136
behauptet, doch noch den poetischen besteigen will: soll einanderer mit kleinern Wünschen nicht entschuldigt seyn? —Und bei Gott! eigentlich will ein Mensch doch alles werden,denn er kann nicht anders, er sehnet und treibt fich dazu hinund das innige versteckte Herz weint Blutstropfen, die keineMenschenhand abtrocknct, nur die hohen Eiscnschranken derNothwcndigkeit halten ihn auf — Schwester, Linda, was Hab'ich denn noch gcthan aus der Erde?" —
„Diese Frage; — und diese ist genug vor Gott," sagteJulienne, bewegt von der wund-stolzen Bescheidenheit des Jüng-lings und von seiner schönen Stimme, welche zornig so klangwie gerührt. „Worte! was sind Worte? (sagt' er.) O manschämt sich wol freilich, daß man etwas früher nur denkenund sagen muß, eh' man's thut, obgleich der dürftige Menschnicht anders kann, sondern jede That wie eine Statue vorherim elenden Wachs der Worte modelliren muß. Ach, Lindaliegen hier nicht überall um uns Thatcn, statt der Worte undWünsche? — Hab' ich nicht auch einen Arm, ein Herz, eineGeliebte und Kräfte wie andere und soll mit einem morschenmürben spanisch- oder deutschen Grafenlebcn ans der Weltgehen? — O meine Linda, streite du für mich!"
„Ich bin (sagte sie, scharf nach der großen Kaskatcllablickend, die hoch aus Bäumen hcrniedcrstürmte) nicht vonvielen oder beredten Worten und verstehe Sie auch nicht ganz.Ich muß mir immer die Worte in Ideen und Wahrheitenübersetzen und vermag es nicht allzeit. Bei Ihren Worten,Graf, denk' ich mir gar nichts. Wem die Liebe nicht alleingenügt, der ist von ihr nicht erfüllet worden. Freilich, so mitdem Herzen alles vergessend wie wir, so konzentrirt in EineIdee des Lebens sind die Männer nie. Ach und so wenig ist