie enthalten: Bd. I., Grammatische Gespräche, erste Abtheilung; — Bd. II-, Grammatische Gespräche, zweite Abtheilung und Fragmente über die deutsche Sprache (die oben erwähnten); — Bd.III., Abhandlungen: von der Nachahmung des griechischen Sylbenmaßes im Deutschen; vom gleichen Verse; neue Sylbenmaße; vom deutschen Hexameter (->, b und e); vom Sylbenmaße; — Bd. IV., Abhandlungen: von der Darstellung; von der Sprache der Poesie; Gedanken über die Natur der Poesie; von der epischen Poesie (des Dichters bei seinem Abgänge von Schulpforte gehaltene lateinische Rede); von der heiligen Poesie; vom Range der schönen Künste und der schonen Wissenschaften; Veurtheilung der Winkelmannischen Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in den schonen Künsten; Urtheile über die poetische Composition einiger Gemälde; Veurtheilung einiger Gemälde aus der heiligen Geschichte; einige noch ungedruckte Oden, Elegien, Lieder und Epigramme; — Bd. V., Uebcrsetzungen aus römischen und griechischen Classikern; griechische Uebersetzung der Ode an Fanny; Versuch einer lateinischenUebersetzung des Messias (Fragment); Jnhaltsanzeigen zum Messias (aus der Hallescheu Ausgabe); über den Messias; warumKl. sein Leben nicht selbst geschrieben habe; drei Gebete: eines Freigeistes, eines Christen und eines guten Königs (die obenerwähnten); von der Bescheidenheit; -L86 von dem Fehler, Andere nach sich zn bcurtheilen; von dem Publico; Antwort auf einen Brief von Cramer, worin die Errichtung einer dänischen Gesellschaft zur Beförderung der schönen Wissenschaften in der dänischen Sprache und ihr Vorhaben bekannt gemacht wird; Auszug aus dem Protokolle der Unsichtbaren; Gespräch, ob ein Scribeut ungegründcten, obgleich scheinbaren Kritiken antworten müsse; Nachricht von einem dänischen im Ackerbau sehr erfahrenen Landmanne; Antwort an die 8oeivts exogeticiue vt pkilantlrropici»e zu Stockholm; Schreiben an den französischen Minister Roland; das nicht zurückgeschickte Diplom; an den Präsidenten des französischen National-Instituts zu Paris; Vermischtes; — Bd. VI. eine Sammlung von Klopstocks Briefen. Eine zweite, sehr elegante Taschenausgabe in etwas größerem, sogenannten Schiller-Formate erschien ebenfalls bei Göschen unter dem Titel: Klopstocks sämmtliche Werke. Stereotyp-Ausgabc. Leipzig bei Göschen 1839 in 9 Bänden. Sie enthält, was die vorige ohne die Supplemente gibt, jedoch in etwas veränderter Ordnung, so daß der Messias die ersten drei, die Oden, Lieder und Epigramme aber die folgenden 2 Bändchen einnehmen. Ihr ist ein vortreffliches und wohlgetroffenes Brustbild des Dichters, gestochen von Jaqncmvt, und eine kurze Biographie des Dichters bcigegeben. Auch in einem einzigen Bande ließ Göschen Klopstocks Werke erscheinen unter dem Titel: Klopstocks sämmtliche Werke in einem Bande. Mit dem Bildnisse des Verfassers. Leipzig b. Göschen 1840. Er enthält jedoch nur in folgender Ordnung: Den Messias, Oden, geistliche Lieder, die dramatischen Schriften, die deutsche Gelehrtenrepublik und einen Abdruck der in der letzterwähnten Ausgabe befindlichen Biographie des Dichters. L87 Die Verlagshandlung der vorliegenden neuesten Auflage der Stereotypausgabe in Schillerformat hat den Verlag sämmtlicher Werke Klopstocks käuflich au sich gebracht und, um den Käufern derselben Nichts von Wichtigkeit vorzncnthalteu, in dieselbe aus den von Back und Spindler gesammelten Supplementen Alles ausgenommen, was nur einigermaßen von allgemeinem Interesse und historischer Wichtigkeit zu seyn schien, so daß diese Ausgabe eine reich vermehrte genannt werden kann. Daß aber bei Aufnahme eines so bedeutenden Zuflusses in einer Stereotypausgabe nicht die Ordnung getroffen werden konnte, wie sie wohl zu wünschen wäre, versteht sich von selbst. Dabei hat sie aber auch die — fast unbegreiflicher Weise — unter Klopstocks Werke seit dem I. 1804 mit aufgenommenen hinterlassenen Schriften der Margaretha Klopstock wohl mit Recht von dieser Ausgabe wieder ausgeschlossen. Was übrigens aus den erwähnten Supplementen der Aufnahme in dieselbe nicht gewürdigt worden ist, wird man, mit Ausnahme einiger Oden und mehrerer Briefe, durch eine Vergleichung des früher angegebenen Inhalts derselben leicht erkennen, so wie man über die Quellen des daraus Aufgenommeneu durch die jedesmal Vorgesetzten Titel hinreichenden Aufschluß findet. Außer den erwähnten und in dieser Auflage enthaltenen Werken hatte Kl. noch manche und zum Theil solche für den Druck bestimmt, deren Nichterscheinen als- ein schmerzlicher Verlust für unsere Literatur zu betrachten ist. Von seinen früheren Versuchen idyllischer Dichtungen sowohl in der deutschen als in der römischen und griechischen Sprache, deren ein gewisser Janozky in einer 1745 herausgegebeuen Sammlung von Briefen, die aber schon 1743, also ungefähr in Klopstocks neunzehntem Jahre, geschrieben waren, rühmlichst erwähnt,* haben wir keine Spur mehr. Von einer Charfreitagsrede in deutschen Alexandrinern, wobei ihm der Rector in Schulpforte, wider die Gewohnheit, die Wahl der Materie frei ließ, hat Klopstvck gegen C. Fr. Cramer selbst geäußert, „daß er sie wohl noch zu besten wünsche," da sie schon viel von der Eigenthümlichkeit seines Geistes an sich getragen haben mag. ** Auch von seinen Oden, die er seinen Freunden gewöhnlich in Abschrift mitznthcilen pflegte, von denen er aber oft für sich selbst keine zurückbehielt, ist manche ganz verloren gegangen, wie man z. B. aus einem seiner Briefe deutlich ersehen kann. Eben so wird im ersten Theile der „Auswahl aus Klopstvcks Nachlaß, Leipz. 1821," S. 296, einer Ode Klopstocks auf Nelson erwähnt, welche er dem großen Künstler Flarmann geschickt habe, die aber jetzt ausfindig zu machen wohl sehr schwer halten würde, da es die in dieser Stereotypansgabe Bd. 5 S. 8 befindliche, in welcher eine Nelson betreffende Strophe als zurückgenommen nur in der Anmerkung steht, wahrscheinlich nicht ist. Den größten Verlust aber hat wohl die deutsche Nation an einer Arbeit Klopstocks erlitten, deren Schicksal im Folgenden etwas näher betrachtet zu werden verdient. Im Morgenblatt, Jahrg. 1808 Nr. 90 und 91 wird ein Fragment eines Briefes an Gronveld in Kopenhagen, datirc von Paris den 18. März 1807, aus C- Fr. Cramers ungedrucktem Tagebuche und Briefwechsel, mit der Ucberschrift: „lieber das Schicksal eines Klopstvckschen ' Siche C. Fr. Cranierö Schrift: Klop stock; Er und über ihn. Hamb. i?so. i. Th. s'i. S. Am». " S. ebendies. Schr. i. Th. S7. S. ff. 489 Werks und über Poeten-Elend" mitgetheill. Es heißt da unter Anderem: „Klopstock hatte sich in den Wintern von 1787 — 88 mit einer Arbeit beschäftigt, die uns an seinem so mannich- faltigen Talente eine ganz neue Seite gezeigt haben würde; eine, von welcher man bisher nur aus den kleinen Denk- malen der Deutschen, von ihm in die Gelehrten- Republik eingerückt, etwas ahnen konnte. Eifersüchtig in seinem Patriotism, daß wir zwar Geschichtforscher und — Stoppler genug, aber so wenig Geschichtschreiber besitzen, mit denen unser Vaterland den Alten, den Engländern und Franzosen Trotz bieten darf, war er auf den Einfall gekommen, auch diese Schmach von uns abwälzen zu helfen, und hatte sich den siebenjährigen Krieg, Friedrichs Schlachten und Heldenthaten, in historischen Bruchstücken zu behandeln, als Thema vorgenommen. Diese Bruchstücke waren zu einem ganz ansehnlichen Bande bereits gediehen. Kl. erfreute und entzückte mich jedesmal, wenn ich in den Wintern nach Hamburg kam, durch ihre Vorlesung. Er hatte darin, im eigentlichsten Verstände, den Griffel eines Tacitus geführt. Sein Buch war in der originalsten, concentrirtesten Darstellung und dem erhabenen Richterblicke, mit dem er Thaten des großen Mannes politisch, strategetisch und moralisch abmaß und sie auf scharfer Wagschale wog, in seiner Materie und Form ein eben so einziges Werk, als es seine grammatischen Gespräche sind im Fache der Philologie und Kritik." Nachdem nun Cramer sein Bedauern, auch nicht ein einziges Stück davon sich abgeschrieben zu haben, ausgedrückr hat, fährt er fort: „Klvpstock, dem ich keine Ruhe ließ, daß er diese Bruchstücke doch je eher je lieber ans Licht treten Äiopstock, verniischle Schriften. tz2 lassen möchte, fand sich selbst dazu geneigt. Aber eben so abgeneigt vor dem Anträgemachen und Ausbietcn einer Waare, die hätte gesucht werden müssen, trug er mir, als ich zur Ostermeffe 1788 nach L .. . . eine Pilgerschaft antrat, die Freundessorge auf, ihm einen Sofias auszumachen, der das, Cedernkästchen dafür besorgte." Cramer glaubte sich, wie er sagt, an keinen liberaleren, von der Dignität und Agamemnonschaft dessen, der anfragen ließ, gehörigere Begriffe habenden wenden zu können, als an Herrn G*. Aber wie sehr fand sich Cramer getäuscht und wie sehr war er erstaunt, als ihm, nachdem er die merit.1 e.-uisrw seines Gesuchs entwickelt hatte, Einwendungen und Aumuthungen dabei gemacht wurden, die hinsichtlich eines Werkes von Klopstock über Friedrich den Großen (die pikanteste Materie von der Welt) zu hören er durchaus nicht erwartet hatte. Nach einigen gewechselten Neben und Gegenreden schied Cramer unverrichteter Sache von dannen und machte bei keinem andern Buchhändler, zu seiner nachmaligen großen Reue, einen weiteren Versuch zur Anbringung des köstlichen Werkes. Bei seiner Rückkehr nach Hamburg hütete er sich wohl, den genauen Detail seiner Verhandlung kund zu thnn und schützte irgend eine Ursache des Mißglückcns vor. „Älopstocks Herausgabelust," heißt es in diesem Schreiben weiter, „war auch in etwas erkaltet. Er dachte die Bruchstücke noch zu vermehren und über diese und jene Data Berichtigungen einzuziehen." Unmittelbar darauf begann die große Zeit der Revolution. Klopstock nahm das lebhafteste Interesse an dieser Weltbegebcnheit, von welcher er Großes hofftcg sie zog ihn von jenem Gegenstände ab. Wie schmerzlich er sich aber in den von derselben gehegten hohen Erwartungen getäuscht sah, wie sehr ihn ihre 491 Ausartung in die größten Abscheulichkeiten empörte, dieß sprechen seine diese Katastrophe betreffenden Richter-Oden hinlänglich aus. Das Wüthen der Nationen gegen einander kränkte ihn so tief, daß er sich beinahe Vorwürfe machte über Alles, was er über Kriegs- und Krieger-Heldentyaten und über das Große darin, wenigstens von Seiten der Kraft und des Geistes, je zu Papiere gebracht hatte. „In einer der unseligen Stunden der zu großen Strenge gegen sich selbst," fährt Gramer fort, „verbrannte er sein ganzes Manuskript über die Kriege Friedrichs des Großen. Es hat sich nach seinem Tode keine Spur davon in seinem Nachlasse vorgefunden, und kein Tucca ist da gewesen, es den Flammen zu entziehen. Ich fragte auf meinen späteren Reisen von Paris nach Hamburg oftmal darüber bei ihm nach, er wandte aber jedesmal das Gespräch unwillig davon ab, schloß mir den Mund und sagte: Alles, was Krieg, die belorbeerte Furie, betrifft, ist mir ein Abscheu und Gräuel. Erwähnen Sie der Sache nicht mehr!"— Endlich wollen wir noch eines andern geschichtlichen Werkes von Klopstock gedenken, dessen Untergang ein gewiß nicht minder bedauernswerther Verlust für die deutsche Literatur ist. Wir meinen seine Denkmale, von welchen uns nur noch ein kleines Bruchstück in der Anmerkung zu dem Gedicht: Der Eroberungskrieg aufbehalten ist, und die den Denkmalen der Deutschen in seiner Gelehrtcnrepublik ähnlich gewesen seyn mögen. Archen Holz sagt in seinem Aufsatze: Die deutsche Literatur in England:* „Der ehrwürdige Klopstock, ein so glühender Patriot als Greis, in seinem 77sten Jahre, wie er es je als Jüngling war, hat " S. dessen Journal Minerva, Jahrg. isoo, Ociol-erhest, S. tiü, ff. 492 es nicht unter seiner literarischen Würde gehalten, auch hiezu (nämlich das auch von Deutschland ans Unterstützung verdienende Unternehmen der Engländer, ihrer Nation unseren literarischen Werth, z. B. durch Uebersetzungen vorzüglicher Schriften der Deutschen, anschaulich zu machen, ans mehr als eine Art zu befördern) nnangesucht — denn anznsuchen würde man nicht gewagt haben — die Hand zu bieten. Er hatte einige aus dem Homer und Horaz übersetzte Fragmente in seinem so schätzbaren Portefeuille, worin sich auch noch seine Denkmäler, ein köstliches, sehr originelles Produkt, befinden. * Beides habe ich, seinem Verlangen gemäß, nach London geschickt, wo es jetzt im (sermrm Uuseum den englischen Uebersetzungen von Pope, Drydcn, n. a. gegenüber gedruckt wird und den Britten zu Vergleichungen dienen kann, die hoffentlich dem deutschen Namen Ehre machen werden." Wohin nun diese Denkmale gekommen seyn mögen, ob sie Archenholz wirklich mit nach England geschickt, oder ob sie Klvpstock, wie Vetterlein meint,** in einem Anfall von Unmut!) , wie das Werk über die Kriege Friedrichs des Großen, verbrannt habe, wer weiß dieß? Von Klopstocks Oden sind, so viel wir wissen, nur einige in fremde Sprachen, nämlich ins Französische und Italienische, übersetzt worden, da eine möglichst wörtliche Uebertragung derselben in eine andre Sprache mit den größten ' ES waren, wie Letterlein (ÄlvpstoM Oden und Elegien mit erki. Anmerk. Leipzig bei Hartmann 182S. s. Bd. 149 . S.) meint, eine Reihe von Schilderungen merkwürdiger Ereignisse und Thaten auk- der NevolutionSgeschichte. " S. die oben angeführte Stelle. Schwierigkeiten verbunden und gewiß ohne glücklichen Erfolg seyn dürste. Desto mehr ausländische Uebersetzer har der Messias gefunden. Ins Französische wurde er übersetzt von Antelmy, Petit-Pierre, der Baronesse von Knrzrock; ins Englische von Cvllyer; ins Italienische von Giacomo Zignv, Klopstocks Freunde, dem er auch eine Ode widmete; ins Holländische von Gröneveld, Werrman»; ins Schwedische von Olvfsson Humbl. Auch ins Lateinische versuchte man ihn zu übersetzen. Dieß thaten in Bruchstücken die Gebrüder Gotthold Ephraim und Johann Gvttlieb Leffing, Ludwig Neumann, Alringer (dieser in latein. Hcrametern); worauf Klopstock selbst einen Versuch dazu machte und ihn zuerst in den Fragmenten über Sprache und Dichtkunst mit- theilte. Selbst ins Griechische wurde der erste Gesang von Lewezow übersetzt, und zwar in metrischer Form. — Auch dieHermannsfchlacht hat sich einer französischen Ueber- setzung zu erfreuen gehabt. Da Klopstocks Werke zum Theil so manchem Leser unverständlich sind, so hat man einige derselben durch Erläuterungen zugänglicher zu machen gesucht. Erläuterungen zu einzelnen Oden haben CH. Fr. Cramer, Pölitz, Vetterlein, Dollbrück, Walther, Snell u. a. gegeben, so wie sich deren mehrere in verschiedenen andern Schriften, z. B. in der praktischen Anleitung, Geist und Herz durch die Lektüre der Dichter zu bilden, in der kritischen Bibliothek der schönen Wissenschaften rc. erklärt und erläutert finden. — Auch zum Messias hat man theilweise Erklärungen gegeben. Es geschah dieß theilweise von CH. Fr. Cramer, Pölitz, Weiske (die kleine Meffiade), in einer zu Stendal 1805 herausgekommenen Schrift: Ueber Klopstocks Messias rc. Unter den Gegenschriften, welche namentlich gegen den 494 Messias erschienen, sind die wichtigsten und merkwürdigsten die von Gotthold Ephraim Leffing, Gottsched, Hudemann, Reichholm. Satyrisch ist die Gegenschrift: Der Wurmsamen, ein Heldengedicht, erster Gesang, welchem bald noch 29 andere folgen sollen (und folgten). 359 bis auf kleine, beinah unmerkliche Abweichungen, behalten. Aber ich habe zugleich auch, welches das Wesentlichste war, den Originalen weder etwas genommen, (wenn ich dieses that, so kamen die Verkürzungen nicht in Betracht) noch etwas gegeben, und selbst keine Schattirnngen unberührt gelassen. Daß ich dieß alles thun konnte, verdanke ich nicht mir, sondern meiner Sprache; und wenn ich irgend ein Verdienst bei der Sache habe, so besteht es bloß darin, daß ich das Genie der Sprache, ohne daß ich wider seinen Freisinn handelte, ein wenig zu lenken wußte. Ich werde der berühmten Gesellschaft, die mir die Ehre erwiesen hat, mich zu ihrem Mitglieds zu wählen, einige der erwähnten Uebersetzungen iu dem Falle zusenden, daß sie geneigt ist, dieß Neue kennen zu lernen. Sie wird sich alsdann vielleicht darüber erklären, ob ihr noch eine europäische Sprache bekannt sey, die mit gleicher Kürze (um nur hierbei stehen zu bleiben) übersetzen könne. Welche Farben eine Nation, die eine solche Sprache hat, den eigenen Werken zu geben vermöge, brauche ich nicht zu berühren. Ich ersuche das National-Institut, die Erklärung meiner Dankbarkeit und Verehrung mit Güte aufzunehmen. Klopstv ck. Briefe. 1 . Übersetzung (ans der Isis). Klopstock an Bodme r, Langensalza, io. Aug. 1748 . Schon lange würde ich an Sie geschrieben haben, mein thenrer Bodmer, hätten mich nicht immer die großen Lobeserhebungen abgeschreckt, mit denen Sie mich in einem Briefe an Gärtnern überhäuft haben. Ich sah, wie Sie mich, Neuling, auf die Schwelle des Olympus setzten, und erröthete. Der Dank, den ich schuldig war, hätte mich verrarhen; es hätte geschienen, als ob ich mich dessen würdig hielt. So wie ich Sie für aufrichtig halte, und glaube, daß Ihnen alles, was Sie gesagt, von Herzen geht, eben so möcht' ich Sie bitten, auch mich dafür zu halten, und versichert zu seyn, daß die Bescheidenheit, mit der ich von mir selbst rede, nicht geheuchelt ist. Und nun kein Wort mehr davon! Ihr Urtheil über mich mögen Sie vor dem Richterstuhle der Kritik rechtfertigen. Jetzt — hören Sie mich an, wie ein Vater seinen Sohn — muß ich Ihnen sagen, daß ich Sie nicht nur verehre, sondern daß ich Sie liebe, und daß Sie, so wenig Sie es selbst wissen mögen, die größten Verdienste